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Bewertung von kaffeeelse

Wow, was für ein Buch. Da wird die Geschichte einer Familie erzählt, in der Zeit vom ersten Weltkrieg bis heute. Aber eigentlich noch so viel mehr. Dabei werden die Personen der …


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Kennen Sie Ihren Vater? Wissen Sie, wer er wirklich ist? Kennen Sie seine Vergangenheit? Die vierzigjährige Lehrerin Ilaria hätte diese Fragen wohl mit "ja" beantwortet, und auch ihre Angehörigen glaubte sie zu kennen - bis eines Tages ein junger Afrikaner auf dem Treppenabsatz vor ihrer Wohnung in Rom sitzt und behauptet, mit ihr verwandt zu sein. In seinem Ausweis steht: Attilio Profeti, das ist der Name ihres Vaters ... Der aber ist zu alt, um noch Auskunft zu geben. Hier beginnt Ilarias Entdeckungsreise, von hier aus entfaltet Francesca Melandri eine schier unglaubliche Familiengeschichte…mehr

Produktbeschreibung
Kennen Sie Ihren Vater? Wissen Sie, wer er wirklich ist? Kennen Sie seine Vergangenheit? Die vierzigjährige Lehrerin Ilaria hätte diese Fragen wohl mit "ja" beantwortet, und auch ihre Angehörigen glaubte sie zu kennen - bis eines Tages ein junger Afrikaner auf dem Treppenabsatz vor ihrer Wohnung in Rom sitzt und behauptet, mit ihr verwandt zu sein. In seinem Ausweis steht: Attilio Profeti, das ist der Name ihres Vaters ... Der aber ist zu alt, um noch Auskunft zu geben.
Hier beginnt Ilarias Entdeckungsreise, von hier aus entfaltet Francesca Melandri eine schier unglaubliche Familiengeschichte über drei Generationen und ein schonungsloses Porträt der italienischen Gesellschaft. Und sie holt die bisher verdrängte italienische Kolonialgeschichte des 20. Jahrhunderts in die Literatur: die Verbindungen Italiens nach Äthiopien und Eritrea bis hin zu den gegenwärtigen politischen Konflikten verknüpft Melandri mit dem Schicksal der heutigen Geflüchteten - und stellt die Schlüsselfragen unserer Zeit: Was bedeutet es, zufällig im "richtigen" Land geboren zu sein, und wie entstehen Nähe und das Gefühl von Zugehörigkeit?
  • Produktdetails
  • Quartbuch
  • Verlag: Wagenbach
  • Artikelnr. des Verlages: .3296
  • Seitenzahl: 603
  • Erscheinungstermin: 28. Juni 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 147mm x 41mm
  • Gewicht: 810g
  • ISBN-13: 9783803132963
  • ISBN-10: 3803132967
  • Artikelnr.: 52628751
Autorenporträt
Francesca Melandri, geboren in Rom, hat sich in Italien zunächst als Autorin von Drehbüchern wichtiger Kino- und Fernsehfilme einen Namen gemacht (u. a. »Prinzessin Fantaghirò«). Mit ihrem ersten Roman »Eva schläft« wurde sie auch einem breiten deutschsprachigen Lesepublikum bekannt. Ihr zweiter Roman »Über Meereshöhe« wurde von der italienischen Kritik als Meisterwerk gefeiert. Ihr drittes Buch »Alle, außer mir« wurde für den Premio Strega nominiert.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 03.07.2018

