Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs - Sorokin, Vladimir
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Nach "Der Schneesturm" und "Telluria" ein neues groteskes Meisterwerk von Vladimir Sorokin
In der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts werden Bücher nicht mehr gelesen, geschweige denn neu gedruckt, sie dienen als Brennmaterial für die Zubereitung exklusiver Speisen. Book'n'Grill heißt der neue Trend und Chefkoch Geza ist sein Hohepriester. Stör-Schaschlik über Dostojewskis "Der Idiot" oder Schnitzel über Arthur Schnitzler, mit diesen und anderen Kreationen begeistert er seine zahlungskräftige Klientel. Doch was Erfolg hat, findet auch Nachahmer und so sieht sich Geza plötzlich vor…mehr

Produktbeschreibung
Nach "Der Schneesturm" und "Telluria" ein neues groteskes Meisterwerk von Vladimir Sorokin

In der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts werden Bücher nicht mehr gelesen, geschweige denn neu gedruckt, sie dienen als Brennmaterial für die Zubereitung exklusiver Speisen. Book'n'Grill heißt der neue Trend und Chefkoch Geza ist sein Hohepriester. Stör-Schaschlik über Dostojewskis "Der Idiot" oder Schnitzel über Arthur Schnitzler, mit diesen und anderen Kreationen begeistert er seine zahlungskräftige Klientel. Doch was Erfolg hat, findet auch Nachahmer und so sieht sich Geza plötzlich vor unerwartete Probleme gestellt.

Ein geniales Romanfeuerwerk voll absurder Einfälle und beißender Gesellschaftskritik.
  • Produktdetails
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Originaltitel: Mahapara
  • Artikelnr. des Verlages: 4002104
  • Seitenzahl: 251
  • Erscheinungstermin: 8. November 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 208mm x 131mm x 27mm
  • Gewicht: 368g
  • ISBN-13: 9783462051261
  • ISBN-10: 3462051261
  • Artikelnr.: 52437612
Autorenporträt
Sorokin, Vladimir
Vladimir Sorokin, geboren 1955, gilt als der bedeutendste zeitgenössische Schriftsteller Russlands. Er wurde bekannt mit Werken wie »Die Schlange«, »Marinas dreißigste Liebe«, »Der himmelblaue Speck« und zuletzt »Der Tag des Opritschniks«, »Der Zuckerkreml« und »Der Schneesturm«. Zuletzt erschien von ihm der große polyphone Roman »Telluria«. Sorokin ist einer der schärfsten Kritiker der politischen Eliten Russlands und sieht sich regelmäßig heftigen Angriffen regimetreuer Gruppen ausgesetzt.

Tretner, Andreas
Andreas Tretner, geboren 1959 in Gera, Übersetzer aus dem Russischen, Tschechischen und Bulgarischen, u.a. von Viktor Pelewin, Vladimir Sorokin, Boris Akunin, Josef Skvorecký und Jáchym Topol. Ausgezeichnet mit dem Paul-Celan-Preis des Deutschen Literaturfonds e.V. (2001) und dem Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt (2011).
Rezensionen

buecher-magazin.de - Rezension
buecher-magazin.de

"Manaraga" spielt in einer nahen Zukunft. Europa ist in einem großen Krieg zwischen islamistischen und christlich-orthodoxen Fundamentalisten sowie Nationalisten unterschiedlicher Couleur zersplittert. Bayern ist wieder ein Königreich. Der Großteil der Bevölkerung lebt in Armut, während einige Oligarchen und Kriegsgewinner sich extravagante sinnliche Vergnügungen gönnen. Book'n'Grill, zum Beispiel - kulinarische Köstlichkeiten, zubereitet über brennenden Büchern, vorzugsweise raren, teuren Erstausgaben. Géza, der Protagonist dieses Romans, ist ein Meister dieser illegalen Kunst. Er jettet um die Welt und bereitet gegen horrende Honorare raffinierte Gerichte auf russischen Klassikern zu. Wir begleiten ihn zu reichen, dummen, verlorenen Kunden und auf Missionen, die er für die Große Küche, einer Art Mafia seiner Zunft, erledigt. Ersteres ist repetitiv und wäre langweilig, wenn Sorokin kein so großer Sprachspieler und Stimmenimitator wäre. Hier parodiert er Tolstoi, erfindet einen Ton für die Literatur des Dritten Weltkriegs und sogar für die der Gegenwart, in der dieses absurde Abenteuer spielt. Andreas Tretner übersetzt die Extravaganzen des Autors souverän und mit großer Leichtigkeit.

