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Fredy Gareis hat sich einiges vorgenommen: eine Reise von Tel Aviv nach Berlin, mit einem alten Stahlrad, ohne jedes Training. 5000 Kilometer, die ihn durch Länder wie Jordanien, Libanon, Albanien und Kosovo führen. Auf seiner Fahrt durch blühende und vernarbte Landschaften sammelt er die Geschichten der Bewohner mit über vierzig Konfessionen ein - manchmal lachend, manchmal verzweifelnd, immer mit Gespür für politische und geschichtliche Hintergründe. Er trifft auf Saddam, den Obsthändler, und auf alte UCK-Kämpfer. Auf Menschen, die von Deutschland träumen, und auf Priester, die ihn mit Raki…mehr

Produktbeschreibung
Fredy Gareis hat sich einiges vorgenommen: eine Reise von Tel Aviv nach Berlin, mit einem alten Stahlrad, ohne jedes Training. 5000 Kilometer, die ihn durch Länder wie Jordanien, Libanon, Albanien und Kosovo führen. Auf seiner Fahrt durch blühende und vernarbte Landschaften sammelt er die Geschichten der Bewohner mit über vierzig Konfessionen ein - manchmal lachend, manchmal verzweifelnd, immer mit Gespür für politische und geschichtliche Hintergründe. Er trifft auf Saddam, den Obsthändler, und auf alte UCK-Kämpfer. Auf Menschen, die von Deutschland träumen, und auf Priester, die ihn mit Raki abfüllen. Er muss mit Überfällen und Nahtoderlebnissen klarkommen. Und wird schließlich zum philosophierenden Radnomaden und Asphaltcowboy.
  • Produktdetails
  • Verlag: Malik
  • Seitenzahl: 285
  • Erscheinungstermin: 9. Mai 2014
  • Deutsch
  • Abmessung: 220mm x 141mm x 29mm
  • Gewicht: 524g
  • ISBN-13: 9783890294384
  • ISBN-10: 3890294383
  • Artikelnr.: 40003326
Autorenporträt
Fredy Gareis, geb. 1975 in Alma-Ata, Kasachstan, arbeitet seit 2007 als freier Journalist. Für eine Undercover-Reportage für den Stern recherchierte er fünf Monate lang verdeckt bei Scientology. Früh begann er durch die Welt zu reisen, etwa nach Sibirien, wo er seiner Familiengeschichte bis an den Himbeersee folgte. 2010-12 berichtete er als freier Korrespondent aus Israel und dem Nahen Osten u.a. für Der Tagesspiegel, Die Zeit und Deutschlandradio.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Ein außergewöhnliches Buch, jubelt Rezensent Stefan Fischer nach der Lektüre von Fredy Gareis' Reisebuch "Tel Aviv - Berlin". Er begleitet hier den Journalisten bei seiner 124-tägigen Fahrrad-Reise von Tel Aviv in seine Heimatstadt Berlin und zeigt sich ebenso überrascht wie begeistert, dass Gareis im Vergleich zu jenen, die von der vertrauten Heimat aus starten, eine ganz andere Perspektive gewinnt. Insbesondere lobt der Kritiker dieses Buch allerdings als "anschauliches" Bild vom Zustand in Europa und Nahost. Er folgt Gareis' ganz verzauberten Ausführungen über Athen ebenso gebannt wie seinen exotischen Beschreibungen von Jordanien, Ägypten, dem Libanon und der türkischen Provinz. Interessiert liest der Rezensent auch, wie ernüchtert der Journalist die Zustände in Albanien, Bosnien, Herzegowina, Serbien und dem Kosovo beschreibt. Besonders gefallen Fischer die Schilderungen aus Palästina, in denen Gareis ganz auf den aktuellen "Erregungsjournalismus" verzichtet.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 07.10.2014
Der ganz
nahe Osten
Geschichte einer Heimkehr: Fredy Gareis
radelt von Tel Aviv nach Berlin
VON STEFAN FISCHER
Ob ihn in diesem Moment jemand beobachtet hat, darüber schreibt Fredy Gareis nichts. Er jedenfalls hätte sein stilles Vergnügen daran gehabt, Zeuge dieser Szene zu werden und sie zu beschreiben als eine weitere Kuriosität auf seiner abenteuerlichen Reise, die nun gleich zu Ende sein würde. Und er hätte, wäre er auf diesen merkwürdigen Typen am Straßenrand zugegangen, einmal mehr eindrücklich erfahren, dass man die Menschen nicht nach dem ersten Eindruck beurteilen kann. Da hält Fredy Gareis also mit seinem Fahrrad in Grünau an der Stadtgrenze von Berlin, es regnet, Gareis schüttelt eine Flasche Sekt, die zuvor auf dem Rad wahrscheinlich ohnehin kräftig durchgeschaukelt worden war, köpft sie, lässt den Schaum in die Höhe schießen und auf sich niederrieseln.
