Burgund (eBook, ePUB) - Van Loo, Bart
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  • Produktdetails
  • Verlag: C.H.Beck
  • Seitenzahl: 656
  • Erscheinungstermin: 16.03.2020
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783406749285
  • Artikelnr.: 58633743
Autorenporträt
Inhaltsangabe
Inhalt

PROLOG

I. DAS VERGESSENE JAHRTAUSEND 406-1369
Vom Königreich zum Herzogtum
Von Burgund nach Flandern

II. DAS BURGUNDISCHE JAHRHUNDERT 1369-1467

Dem Schlamm entstiegen Stadt ohne Furcht
1789 avant la lettre Die Burgundischen Niederlande im
Werden Frankreich als burgundisches Zugpferd
Schönheit und Wahnsinn Prunksucht und Propaganda
Mord und Sprachenkampf Arrangierte Ehen, unbeherrschbarer Tumult
Abgehackte Hand, gespaltener Schädel Drei Grafschaften, ein Herzog
Der Kampf um Holland und Seeland Als Frau oder als Mann?
Goldener Glitter Grab und Scheiterhaufen Schönheit und Frieden
Der burgundische Traum Fasan und Fuchs Väter und Söhne

III. DAS VERHÄNGNISVOLLE JAHRZEHNT 1467-1477

Freudiger Einzug, finsterer Empfang Die Krone in
Reichweite Reformen und Neuerungen
Untergang im Schnee

IV. EIN ENTSCHEIDENDES JAHR 1482

V. EIN DENKWÜRDIGER TAG
20. OKTOBER 1496

EPILOG
DER LETZTE BURGUNDER

ANHANG
Dank Karten Zeittafel
Die wichtigsten Personen Stammbäume und Herrscherhäuser
Anmerkungen Literatur
Bildnachweis Personenregister
Geographisches Register
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 04.04.2020

Ein Haufen Provinzen unter einem goldenen Hut

Vom politischen Nutzen des Pomps: Bart Van Loo erzählt die Geschichte des Herzogtums Burgund und seiner Herrscher.

Die Stadt Brügge ist der touristische Hotspot Belgiens, aber so überfüllt wie bei der Hochzeitsfeier Philipps des Guten und seiner Gemahlin Isabella von Portugal am 8. Januar 1430 dürfte sie heute selbst an heißen Sommertagen nicht mehr sein. Zeitgenössische Chronisten berichten von fünftausend Gästen und hundertfünfzigtausend Zuschauern. Tribünen und Triumphbögen säumten die Straßen, mechanische Automaten sorgten für Volksbelustigung und -beköstigung. Ein hölzerner Löwe ließ Wein aus seinen Pranken strömen, ein Eichhörnchen spendete Rosenwasser, ein ausgestopftes Wildschwein schied beim Anheben seines Schwanzes frische Radieschen aus. Der Höhepunkt der entremets, der theatralischen Einlagen, die das dreitägige Festmahl begleiteten, war eine überdimensionale Blätterteigpastete, der zunächst ein Widder mit goldenen Hörnern und danach ein Riese und eine Zwergin entstiegen. Für seine neue Gattin - die letzte von dreien -, deren Porträt der Hofmaler Jan van Eyck gemalt hatte, prägte der Herzog von Burgund den Wahlspruch "Aultre n'auray": "Keine andere werde ich haben." Er hielt sich mehrere Monate daran, dann kehrte er zu seinem gewohnten Triebleben zurück.

Die Geschichte des kurzlebigen Herzogtums Flandern-Burgund fasziniert Historiker seit Jahrhunderten, weil sich in ihr kulturelle und politische Entwicklungslinien des spätmittelalterlichen Europas auf einmalige Weise kreuzen. Durch die Belehnung Philipps von Valois, eines Sohnes von König Johann II. von Frankreich, mit dem burgundischen Herzogstitel und Philipps anschließende Heirat mit Margarete von Flandern war ein Staatsgebilde entstanden, das die wichtigsten Handelszentren Westeuropas mit den feudalen Traditionen des französischen Rittertums und den religiösen Zentren von Cluny und Citeaux verband. Trotz der Spannungen zwischen gutsherrlichem Adel und städtischem Bürgertum, die sich in Aufständen und Schlachten wie dem Gemetzel bei Roosebeke im Jahr 1382 entluden, gelang es Philipp und seinen Nachfolgern, ihre Herrschaft zu konsolidieren und ihren Kernlanden weitere Gebiete wie Brabant (mit Brüssel), Holland, Seeland und Luxemburg hinzuzufügen.