© BÜCHERmagazin, Elisabeth Dietz (ed)

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 24.11.2018

Originelles Völkchen, diese Bayern

Barbarei des feinen Unterschieds: Der russische Schriftsteller Vladimir Sorokin legt einen dystopischen Roman zur Zukunft der Spitzengastronomie vor.

Von Hubert Spiegel

Bayern ist wieder eine Monarchie! Hier ist man früher als im Rest Europas mit den Islamisten fertig geworden, hat die Folgen des "Großen Krieges" besser als anderenorts verkraftet und erfreut sich nun seiner regionalen Eigenarten: "Ein munteres Völkchen von zupackender Art", wie der russische Schriftsteller Vladimir Sorokin schreibt, das nicht viel mehr braucht als Bier, Schweinshaxe und eine "Richtstatt an zentralem Ort".

In diesem Bayern des Jahres 2037 treffen sich die Mitglieder der "Großen Küche" zu einem ihrer streng geheimen Konzile, die nur einberufen werden, wenn es ums Ganze geht: um die ganze Branche, das höchst einträgliche, allerdings schwerkriminelle Geschäftsmodell oder ums nackte Überleben. Denn die internationale Spitzengastronomie, wie sie in Vladimir Sorokins neuem Roman "Manaraga - Tagebuch eines Meisterkochs" betrieben wird, ist illegal, gefährlich und ein pervertiertes Vergnügen nur für Superreiche: Kochen als Form des organisierten Verbrechens, exklusivste Gaumenfreuden an geheimen Orten als dekadenter Nervenkitzel für Oligarchen, Kriegsgewinnler und den degenerierten Geldadel einer verkommenen Welt. Da werden Konkurrenten und Verräter einbetoniert, Lieferanten ausgeschaltet, Boten abgeschlachtet. Sorokin beschreibt in seiner mit Leuchtfarben ausgepinselten grotesken Dystopie das Jahr 2037 als Wendepunkt einer Art "Roaring Thirties" des 21. Jahrhunderts.

Der aus Budapest stammende Meisterkoch, dessen fiktives Tagebuch wir lesen, heißt Geza, ist 33 Jahre alt, Sohn eines Geisteswissenschaftlers und Ururenkel eines Rabbiners. Seit neun Jahren ist er Profikoch und gehört zu den angesehensten Mitgliedern der "Großen Küche", die wie eine mittelalterliche Handwerkerzunft organisiert ist: Sie erlässt Regeln, sorgt mit väterlicher Strenge für deren Einhaltung, bietet ihren Angehörigen Schutz - und liquidiert sie, wenn es nötig erscheint. Und jetzt scheint es nötig, denn Verrat droht. Daher das Konzil, das etwa in der Mitte des Buches in einem bayerischen Schloss stattfindet, das wohl nicht zufällig an König Ludwigs Herrenchiemsee erinnert.

Sorokins neuer Roman, im vorigen Jahr im Original in Russland erschienen und jetzt von Andreas Tretner mit großer Lust am Sprachspiel ins Deutsche übersetzt, ist ein Wirbelsturm aus Versatzstücken aller Art, in dessen Zentrum ein skurriler Einfall grimmig grinsend vor sich hin glimmt: Die gedruckten Werke der Weltliteratur sind die Grillkohle der Zukunft und der entscheidende Bestandteil einer Nouvelle Cuisine, die sich "Book 'n' Grill" nennt. Feurio!

Die Bibliomanen des fortschreitenden 21. Jahrhunderts verschlingen Proust, Nabokov und Flaubert nicht mehr mit den Augen, sondern übergeben sie den Flammen, die Köche wie Geza zu zügeln wissen. Ein Buch zu lesen heißt nun, es auf den Zutaten zuträgliche Weise kunstgerecht abzufackeln. Die Anforderungen an gute Literatur sind dabei nach wie vor streng geblieben. Auch im Jahr 2037 ist ein Buch noch immer "das beste Geschenk", aber es sollte schon "Eindruck machen: Es muss lodern und die Sinne entflammen". Sorokin, der Meister des postmodernen Pastiches und begnadete Stimmenimitator, der auch in seinem jüngsten Roman in Zitaten und Anspielungen badet, kann klingen wie die Märchentante vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, getaucht allerdings in bittersten Sarkasmus: "Wenn du ein Buch wirklich liebst, wird es dir alle Wärme spenden, die in ihm wohnt." Wer das als zynisch empfindet, sollte bedenken, dass Putin und seine militant antiintellektuellen Jugendorganisationen, die auch Werke Sorokins schon öffentlich zerstört haben, dass seine brutale Polizei und seine korrupten Richter, dass die ganze bittere Realität des heutigen Russland an diesem Roman mitgeschrieben hat.