  Eine Albernheit, wie Gareis sich immer wieder eine erlaubt, aber das tut seiner grundlegenden Ernsthaftigkeit keinen Abbruch. Was sich im Übrigen in seinem Sprachstil spiegelt, der oft flapsig ist, aber immer auch dem Gegenstand angemessen. Gareis nennt diesen Sekt-Moment eine „Jubeldusche“, sich selbst zu Ehren. Weil er nach mehr als 5000 Kilometern mit einem Rad und mit einem Körper, die dafür gleichermaßen untauglich erschienen, doch angekommen ist: in Berlin. 124 Tage zuvor, im Januar 2013, war der Autor, Jahrgang 1975, in Tel Aviv gestartet. Schon das macht seinen Bericht ungewöhnlich. Weil beinahe alle Menschen, die eine längere Reise unternehmen, von zu Hause aufbrechen. Sich also vom Gewohnten, vom Vertrauten immer weiter entfernen und – sich langsam vorantastend – ganz allmählich in der Fremde ankommen.
  Die den umgekehrten Weg wählen, sind selten: Neben Gareis ist Christoph Rehage einer dieser Sonderlinge, der sich vor ein paar Jahren in Peking aufgemacht hatte, um nach Hause zu laufen. Das hat er an einem Stück (naturgemäß, möchte man sagen) nicht geschafft, wobei sein Projekt durch diese Unterbrechung noch nicht abgeblasen ist. Über den ersten Teil seiner Wanderung hat Rehage „The Longest Way“ veröffentlicht, zwei bemerkenswerte Bücher gleichen Titels, einen Text- und einen Bildband. Das Fotobuch ist 2012 mit dem Buchpreis der Internationalen Tourismus-Börse prämiert worden.
  Die Perspektive auf das, was man erlebt und beobachtet, ist eine gänzlich andere, wenn man wie Rehage und Gareis diese Richtung einschlägt: weg von dem, was man sich erst jüngst zumindest in Ansätzen erschlossen hat, weiter durch vollkommen unbekanntes Terrain, bis man irgendwann wieder auf das Bekannte stößt, auf die Dinge, mit denen man aufgewachsen ist, die man aber jetzt mit anderen Augen sieht. Zumeist hat sich die Heimat nicht sonderlich verändert, die eigene Perspektive darauf hingegen gravierend.
  Bei Fredy Gareis ist allerdings noch schwieriger als bei Rehage die Frage zu beantworten, was das für ihn eigentlich ist: Heimat oder Zuhause – wenn einer längere Zeit in der Ferne gelebt hat und ihm Deutschland darüber ein wenig fremd geworden ist. Denn der Journalist ist sein Leben lang unentwegt umgezogen; dreißigmal, wenn er sich denn nicht verrechnet hat. „Für jemanden mit so vielen Schlüsseln ist Heimat ein merkwürdiges Konzept“, notiert Fredy Gareis in „Tel Aviv – Berlin. Geschichten von tausendundeiner Straße“, da ist er gerade im serbisch-ungarischen Grenzland unterwegs.