Philipps Enkel, der oben erwähnte Philipp der Gute, und dessen Nachfolger Karl der Kühne waren die reichsten Fürsten ihrer Zeit. Die Steuereinnahmen aus den flandrischen und brabantischen Städten, in denen die Warenströme des Nord- und Ostseehandels zusammenliefen, ermöglichten ihnen eine Hofhaltung, deren ästhetische Pracht bis dahin undenkbar gewesen war. Künstler wie Jan van Eyck, Rogier van der Weyden und Hugo van der Goes porträtierten die Herzöge, ihre Frauen und ihre Günstlinge oder schufen, wie Claus Sluter mit seiner Werkstatt, das gewaltige Figurenprogramm der herzoglichen Grablege in der Kartause von Champmol bei Dijon. Nur das kulturelle Leben der großen norditalienischen Stadtrepubliken konnte es an Strahlkraft mit dem burgundischen Hof aufnehmen. Aber während in Italien eine Stadt die andere bekriegte, konzentrierte sich in Burgund alle politische Macht in einer Hand.

Der belgische Autor Bart Van Loo, der die Geschichte des Herzogtums und seiner Vorläufer auf knapp sechshundert Seiten erzählt, kann aus einem reichen Fundus an Quellen schöpfen, der von den Chroniken Jean Froissarts aus dem vierzehnten Jahrhundert bis zu Johan Huizingas klassischer kulturgeschichtlicher Studie über den "Herbst des Mittelalters" von 1919 reicht. Aber während Huizingas Darstellung auch eine Auseinandersetzung mit bis dahin gültigen Theorien über die Kunst und Literatur des Spätmittelalters war, hält Van Loos Buch keinen theoretischen Bezugsrahmen bereit. Dem Autor genügt es, sein Thema von den Anfängen des Burgunderreiches unter Gundobad bis zur Einverleibung des burgundischen Erbes ins habsburgische Imperium Karls V. kundig plaudernd abzuschreiten. Dabei kommen ihm seine früheren Arbeiten zur Kulturgeschichte Frankreichs ebenso zugute wie sein auf Bilddetails versessener Blick. So entdeckt Van Loo auf der Brücke, die im Hintergrund von van Eycks "Madonna des Kanzlers Nicolas Rolin" von 1435 zu sehen ist, jenes Gedenkkreuz, das der französische König Karl VII. im gerade geschlossenen Friedensvertrag von Arras dem Burgunderherzog als Sühne für den Mord an dessen Vater Johann Ohnefurcht versprochen hatte. Johann war sechzehn Jahre zuvor auf der Brücke von Montereau unter Karls Augen erschlagen worden, worauf Burgund im Hundertjährigen Krieg auf die Seite Englands wechselte. Noch hundert Jahre später zeigte ein Kartäusermönch in Champmol seinem königlichen Besucher den gespaltenen Schädel Johanns mit den Worten, dies sei die Öffnung, durch welche die Engländer in Frankreich eingedrungen seien. Ohne Montereau hätte Jeanne d'Arc nie ein Pferd bestiegen, um ihr Vaterland zu retten.

Andererseits gibt es auch Stellen, an denen Van Loo die Grenze zwischen dem Populären und dem Platten allzu deutlich überschreitet. Da regiert Philipp der Gute sein Herzogtum "mit einem einzigartigen Flair", während der Katholizismus "lange Zeit vor allem eine Angelegenheit von Priestern und Mönchen" ist. Auch darf der übliche Hinweis nicht fehlen, dass die Geschichte ohne dieses oder jenes Ereignis "ganz anders verlaufen" wäre. Ein aufmerksamer Lektor hätte hier einiges ausbügeln können, war aber offenbar nicht zur Hand.

