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Ein Kinderspiel hat dieser Kleinen Prosa ihren Titel gegeben, fast ein Programm. Schöpfungsmythen, Menschheitsängste und -träume, Zivilisationskritik, komische Familienlegenden, mythische und reale Reiseziele in unterschiedlichster Darbietung: als Rollenprosa, Traumbericht, Zwiegespräch, Bilderbuch, poème en prose .…mehr

Produktbeschreibung
Ein Kinderspiel hat dieser Kleinen Prosa ihren Titel gegeben, fast ein Programm. Schöpfungsmythen, Menschheitsängste und -träume, Zivilisationskritik, komische Familienlegenden, mythische und reale Reiseziele in unterschiedlichster Darbietung: als Rollenprosa, Traumbericht, Zwiegespräch, Bilderbuch, poème en prose .
  • Produktdetails
  • Verlag: Diogenes
  • Seitenzahl: 169
  • Erscheinungstermin: September 2011
  • Deutsch
  • Abmessung: 193mm x 126mm x 15mm
  • Gewicht: 217g
  • ISBN-13: 9783257067903
  • ISBN-10: 3257067909
  • Artikelnr.: 33371008
Autorenporträt
Urs Widmer, geboren 1938 in Basel, studierte Germanistik, Romanistik und Geschichte in Basel, Montpellier und Paris. Danach arbeitete er als Verlagslektor im Walter Verlag, Olten, und im Suhrkamp Verlag, Frankfurt. 1968 wurde er mit seinem Erstling, der Erzählung 'Alois', selbst zum Autor. In Frankfurt rief er 1969 zusammen mit anderen Lektoren den 'Verlag der Autoren' ins Leben. Für sein umfangreiches Werk wurde er u.a. mit dem Heimito-von-Doderer-Literaturpreis< (1998) sowie dem Friedrich-Hölderlin-Preis< der Stadt Bad Homburg (2007) ausgezeichnet. Urs Widmer starb 2014 in Zürich.
Rezensionen
Besprechung von 24.09.2011
Wer hat das Ka geklaut?
Urs Widmer zaubert Geschichten in Zeit und Raum und schickt seine Leser in falschen Zügen auf Lebensreise

Die Texte von Urs Widmer erinnern oft an die Bilder von M. C. Escher. Sie sind voller Fährten, die niemals zu den Orten führen, zu denen man sich auf dem Weg wähnte, sie sind voller absonderlicher Weggabelungen, voller Treppen, die hinabgleiten, im scheinbar luftleeren Raum abbrechen, um andernorts wieder aufzusteigen. Sie sind weder den Gesetzen des Raumes noch denen der Zeit verpflichtet, vielmehr folgen sie eigenen Regeln, die denen des Traumes gleichen: So lässt der Leser von Widmers Büchern schon bald seine liebgewonnene Hoffnung auf Orientierung fahren, um an der Hand des Autors durch ein Universum zu spazieren, von dem er nicht ahnen konnte, dass es dies überhaupt gibt.

Nach diesem tollkühnen poetischen Prinzip funktioniert die Prosa des Schweizers Urs Widmer eigentlich immer, und so überrascht auch nicht, dass die Texte, die er nun unter dem Titel "Stille Post" veröffentlicht hat, es schon im allerersten Satz aufgreifen: "Ich weiß nicht mehr, wann ich dies erlebte: kürzlich jedenfalls, gestern vielleicht, jeden Tag." So beginnt die "Reise nach Istanbul", in deren Verlauf der Held jeden sich bietenden Umweg nehmen wird auf dem Weg in die türkische Metropole. Er verlässt den Intercity, der ihn, seine Frau und sein Kind an das Ziel der Reise bringen soll, an einer Zwischenstation. Er tritt aus dem Bahnhof, um Zigaretten zu kaufen, obwohl er gar nicht raucht. Den Bahnhof findet er dann nicht wieder, dafür stößt er auf einen anderen Bahnhof und steigt dort in einen Zug, der bald in rasender, an die Dürrenmattsche Erzählung "Der Tunnel" erinnernde Fahrt über das Land donnert. Dem Tod entrinnt unser Mann nur knapp. Dafür landet er in einer Villa, in der ein rauschendes Fest gefeiert wird, das er irgendwann verlässt, um seine Lieben wiederzusehen, die er endlich, nach einer Wanderung über Stock und Stein, am Bahnhof in Istanbul in Empfang nehmen darf - die Gattin ist ergraut, die Tochter erwachsen, ein Leben ist vergangen.

Schon in dieser ersten Geschichte, die wie fast alle elf Texte des Buches zuvor bereits in einer Zeitschrift veröffentlicht worden ist, zeigt sich, dass der Titel des Bandes "Stille Post" eine zwar widmertypische, aber eben doch eklatante Untertreibung ist. Nichts ist still in diesem Buch, das lassen die Themen, die sich der Autor gesucht hat, auch gar nicht zu. Es geht ihm, mal wieder, um alles. Um die Todesangst und das zu kurz geratene Leben, um die Trübsal, die in der Erinnerung lauert, um das Gemetzel zwischen den Völkern, um Macht und Herrschaft, ja, überhaupt um Politik in ihren verdrossensten Formen. Persönliches und Gesellschaftskritisches kommen schön verpackt daher, etwa in "Damals und jetzt", einer Art Selbstversuch, in der Widmer sein heiteres Spiel diesmal mit den eigenen Texten treibt. Unter einem vom Staub der Jahrzehnte bedeckten Papierhaufen habe er die sehr kurzen, zuweilen nur aus wenigen Sätzen bestehenden Fragmente eines Tages wiedergefunden, behauptet er. "Ums Jahr 1978 herum" geschrieben, seien sie nie irgendwo erschienen, mehr als dreißig Jahre später unterzieht er sie also einem Haltbarkeitstest. Widmer antwortet Widmer. Und siehe da: Das Kamasutra hat seine Faszinationskraft verloren. Wo es einst hieß, "Ka ist die Freude davor, Ma das Aufwachen der Feuer, Su das Tosen der Glut und Tra der zarte Nachhall", steht nun eine altersmilde Resignation: "Er hat das Ka vergessen, weiß nichts mehr vom Ma, erinnert sich nicht ans Su, und das Tra ist verklungen."

