Der lebende Berg - Shepherd, Nan

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Auf ihren unzähligen Reisen in die schottischen Cairngorm Mountains begegnete Nan Shepherd einer atemberaubend schönen wie schockierend harten Natur. In ihrem wichtigsten Buch - ein Kondensat der aufwühlendsten Erfahrungen - gelingt es ihr, diese Naturerlebnisse auf unvergleichliche Weise zu schildern: Felsen, Wiesen, Weiden und Tiere sowie dem menschlichen Auge zuweilen verborgene Geheimnisse der Natur einer unvergleichlichen Landschaft. Immer versucht sie dabei, dem innersten Wesen der sie umgebenden Welt auf die Spur zu kommen und sich mit ihr in Beziehung zu setzen. Verfasst während des…mehr

Produktbeschreibung
Auf ihren unzähligen Reisen in die schottischen Cairngorm Mountains begegnete Nan Shepherd einer atemberaubend schönen wie schockierend harten Natur. In ihrem wichtigsten Buch - ein Kondensat der aufwühlendsten Erfahrungen - gelingt es ihr, diese Naturerlebnisse auf unvergleichliche Weise zu schildern: Felsen, Wiesen, Weiden und Tiere sowie dem menschlichen Auge zuweilen verborgene Geheimnisse der Natur einer unvergleichlichen Landschaft. Immer versucht sie dabei, dem innersten Wesen der sie umgebenden Welt auf die Spur zu kommen und sich mit ihr in Beziehung zu setzen. Verfasst während des Zweiten Weltkrieges wurde Der lebende Berg erst kurz vor ihrem Tod veröffentlicht.
  • Produktdetails
  • Naturkunden .037
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin
  • Seitenzahl: 184
  • Erscheinungstermin: Dezember 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 185mm x 113mm x 12mm
  • Gewicht: 164g
  • ISBN-13: 9783957574190
  • ISBN-10: 3957574196
  • Artikelnr.: 48178406
Autorenporträt
Shepherd, Nan
Nan Shepherd, 1893 im schottischen Peterculter geboren, unterrichtete Englisch am Aberdeen College of Education und verfasste neben Gedichten drei Prosabücher und ein Buch über Bergwandern. Zentrales Motiv ihres schmalen Werks sind die schottische Landschaft und die Gewalten des Klimas. Sie starb 1981 in Aberdeen.

