Texte / Aufzeichnungen. Der Frankfurter Nachlass Bd.1, Tl.1 - Heinse, Wilhelm Heinse, Wilhelm
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Wilhelm Heinse (1746 - 1803) gilt zu Recht als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller und Kunsttheoretiker des 18. Jahrhunderts. Die erste vollständige Edition seiner in Frankfurt aufbewahrten Nachlasshefte erscheint nun in fünf Bänden. Mit ihren literarischen, kunsthistorischen, archäologischen, philosophischen und naturwissenschaftlichen Notizen gewährt sie nicht nur einen breitgefächerten Einblick in die Kunstgeschichte der damaligen Zeit, sondern zeigt zugleich einen großen Sprachmagier am Werk. Band 1 umfasst die Aufzeichnungen der Jahre 1768 bis 1783, das heißt von…mehr

Produktbeschreibung
Wilhelm Heinse (1746 - 1803) gilt zu Recht als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller und Kunsttheoretiker des 18. Jahrhunderts.
Die erste vollständige Edition seiner in Frankfurt aufbewahrten Nachlasshefte erscheint nun in fünf Bänden. Mit ihren literarischen, kunsthistorischen, archäologischen, philosophischen und naturwissenschaftlichen Notizen gewährt sie nicht nur einen breitgefächerten Einblick in die Kunstgeschichte der damaligen Zeit, sondern zeigt zugleich einen großen Sprachmagier am Werk.
Band 1 umfasst die Aufzeichnungen der Jahre 1768 bis 1783, das heißt von Heinses Anfängen in Erfurt, Halberstadt und Düsseldorf über seine Reise nach Italien bis zu seinem zweiten Düsseldorfer Aufenthalt.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Seitenzahl: 1408
  • Deutsch
  • Abmessung: 200mm
  • Gewicht: 702g
  • ISBN-13: 9783446203976
  • ISBN-10: 3446203974
  • Artikelnr.: 11822401
Autorenporträt
Heinse, Wilhelm§Wilhelm Heinse, 1746 in Langewiesen geboren, studierte zunächst in Jena und später in Erfurt. Er reiste viel und hatte engen Kontakt zu weiteren bedeutenden Schriftstellern wie Klinger. Er starb 1803 in Aschaffenburg.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 04.11.2003

Glaubt nicht, was ihr lest
Wilhelm Heinses grandiose Notate / Von Andreas Platthaus

Noch nach dem Tod nahm er in Kauf, daß seine kompromißlose Neugier den Kritikern in die Hände spielen würde. Als Wilhelm Heinse am 22. Juni 1803 in Aschaffenburg starb, hatte er seinem Freund und Erben, dem Frankfurter Anatomen Samuel Thomas Sömmerring die Erlaubnis gegeben, seinen Schädel nach einigen Jahren zwecks Forschung zu exhumieren. So geschah es, und als Heinses größter Bewunderer, der bayerische König Ludwig I., einige Jahre darauf seine Gebeine in ein würdigeres Grab umbetten ließ, hätten seine Gegner bestätigt sehen können, was sie schon immer vermutet hatten: Bitte! Ohne Kopf!

Denn Heinse war verschrieen dafür, nur auf sein Herz zu hören, und galt deshalb in Literatenkreisen als Getriebener, Schwärmer, Lüstling, jedenfalls als niemand, den man auf dem Höhepunkt der deutschen Klassik im Dichterolymp hätte dulden mögen. Wie gut, daß seine Anmerkungen zu Sömmerrings Hirnforschungen, die er dem Anatomen 1799 zugesandt hatte, nicht auch noch die Runde machten: Darin nahm Heinse in wenigen Worten den Grundgedanken von Darwins Evolutionstheorie vorweg, entwickelte aber auch eine Theorie, die den Reifungsprozeß des menschlichen Körpers an der fortschreitenden Austrocknung des Gehirns festmachen wollte. Sömmerring lobt in einer Notiz, die sich auf dem Titelblatt des Heftes, in dem Heinse seine Gedanken formuliert hatte, "die ingeniose Vermuthung" des Freundes, führt als Beweis dafür aber dann den Obduktionsbericht von Heinses Leiche an: "Die ganze Hirnmasse und die Substanz der Sinnesnerven zwar voluminös, aber weich und leicht zerreisslich." Aufmerksam kann Sömmerring die Ausführungen Heinses nicht gelesen haben, sonst könnte die Notiz nur als bittere Ironie verstanden werden. Hatte Heinse doch die mangelnde Reife der Nordeuropäer beklagt: "Man sollte diese Wassermelonen, besonders wenn sie bestimmt sind, einmal Land und Leute zu regieren, wenigstens über die Alpen schicken, und in Neapel, Palermo und Malta etwas austrocknen lassen."

