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Der Ein-Gott Glaube wird gefährlich, wenn Schriftbesitzer sich als Wahrheitsbesitzer aufspielen. Nordhofen unterscheidet diese toxischen Auswüchse des Monotheismus vom ursprünglichen biblischen "Monotheismus der Vorenthaltung". Dieser entwickelt eine überraschend aktuelle anarchische Kraft für unsere Zeit. Das Buch rekonstruiert die Geschichte der Gottesmedien Bild und Schrift bis zum entscheidenden Medienwechsel, den Jesus vollzieht: Der Mensch selbst kann sich zum Gottesmedium machen. Höhepunkt dieser Analyse ist die Entdeckung eines kapitalen Übersetzungsfehlers ausgerechnet im Vaterunser.…mehr

Produktbeschreibung
Der Ein-Gott Glaube wird gefährlich, wenn Schriftbesitzer sich als Wahrheitsbesitzer aufspielen. Nordhofen unterscheidet diese toxischen Auswüchse des Monotheismus vom ursprünglichen biblischen "Monotheismus der Vorenthaltung". Dieser entwickelt eine überraschend aktuelle anarchische Kraft für unsere Zeit. Das Buch rekonstruiert die Geschichte der Gottesmedien Bild und Schrift bis zum entscheidenden Medienwechsel, den Jesus vollzieht: Der Mensch selbst kann sich zum Gottesmedium machen. Höhepunkt dieser Analyse ist die Entdeckung eines kapitalen Übersetzungsfehlers ausgerechnet im Vaterunser. Die richtige Übersetzung erweist die aktuelle Debatte um "führe uns nicht in Versuchung" als Scheinproblem. Eine intellektuelle Entdeckungsreise und großes Lesevergnügen für kritische Denker. Mit sieben vierfarbigen Bildtafeln.
  • Produktdetails
  • Verlag: Herder, Freiburg
  • Seitenzahl: 336
  • Erscheinungstermin: 19. Februar 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 233mm x 154mm x 32mm
  • Gewicht: 658g
  • ISBN-13: 9783451381461
  • ISBN-10: 345138146X
  • Artikelnr.: 49750834
Autorenporträt
Nordhofen, Eckhard
Eckhard Nordhofen, Dr. phil., geb. 1945, Publizist, Autor, lehrte als Honorarprofessor für theologische Ästhetik und Bildtheologie an der Universität Gießen; war Leiter der Zentralstelle Bildung für die Deutsche Bischofskonferenz und Bildungsdezernent im Bistum Limburg, lebt im Main-Kinzig-Kreis.
Rezensionen
Besprechung von 23.05.2018
Ist es doch alles Lüge, was die Schreiber aus dem Gesetz des Herrn machen
Die Schrift verdrängte die Bilder: Eckard Nordhofen denkt auf anregende und originelle Weise über die Medien des biblischen Gottes nach

Im Mittelpunkt von Eckhard Nordhofens packender und zupackender Mediengeschichte Gottes steht eine Entdeckung, die schon auf Hieronymus zurückgeht: das "tägliche Brot" der vierten Bitte des Vaterunsers beruht auf einem Übersetzungsfehler. Das griechische Wort "epiousion" kommt nur hier vor, ist also eine Neuschöpfung und kann unmöglich etwas so Alltägliches wie "täglich" bedeuten. Hieronymus übersetzt "supersubstantialem", was Nordhofen als "überwesentlich" wiedergibt. Die aramäische Übersetzung mahar "morgig" ist aus smeron "heute" erschlossen: heute schon gib uns das morgige Brot, das heißt das Brot des ewigen Lebens, das wir im Abendmahl essen. So verstanden, schließt sich die Bitte nahtlos an "Dein Reich komme" an.

Nordhofen gelingt es, alle sieben Bitten in einer Abwärtsbewegung vom Himmel zur Erde sinnvoll zu verknüpfen. In diesem Brot, das uns im Abendmahl einen Vorgeschmack des ewigen Lebens gibt, kulminiert Nordhofens Mediengeschichte, die vom Bild zur Schrift, von der Schrift zu Jesus, in dem "das Wort Fleisch wird", und zum Brot führt, das im Gedächtnismahl Christi Leib wird. Diese drei Stufen entsprechen den drei Religionen, die Nordhofen in der christlichen Bibel enthalten sieht: 1. die archaische, kanaanäische (Bild), die auch die hebräische des Ersten Tempels war, 2. die im Exil entstandene Religion des Zweiten Tempels (Schrift) und 3. das Christentum (Leib). Dabei ist die Gleichsetzung der vorexilischen Religion Israels mit der kanaanäischen Religion ebenso überzeugend wie unselbstverständlich. Vieles, besonders die Invektiven der frühen Propheten gegen die "ehebrecherische" Kultpraxis des Hofes wird dadurch klar. Die im Exil sich herausbildende Religion des Zweiten Tempels ist keine Reformation der Alten, sondern "etwas Neues und nie Dagewesenes" in der Religionsgeschichte.