Gezas mobile Zukunftsküche bewegt sich in einer Welt, in der Bücher nur noch in Museen vorhanden sind und kein Fetzen Papier mehr bedruckt wird - Geldscheine ausgenommen. Wie DJs reisen die Spitzenköche mit leichtem Gepäck um die ganze Welt, von Auftritt zu Auftritt, und legen auf. Sie kommen, grillen und kassieren. Klassiker gelten als "fettes Scheit": Geza bereitet Schaschlik vom Stör auf Dostojewski zu, Zander auf Bulgakow und Seeteufel auf Platonows "Tschewengur". Besonders extravagante Kunden stellen das Brennmaterial - oder die Zutaten - sogar selbst her: Einmal muss Geza das komplett wiedergegebene Manuskript der Erzählung eines Tolstoi-Wiedergängers verwenden, ein anderes Mal schneidet sich ein zoomorphes Wesen, vielleicht eine Art Elon Musk in Zentaurengestalt, ein Schnitzelchen aus den eigenen Rippen, was feinsinnige Überlegungen zum Unterschied zwischen - verbotenem - Kannibalismus und - geduldeter - Autophagie zur Folge hat. Die Spitzengastronomie bleibt auch in Zukunft Expertensache. Dass Sorokins kleiner James Bond mit Kochmütze und Küchenschürze die Bücher, die er entzündet, nicht gelesen hat, versteht sich dabei von selbst.

Dieses "Tagebuch eines Meisterkochs" ist geistreich, unterhaltsam zu lesen, nicht ohne Spannungselemente und dabei so bitterböse, wie es sich für eine Dystopie gehört. Sorokin, 1955 geboren und in Moskau und Berlin lebend, verlängert die traurige Realität seines Heimatlandes in eine noch viel dunklere Zukunft. Die Revolution, die Geza verhindern soll, besteht darin, dass ein Verräter in den Reihen der "Großen Küche" das exklusive Konzept des "Book 'n' Grill" demokratisieren will - um noch mehr Kohle zu machen. Bücherverbrennung als Massenunterhaltung. Die verfressenen Verbrecherbosse und schmatzenden Superreichen haben Bourdieus Schriften nicht gelesen, aber sie handeln danach. Auch die Barbarei, so lautet ein wiederkehrendes Motiv in Sorokins Werk, ist in ihrem fortgeschrittenen Stadium eine Sklavin des feinen Unterschieds. Menschlicher Erfindungsreichtum und der Wille zur unbedingten Distinktion sind eben nicht wählerisch, wenn es darum geht, worin sie sich zeigen.

Vladimir Sorokin: "Manaraga - Tagebuch eines Meisterkochs".

Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018. 254 S., geb., 20,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"eine zentrale Idee, die sich dank Sorokins Erzählkunst zu einem mitreißenden Abenteuer entfaltet." Nicole Henneberg Tagesspiegel 20181230