Heinse selbst hatte sein Gehirn bereits verdunsten lassen: In den Jahren 1780 bis 1783 reiste er nach Italien. Es war der Wendepunkt seines Lebens, von dem er in den ihm verbliebenen zwanzig Jahren zehren sollte. Dort entstanden die Vorarbeiten zu jenem Roman, der ihn berühmt machen sollte: "Ardinghello und die glückseeligen Inseln", 1787 erschienen und dem Geist der Zeit gemäß zugleich ästhetischer Traktat und politische Utopie. Das Buch wurde ein immenser Verkaufserfolg, fand indes in Gelehrtenkreisen keinen Beifall. In Italien entstanden auch zwei Übersetzungen, die Heinse halfen, seinen Aufenthalt im Süden zu finanzieren: Torquato Tassos "Befreytes Jerusalem" und Ariosts "Roland". Auch sie brachten einiges Geld ein und brüskierten die Dichterkonkurrenz. Goethe giftete noch sehr viel später in den "Xenien" über Heinses Fassung des "Rolando furioso": "Wohl, Ariosto, bist du ein wahrhaft unsterblicher Dichter, denn da du hier nicht starbst, stirbst du, göttlicher, nie."

Vor allem aber fertigte Heinse auf seiner Italien-Reise, die gekrönt war von einem mehr als einjährigen Rom-Aufenthalt, zahlreiche Aufzeichnungen an. Vieles daraus floß in den "Ardinghello" ein. Doch das gesamte Konvolut, das aus dem Nachlaß an Sömmerring und von dort in die Frankfurter Universitätsbibliothek ging, wurde erst im frühen zwanzigsten Jahrhundert ausgewertet. Damals erschienen im Rahmen der Heinse-Gesamtausgabe drei Bände mit Notaten, die allerdings in chronologische Ordnung gebracht worden waren, was den inneren Zusammenhang der Hefte zerstörte, denn Heinse führte einzelne der Notizbücher über Jahre hinweg. Zudem beschränkte sich die Auswahl auf eindeutig Heinse zuzuordnende Texte, so daß die Fülle an Exzerpten, die der Reisende anfertigte, unberücksichtigt blieb, obwohl auch sie durchsetzt sind mit persönlichen Bemerkungen, die die Gedanken der Bücher fortsetzen - häufig genug gegen die Intentionen der Verfasser. Heinse blieb einem Grundsatz treu, den er in ein spätes Heft notierte: "Die beste Art zu lesen ist, wenn man von alle dem, was man liest, nichts glaubt."

