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Jeden Morgen pendelt Rachel mit dem Zug in die Stadt, und jeden Morgen hält der Zug an der gleichen Stelle auf der Strecke an. Rachel blickt in die Gärten der umliegenden Häuser, beobachtet ihre Bewohner. Oft sieht sie ein junges Paar: Jess und Jason nennt Rachel die beiden. Sie führen - wie es scheint - ein perfektes Leben. Ein Leben, wie Rachel es sich wünscht.
Eines Tages beobachtet sie etwas Schockierendes. Kurz darauf liest sie in der Zeitung vom Verschwinden einer Frau - daneben ein Foto von "Jess". Rachel meldet ihre Beobachtung der Polizei und verstrickt sich damit unentrinnbar in die folgenden Ereignisse ...
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Produktbeschreibung
Jeden Morgen pendelt Rachel mit dem Zug in die Stadt, und jeden Morgen hält der Zug an der gleichen Stelle auf der Strecke an. Rachel blickt in die Gärten der umliegenden Häuser, beobachtet ihre Bewohner. Oft sieht sie ein junges Paar: Jess und Jason nennt Rachel die beiden. Sie führen - wie es scheint - ein perfektes Leben. Ein Leben, wie Rachel es sich wünscht.

Eines Tages beobachtet sie etwas Schockierendes. Kurz darauf liest sie in der Zeitung vom Verschwinden einer Frau - daneben ein Foto von "Jess". Rachel meldet ihre Beobachtung der Polizei und verstrickt sich damit unentrinnbar in die folgenden Ereignisse ...

  • Produktdetails
  • Blanvalet Taschenbuch Nr.51
  • Verlag: (Blanvalet)
  • Seitenzahl: 464
  • 2017
  • Ausstattung/Bilder: 2017. 464 S. 187 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 187mm x 119mm x 37mm
  • Gewicht: 372g
  • ISBN-13: 9783734100512
  • ISBN-10: 3734100518
  • Best.Nr.: 47223560
Autorenporträt
Paula Hawkins worked as a journalist for fifteen years before turning her hand to fiction. She lives in London.
Rezensionen
"Paula Hawkins trifft mit "Girl On The Train" ins Schwarze. […] Racheengel oder Retterin? Der Charme von "GOTT" liegt in dieser Ambivalenz."
Besprechung von 22.06.2015
Sehen und Gesehenwerden
Das Fenster zum Gleis: Paula Hawkins trifft mit "Girl On The Train" ins Schwarze

In den Vereinigten Staaten nennen Verlagsleute und Buchhändler diesen Roman einfach nur noch "GOTT": "Girl On The Train" von Paula Hawkins. Auf eine Auflage von drei Millionen im englischsprachigen Raum hat es das Buch innerhalb weniger Monate bereits gebracht - das größte Ding auf dem Krimimarkt seit "Gone Girl". Außer dem Mädchen im Titel verbindet die beiden Romane indes höchstens die Unzuverlässigkeit der Erzählerin - von der es in "Girl On The Train" strenggenommen gleich drei gibt.

Der Roman spielt mit einem Gefühl, das in Zeiten multimedialer Ausspähung jeder kennt: der mulmigen Ahnung, noch bei beiläufigsten Handlungen beobachtet zu werden - und dem Bewusstsein, dass das Wissen über die Privatissimi von Menschen zum Machtfaktor geworden ist. Im Grunde ist es eine moderne Version von Hitchcocks Suspenseklassiker "Zimmer zum Hof", die Paula Hawkins erzählt. Doch bei ihr ist die obsessive Beobachterin eine junge Frau, und statt durch ein Gipsbein ist sie gehandicapt durch ein Alkoholproblem, das an der Klarheit ihres Blicks manche Zweifel aufkommen lässt, nicht zuletzt bei ihr selbst.