Clownerien des Blutes
Familiengeheimnis und dunkles Italien: Francesca Melandris Roman
„Alle, außer mir“ trifft punktgenau ins nervöse Herz der Gegenwart
VON MEIKE FESSMANN
Die Reisetasche steht im Schrank bereit, fertig gepackt, falls die Polizei doch noch kommt und ihn abholt. Eigentlich wartet er nur darauf. Er erhofft es sich sogar. Seit knapp zwei Jahren, seit dem Februar 1992, ist die große Säuberungsaktion in Gang. „Mani pulite“, saubere Hände, heißt sie. Und Attilio Profeti, der 2012 sterben wird, wie wir gleich zu Beginn des Romans erfahren, wünscht sich, man möge auch ihn vor Gericht stellen und wegen Korruption anklagen. Ein Moralist also? Im Gegenteil.
Er ist ein lebenslustiger, eitler, nicht einmal unsympathischer Mann in der späten Blüte seiner Jahre, immer noch gut aussehend und daran gewöhnt, vital, potent und solvent zu sein. Doch auf der Schwelle zum Pensionsalter packt ihn die Angst vor dem Bedeutungsverlust – die ganze Energie: plötzlich weg, ein fades, müdes Verpuffen. Eine Gerichtsverhandlung, wie sie über die Chefetagen von Fiat, Olivetti, Ansaldo hereingebrochen ist, über Unternehmer, Politiker, Führungskräfte und auch über seinen Chef, den Bauunternehmer Edoardo Casati, wäre für ihn die Rettung: „eine Art metaphorischer Rahmen (...), der vor der Welt ein für alle Mal klarstellte, dass auch er, Attilio Profeti, offizieller Teil der herrschenden Klasse gewesen war.“
„Alle, außer mir“ ist ein – nicht nur – italienisches Sittengemälde, das punktgenau ins nervöse Herz der Gegenwart trifft. Die Tragödien und die Clownerien, die Verdrängungen, Dreistigkeiten und das Chaos einer scheinbar kaum noch zu bändigenden Abschottungspolitik mitten in einer bis ins All globalisierten Welt werden in diesem klug komponierten Roman zum Resonanzboden. „Sangue Giusto“, das richtige Blut, heißt er im 2017 erschienenen Original. Auf Deutsch wäre das in der Tat ein unmöglicher Titel, zumal ihm der im Italienischen kenntliche Bezug zum lateinischen „Ius sanguinis“ fehlt, dem Abstammungsrecht, nach dem viele Staaten, darunter Italien, die Einwanderung regeln. Seit Jahren soll es reformiert werden, ergänzt durch Aspekte des „Ius soli“, bei dem der Geburtsort die entscheidende Rolle spielt, sowie des „Ius culturae“, dem Recht, das sich aus dem Bildungsweg ableitet. Ende 2015 wurde ein Entwurf von der Abgeordnetenkammer verabschiedet und steckte dann im Senat fest. Seit dem Regierungswechsel dürfte er chancenlos sein.
Francesca Melandri, die sich zunächst als Drehbuchautorin einen Namen gemacht hat, kleidet den brisanten Stoff ins anschmiegsame Genre des Familienromans. Das ist eine gute Idee, Literatur ist schließlich kein Journalismus. Die Aufdeckung von Missständen hat in einem Roman wenig Sinn. Umso mehr kann er von den Ambivalenzen erzählen, die Konflikte nähren, von den Sprengkräften im Hintergrund, vom geruchlosen Gas lange vor sich hin schwelender Emotionen. Und er kann von Ehrgeiz, Überlegenheitsgefühlen und Machismo erzählen, jener gewaltigen Triebfeder, die ganze Wirtschaftszweige in Schwung hält. Bei aller vermeintlichen Feminisierung der Arbeitswelt handelt es sich dabei offenbar um einen nachwachsenden Rohstoff.
Es ist die streitlustige, sehr moralaffine, aber eben auch liebende Tochter Ilaria, die mit der Nase darauf gestoßen wird, dass ihr Vater, jener 1915 geborene Attilio Profeti, der das stolze Alter von 97 Jahren erreichen darf, einige Geheimnisse mehr mit sich herumträgt als die, die bereits vor seiner Demenz ans Licht gekommen sind. Vor Jahren hatte er ihr im Auto einfach so, in einer Nebenbemerkung, seine zweite Familie offenbart: „Ihr seid nicht zu dritt, ihr seid zu viert“. Und schob dann die bittende Frage hinterher, ob sie die frohe Botschaft gleich ihrer Mutter überbringen könne.
Der Schock hat sich schnell gelegt. Der 12 Jahre jüngere Halbbruder der Zweitfamilie wurde sogar ihr Lieblingsbruder. Sie wohnen im selben Haus, auf dem Esquilin, einem der Hügel in der Altstadt Roms, zentral gelegen und Anfang der 1980er-Jahre noch erschwinglich. Der Vater saß an der Quelle und kaufte jedem seiner vier Kinder ein Apartment. Nun aber stellt sich heraus, dass es noch ein fünftes Kind gab.