Am klügsten ist dieses Buch immer dann, wenn es die Beschreibung des burgundischen Gepränges dazu nutzt, dessen politische Logik zu entfalten. Der äußere Pomp war für die Herzöge aus dem Haus Valois ein wirksames Herrschaftsinstrument. Nur drei Tage nachdem der Widder beim Hochzeitsfest in Brügge aus der Pastete gesprungen war, begründete Philipp der Gute den Orden vom Goldenen Vlies, dessen Wahrzeichen, ein Widderfell, noch Napoleon, Zar Alexander, die britische Queen, König Hussein von Jordanien und der französische Staatspräsident Sarkozy um den Hals getragen haben. Durch die Einrichtung zentraler Finanzkammern und Gerichte und die Nobilitierung städtischer Eliten gelang es Philipp, sein Regime in den südlichen Niederlanden dauerhaft zu befestigen. In den nördlichen Provinzen, die weniger stark am Seehandel teilhatten als Brügge und Gent, blieb der burgundische Einfluss dagegen ein Oberflächenphänomen. Der Keim zu der Spaltung, die im niederländischen Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien aufbrach und die sich heute in den Staatsgrenzen von Holland und Belgien manifestiert, wurde unter dem Banner Burgunds gelegt.

Von all dem hätten wir eine klarere, sinnlichere Vorstellung, wenn nicht der letzte Burgunderherzog Karl der Kühne seinen Staatsschatz 1476 bei Grandson an ein Schweizer Bürger- und Bauernheer verloren hätte. Der kleinere Teil der sogenannten Burgunderbeute ist heute noch in eidgenössischen Museen zu besichtigen, der größere, darunter Karls mit Perlen, Rubinen und Diamanten besetzter Hut, verschwand im Dunkel der Geschichte. Allein vom Verkaufserlös des Hutes konnte die Stadt Basel damals ihre Schulden begleichen. So diente der Prunk, bevor er verging, einem letzten guten Zweck. Die Pflege erbeuteten Kulturguts, wie wir sie kennen, ist eine Erfindung der Neuzeit. Auch das lernt man aus diesem gedankenarmen und episodenreichen Buch.

ANDREAS KILB

Bart Van Loo: "Burgund". Das verschwundene Reich. Eine Geschichte von 1111 Jahren und einem Tag.

Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. C. H. Beck Verlag, München 2020. 656 S., Abb., 32,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Ein bisschen quälen musste sich Burkhard Müller schon beim Lesen, denn er vergleicht es zwangsläufig, wie er meint, und wie es vermutlich auch der Autor getan habe, mit "Herbst des Mittelalters" von Johan Huizinga, ein Buch, das er zum Goldstandard der Geschichtsschreibung über Burgund erhebt. Dieser Autor nun setze dem "Ernst" jenes Werks einen eher anekdotischen, äußerst munteren Stil der Darstellung entgegen und wird damit, wie der Kritiker findet, beinahe "zu lesbar". Er lässt Groteskes und Grausames in buntem Reigen tanzen und das fand Burkhard Müller angesichts des historischen Materials oft ärgerlich. Dennoch empfiehlt er diese Geschichte eines Landes, dessen Grenzen ständig verrutschten, das einmal als eines der prächtigsten Europas galt und dessen "geografische Unruhe" innerhalb Frankreichs, so schreibt er, sogar bis heute fortdauere. Die Fülle des Stoffes ist gut gemeistert worden und viele Anekdoten seien brillant.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 03.08.2020

