An den Rändern der Städte - Widmann, Peter

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  • Dokumente, Texte, Materialien, ZfA Bd.39
  • Verlag: Metropol
  • Seitenzahl: 200
  • 2001
  • Ausstattung/Bilder: 2001. 210 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 238mm x 161mm x 12mm
  • Gewicht: 375g
  • ISBN-13: 9783932482441
  • ISBN-10: 3932482441
  • Best.Nr.: 10117086
Rezensionen
Besprechung von 27.07.1995
Marschall Einfalt
Zwei neue Erzählungen von Alexander Solschenizyn

MOSKAU, im Juli

Nach vier Jahren schöpferischer Pause ist Alexander Solschenizyn wieder mit Proben künstlerischer Prosa an die Öffentlichkeit getreten. Der Schriftsteller, der 1991 die Arbeit an seinem Mammutwerk über die russische Revolution, "Das Rote Rad", abbrach, hat nun zwei Erzählungen in der Literaturzeitschrift "Nowyj mir" veröffentlicht, in der er mit dem "Iwan Denissowitsch" vor mehr als dreißig Jahren seine literarische Karriere begonnen hat.

Solschenizyn bleibt sich insofern treu, als er an seinem bevorzugten Genre der fiktionalisierten Historie festhält. Der Schriftsteller, der seit seiner Heimkehr in regelmäßigen Fernsehmonologen das Bild seiner Landsleute von der russischen Geschichte im Sinne des russischen Patriotismus zu bestimmen versucht, erblickt darin offenbar das ideale Vehikel für seine Mission. Der für viele Intellektuelle aus Solschenizyns Generation so wichtige didaktische Zweck scheint dabei Bedenken des Stils oder der gedanklichen Transparenz als eitel beziehungsweise elitär beiseite zu wischen. Da insbesondere "Das Rote Rad" in Rußland kaum gelesen wird, mag Solschenizyn die kleinere Form für sein Publikum zugänglicher halten.

Die "Ego" überschriebene Erzählung beschreibt, wie aus dem einfachen Genossenschaftsbauern Pawel Ektow im mittelrussischen Gouvernement Tambow nach der Machtergreifung der Bolschewiken ein erbitterter antikommunistischer Partisanenführer im Bürgerkrieg wird. Solschenizyn, der oft bewiesen hat, wie gut er die Denkweise des einfachen Russen nachvollziehen kann, schildert, wie die Bauern, die dem alten Regime keine Träne nachweinten, von den Roten Kommissaren derart terrorisiert und ausgeplündert werden, daß sie einen bewaffneten Aufstand organisieren und den Kommunisten für eine Weile die Stirn bieten. Doch die Roten sind technisch besser ausgerüstet, und Morde an Sympathisanten und Angehörigen zwingen die Bauern in die Knie. Die sowjetische Geheimpolizei nimmt den Helden gefangen und zwingt ihn mit der Drohung, seine Frau und sein Kind umzubringen, zum Verrat an den eigenen Leuten.

Solschenizyn will am Beispiel des Aufstandes von Tambow wieder einmal zeigen, daß das kommunistische System dem russischen Volk von außen aufgezwungen wurde. Die Terroreinheiten, von denen die Dörfer heimgesucht werden, bestehen zum großen Teil aus nichtrussischen "dunklen" Typen oder aus Osteuropäern. Die Akzente sind ziemlich grob gesetzt, dem finsteren "Raubtiergesicht" des verhörenden Geheimpolizisten steht der schlichte Held gegenüber, der an seine Familie denkt, "unser höchstes Glück, aber auch unsere schwächste Stelle". Einen Teil der Schuld am Sieg der Kommunisten gibt der Schriftsteller auch der fatalistisch untätigen orthodoxen Kirche. Der Frage aber, warum sich nach dem Oktoberumsturz viele russische Bauern den Roten anschlossen, geht Solschenizyn nicht nach.

"Na krajach" (An den Rändern), die zweite Erzählung, ist eine biographische Skizze des sowjetischen Weltkriegshelden Marschall Georgi Schukow, mit der Solschenizyn offenbar den zum fünfzigsten Siegesjubiläum betriebenen Kult relativieren wollte. Die Lebensbeschreibung, die aus der Perspektive des beschränkten Bauernsohnes Schukow geschrieben ist, enthält in der Sache nichts Neues. Der im Ersten Weltkrieg eingezogene Schukow findet sich nach dem Oktoberumsturz, man weiß nicht warum, in der Roten Armee wieder. Wieder vergegenwärtigt Solschenizyn anhand von Liquidationskommandos und Greuelszenen den Bürgerkrieg, diesmal aber aus der Sicht der Roten, die schon damals die Aufgabe hatten, das Land "von Banditen zu säubern", wie heute offiziell der Sinn des Tschetschenien-Feldzugs beschrieben wird.