Tag für Tag sitzt die dreißigjährige Rachel im Zug, morgens nach London rein, abends wieder raus, eine von Millionen Pendlern. Niemand achtet auf die Frau in zu eng gewordener Kleidung und mit aufgedunsenen Gesichtszügen, die beim verschämten Leeren jedes ihrer kleinen Weißweinfläschchen schon an das nächste denkt, und die eine Aura der Verzweiflung umgibt, die ihr selbst nur zu bewusst ist: "Ich bin nicht mehr das Mädchen, das ich früher war. Ich bin irgendwie abstoßend." Früher, da war sie hübsch und schlank, da war sie mit Tom verheiratet und lebte in einer der schnuckeligen viktorianischen Doppelhaushälften mit Blick auf die Bahngleise. Jetzt fährt sie täglich auf ihrem Weg von und nach Ashbury an ihrem alten Zuhause vorbei, und wenn das Signal den Zug just auf diesem Streckenabschnitt mal wieder zum Warten zwingt, starrt Rachel hinüber zu ihrer alten Straße, auf ihr früheres Heim.

Wie ein Kind sein Puppenheim hat sie in ihrer Phantasie eines der Reihenhäuser - Nummer 15, sie selbst wohnte früher in der 23 - mit einem perfekten Paar besetzt, das sie für sich Jason und Jess getauft hat: "Sie sind das, was ich früher war. Sie sind Tom und ich vor fünf Jahren. Sie sind, was ich verloren habe." Dieser Projektion gibt sie sich hin, bis sie eines Tages aus dem Zugfenster sieht, dass die Frau, die sie Jess nennt, im Garten einen Mann küsst, der definitiv nicht Jason ist.

Einige Tage später ist die Frau, die der Leser da bereits als Megan und Ko-Erzählerin kennengelernt hat, verschwunden, und Rachel ahnt, dass sie dazu etwas zu sagen haben könnte - gäbe es da nicht diese Erinnerungslücken an ein weiteres Ereignis, die sie partout nicht schließen kann. Die dritte Perspektive ist die von Anna, jener Frau, mit der Tom Rachel einst betrogen hat und die inzwischen mit ihm im Haus an den Gleisen lebt; das Paar hat eine kleine Tochter. Natürlich kennt man sich. Megan war einmal Babysitterin bei Tom und Anna. Und Rachel nervt mit ihren ständigen trunkenen Anrufen und SMS nicht nur ihren Ex, sondern erst recht dessen neue Frau.

In Tagebuchmanier - der Roman spielt zwischen Anfang Juli und Mitte September 2013 - verzahnt Hawkins die drei unterschiedlichen Perspektiven, so dass sie sich ergänzen und gelegentlich sogar überlappen und Sehen und Gesehenwerden ständig ineinander übergehen, aber an der entscheidenden Stelle ein blinder Fleck bleibt. Das von außen so beschaulich und aufgeräumt wirkende Leben junger Paare und Familien ist nur Fassade. Dahinter toben Eifersucht, Affären, Lügen und eine erdrückende Leere.

Paula Hawkins hat fünfzehn Jahre als Journalistin gearbeitet und mehrere Liebesromane unter Pseudonym veröffentlicht, bevor sie mit "Girl On The Train" einen letzten beherzten Versuch unternehmen wollte, sich als Schriftstellerin über Wasser zu halten. Hier webt sie nun ein dichtes Netz aus Beziehungen, Verdächtigungen und Zusammenhängen, in dem Rachel sich immer mehr verheddert. Eindrucksvoll gelingt Hawkins das Porträt einer Alkoholikerin wider Willen und besseres Wissen, das ein Schlaglicht auf die weitverbreitete englische "booze culture" wirft und der längst modisch gewordenen Erscheinung der unzuverlässigen Erzählerin eine neue Facette hinzufügt.

Spannung entsteht denn auch weniger durch die Komplexität des Verbrechens oder verblüffende Volten als vielmehr durch die Unvereinbarkeit von Rachels Selbstwahrnehmung als einer Frau, der ein großes Unrecht widerfahren ist, von dem sie Erlösung sucht, und dem Blick ihrer Umgebung, der sie als Stalkerin erscheint. Racheengel oder Retterin? Der Charme von "GOTT" liegt in dieser Ambivalenz.