Doch auch, was die weitaus existentielleren Fragen betrifft, hat sich ein Bewusstseinswandel eingeschlichen, der hinter der feinen ironischen Feder durchscheint. Das einst natürlich wider besseres Wissen als sichere Insel bezeichnete Europa, um das der liebe Gott, der es "unter einer Opferrate von zwei Millionen per annum nicht macht", regelmäßig einen großen Bogen schlug, ist nun dem Untergang geweiht. Über das Meer nähern sich apokalyptische Krieger auf ihren Schiffen, "Männer mit Messern im Maul und Gürteln voller Sprengstoff springen an Land." Die Welt leidet an ihren hausgemachten Krankheiten, an Gotteskriegerei, Armut, Kolonialismus oder Umweltzerstörung. Außerdem krankt sie an einer ungleichen Verteilung von Macht, an ideologischer Verblendung, an ethischer Skrupellosigkeit und religiöser Heuchelei - all dies sind Themen, die Widmer in dem bisher unveröffentlichten Text "Macht und Ohnmacht" verarbeitet. Zum Teil greift er hier Fragen auf, die er in seinem 1997 erschienenen Theaterstück "Top Dogs" bereits gestellt hat. Zugleich zeigt sich aber, dass die hochkomplexen Zusammenhänge, die das Gesicht der Welt prägen, in der Form der "kleinen Prosa" - so die Genrebezeichnung auf dem Cover des Buches - im Grunde noch besser aufgehoben sind als in den Romanen und Dramen. Die hohe Kunst des Jonglierens mit Ideen und Kritik, mit literarischen Stilen, von Legenden, Märchen, Fabeln bis hin zu Burlesken und Satiren, erreicht in den hier versammelten verdichteten Texten zuweilen eine Perfektion, die nie erdrückend, sondern, Widmer eben, stets spielerisch-tänzelnd daherkommt, ohne dass die inhaltliche Brisanz dadurch verlorenginge.

Vielleicht hat der Autor das ja gespürt, als er dem Buch seinen Titel gab. "Stille Post" ist nämlich zugleich der Titel des letzten Stücks, der wieder ein Experiment ist. Widmer hat einen Text über einen uralten Schweizer Brauch verfasst und ihn zum Übersetzen in sechs verschiedene Länder geschickt - die Übersetzer kannten aber nicht das Original, sondern nur das, was ihr jeweiliger Vorgänger in seiner Sprache daraus gemacht hatte. Über die letzte, wieder ins Deutsche übertragene Version beugt sich Widmer dann mit der Akribie eines Feldforschers und weist seine Autorschaft weit von sich: "Das ist nicht, was ich einst geschrieben hatte. Ganz und gar nicht. Aber je öfter ich es durchlese: Es ist vielleicht das, was ich schreiben wollte!" Ist tatsächlich also die Sprache die eigentliche Botschaft? Sollte sie es sein, der sich alles unterordnet, um derentwillen die Leser die Orientierung fahrenlassen und selbst der Autor sich auf Wege begibt, von denen er nicht wusste, dass er sie einschlagen werde? Letzteres glauben wir natürlich nicht. Aber eine schöne Vorstellung ist es schon.

LENA BOPP

Urs Widmer: "Stille Post". Kleine Prosa.

Diogenes Verlag, Zürich 2011. 170 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Lena Bopp ist sichtlich ein Fan der Prosa Urs Widmers. Der jüngste Band, der nun zumeist schon am anderen Ort erschienene Erzählungen versammelt, hat sie, wie man ihrer Besprechung entnehmen kann, erneut voll und ganz überzeugt. Meist entstehe sehr rasch das typische Widmer-Gefühl: Eine Erzählung beginnt irgendwo und nimmt einen auf unberechenbaren Wegen irgendwo hin. So nämlich ergeht es dem Helden der ersten Geschichte "Reise nach Istanbul" schon, der kurz nach dem Aufbruch auf Abwege gerät und dort nur mit knapper Not überlebt. Experimenteller sind andere Texte, etwa einer, in dem Widmer sich mit einem alten Text von sich selbst konfrontiert. Die Titelgeschichte "Stille Post" lässt der Autor in sechs Sprachen übersetzen, aber so, dass der Übersetzer jeweils nur die vorige Übersetzung übersetzt. Vor liegt nun die am Ende erfolgte Rückübersetzung ins Deutsche: ein Triumph der Sprache, aber doch, so die begeisterte Rezensentin, auch des Autors, der sich von der Sprache so gewitzt mitspielen lässt.

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