Chronik aus dem Reich der Hüte
Bart van Loo schreibt eine Geschichte des mittelalterlichen Burgunds. Er erzählt
von grässlichen, grotesken, frivolen Dingen in einem sehr fidelen Stil
VON BURKHARD MÜLLER
Die Anfänge umfänglicher Werke sind manchmal klein, und umso kleiner, je tiefer sie in der Kindheit liegen. Für den Historiker Bart van Loo lag dieser Anfang in einem Bildchen, wie sie damals Lebensmitteln und Zigaretten beigefügt waren und die man in ein Album einklebte, das auch die nötigen Kommentare lieferte. Es war ein bestimmtes Bild, Teil einer Reihe über die Geschichte Belgiens, Nr. 182, das ihn faszinierte; er zeigt es ganz vorn in seinem Buch. Man sieht darauf zunächst wenig, eine Winterlandschaft und zwei Männer, die bei näherer Betrachtung als altertümlich bewaffnete Soldaten erkennbar werden; sie scheinen etwas zu suchen. Was sie zu finden hoffen, liegt möglicherweise im Vordergrund, ein länglicher Fleck im Schnee; es könnte eine menschliche Gestalt sein.
Das Ganze trägt den Titel „Nancy“. Ein erst harmlos anmutendes Bild, das immer unheimlicher wird. Schließlich hat man kaum noch Zweifel: Was da vorn liegt, ist wirklich ein Mensch: der Leichnam Karls des Kühnen, Herzogs von Burgund, der in der Schlacht von Nancy im Januar 1477 seine Kühnheit mit dem Leben bezahlte. Mit ihm endete ein Staat, der mehr als ein Jahrhundert lang als der reichste und prachtvollste Europas galt. Als man Karl fand, war er von Hunden angefressen und kaum noch zu identifizieren. Von diesem Bildchen also ging für den Autor der Impuls aus, der schließlich in eine monumentale Geschichte des Reichs Burgund mündete.
Van Loo nennt sie im Untertitel „Eine Geschichte von 1111 Jahren und einem Tag“. Er meint damit, dass sie eine noch weit längere Zeitspanne umfasst als jene, für die der Name des spätmittelalterlichen Herzogtums steht. Es gibt Länder, die rutschen immerfort auf der Landkarte herum. Was etwa heute Sachsen heißt, berührt sich in keinem einzigen Punkt mehr mit jenem Land, das Karl der Große vor 1200 Jahren unter diesem Namen eroberte. Auch Burgund ist ein solch extremer Fall. Die Burgunder kamen von der Ostsee-Insel Bornholm, die eigentlich ein Burgunderholm ist, schufen sich in der Völkerwanderungszeit ein Reich auf römischem Boden mit der Haupstadt Worms (dort, am burgundischen Königshof, spielt das Nibelungenlied) und gründeten nach dessen Zerstörung durch den Hunnen Attila ein zweites weiter westlich, das später im Frankenreich aufging.
Noch später entstanden die beiden Königreiche Hoch- und Niederburgund, die von der Schweiz bis ans Mittelmeer reichten; und dann ab dem 14. Jahrhundert das jüngere, das hier vor allem interessierende Burgund, das sich in den Wirren des Hundertjährigen Kriegs von Frankreich abspaltete, dann aber seinen wirtschaftlichen und politischen Schwerpunkt im Gebiet der heutigen Beneluxstaaten fand. (Die geografische Unruhe dieses Namens währt fort: Durch die letzte französische Gebietsreform wurden die beiden Regionen Bourgogne und Franche Comté zu einem neuen Groß-Burgund vereint.)
Der Autor pflegt einen gewissen fidelen Stil, an den man sich gewöhnen muss. „Geben wir dem aufgewirbelten Staub des unruhigen fünften Jahrhunderts einen Moment Zeit, sich zu legen, liebe Leserinnen und Leser, und richten wir den Blick auf die Burgunder.“ Er macht das Buch gut lesbar, gelegentlich ein wenig zu gut. Es geht um bedeutsame, oft um grässliche Dinge; das Spätmittelalter war eine Zeit exquisiter Grausamkeiten, die van Loo berichtet, ohne dass es ihm die gute Laune verschlüge. Er spricht vom Bürgerkrieg in Paris zwischen den Parteien der Burgunder und der Armagnaken und teilt mit: „Schließlich vergriffen sie sich auch an Bernard d’Armagnac selbst: Sie zogen ihm bei lebendigem Leibe die Haut ab. Seine entsetzlichen Schreie am 12. Juni 1418 fassten das zurückliegende Jahrzehnt zusammen, zehn Jahre der Gewalt, des hinterhältigen Verrats und des Chaos.“ Ist es vorstellbar, dass die Schreie eines lebendig Gehäuteten zehn Jahre Geschichte zusammenfassen wie ein Paper für Studierende im Prüfungsstress? (Und gibt es einen anderen Verrat als den hinterhältigen?)
