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Schalamows Erzählungen gehören zu den herausragendsten Leistungen der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Der Autor geht darin einer Schlüsselfrage unserer Gegenwart nach: Wie könnenMenschen, die über Jahrhunderte in der Tradition des Humanismus erzogen wurden, Auschwitz, Kolyma hervorbringen?…mehr

Produktbeschreibung
Schalamows Erzählungen gehören zu den herausragendsten
Leistungen der russischen Literatur des
20. Jahrhunderts. Der Autor geht darin einer Schlüsselfrage
unserer Gegenwart nach: Wie könnenMenschen, die über
Jahrhunderte in der Tradition des Humanismus erzogen
wurden, Auschwitz, Kolyma hervorbringen?
  • Produktdetails
  • Werke in Einzelbänden Bd.1
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin
  • 6. Aufl.
  • Seitenzahl: 342
  • Erscheinungstermin: August 2007
  • Deutsch
  • Abmessung: 212mm x 138mm x 30mm
  • Gewicht: 488g
  • ISBN-13: 9783882216004
  • ISBN-10: 388221600X
  • Artikelnr.: 22817385
Autorenporträt
Schalamow, Warlam
Warlam Schalamow, 1907 im nordrussischen Wologda als Sohn eines orthodoxen Geistlichen geboren, ging 1924 nach Moskau, um dort »sowjetisches Recht« zu studieren. 1929 wurde er wegen »konterrevolutionärer Agitation« zu Lagerhaft im Ural verurteilt. 1931 kehrte er nach Moskau zurück, wo er 1937 zum zweiten Mal verhaftet wird. Es folgte die Deportierung in die Kolyma-Region um den gleichnamigen Fluss im Nordosten Sibiriens. 1956 durfte er nach Moskau zurückkehren, wo er 1982 starb.
Rezensionen
Besprechung von 13.03.2008
Die Poetik des Sterbens
Warlam Schalamows Kurzgeschichten aus dem Gulag
Deutsche Konzentrationslager haben ihren Platz in der Literatur. Von den Lagern des stalinistischen Gulag weiß man hingegen wenig. Vom einen auf das andere zu schließen, wäre ein Fehler. Seine Jugend abgezogen, bestand das Leben des Journalisten Warlam Schalamow aus zwei Teilen. Erst war er fast 18 Jahre lang in den Lagern des hohen Nordens eingesperrt. Dann, nachdem Stalins Tod 1953 ihm die Freiheit geschenkt hatte, verbrachte er viele Jahre damit, seine Erlebnisse auf den Begriff zu bringen. Wer den Körpersäften, die bei Jonathan Littell in die Gegend spritzen, literarisch nichts abgewinnen kann, darf sich Schalamow und seiner Übersetzerin Gabriele Leupold anvertrauen, die mit diesem Buch für den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse 2008 nominiert ist.
Angesichts des Bankrotts der humanistischen Ideale, der ihm im Gulag augenfällig wurde, hielt Schalamow die aus dem 19. Jahrhundert überkommene Romanform für überholt. Drei Wochen dauerte es im Schnitt, bis ein Intellektueller in den Goldbergwerken im Osten Sibiriens auf seine Kenntnisse nichts mehr gab. Hunger, Gewalt und Arbeit bei mehr als minus 50 Grad Kälte zersetzten jedes Individuum. Undenkbar schien Schalamow die Vorstellung, einen Mann, dessen Denken erstarrt ist, reduziert auf den Wunsch nach Wärme, Schlaf und Brot, zum Protagonisten eines Romans zu machen. So ein Mann hat keine Sprache mehr. Er ist wie ausgelöscht.
Die Hände der Häftlinge in den Bergwerken der Kolyma waren denaturiert und nur noch wie „Prothesen” benutzbar: „In den eineinhalb Jahren Arbeit in der Grube hatten sich beide Hände auf die Dicke des Schaufel- oder Hackengriffs gekrümmt und waren, so schien es Andrejew, für immer erstarrt.” Seine Erfahrungen im Gulag hat Schalamow nicht in Romane, sondern auf Hunderte Seiten in episodisch erzählte, artistisch hochdisziplinierte Literatur umgewandelt. Dass er als Journalist und als Lyriker angefangen hatte, merkt man den Texten an: Da hat jedes Wort seinen Sinn. Da ist kein Wort zu viel. In der poetischen Lakonik seiner Kurzgeschichten spiegelt sich seine schwarze Anthropologie. Dieser Autor vertraut Pflanzen und Steinen mehr als Menschen.