Heinse galt allein die unmittelbare Anschauung als Grundlage der Erfahrung. Trotzdem las er wie ein Wilder, klaute auch reichlich, um mit fremden Formulierungen die eigenen Reiseschilderungen aufzubessern. Insofern war er ein Kind seiner Zeit, auch wenn er die Winckelmannsche Antikenbegeisterung aufsog wie ein Schwamm. Heinse betrieb seine Studien jedoch mit anderen Mitteln. Seine Aufzeichnungen zu Ländern, Künsten, Menschen übertreffen die Winckelmannschen bei weitem an Lebendigkeit und vor allem an Provokation. Bisweilen schreibt Heinse explizit gegen seinen großen Vorgänger an, doch diese Erörterungen angesichts der Meisterwerke der antiken Bildhauerkunst oder vor den Gemälden des Cinque- und Seicento haben die Wahrnehmung Heinses als Theoretiker in jüngster Zeit eher verdüstert. Als seine 1776/77 publizierte fiktive Briefserie "Über einige Gemälde der Düsseldorfer Galerie" vor acht Jahren von der "Bibliothek Deutscher Klassiker" in den Band "Frühklassizismus" aufgenommen wurde, stand sie dort als Gegenposition zu Winckelmann und Mengs. Daß Heinse - durchaus auch in dieser frühen Schrift, die er als Dreißigjähriger verfaßte - eine eigene Ästhetik entwickelt, die etwa in der Analyse des Erhabenen und (obwohl der Begriff selbst bei ihm kaum eine Rolle spielt) der zentralen Kategorie des Scheins zum Besten gehört, was diese Aufbruchsjahre der deutschen Philosophie hervorgebracht haben, spielt in der umfassenden Kommentierung des "Klassiker"-Bandes keine Rolle. Weiterhin wird das überkommene Bild des ungebärdigen, respektlosen Heinse beschworen.

Das muß und wird sich nun ändern, denn zum zweihundertsten Todestag ist nicht nur ein schöner, materialreicher Begleitband zu einer Ausstellung, die sich Heinse und seinen Büchern widmet (er war von 1787 an Bibliothekar des Mainzer Kurfürstbischofs), erschienen, sondern es ist auch ein Unternehmen auf den Weg gebracht worden, das in fünf Bänden buchstabengetreu das gewaltige Konvolut des Frankfurter Nachlasses dokumentieren soll. Die ersten beiden Bände sind nun erschienen; sie enthalten die Texte aus den von 1768 bis 1803 geführten Notizheften, sofern sie sich erhalten haben. Im nächsten Jahr sollen die Kommentarbände publiziert werden, die vieles erst erklären werden, was sich bei Lektüre der Notate dem Verständnis noch entzieht. Doch die nun edierten Aufzeichnungen sind auch ohne Hilfestellung reich genug an Anregungen.

Plötzlich erhebt sich ein Gigant, nicht nur der Ästhetik, sondern auch der Selbstbeschreibung, aus den Archiven. Was Heinse zum Vorwurf gemacht wurde, seine unbedingte Subjektivität, erweist sich als besondere Stärke seiner Notizen. Die nach Abschluß der Reise publizierte Schilderung des Rheinfalls bei Schaffhausen etwa ist nun in den verschiedenen Stadien der Komposition nachvollziehbar, und das pantheistische Credo, das Heinse darin entfaltet, hat in der deutschen Literatur nicht seinesgleichen: "Alle Tiziane, Rubense und Vernets müssen vor der Natur zu kleinen Kindern und lächerlichen Affen werden. O Gott welche Musik, welches Donnerbrausen, welch ein Sturm durch mein Wesen! heilig, heilig, heilig! brüllt es in Mark und Gebein, kommt, und laßt euch die Natur eine andre Oper vorstellen, mit andrer Architektur, und andrere Feynmahlerey, und andrer Harmonie und Melodie, als die von jämmerlicher Verschneidung mit einem winzigen Messer euch entzückt. Es ist mir, als ob ich in der geheimsten Werkstatt der Schöpfung mich befände . . ."