Van Loo mochte fühlen, dass diese Art zu schreiben seine einzige Chance war. Denn im Hintergrund seines Buchs gibt es ein zweites, von ihm wenig erwähnt, dennoch immer präsent: „Herbst des Mittelalters“ von Johan Huizinga, das es mit derselben Zeit und derselben Gegend zu tun hat, ein kulturgeschichtliches Werk von Ruhm und Rang, scharfsinnig in seinen Analysen und zugleich eine auch dem Laien zugängliche Lektüre; an diesem Klassiker muss sich jede andere Publikation zum Thema messen lassen. Die Quellen sind notwendig dieselben; der Unterschied muss also in der Art der Darstellung liegen.
Van Loo hat sich für einen erzählenden Duktus entschieden, der den bei Huizinga waltenden Ernst vermeidet und zu ironischer Beiläufigkeit tendiert. Dabei stellt sich der Erzähler gelegentlich etwas einfältiger, als er ist, besonders in den langen moritatenhaften Überschriften: „Der Kampf um Holland und Seeland / Oder / wie sich Holland und Seeland zu reichen Grafschaften entwickelt hatten, die Philipp dem Guten jeden Kampf wert waren, aber auch, wie die scheinbar geschlagene Jakobäa von Bayern Freund und Feind überraschte und dem Herzog von Burgund die Hölle heißmachte.“ Oder es kriegt einer kalte Füße, oder es kann ihm jemand den Buckel runterrutschen.
Ist das eine Art, Geschichte zu schreiben? Man muss, trotz einigen Verdrusses, doch sagen: ja. Der leichtfüßige Ton macht die Stoffmassen verdaulich. Vieles wirkt frivol und grotesk; aber Groteske und Frivolität lagen eindeutig im Zug der Zeit.
Man erfährt ungeheuer viel davon: dass Philipp der Kühne sich in nur zwei Jahren 180 Hüte zulegte; dass sein Urenkel Karl, der in Nancy sein Leben verlor, schon vorher in Murten den wohl teuersten Hut aller Zeiten, mit acht Reihen Diamanten, im Kampf gegen einen Haufen Schweizer Bergbauern einbüßte, welche mit den Edelsteinen nichts anzufangen wussten und sie in den Dreck warfen. (Überhaupt die Hüte! Der spitze überhohe Damenhut wie eine umgedrehte Schultüte, wie ihn jeder mit dem Mittelalter assoziiert, ist selbstverständlich eine burgundische Erfindung.) Dass wiederholt bei den Festen der Herzöge aus einer gigantischen Pastete ein Riese stieg, der mit einer Zwergin tanzte. Dass Agnès Sorel, die Geliebte des französischen Königs, mit ihrem kleinen Mund und ihrer entblößten Brust, das Modell abgab für die eigenartigste Madonna der Kunstgeschichte. Mit der Jungfrau von Orléans, die der burgundische Herzog gefangen nahm, weiß der Autor ersichtlich weniger anzufangen.
Über dieses Buch kann man sich in mancher Hinsicht ärgern. Es neigt dazu, seinen Gegenstand in eine Serie höfischer Anekdoten zu zerlegen, es hat schwache Begriffe von und wenig Interesse an Wirtschafts-, Institutions-, Geistes- und Kunstgeschichte. Aber es besitzt erhebliche anschauliche Qualitäten, die wie in einem Mosaik ein Tableau der Epoche zusammensetzen. Ein einseitiges Tableau gewiss, aber ein lebhaftes. Dass es ein Bild war, das ihn auf die Spur Burgunds gesetzt hat, glaubt man dem Autor aufs Wort. Man nehme sein Werk als das, was es ist, und man wird belohnt mit einem unterhaltsamen und aufschlussreichen Lese-Erlebnis. Mehr zu verlangen wäre unbillig.
Bart van Loo: Burgund. Das verschwundene Reich. Eine Geschichte von 1111 Jahren und einem Tag. Aus dem Niederländischen von Andrea Ecke. C.H. Beck Verlag, München 2020. 666 Seiten, 32 Euro.
Die Burgunder kamen von der
Ostsee-Insel Bornholm, die
eigentlich ein Burgunderholm ist
Aus einer gigantischen Pastete
stieg ein Riese,
der mit einer Zwergin tanzte
Der Tod Karls des Kühnen in der Schlacht bei Nancy, 1477.
Foto: mauritius images / Alamy/FALKENSTEINFOTO
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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"Man nehme sein Werk als das, was es ist, und man wird belohnt mit einem unterhaltsamen und aufschlussreichen Lese-Erlebnis."
Süddeutsche Zeitung, Burkhard Müller