  Vier Ländergrenzen später bekommt er eine mögliche Antwort, als er in Görlitz in einer Wirtschaft erstmals seit Monaten wieder versteht, was die Menschen um ihn herum miteinander reden, und die Gespräche der Einheimischen nicht nur „ein kunstvoll verwobener Klangteppich“ sind wie auf all den Stationen seiner Reise zuvor. Es scheint beinahe so zu sein, dass die Entscheidung, ob man dazugehören möchte, einfacher zu treffen ist, wenn man nicht alles versteht. Die vier Seniorinnen am Nachbartisch unterhalten sich über Stöckelschuhe und die Schmerzen, wenn man in solchen läuft. „Musst halt mal ein Ibuprofen nehmen“, protokolliert Gareis. Die Damen sind der riesigen Schnitzel wegen hier. „Das ist das beste Preis-Leistungs-Verhältnis in der Stadt“, bescheinigen sie der Bedienung beim Auftragen und sagen beim Abräumen: „Zu viel war’s. Jetzt muss ich erst mal eine Tablette nehmen.“ Am Abend ist das Champions-League-Finale zwischen Bayern München und Borussia Dortmund: „Es gewinnt auf jeden Fall Deutschland“, sagt eine der Frauen. „Ja, das ist super“, pflichten die anderen bei.
  Fredy Gareis urteilt nicht, das ist ihm zu billig; denn dafür kennt er diese und all die anderen Menschen, denen er über den Weg läuft, viel zu wenig. Er beobachtet. Und er nimmt die Menschen sowie ihre Sehnsüchte, Sorgen und Selbstgewissheiten ohnehin grundsätzlich ernst. Man setzt sie als Leser sowieso in Beziehung zueinander, die vielen Momentaufnahmen dieser Reise, manchmal zu Recht, manchmal zu Unrecht. Weshalb der eine Mensch womöglich auch beeindruckender erscheint, als er ist, weil einem daneben ein anderer lächerlich vorkommt. Sie alle suchen nur nach ihrem Glück und ihrem Vorteil, wogegen wenig zu sagen ist. Und wenn beides in einem großen Stück Fleisch liegt, von dessen Verzehr man sich den Magen verrenkt – geschenkt. Zusammen ergeben die Begegnungen ein anschauliches Bild vom Zustand in Nahost und Europa, jedenfalls von dessen südöstlichem Teil. Denn Gareis hat ein ganz gutes Sensorium für die Befindlichkeiten der Menschen.
  Irritiert ist Fredy Gareis davon, dass die emotionale Annäherung an Deutschland keineswegs linear verläuft, dass nicht mit jedem Kilometer das Terrain vertrauter wird. In Athen hatte der entwöhnte Gareis sich verliebt: in die Stadt selbst, diesen Moloch in der Krise. Weil Gareis seine Ankunft dort als eine Heimkehr empfunden hat. „Plätze! Cafés! Bars!“, schwärmt er: Der Begriff „europäisches Großstadtleben“ gewinne eine neue Qualität, wenn man länger weg gewesen sei. Er fühle sich, schreibt Gareis, als würde er vom Dunkeln ins Helle kommen; das läge vor allem an: den Frauen. „Die vorher im Nahen Osten oft Unsichtbaren sind wieder da.“
  Das eigentlich Fremde liegt für Gareis nicht am Ausgangspunkt seiner Reise, in Israel. Denn dort hat er gelebt und gearbeitet; und das Land ist das mit Abstand europäischste im Nahen Osten. Er hat es in seinen Artikeln für deutsche Medien versucht zu erklären. Exotisch wurde es für ihn in Jordanien, in Ägypten, Libanon und in der türkischen Provinz. Dann endlich: Europa. Und aber gleich darauf diese Ernüchterung.