Nun hat aber E. Nordhofen sein Buch nicht "Media", sondern "Corpora" genannt. Das geht noch einen Schritt weiter: Gott teilt sich nicht nur mit, er verkörpert sich in Bild, Schrift und Fleisch. Dabei streicht Nordhofen das Wort "Bild" gleich durch. Was sich hier verkörpert (und in der Tat gelten die Kultbilder in Ägypten und anderswo als Körper und nicht als Bild eines Körpers), sind "falsche", selbstgemachte Götter. Nordhofen stellt sich hier ganz auf die Seite der biblischen Bildpolemik, die freilich am Geist des Bildkults vollkommen vorbeigeht. Hier muss der Religionswissenschaftler widersprechen. Es gab nie "falsche" Götter, die nichts als "Wunschprojektionen", "funktionalistische Konstrukte" sind. Alle Kulte, ob Bild, Schrift oder Leib, beruhen und antworten auf Erfahrungen göttlicher Weltzuwendung.

Im Übergang von der verworfenen Bildverkörperung zur wahren Schriftverkörperung sieht Nordhofen die entscheidende Wende vom Poly- zum Monotheismus. Die Schrift verdrängt und ersetzt die Bilder. Anders als die Bilder wird die Schrift Gott darin gerecht, dass sie ihn zugleich anwesend und abwesend macht. Sie ist ein Medium der Differenz und der "Vorenthaltung": ein Zentralbegriff der nordhofenschen Analyse. Der neue Gott JHWH ist "der einzige Gott, der nicht das Produkt menschlicher Imagination war".

Bei Nordhofen verdrängt die Schrift als neuer Körper Gottes das Kultbild. Damit entstehen aber neue Probleme wie die Vergötzung der Schrift ("Grapholatrie") oder der Wahn, in der Schrift die Wahrheit schwarz auf weiß zu besitzen. Dagegen warnt schon Jeremias' Schriftkritik: "Wie könnt ihr sagen: ,Wir sind weise und haben das Gesetz des Herrn bei uns'? Ist's doch lauter Lüge, was die Schreiber daraus machen." (8.8) Gegen die fundamentalistischen "Wahrheitsbesitzer" hat Nordhofen mit seinem Ideal der "Vorenthaltung" angeschrieben.

Heilige Texte kennen alle Religionen. Hier aber kommt etwas Entscheidendes dazu: Auslegung. Diese Texte wollen verstanden, beherzigt und in Lebenspraxis umgesetzt werden. Im Judentum gehört zur schriftlichen die mündliche Tora. Als Esra um 450 v. Chr. die Tora vor versammeltem Volk verlesen lässt, begleiten die Leviten jeden Vers mit ihrem Kommentar. Die Schrift ist das Gesetz des Gottesbundes und bezieht aus dem Bundesgedanken ihre lebensformende Autorität. Nordhofen sieht darin nur eine Variante des "heidnischen" Tauschgedankens und eigentlich "nichts Besonderes", ein "funktionalistisches Konstrukt". Auch in diesem Punkt möchte der Religionswissenschaftler widersprechen. Diese Deutung übersieht die Verbindung von Gesetz und Befreiung. Die neue Religion, die das ganze neue Leben auf Bund und Gesetz gründet, stiftet eine bis dahin ungekannte Autonomie. Unter welchen Gesetzen auch immer die Gläubigen leben: Der Bund mit Gott macht sie frei, indem er ihnen eine andere, überweltliche Bindung und Beheimatung erschließt. Das ist, was Religion seitdem für den größten Teil der Menschheit bedeutet.

Im dritten Schritt sieht Nordhofen "die stärkste Aussage für einen Wechsel, genauer, die Überbietung des alten Gottesmediums. Der Mensch selbst löst die Schrift als Gottesmedium ab". Mit Jesus Christus, in dem "das Wort Fleisch wurde", öffnet sich allen, die an ihn glauben, die Chance, zum Medium Gottes zu werden. Die Wahrheit des Reiches Gottes, das nicht von dieser Welt, aber in Jesus Christus gleichwohl gegenwärtig ist, kann nie besessen, sondern nur bezeugt werden, bis zur Hingabe des Körpers. Jesus, der dafür in die Welt gekommen ist (Joh 18,37), bezieht seine Vollmacht aus diesem Auftrag und nie, wie die anderen Torahlehrer, aus der Schrift (wie vor allem Günther Bornkamm in seinem Klassiker "Jesus von Nazareth" betont hat). Der dritte Medienwechsel setzt ganz auf den Geist statt auf den Buchstaben (2 Kor 3,6). Mit dieser teilweisen Zurücksetzung der Schrift können im Christentum die Bilder wieder zum Zuge kommen.

Die damit verbundenen theologischen Kämpfe hat der unvergessene Jerusalemer Kunsthistoriker Moshe Barasch wie kein anderer aus den Quellen rekonstruiert; seinen Namen muss man hier unbedingt neben die von Nordhofen zu Recht zitierten Hans Belting und Gottfried Böhm muss.

Mit "Corpora" ist Eckhard Nordhofen ein hoch originelles, überreiches, farbiges Buch gelungen: Mutig, parteiisch, aber gerade darum so lebendig, bei aller Gelehrsamkeit unakademisch, heutig - und untheologisch bei allem theologischen Engagement.

JAN ASSMANN

Eckhard Nordhofen: "Corpora". Die anarchische Kraft des Monotheismus.

Herder Verlag, Freiburg 2018. 336 S., geb., 34,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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