"Großes Kino: Die Geschichte des Burgunderreichs (...) Ein Lesegenuss von der ersten bis zur letzten Seite."
Neue Zürcher Zeitung Online, Thomas Ribi

"So süffig und lebendig, dass es sich wie ein Roman liest (...) im Grunde wird so Geschichte erst erfahrbar, deutlich und einprägsam."
literaturkritik.de, Georg Patzer

"Mit 'Burgund' lässt Bart Van Loo die Geschichte einer der faszinierendsten Epochen des ausgehenden Mittelalters wieder lebendig werden. Ein wahrhaft 'burgundisches' Lesevergnügen, das sich jedoch nicht nur der Erzählkunst Van Loos, sondern auch der kongenialen Übersetzung durch Andreas Ecke und dem gewissenhaften Lektorat Ulrich Noltes verdankt."
Junge Welt, Gerd Busse

"Farbenprächtig und facettenreich (...) eine belgische Meistererzählung."
SWR2, Konstantin Sakkas

"In seinem wunderbaren Buch "Burgund" lässt der belgische Historiker und Schriftsteller Bart Van Loo das verschwundene Reich wiederauferstehen. (...) Van Loo erzählt anschaulich und mit viel Herz von ebenso klugen wie prunksüchtigen Herrschern (...)."
Deutsche Presse Agentur

"Der belgische Schriftsteller Bart Van Loo sagt, die französische Kultur gleiche einer Schatzkiste. In 'Burgund' schaut er ziemlich tief hinein (...) Ein packendes Sachbuch, nach dem man sich wünscht, dass Van Loo noch öfter in diese Schatztruhe greift."
Stern

"Prachtvolles Buch."
Welt online, Berthold Seewald

"Burgund ist ein Wunder. (...) Bart Van Loo präsentiert die Geschichte Burgunds wie ein sich zuspitzendes Drama in 1111 Jahren und einem Tag."
Prisma

"Bart van Loo erzählt blumig, die Fakten werden ausgeschmückt, menschlich, er lässt an großen Tafeln teilnehmen und an Turnieren, gibt anschauliche Porträts von Fürsten und ihren Taten."
Münchner Merkur, Renate Wagner

"(Van Loo) schlägt einen kurzweiligen Bogen mit vielen Details von den Anfängen des Stammes der Burgunder im fünften Jahrhundert bis zum großen Trauerzug für Kaiser Karl V 1558 in Brüssel."
Frankreich Magazin"

Dieser niederländische Schriftsteller schafft es, seinen Beruf als Historiker mit der Profession des Schriftstellers zu verbinden, und zwar meisterhaft (...). Insgesamt eine grandiose Art und Weise, die Geschichte Burgunds auf gut lesbare Weise zu vermitteln, bei gleichzeitigem intellektuellen Lesegenuss."
Ethische Rendite, Michael Vaupel


"Fromm den Fakten verbunden, fett in der Aufbereitung - ein durch und durch burgundisches Werk."
Bücheratlas, Martin Oehlen


"Dieser schillernden Geschichte hat der belgische Historiker und Schriftsteller Bart Van Loo jetzt sein kongeniales Buch "Burgund. Das verschwundene Reich" gewidmet. Auf mehr als 600 Seiten breitet er eine wunderbar illustrierte Geschichte aus (...)."
welt.online, Berthold Seewald

"'Burgund' ist ein reich gedeckter Tisch, den man nicht verlassen will, weil ein wahrer Meisterkoch am Werk war."
NRC Handelsblad
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