Zander, Judith
Judith Zander, 1980 in Anklam geboren, studierte Germanistik, Anglistik sowie Mittlere und Neuere Geschichte an der Universität Greifswald, später Lyrik und Prosa am Leipziger Literaturinstitut. Für ihren Roman Dinge, die wir heute sagten erhielt sie u. a. 2010 den 3-sat-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, 2011 den Uwe-Johnson-Förderpreis. Zuletzt erschien ihr Gedichtband manual numeral (2014). Sie lebt und arbeitet in Berlin.
Rezensionen
Besprechung von 16.01.2018
Der Stein, die Luft, das Eis
Nan Shepherd war eine Pionierin des „Natur Writing“: Jetzt gibt es ihre
Hommage an die schottischen Cairngorms auch auf Deutsch
VON NICO BLEUTGE
Wer die Welt anders sehen will, der muss nur den Kopf durch die Beine stecken. Einmal die Aufmerksamkeit gebündelt, schon erscheint alles verkehrt herum, als habe man ein neues Sein hervorgelockt. Zweige, Bäume, die Gebirgsfalten in der Ferne, plötzlich ist kein Fluchtpunkt mehr auszumachen. „Nichts weist einen Bezug zu mir auf, der Schauenden“, schreibt Nan Shepherd über diesen Zustand, „so muss die Erde sich selbst sehen.“ Das mag ein wenig verrückt klingen, vielleicht auch: abgerückt. „Abune himsel’“ nennen es die Schotten, entrückt, leicht neben sich stehend. Und diese Entrücktheit fühlt sich an, als sei der Körper von allem losgelöst.
Doch auch wenn eine solche Verfassung für Nan Shepherd die Voraussetzung dafür ist, die Berge ganz in sich aufnehmen zu können – mit schlechter mystizistischer Schwärmerei hat ihr Buch nichts zu tun. Im Gegenteil, die Entrückung führt sie auf einen physiologischen Ursprung zurück, den sie genau erklärt: „Die, die sie erleben, verfügen über eine besondere körperliche Veranlagung, die sich am freiesten und lebendigsten in der Höhe entfaltet. (...) Während sie aufsteigen, wird die Luft dünner und anregender, der Körper fühlt sich leichter an und sie klettern mit weniger Kraftaufwand.“
Die schottische Schriftstellerin Nan Shepherd (1893 – 1981) war eine Dichterin der Landschaft. Nach einigen Romanen und einem Gedichtband schrieb sie vor siebzig Jahren ein Buch über ihre Lust am Durchwandern der Berge. Ein Buch, das in der Tradition des Nature Writing steht, jener literarischen Erkundung der Natur, die speziell in der englischsprachigen Welt sehr beliebt ist. Die Cairngorms im Nordosten Schottlands sind eine Anhäufung von Granit. Einst höher als die Alpen, sehen sie heute aus wie eine Wildnis aus Hügeln und brüchigen Felswänden. Jedenfalls für den Bergliebhaber, der sie zu Fuß durchstreift. Wer das Gebiet auf der Karte betrachtet, den erinnern die Cairngorms eher an ein pulsierendes Herz.
Über viele Jahre hinweg wanderte Shepherd immer wieder durch diese Gegend, mal alleine, mal begleitet von Freunden. Shepherd hat ihr Buch vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs geschrieben und erst dreißig Jahre später, im Jahr 1977, veröffentlicht. Doch immer noch liest es sich so anregend, dass der Körper ganz leicht wird und man mit wenig Kraftaufwand durch die Seiten und die bildstarken Sätze klettert.
Eine besondere Form des Schauens, ja, überhaupt der Wahrnehmung ist für Shepherd nötig, um die „andere Art von Welt“ zu entdecken, die in den Bergen möglich ist. Und jene besondere Form der Wahrnehmung führt zu einer besonderen Form von Beschreibung: „Zerstäubtes, von einem Stein spritzendes Wasser schneidet in den langsam gefrierenden Schnee am Ufer ein und riffelt ihn mit Kristallen oder durchtränkt einen Heidekrautzweig, der zu einem Bäumchen aus purem Glas erstarrt, wie ein raffiniertes Spielzeug.“ Rhythmische, von intensiven Wahrnehmungsmomenten durchzogene Sätze sind Shepherds Spezialität. Dabei schwelgt sie keineswegs nur in Augenblicken der Schönheit und Verzauberung, sondern markiert immer auch jene Kippmomente, da die Landschaft in Sturm oder Frost übergeht oder tagelanger Regen alles in ein trostloses Gelände verwandelt.
Doch auch wenn sie davon schwärmt, die gegenseitige Durchdringung von Geist und Ort lasse sich allein „erzählend nachvollziehen“ – das Erzählen ist nur die eine Seite ihres Buches. Shepherd hat einen gleichermaßen analytischen Zugang zur Wahrnehmung und zur Sprache. In der Darstellung ihrer Kapitel trennt sie die Ebenen voneinander und ordnet sie aufsteigend zum ganzheitlichen Sein des Menschen hin an. Stein, Luft, Pflanzen, Tiere und als Krone der Schöpfung der Mensch – hier klingen biblische, aber auch erkenntnistheoretische Vorstellungen der Scholastik nach, deutlicher vielleicht, als es Shepherd lieb sein mochte.
Durch diese stark analytische Schicht unterläuft sie in der Form jene Vorstellung einer „Einheit des Berges“ und der Lebendigkeit, die sie immer wieder beschwört. Andererseits ist die Reflexion das sicherste Mittel, um nicht in esoterischen Kitsch abzudriften. Shepherd stellt ihre Wanderungen durch die Cairngorms nicht als einsame Reisen durch eine zeitlose Welt dar, sondern bedenkt genau die historischen, sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhänge, vom „menschlichen Wirtschaftssystem“ bis zu den jungen Menschen, die in den Cairngorms aufgewachsen sind und nun von dort wegwollen. Eine solch umfassende Sicht ist eher selten in der Tradition des Nature Writing und macht „Der lebende Berg“ zu einem wirklich großen Buch.
Das Spannendste aber ist, wie Shepherd euphorisches Wahrnehmen, Spiritualität und Wissenschaft zusammendenkt. Für ihre naturwissenschaftlichen Einsprengsel hat sie sich genau bei befreundeten Wissenschaftlern erkundigt. Gleichzeitig entspringen ihre Exerzitien vor allem dem Wunsch, ein „ursprüngliches Erstaunen zurückzugewinnen“.
Wissenschaftliche Weltsicht und Metaphysik finden so zu einer wundersamen Mesalliance: „Je mehr man über das komplexe Zusammenspiel von Bodenbeschaffenheit, Höhe, Wetter und dem lebenden Gewebe von Pflanzen und Insekten lernt (...), an desto mehr Tiefe gewinnt das Geheimnis. Wissen vertreibt das Mysterium nicht.“ Die Schriftstellerin Judith Zander hat diese Mischung aus Mysterium und Wissen gut ins Deutsche gebracht.
„Der lebende Berg“ ist ein Lob der Relativität und eine Feier der Unendlichkeit der Perspektiven. Wer einen unvertrauten Blick erhascht, wer ganz in einer unerwarteten Sinneserfahrung aufgeht, das scheint Shepherd in ihrem Buch spürbar machen zu wollen, der wird infrage gestellt und entdeckt die Welt zugleich neu. Das Bewusstsein muss sich nur öffnen und auf die Berge und ihre Strukturen einlassen. Was ihm winkt, ist nicht weniger als eine gesteigerte Form von Sein: „Es handelt sich, wie bei jeder Schöpfung, um vom Geist befruchtete Materie: aber das Ergebnis ist geistige Lebendigkeit, ein Leuchten im Bewusstsein.“
Immer wieder gibt es Momente,
in denen durch Frost oder Regen
die Landschaft ödes Gelände wird
Nan Shepherds Exerzitien dienten
dem Ziel, „ein ursprüngliches
Erstaunen zurückzugewinnen“
Die Cairngorms im Nordosten Schottlands sind eine Anhäufung von Granit. Nan Shepherd hat sie zur Zeit des Zweiten Weltkriegs durchwandert.
Foto: imago/Westend61
Nan Shepherd: Der lebende Berg. Eine Huldigung der Cairngorms. Mit einer Einführung von Robert Macfarlane. Aus dem Englischen von Judith Zander. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2017. 184 Seiten, 20 Euro.
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Besprechung von 06.05.2018
Auf dem Gipfel der Sehnsucht
Mit dem Körper denken: Die Schottin Nan Shepherd klettert in ihrem Buch "Der lebende Berg" durch die Cairngorm Mountains und findet sich selbst