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 08.01.2019

Lesen vernichtet
In Vladimir Sorokins Roman „Manaraga“ grillen Gourmets auf brennenden
Büchern. Eine bittere Persiflage auf die Literaturkritik
VON EKATERINA KEL
Das neue Buch des russischen Schriftstellers Vladimir Sorokin erzählt die Geschichte eines jungen Kochs namens Geza. Er brät seine Steaks und Filets auf offenem Feuer und als Brennholz dienen ihm Bücher. Geza verbrennt kostbare Erstausgaben und Manuskripte, damit superreiche Ganoven und dekadente Promis einen Leckerbissen genießen können. Schaschlik vom Stör auf Dostojewskis „Idioten“, Garnelen auf Tschechows „Onkel Wanja“, Lammkotelett auf Gontscharows „Oblomow“ – Geza ist auf Klassiker spezialisiert. Im Jahr 2037, in dem er lebt, werden keine Bücher mehr gedruckt. „Lesen“ heißt jetzt, gekonnt die Seiten mit einem Schwert umzublättern, damit das Buch gleichmäßig brennt und kein Ruß entsteht. Diese bittersüße Dystopie beißt sich mit der unverschämten Ruhe des Protagonisten. Alles geht seinen gewohnten Gang, er grillt und versteckt sich, denn „Book’n’Grill“, wie sein Gewerbe heißt, ist illegal. Ein Weltenbummler, ein Heimatloser, ein Romantiker mit einem Drink in einer düsteren Bar am Ende eines anstrengenden Arbeitstages.
Die Erzählung findet in einer künftigen Welt statt, die als realistisch vorgestellt wird, aber immer ein wenig ins Fantastische verschoben ist. Es gibt „Gripse“, die es auch schon in Sorokins vorherigem Collagenroman „Telluria“ gab, eine Art von Smartphones, die magische Dinge können. Es gibt Hologramme, zoomorphe Wesen, Riesenmenschen. Auf der anderen Seite ist die Menschheit primitiv geworden. Nach großen Schlachten – Sorokin deutet einen Dritten Weltkrieg an, der von einer nicht lange zurückliegenden islamistischen Invasion Europas ausging – sind die Menschen in feudalistisch-regionalen Individualismus verfallen, aber mit allen Vorzügen des technischen Fortschritts und der globalen Vernetzung. „Aufgeklärtes Mittelalter“ ist das Stichwort, ebenfalls bekannt aus Sorokins früheren Werken.
Der Autor hat eine Welt etabliert, in der man sich langsam auskennt. Es ist jedes Mal verlockend, im Staunen innezuhalten: Sorokins Welten sind crazy. Menschen, die sich Nägel aus geheimnisvollem Material in ihre Köpfe hauen lassen, um eine alternative Realität zu erleben („Telluria“), Männer, klein wie Teetassen, die sich in die Brüste ihrer normalgroßen Frauen vergraben („Schneesturm“) oder, wie in „Manaraga“, Menschen, die teilweise zu Tieren mutiert sind, im Untergrund leben, sich von ihrem eigenen Fleisch ernähren und Nietzsche verehren.
Der eigentliche Clou an „Manaraga“ sind aber nicht die fantastischen Lebensformen, sondern der seelenruhige literarische Umgang damit. Interessant wird es erst, wenn man sich auf Sorokins Duktus einlässt: nicht erklärend, wie man es aus Fantasyromanen kennt, sondern mit einer großen Selbstverständlichkeit. Der Autor bedient sich einer Strategie aus der sowjetischen Tradition der intellektuellen Science-Fiction. Man könnte sie als Pragmatismus angesichts größter Absurditäten beschreiben, durchaus ein Echo der tatsächlichen Welt. Alle verrückten Einfälle werden beim Lesen beobachtend eingesammelt. Der Leser schaut von der Seite zu, gewöhnt sich dadurch allmählich an das Merkwürdigste. Das mit den Riesenmenschen, das ist halt so, kennen wir nicht anders.
Funktioniert das auch, wenn Bücher verbrannt werden? Vielleicht klopft einem ja ganz leise das Herz bei dem Gedanken, dass Bücher irgendwann nur noch als Brennholz interessant sein könnten. Aber das ist Nebensache. Die Vernichtung der Bücher geschieht in „Manaraga“ nicht etwa aus Geringschätzung. Im Gegenteil: Je begehrter ein Buch, desto begehrter seine Verbrennung. Ein Dinner, auf einer handsignierten Erstausgabe eines russischen Großmeisters zubereitet, verspricht besonders schmackhaft zu werden.