Das zäheste aller Tiere
Die Lager des Gulag waren anders als deutsche KZs. Im KZ fürchteten die Häftlinge sich vor einer Lungenentzündung. Im Gulag sehnten sie sie herbei. Im KZ starben viele Arbeitssklaven nach einigen Monaten. Die Gefangenschaft im Gulag konnte zwanzig Jahre währen. Die Bücher von Eugen Kogon, Robert Antelme, Primo Levi, Jorge Semprún und vielen anderen zeugen von der Gewissheit, dass die humanistische Ethik im KZ nicht zugrunde gegangen sei. Nach fast 18 Lagerjahren hatte Schalamow diese Gewissheit verloren. Der Mensch, den er in Gestalt der Russen kennengelernt hatte, war ihm zuwider. Er habe, schrieb er, „den unwiderstehlichen Drang des russischen Menschen zur Denunziation” erkannt. „Der Mensch ist nicht darum zum Menschen geworden, weil er Gottes Geschöpf ist, und auch nicht, weil er an jeder Hand einen bemerkenswerten Daumen hat, sondern weil er physisch kräftiger und zäher war als alle Tiere.” In der Kolyma starben die Pferde ohne Verzug, obwohl sie besser ernährt wurden als die Menschen. Der Mensch „lebt von demselben, was den Stein, den Baum, den Vogel, den Hund leben lässt. Doch er klammert sich fester ans Leben als sie”. Das war der ganze Unterschied.
Nein, Schalamow war nicht der liebenswürdige, in TV-Shows präsentable Überlebende, dessen Menschenliebe den Nachgeborenen ein anrührendes Beispiel gibt. Aber als Autor wollte er sein Publikum erreichen, er wollte – trotz seiner Skepsis – vermitteln, was er erlebt hatte. Das war die Hoffnung, die ihm geblieben war, vom gelebten Leben hatte er sich auf das papierene zurückgezogen. Wenn der Schriftsteller sein Material zu gut kenne, schrieb er, „verstehen ihn jene nicht, für die er schreibt. Der Schriftsteller hat sie verraten, hat sich auf die Seite seines Materials geschlagen”.
Das wollte Schalamow nicht, so wenig, wie er sich im Lager auf die Seite der Machthaber schlagen wollte. 1961 schrieb er, „stolz” darauf zu sein, gleich zu Beginn seiner Haft beschlossen zu haben, „niemals Brigadier zu werden”: An anderen Häftlingen wollte er nicht schuldig werden. Schalamow haderte mit Tolstois Idee der „Nichtwidersetzung” gegen das Böse. Doch genau das praktizierte er selbst. Er lernte, die literarische russische Tradition abzulehnen – und steht doch mittendrin. Überlebt hat er nur, weil er einen Arzt kennenlernte, der ihm ermöglichte, sich zum Krankenpfleger ausbilden zu lassen, sodass er nicht mehr in die Grube musste.
Jonathan Littell, der aus der Perspektive eines SS-Mannes schrieb, hat keine Formulierung zustande gebracht, die für sich stehen kann. Insofern hat sein Buch ein Diktum Claude Lanzmannsbestätigt: Täter reden nicht. Warlam Schalamows Prosa ist das Gegenstück. Alle seine Beobachtungen sind wichtig, und in ihrer Präzision sind sie schön. Mag es um erfrorene Zehen gehen oder um Bäume, die im Norden wie die Menschen „im Liegen” sterben. FRANZISKA AUGSTEIN
WARLAM SCHALAMOW: Durch den Schnee. Erzählungen aus Kolyma 1. Aus dem Russischen von Gabriele Leupold. Mit einem Nachwort von Franziska Thun-Hohenstein. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2007. 342 S., 22,80 Euro.
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Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Erschienen ist der erste von drei Bänden mit Erzählungen des sowjetischen Autors Warlam Schalamow. Hans-Peter Kunisch ergreift die Gelegenheit, Leben und Werk des Verfassers ausführlich vorzustellen. Schalamows prägende Erfahrung war die jahrelange Gefangenschaft in verschiedenen Lagern, unter anderem auch als Arbeiter zu unmenschlichen Bedingungen in den Goldminen Nordsibiriens. Im Jahr 1953 kam Schalamow frei, das Lager wurde ihm zum Lebensthema. Nicht aber, wie etwa bei Solschenizyn, im Modus des erzählerischen Realismus, sondern stets auf der Suche nach der Möglichkeit, Formen für das nicht Darstellbare zu finden. In Perspektivwechseln zum Beispiel wie in der ersten kurzen Erzählung des Bandes, die allegorisch den Weg durch den Schnee beschreibt und im letzten Satz plötzlich zu den Lesern schwenkt, die "auf Traktoren und Pferden" kommen. Wichtige Themen sind der Identitätsverlust, bei den dochodjaga - den "Muselmanen" der sowjetischen Lager - als Auslöschung, in der Erzählung "Typhusquarantäne" aber auch als Befreiung. Viel zu unbekannt, stellt Kunisch fest, war Schalamow trotz gelegentlicher Teilveröffentlichungen im Westen. Es sei höchste Zeit für "eine seiner Bedeutung gemäße Würdigung".

© Perlentaucher Medien GmbH
"Zischler gelingt hier etwas Außergewöhnliches: Man meint, den Ton des russischen Originals zu hören.""Hanns Zischler liest die manchmal nur schwer auszuhaltenden Texte voller Gespür und eindringlicher Genauigkeit. Im Anschluss an die Lesung sind außerdem zwei Gedichte Schalamows aus den Kolymaer Heften zu hren und zwar in einer beeindruckenden Originalaufnahme des Dichters selbst."