Vielleicht leben in Bécon-les-Bruyères noch Menschen, die sich daran erinnern, dass der Schriftsteller Emmanuel Bove im Winter 1927 ein schmales Buch über ihren Pariser Vorort beendete, das viele Jahre später von Peter Handke ins Deutsche übertragen wurde. In seinem kurzem Nachwort aus dem September 1984 erzählt Handke, dass er sich in Bécon-les-Bruyères auf eine Bank setzte und sich umsah, als wollte er sich einen Eindruck davon verschaffen, wie es den Leuten und der Wirklichkeit seit damals ergangen war, wie heute aussieht, was Bove damals beschrieben hat.

Wenn, wer noch nie eine Welle gesehen hat, vor Gustave Courbets Bild "Die Welle" aus dem Jahr 1869/70 stünde, würde er ans Meer eilen, um sich mit eigenen Augen anzuschauen, was er nur als Abbild gesehen hat? Wahrscheinlich nicht, so wenig wie heute einer auf die Idee käme, nach Bécon-les-Bruyères zu fahren und sich dort auf eine Bank zu setzen. Aber nach Schottland, in die Cairngorm Mountains würde er reisen, und sollte er reisen, gerade wenn er aus Bécon-les-Bruyères kommt, wo im Grunde alle wohnen.