Er heiße Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti sagt der junge dunkelhäutige Mann, der eines Tages vor Ilarias Wohnung steht. Er sei Attilio Profetis Enkel, und sie sei dann also seine Tante. Natürlich sind Ilaria und ihr Bruder, der denselben Namen trägt wie sein Vater, erst einmal skeptisch. Der Bruder, ein Zoologe, der sich sein Geld als Skipper für Touristen verdient, plädiert für einen DNA-Test. Aber Ilaria, die engagierte Lehrerin, ist sich bald darüber im Klaren, dass sie diesen Jungen retten will, ganz egal, ob er mit ihr verwandt ist oder nicht. Drei Jahre war er auf der Flucht, von Äthiopien über den Sudan bis Libyen und schließlich über das Mittelmeer, die schlimmste Etappe seiner Reise, obwohl ihn der Schlepper in der Sahara ausgesetzt hatte, um weiteres Geld von seiner äthiopischen Familie zu erpressen, obwohl er in Tripolis im Gefängnis saß. Den abgelehnten Asylantrag hat er bereits in der Tasche. Die Profetis sind seine letzte Hoffnung.
Nach dem Auftauchen des Äthiopiers beginnt Ilaria die Lebensgeschichte ihres Vaters zu rekonstruieren. Francesca Melandri baut ihren dritten Roman wie ein dynamisches Mosaik. In großen Sprüngen geht es hin und her, sie kombiniert auktoriale und personale Erzählformen. Das schadet ihrem Projekt nicht, auch wenn man sich hin und wieder eine Straffung, eine Bändigung der Stofffülle wünscht. Melandri fächert alles auf, was sie in jahrelanger Arbeit und auf zwei Äthiopienreisen recherchiert hat. Und sie versucht, allen Seiten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. So bekommen wir nicht nur eine Lektion über den fortdauernden Mussolini-Kult und die unrühmliche Kolonialvergangenheit Italiens, das im damaligen Abessinien erbarmungslos Krieg auch mit dem Einsatz von Senfgas führte und das, gestützt von faschistischer Rassentheorie, die Männer hinmetzelte und die Frauen zu allem benutzte, was dem eigenen Komfort diente.
Auch Abeba, die Großmutter des äthiopischen Jungen, war zunächst eher eine Haushälterin als eine Geliebte. Dann aber wurde sie für Attilio Profeti mehr: die Frau, nach deren Nähe er sich ein Leben lang sehnen wird. Auch ihrem Schicksal folgt Melandri über die Jahrzehnte.
Italien habe versucht, seine koloniale Vergangenheit auf den Faschismus abzuwälzen, so lautet die These der Autorin. Seither gebärde sich das Land gern als Opfer, besonders in der Migrationsdebatte. Ihr Roman erzählt die Geschichte einer Verdrängung und benützt den Geruchssinn als roten Faden des Unbewussten. Jahrzehntelang nährte Abebas Geruch Attilios Sehnsucht. Dass er im hohen Alter seinen Geruchssinn verloren hat, entdeckt Ilaria, als er die Küchengerüche der Einwanderer, die in ihrem Haus leben, nicht mehr wahrnimmt. Ihr selbst sind die Gerüche zwar oft lästig. Aber sie würde ihre eigene Beeinträchtigung niemals zum Maßstab einer Wertung machen.
Was auch Ilaria über ihren Vater herausfindet, an der Liebe zu ihm ändert sich nichts, so wenig wie an der Leidenschaft für Pietro Casati, den Sohn des Bauunternehmers, für den ihr Vater seit dem Abessinienkrieg arbeitete. Pietro hat unter Berlusconi Karriere als Staatssekretär gemacht. Politisch sind sie in allem verschiedener Meinung, der Sex hält sie zusammen, auch wenn ein gemeinsames Leben für „Madame Robespierre“ unvorstellbar ist.
Berlusconi und Gaddafi geistern mit ihren schäbigen Deals, ihren Macht- und Unterwerfungsgesten, ihren Inszenierungen der Selbherrlichkeit wie ein Albtraumpaar durch den Roman. Aktuell ist „Alle, außer mir“ nicht nur wegen der Migrationsdebatte, aktuell ist der Roman auch, weil er jenen Despotentypus porträtiert, der Sexismus als Waffe nutzt. Man kennt das von Putin über Erdoğan bis Trump.
Was immer auch Ilaria über
ihren Vater herausfindet, an der
Liebe zu ihm ändert es nichts
Das Land habe versucht, seine koloniale Vergangenheit auf den Faschismus abzuwälzen, lautet eine These Melandris: Italienische Truppen mit Kanone im Abessinienkrieg, 1935.
Foto: SZ Photo, Scherl
Francesca Melandri: Alle, außer mir. Roman. Aus dem Italienischen von Esther Hansen. Wagenbach Verlag, Berlin 2018.
608 Seiten, 26 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 14.07.2018