Solschenizyns Schukow ist sich gewiß, daß der Kommunismus das Land habe aufblühen lassen, ja daß es ihm sogar seinen Sieg über Hitlerdeutschland verdanke. An seiner Ergebenheit der Partei und Stalin gegenüber können auch die "Säuberungen" in der Militärführung und Stalins verhängnisvolle militärische Fehlentscheidungen vor und kurz nach Kriegsbeginn nichts ändern, obwohl Schukows eigene Leistungen dadurch erst mit Verspätung und mit weit höheren Kosten zum Erfolg führen. Schukow, dem gnadenlose Härte und ein "stählerner Wille" nachgesagt werden, fühlt sich offenbar Stalin verwandt, der sich bei Frontanalysen nie für die eigenen Verluste interessiert und den eigenen Truppen Geheimdienstbataillone in den Rücken stellen läßt, die "Feiglinge" einfach erschießen. Das Kriegshandwerk, so ist Schukow überzeugt, fordert den Einsatz aller zur Verfügung stehenden Mittel. Der Degradierung nach Kriegsende zum Trotz hält Schukow Stalin innerlich die Treue und beugt sich in seinen Memoiren recht bereitwillig der Breschnewschen Zensur, die den Parteidiktator in günstigem Licht dargestellt sehen will.

Solschenizyns in eher blasser und immer ein wenig publizistischer Prosa geschriebener Text bereichert die russische Literatur um wenig mehr als ein paar archaisch klingende Neologismen. Der Leser kann sich nicht vorstellen, wie ein Mann von so bescheidenem Horizont wie Solschenizyns Schukow eine steile militärische Karriere machen und faktisch den Zweiten Weltkrieg gewinnen konnte, bemängelte die liberale russische Kritik, die für die Schukow-Hymnen in diesem Frühjahr am wenigsten empfänglich gewesen sein soll. Daß ein von dem Überlebenswillen seines Volkes getragener, fähiger Feldherr in seinen Einsichten ins Weltgeschehen wenig zu bieten haben könnte, scheint für viele undenkbar. Auch haben offenbar einige, vor allem manche Jüngere, vergessen, in welchem Ausmaß die Schablonen der kommunistischen Ideologie von den Köpfen Besitz ergriffen hatten. Wenn man solche Reaktionen betrachtet, mag man dem betont glanzlosen Schukow-Porträt Solschenizyns gewisse Verdienste nicht absprechen. KERSTIN HOLM

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Herbert Heuss stellt drei neue Publikationen des Berliner "Zentrums für Antisemitismusforschung" zur Minderheitenproblematik in der Bundesrepublik am Beispiel von Sinti und Roma vor. Alle arbeiteten heraus, in welcher Weise Stereotypen des "Zigeuners" auch während der Nachkriegszeit das Verhalten der Bevölkerung und politischer Institutionen prägten.
1.) Gilad Margalit: "Die Nachkriegsdeutschen und 'ihre Zigeuner'"
Margalit führe aus, wie überkommene Argumentationsmuster gegenüber Sinti und Roma auch nach dem Kriege zu einer Bagatellisierung der nationalsozialistischen Verbrechen verwendet wurden. Gleichzeitig widerspreche er dem 'quasi-jüdischen Narrativ', der Bestimmung der NS-Zigeunerverfolgung als Genozid und damit ihrer Gleichsetzung mit der Judenvernichtung. Dabei allerdings verfiele der Autor einer "literarischen Geschichtsschreibung".
2.) Peter Widmann: "An den Rändern der Städte"
Genauere, lokal ansetzende Untersuchungen fänden sich bei Peter Widmann, der die Wirksamkeit stereotypisierter Wahrnehmungsformen am Beispiel der Kommunalpolitik der beiden Städte Freiburg und Straubing beschreibe. Er unterscheidet dabei laut Rezensent vier Phasen, von der Vertreibungsphase der 50er Jahre bis hin zu integrativen Modellprojekten der Gegenwart.
3.) Brigitte Mihok: "Zurück nach Nirgendwo"
Brigitte Mihok konfrontiere das Verhalten Berliner Behörden gegenüber bosnischen Roma-Flüchtlingen konkret mit Berichten einzelner Betroffener.

© Perlentaucher Medien GmbH
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