Boves Buch war mehr als eine poetische Skizze. Darin fand sich kein statistisches Material über die Einwohner, ihre Berufe, ihre Ausbildung, ihr Alter, ihr Einkommen, über die sozialen Schichten. Keiner kam zu Wort und erzählte etwas. Nicht dass der Vorort ausgestorben gewesen wäre, er sollte nur gleichsam selber reden und sprach dann mit Ernst und würdevoll von den stummen Zeugen eines vorstädtischen Lebens, von Lage, Straßen, Gebäuden, Jahrmarkt, Verkehrsanbindungen, toten Hunden in der Seine, deren Lauf sich um den Ort wie eine Schlinge legte, und, allgemein, von den Leuten, die eigensinnig und zufrieden ihre Mittelmäßigkeit auskosteten und dem nahen oder fernen Ende ihrer Tage friedlich entgegenzugehen versuchten. Was sollten sie sonst tun?

Die deutsche Wehrmacht hat kaum mehr als ein Jahrzehnt später diesen bescheidenen Vorsatz der Unauffälligen und Namenlosen mit einem Schlag vereitelt.

Im April des Jahres 1927 saß Martin Heidegger in seiner Hütte im Süden Deutschlands an einem Tisch und freute sich. Seine Abhandlung "Sein und Zeit" war erschienen. Die Leute, die nichts ahnten vom wahren Sinn vom Sein, die sein Buch nicht lesen würden, weil es zu kompliziert war und sie anderes zu tun hatten, und die weiterhin ihr Leben in den Vorstädten der Existenz führten, erhielten von dem jungen Philosophen, der eine kurze Karriere unter Hitler machen würde, eine Art Gattungsbezeichnung um den Hals gehängt, in der die Stimmung aufgehoben war, die in Bécon-les-Bruyères auch bei gutem Wetter geherrscht haben muss, das große "man".

Von Bécon-les-Bruyères aus gesehen, das mehr als ein unbedeutender Vorort von Paris zu sein scheint und beim Leser das Gefühl wachruft, er säße mit einem diffusen Leiden in einem Wartezimmer und müsse sich in Geduld üben, boten sich nur zwei Möglichkeiten, diese vor sich hinschwelende Lebensstimmung etwas anzufachen. Entweder stürzte sich einer in den Trubel der Geschäfte und Vergnügen der Innenstadt, oder er ging aufs Land unter die Bauern, in die Natur und zu den einfachen Dingen, was Heidegger, der nie in Berlin gewesen war, aber auf die Berge zum Skifahren stieg, bevorzugte. "Es ist ein Weg in das Sein, denn während ich tiefer in die Existenz des Berges vordringe, dringe ich auch tiefer in meine eigene vor. Eine Stunde lang bin ich frei von Verlangen. Nicht die Verzückung, dieser Sprung über die Grenzen des Selbst, macht den Menschen gottgleich. Ich bin nicht außer mir, sondern in mir. Ich bin. Das Sein kennenzulernen, das ist schließlich die größte Gnade, die die Berge gewähren."

Diese Sätze stammen nicht von Heidegger, sie stehen am Ende eines schmalen Buches, das 1977 unter dem Titel "Der lebende Berg" erschien und dessen Niederschrift in den letzten Kriegsjahren begonnen worden war. Ein erster Entwurf lag 1945 vor. Geschrieben hat das Buch die Schottin Nan Shepherd, die als Englischlehrerin in Aberdeen arbeitete und davor schon einige Bücher veröffentlicht hatte.

In einer langen Einführung aus dem Jahr 2011 weist Robert Macfarlane auf eine Nähe hin, die seiner Ansicht nach zwischen Shepherds Vorstellung vom erkennenden Leib und den Theorien von Maurice Merleau-Ponty bestehe, die der französische Philosoph in seiner "Phänomenologie der Wahrnehmung" aus dem Jahr 1945 vorgelegt hatte. Der Körper, so lassen sich die Affinitäten der beiden zusammenfassen, ist kein dumpfes Gefäß, in dem ein aufgeweckter Geist sitzt, sondern, im Gegenteil, er sei ausschlaggebend dafür, dass und wie wir die Welt begreifen und uns zu eigen machen. Die Grundlagen eines Bewusstseins werden durch den Leib gelegt, in dem und durch den die Welt sich zeigt. Anders gesagt, nur bei schlechten Malern steht eine Gestalt unverbunden und teilnahmslos vor dem Hintergrund, so wie nur bei schlechten Philosophen ein Ich wie ausgeschnitten vor der Welt verharrt.