Die Realität und die Kaffeetasse

Der neue Roman der italienischen Autorin Francesca Melandri fragt nach Identität und Verdrängung, nach Familie und Kolonialismus: "Alle, außer mir".

Blut ist ja ein ganz besonderer Saft. Dicker als Wasser, selbst wenn manch einer gelegentlich beides schwitzt. So Attilio Profeti, als seine sechzehnjährige Tochter Ilaria ihn fragt, ob er eine Geliebte habe. Die Antwort: "Eigentlich seid ihr zu viert." Neben den beiden Brüdern Emilio und Federico gebe es da noch den kleinen Attilio, und ob sie nicht der Mutter alles sagen könne. In Italien wird gerade das Scheidungsgesetz eingeführt, danach funktioniert die Patchworkfamilie bestens, die erste Runde endet mit einem Happy End.

Rund fünfundzwanzig Jahre später sitzt dann ein junger Äthiopier vor Ilarias Tür und behauptet, eigentlich seien sie zu fünft gewesen, nur sei Profetis ältester Sohn, eben sein Vater, bereits gestorben. Ilarias erster Gedanke: mal eine neue Masche. Der zweite: O nein, nicht "das Ganze noch einmal".

Der Originaltitel des 2017 erschienenen Romans lautet "Sangue giusto". Zum "gerechten Blut" wird das der italienischen Gefallenen aus dem Ersten Weltkrieg stilisiert, als "richtiges" jenes bezeichnet, das über die Staatsbürgerschaft entscheidet; "ungerechtes" fließt nach dem Wüten des Derg, der äthiopischen Militärdiktatur, in den siebziger Jahren durch die Straßen von Addis Abeba. Nicht nur in unserer Sprache ist all das kaum in zwei Wörtern zu vermitteln: Der niederländische Titel lautet "De lange weg naar Rome", der deutsche greift auf Profetis Mantra zurück: Alle müssen sterben? - "Alle, außer mir."

Ein wenig pflegt auch Ilaria diese Sicht. Alle sind korrupt, unmoralisch und bigott, nur nicht sie, die sich als Lehrerin durchschlägt, selbst nachdem vier Berlusconi-Regierungen "das öffentliche Bildungssystem in Not gebracht hatten, als wollten sie die Demokratie von den Wurzeln her ausrotten". Nicht sie, die ihren Vater sogar nach seiner Geliebten fragt.

Erst das Auftauchen des Äthiopiers Shimeta erschüttert Ilaria in ihren Grundfesten. Sie forscht nach. Heraus kommt: Ihre Großmutter Viola wurde von deutschen Faschisten erschossen - nachdem sie einen Halbjuden denunziert hatte, um Attilio vor dem Kriegsdienst zu bewahren. Ihr Vater erspart der Mutter nach der Scheidung eine Begegnung mit ihm und erscheint bei Ilarias Uni-Abschlussfeier als Frau mit blonder Perücke. Seinen ersten Sohn erkennt er jedoch nie an, nicht einmal, als er ihn aus dem Gefängnis des Derg befreit. Obendrein hat er sich freiwillig für den Abessinien-Feldzug gemeldet und als Assistent eines Rassekundlers gearbeitet. "Der Ozean der Realität passt nicht in eine Kaffeetasse", muss Ilaria konstatieren.