  Als hätte er es doch wie alle anderen gemacht, als „würde ich mich von Deutschland entfernen, statt mich ihm zu nähern“. Nach „diesem warmen Gefühl in Griechenland“ fühlt Gareis sich in Albanien „sehr, sehr weit weg“, und diese Empfindung wird ihn eine ganze Weile begleiten. Albanien, Kosovo, Bosnien und Herzegowina, Serbien – die Isolation dieses Teils des Balkans vom Rest Europas durch die Kriege der 1990er-Jahre beziehungsweise im Falle Albaniens durch die vom Diktator verfügte Abschottung ist nach wie vor manifest. Davon zeugen einige verstörende Begegnungen – Gareis muss sich für Hitler loben und für die Nato schelten lassen. Und ihm schlägt der Neid vieler Menschen entgegen, die auch gerne ein Fahrrad hätten wie er (Gareis hat es, ein noch in der alten BRD gefertigtes Exemplar, für 90 Euro im Internet ersteigert) und die vor allem die Grenzen passieren möchten, die Gareis offen stehen, ihnen aber nicht ohne Weiteres. Die Sehnsucht nach einem anderen Leben an einem anderen Ort ist hier größer als bei den Menschen im Nahen Osten, obgleich diese im Durchschnitt ärmer sind und durch den Bürgerkrieg im benachbarten Syrien auch viel konkreter bedroht. Die Menschen auf dem Balkan haben aber auch den Lebensstil im Westen Europas viel fassbarer vor Augen.
  Als Gareis in den palästinensisch kontrollierten Bereich des Westjordanlands einreist, bekommt er vom dortigen Mobilfunk- Netzbetreiber eine SMS mit den Worten „Smell the jasmin and taste the olives. Welcome to Palestine“. So sympathisch sei er noch nie begrüßt worden. Gewöhnlich ist in diesen Nachrichten immer von Roaming-Gebühren die Rede. Und vom Jasmin und den Oliven wird kaum einmal berichtet, wenn es in den Medien um Palästina geht. Fredy Gareis hat diese Radreise auch deshalb angetreten, weil er aus dieser Maschinerie des Erregungs-Journalismus (zumindest vorübergehend) heraus wollte: Raketen, Bomben, Entführungen, Angriffe. Und stets der Versuchung zur Dramatisierung widerstehen, durch die sich die Reportagen auf dem überhitzten Markt besser verkaufen lassen. Gareis bezeichnet sich als konflikt- und als medienmüde.
  Es dauert nicht lange, dann hat Gareis kein Mobiltelefon mehr, es wird ihm gestohlen oder besser: abgepresst. Anfangs regt er sich darüber auf, es ist ein mieser Start, noch ist er nicht allzu lange unterwegs, und niemand fühlt sich gerne machtlos. Aber dass er kein Telefon mehr hat, daran gewöhnt sich Gareis recht bald. „Wie soll ich sonst auf neue Gedanken kommen, wenn ich ständig Verbindungskanäle nach Hause offen halte?“ Auch darin unterscheidet sich dieser Autor von vielen anderen, die größere Touren unternehmen: keine Live-Berichterstattung über Blogs und Facebook, keine Chats und keine unzähligen Skype-Telefonate. Stattdessen nimmt er sich Zeit, die Dinge zu wahrzunehmen, die es zu sehen gibt.
Fredy Gareis : Tel Aviv – Berlin. Geschichten von tausendundeiner Straße. Malik Verlag, München 2014. 288 Seiten, 19,99 Euro.
„Es gewinnt auf
jeden Fall Deutschland“ –
„Ja, das ist super“
Je länger sich der Autor durch
Europa bewegt, desto fremder
wird ihm der Kontinent
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»Ein Roadmovie mit Einblicken in die jüngste Vergangenheit.«, Die Zeit, 02.07.2015