Dieser synästhetische Entwurf einer Ästhetik der Natürlichkeit ist Leitlinie für die späteren Romane, für "Ardinghello" wie für "Hildegard von Hohenthal" (1795/96), und mit Abstrichen auch noch für das kurz vor dem Tod erschienene Buch "Anastasia", das eine in Romanform gekleidete Analyse des Schachspiels bietet. Heinse kannte keine Trennungen des Disziplinen im Leben, er ist ein Systematiker ohne System - doch aus seinen ästhetischen Texten läßt sich erkennen, was für ihn die Welt im Inneren zusammenhält. Es ist die Schönheit der Natur, ihr Schein, der Wahrheit erst erzeugt. "Es bleibt dabey", schreibt er im angeblich 1783 in Mantua verfaßten Brief an Friedrich Jacobi, der allerdings erst 1786 im "Deutschen Museum" publiziert und gewiß extra dafür verfaßt worden ist, "Kunst, wenn sie gut seyn soll, muß die Natur um sich nachahmen, sonst kann sie platterdings nicht täuschen, und nichts neues wahres hervorbringen." Dieses "neue Wahre" ist eine unerhörte Vorstellung, weil sie die Ewigkeit des Wahren zwar anerkennt, aber es nicht durch Erkenntnis, sondern eben durch Täuschung, durch den Schein der Kunst auftreten läßt. In einem 1791 notierten Gedanken wird diese Überlegung auf die Spitze getrieben: "Was ist Wahrheit? Uebereinstimmung des Gefühls, und Gedankens mit der Wirklichkeit. Die Beantwortung der Frage kömt also bloß darauf an, ob Wahrheit oder Täuschung in jedem vorliegenden Fall vollkommner und glücklicher mache." Wahrheit wird zur Frage subjektiven Wohlbefindens, zum ästhetischen Phänomen.

In seinen über Jahrzehnte immer wieder bestimmte Fragen umkreisenden Notaten kann man einem großen Geist beim Verfertigen seiner Gedanken zusehen. Heinses Schädel mag 1945 einem Bombenangriff auf das Frankfurter Senckenberg-Museum zum Opfer gefallen sein; dessen Inhalt können wir jetzt in einer Vollständigkeit rekonstruieren, die wir nie zu erhoffen wagten.

Wilhelm Heinse: "Die Aufzeichnungen". Frankfurter Nachlaß. Hrsg. von Markus Bernauer u. a. Band I: "Aufzeichnungen 1768-1783". Texte. 1408 S., Abb. Band II: "Aufzeichnungen 1784-1803". Texte. 1488 S., Abb. Beide Hanser Verlag, München 2003, jeweils geb., 68,- [Euro].

"Wilhelm Heinse und seine Bibliotheken". Hrsg. von Gernot Frankenhäuser, Johannes Hilgart und Thomas Hilsheimer. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. 296 S., Abb., geb., 29,80 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Wilhelm Heinse gehört eigentlich in den engeren Kreis der Italien-Reisenden, und seine Beschreibungen von Landschaften, Skulpturen und Gemälden, seine kunstheoretischen und philosophischen Erörterungen hätten das Zeug dazu gehabt, meint Rainer Wuthenow, die klassischen Italien-Bilder Goethes zu ergänzen oder zu korrigieren. Doch Heinses Aufzeichnungen blieben bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts unveröffentlicht, damals erschien eine Auswahl aus den Studienheften. Der Plan einer kompletten Edierung des Nachlasses hat sich auch diesmal zerschlagen, berichtet Wuthenow, aber die Studienhefte seien nun mühselig entziffert und erfasst worden. Beim Lesen zeige sich schnell, dass es sich nicht um Tagebücher, sondern um Materialhefte handele, die Heinse weniger als Aphoristiker denn als "genialen Fragmentisten" zeigten. Für Wuthenow ist Heinse ein großer Autor der kleinen Form, der sich zwar als Antipode von Winckelmanns Klassikvorstellungen verstand, dennoch keinen richtigen Kunstkritiker abgab, sondern dafür Gemäldebeschreibungen ablieferte, wie sie "keiner zustande gebracht" hat. Die Lektüre von Heinses Schriften erfolgt nicht ohne Mühe, gesteht Wuthenow - Heinse benutzt alleine sechs Sprachen - , doch seien seine Kunstgespräche auf einem Niveau, das "ihm noch neiden muss, wer anderer Ansicht ist".

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"Der Schatz war nicht mehr zu entdecken, es galt nur, ihn zu heben. Das ist nun geschehen - und besser, als es zu hoffen war." Rainer Wuthenow, Die Zeit, 19.05.04