Lässt sich dank dieser Vorstellung von der Entstehung eines Ichs durch die körperliche Erfahrung der Welt erahnen, wie sich die Bewohner von Bécon-les-Bruyères gefühlt haben, wenn sie wochentags auf dem Bahnsteig standen und auf den Zug warteten, der sie in die Stadt hineinbringen würde, oder wenn sie nach dem Feierabend zurückkehrten und in ihren Wohnungen verschwanden? "Hier also", schreibt Nan Shepherd und meinte die Berge, "könnte man ein Leben der Sinne leben, das so rein, so unberührt von jeder anderen Art der Erkenntnis wäre, dass man sagen könnte, der Körper denke. Jeder Sinn, gesteigert zu höchstem Bewusstsein, ist selbst schon eine absolute Erfahrung. Das ist die Unschuld, die wir verloren haben, jeweils ganz in einem Sinn aufzugehen, um im Leben aufzugehen."

Zu diesen hochfliegenden Gedanken Shepherds mag ein Pendler in einem der Vorortzüge mit dem Kopf zustimmend nicken, sie können ihm einleuchten, aber er wird nur wissen, was sie bedeuten, wenn er selbst in einer der Ferienwochen, die das Arbeitsleben ihm gestattet, und das heißt mit dem eigenen Körper, unmittelbar erfahren hat, was sie behaupten. Er müsste dafür eine Reise in die Berge machen, vielleicht in die Cairngorm Mountains im Nordosten Schottlands, die Nan Shepherd zu ihren ganzheitlichen Erkenntnissen und aufhellenden Erlebnissen verhalfen. Zurück in Bécon-les-Bruyères werden die Sinne schrumpfen, und der Angestellte wird sein gewohntes Leben wieder aufnehmen, erneut von seiner Wohnung zur Arbeit pendeln und sich den Vergnügungen überlassen, mit denen er seine freie Zeit füllen kann. Lesern von Heideggers "Sein und Zeit" ergeht es nicht anders, sie mögen jetzt wissen, wer "man" ist, aber dieses Wissen wird sie nicht davor bewahren, in die alten Gleise des Denkens einzulenken, kaum dass sie ihren üblichen Lebenslauf aufgenommen haben. Keiner kann sich der Welt, die ihn umgibt und durchdringt, entziehen.

Auch der Leser, der die beeindruckenden Cairngorm Mountains verlassen muss, weil Nan Shepherd mit der Vorsicht, Umsicht und Begeisterung einer Bergsteigerin alles gesagt hat, was ihr wichtig zu sagen schien, wird, nachdem er noch eine Weile auf irgendeiner Bank in seinem existentiellen Vorort den Erinnerungen an diesen aufregenden Ausflug nachhing, irgendwann aufstehen und nach Hause gehen müssen. Auch ein gelungenes, mitreißendes poetisches Abbild von einer erlebten Welt kann nur ein Hinweis sein auf eine Erfahrung, die ein Leser durch das Lesen allein nicht macht, und ihm bleibt dann nichts anderes übrig, als sich mit dem eingebildeten Glück, das manche guten Bücher ihm bescheren, zufrieden zu geben. Was das alles, wovon darin die Rede war, wirklich bedeutet, wird er auf diese passive Weise, wenn er nicht eines Tages den Lebensvorort Bécon-les-Bruyères in unbekannter, in neuer Richtung verlässt, nicht herausfinden. Er kann in den Tagen und Jahren, die dazwischenliegen, froh sein, dass ein Berg, auch von der Ferne aus gesehen, dass ein kleines Buch von schottischen Gipfeln die Sehnsucht danach lebendig hält.

EBERHARD RATHGEB

Nan Shepherd: "Der lebende Berg. Eine Huldigung der Cairngorms". Mit einer Einführung von Robert Macfarlane. Aus dem Englischen von Judith Zander. Matthes & Seitz, 184 Seiten, 20 Euro

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