Deshalb engagiert ein Tolstoi-Imitator den Protagonisten Geza, damit dieser eine Erzählung, die er selbst geschrieben hat, anzündet und sie damit in den geistigen Olymp aller Tolstoi-Werke aufsteigen lässt. In dieser schrägen Version der Welt ist eine Verbrennung überhaupt erst zur ultimativen Legitimation literarischer Werte geworden. Die „Book’n’Grill“-Köche werden dadurch zu einer neuen Elite von Literaturkennern. Geza zum Beispiel weigert sich, aus seiner Sicht zweitklassige Literatur zum Grillen zu verwenden, über alle „Postsowjetische“ Literatur, in der unbekannte Autoren über geschmacklose, vollgepisste Hausflure und Schießereien schreiben, kann er nur die Nase rümpfen. Er will Gogol, Dostojewski, Bulgakow.
„Manaraga“ ist Sorokins Kommentar zum Literaturbetrieb. Die Ironie steckt in genau dieser Wendung: Diejenigen, die über den Wert eines Buches entscheiden, zerstören es im selben Moment.
In der Biografie des Autors findet sich ein aufschlussreiches Ereignis, auch wenn Sorokin selbst bei einem Interview mit dem Deutschlandfunk den Zusammenhang bestritten hat: Sorokins eigene Bücher haben vor Jahren auch mal gebrannt. Eine nationalistische Gruppe hat sie öffentlich in eine Kloschüssel auf der Straße geworfen. Angeblich ist diese Schüssel danach explodiert oder angezündet worden, da sind sich die Quellen uneinig.
Unumstritten ist jedoch die Wertsteigerung Sorokinscher Ideen durch diese vernichtende Aktion für ein bestimmtes Publikum. Eben genau jenes, das in Russland, wie auch in vielen Teilen der Welt, über die Kanonisierung eines Werkes entscheidet: Verleger, Juroren, Rezensenten, die am Image des Rebellen hängen bleiben und es ausmalen, weil es so aufregend ist. Als die Proputinisten im Jahr 2002 Sorokins Literatur für „schlecht“ und „verdorben“ erklärten, hatte sie für die Liberalen umso mehr an Wert gewonnen.
Sorokins „Manaraga“ ist somit Produkt und Parodie des Systems zugleich. Ironischerweise hat Sorokin für „Manaraga“ in Russland den „Nos“-Preis für zeitgenössische Literatur bekommen. Kein Wunder, dass Kritiker in Russland dem 63-Jährigen bereits vorwerfen, ein Radikaler zu sein, der sich zum Traditionalisten gewandelt hat: „Der erste Sorokin war ein Revolutionär, der aus der literarischen Energie eine Atombombe zu bauen vermochte. Der zweite ist ein politischer Kommentator und Konservator, ein Literaturpolizist, der bestimmt, was in die Zukunft mitgenommen werden soll“, schrieb der Literaturkritiker ЛLev Danilkin.
Vielleicht hat Sorokin versucht, dieses Urteil mit dem fatalistischen Schluss seines Romans „Manaraga“ selbst vorwegzunehmen. Ein Kollege von Geza produziert nämlich insgeheim am Berg Manaraga im Norden des Urals identische Kopien der Erstausgabe von Vladimir Nabokovs „Ada“. Er plant die Etablierung von „Book’n’Grill“ als Massenunterhaltung. Und Geza, der soeben noch ein cooler Antiheld war, tritt in dieser neuen Posse als der Konservative auf. Er will die Tradition verteidigen.
Die Assoziation mit der Bücherverbrennung der Nazis, die sich unweigerlich aufdrängt, nimmt Sorokin übrigens auf seine eigene, sadistische und hyperzynische Weise auf: Ein alter Odessa-Jude, geboren am Ende des Zweiten Weltkriegs, feiert im Roman sein langes Leben mit der Verbrennung eines Buches über seine Heimatstadt aus der Feder eines jüdischen, in der Stalin-Ära ermordeten Autors („Geschichten aus Odessa“ von Isaak Babel) und dem Verzehr eines jüdischen Gerichts nach dem Rezept seiner Großmutter. Dazu die Frage der nächsten Generation an Geza, den Täter: „Kann es sein, dass die Asche der verbrannten Bücher Ihnen nachts das Herz schwer macht?“ Die Antwort lautet: „Nein.“
Vladimir Sorokin: Manaraga, Tagebuch eines Meisterkochs. Roman. Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018. 251 Seiten, 20 Euro.
Sorokins eigene Bücher
haben vor Jahren
auch mal gebrannt
Der Dramatiker und Romanautor Vladimir Sorokin, geboren 1955, zählte in den 1980er-Jahren zum Moskauer literarischen Underground und publizierte im Samisdat. Er gilt als Vertreter der russischen Postmoderne.
Sorokins Kommentar zum Literaturbetrieb: Wer über den Wert eines Buches entscheidet, zerstört es.
Foto: Jonny Caspari/Unsplash
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