Francesca Melandri gelingt es vorzüglich, individuelle Erfahrungen und historischen Hintergrund zu verknüpfen. Die komplexen Anmutungen der Realität von heute wurden selten feinfühliger dargestellt. Gerade weil sie ihre Figuren nie vorführt. Das lässt sich vor allem an den Wegen zeigen, die in dem Roman zurückgelegt werden. Melandri selbst nennt in Interviews gern zwei, den Shimetas von Äthiopien nach Rom und den von Profeti nach Abessinien. Es gibt aber noch einen dritten Weg, nämlich den Ilarias quer durch Rom zu ihrem abgeschleppten Auto. Diese Strecke dient Melandri gleichsam für einen Panaromaschwenk, bei dem sie teils in die Vergangenheit zoomt: Gaddafis Besuch in Italien - der Hahnenkampf mit Berlusconi gehört zu den großen Lesemomenten -; westliche Journalisten, die sich "Potemkinsche Gefängnisse" in Libyen vorführen lassen; Rockbands, die an die Mär vom Hunger als biblischer Strafe glauben und sich mit Live Aid eine goldene Nase verdienen, statt zu fragen, woher die Militärjunta Derg die Waffen bezieht; Äthiopiens Narrativ, die Invasoren geschlagen zu haben; der Sturz Haile Selassies und die Etablierung der Militärdiktatur.

Francesca Melandri leuchtet die Conditio humana grandios aus. Mit Perspektivwechseln und Zeitsprüngen schildert sie nicht etwa Kontinuitäten von Mussolini über Berlusconi zu Salvini, sondern nähert sich der individuellen Verarbeitung dieser Zeitläufte. Damit erzählt sie keine italienische Geschichte mehr, sondern eine universelle. Ihr Spiegelkanon wäre ein Meisterwerk, wenn sie nicht im achtzehnten der 23 Kapitel unvermittelt vor dem Stoff kapitulierte. Auf hundert Seiten stellt sie Profetis Weg nach Äthiopien, seinen Parteibeitritt und die Greuel italienischer Kolonialpolitik dar, verzichtet jäh auf die persönliche Bewältigung und schreibt letztlich einen historischen Roman. Dieser ist solide, lehrreich, nicht so packend wie Ennio Flaianos "Alles hat seine Zeit", nicht so eindrucksprall wie Umberto Ecos "Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana". Er gleitet ganz leicht zurück in Schablonen von Opfern und Tätern, gegen die Melandri bisher so überzeugend angeschrieben hat, ohne dabei je der aktuellen italienischen Politik das Wort zu reden.

Die beiden ersten Romane Melandris wurden von Bruno Genzler übersetzt, dieser von Esther Hansen. Leider. Als Hauptsätze gestaltete Relativsätze sowie ein fragwürdiger Gebrauch von Präpositionen ("versammelt um die Kaffeezeremonie") und Personalpronomen nehmen dem Text häufig Klarheit und Eleganz. Genzler wusste weit stärker zu überzeugen.

CHRISTIANE PÖHLMANN

Francesca Melandri: "Alle, außer mir". Roman.

Aus dem Italienischen von Esther Hansen. Wagenbach Verlag, Berlin 2018. 608 S., geb., 26,- [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Nachdem er ihren neuen Roman gelesen hat, glaubt Paul Jandl, in Francesca Melandri eine neue Elena Ferrante entdeckt zu haben: "Alle, außer mir" handelt von der italienischen Lehrerin Ilaria Profeti, die vor ihrer Haustür von einem ihr bis dato unbekannten Neffen überrascht wird. Er ist ein geflüchteter Äthiopier, weshalb Ilaria sich gezwungen sieht, sich mit der faschistischen Vergangenheit ihres Vaters auseinanderzusetzen, der 1935 für Mussolini in Afrika tätig war. Darüber hinaus muss sie sich nun umso dringender eine Meinung über die derzeitige Flüchtlingspolitik Italiens bilden, fasst Jandl zusammen. In seinen Augen hat der Roman nicht nur genaue historisch-politische Analysen zu bieten, sondern auch eine "gut ausgedachte" und anschauliche Geschichte. Beides verknüpft sich laut Jandl zu einem brandaktuellen Sittenbild, das der Rezensent als äußerst wertvolle Lektüre empfunden hat.

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