FELICITAS VON LOVENBERG

Paula Hawkins: "Girl On The Train - Du kennst sie nicht, aber sie kennt dich". Roman.

Aus dem Englischen von Christoph Göhler. Blanvalet Verlag, München 2015. 446 S., br., 12,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 01.07.2015
Jess, Gin
und Jason
Nur ein geklonter Coup? „Girl on the Train“
von Paula Hawkins ist solide Thriller-Arbeit
VON BERND GRAFF
Natürlich war es auch böswillig, wie Peter Sloterdijk in der letzten Woche in der Bilddie Frage nach den Gründen für das Phänomen Helene Fischer beantwortete: „Helene Fischer ist wahrscheinlich eine solide Schlagerarbeiterin. Und da Unterhaltung für die unterbeschäftigten Massen sowieso der Ernstfall ist, übt Helene Fischer einen systemrelevanten Beruf aus.“ Böswillig war die Bemerkung von den „unterbeschäftigten Massen“ und dem „Ernstfall Unterhaltung“. Denn nur in dem Ambiente von Dauerunterhaltung für Unterbeschäftigte kann die Trällertante Helene Fischer zur soliden Schlagerarbeiterin werden.
  Nimmt man Sloterdijk aber ernst in dieser Beobachtung, dann ist an „solider Schlagerarbeit“ tatsächlich rein gar nichts auszusetzen. Was solide ist, funktioniert verlässlich. Das ist oft viel besser als Extravaganz und exzeptionelle Qualität, die nur punktuell und nur den wenigen aufleuchtet. Man bejubelt ja auch nicht die unermüdliche Leistung des Kühlschranks, es reicht, dass er beständig kühlt.
  Die spitzbübische Denkbewegung Sloterdijks sollte man im Hinterkopf haben, wenn man den Roman „Girl on the Train“ der britischen Autorin Paula Hawkins zur Hand nimmt. Eigentlich ist dieser Spannungsroman ein literarisches Debüt. Die Autorin, die in Simbabwe aufwuchs und seit 1989 in London lebt, hatte 15 Jahre als Wirtschaftsjournalistin gearbeitet, dann unter dem Pseudonym Amy Silver unbeachtete Liebesromane verfasst und schließlich beschlossen, nun unter eigenem Namen einen letzten Versuch im literarischen Fach zu unternehmen.
  Herausgekommen ist dieser Thriller, der in den Vereinigten Staaten inzwischen unter dem Kürzel „GOTT“ firmiert. Dann wissen alle, dass es sich um „Girl on the Train“ handelt. Denn die englische Originalfassung, die Anfang des Jahres erschien, hat es binnen kürzester Zeit auf eine Auflage von drei Millionen gebracht, sowieso die englischsprachigen Bestsellerlisten gestürmt und sich da wochenlang gehalten. Die deutsche Fassung von Mitte Juni ist schon auf Platz 14 der Amazon-Liste für alle Buchverkäufe geklettert.
  Dieser raketenrasante Erfolg einer Newcomerin war dem Spiegel anscheinend so suspekt, dass dort in der Besprechung von „GOTT“ unter dem Titel „Bastelanleitung für einen Bestseller“ der „systematische“ Aufbau eines „Welterfolgs“ durch „Lektoren, Agenten und Marketingexperten“ dafür verantwortlich gemacht wurde. Man habe ein „Vermarktungsspektakel“ inszeniert. „Leseproben“ habe es auch gegeben. Der Artikel insinuiert, „GOTT“ sei in der Retorte gezüchtet und mit Werbe-Amphetaminen künstlich hochgejazzt worden. Irgendwie unlauter scheint das alles. Der Artikel gipfelt im Satz, dass die „Autorin nun Einblicke in ihr Leben gewähren und geschminkt für Fotos posieren muss“. Mit Verlaub, lieber Spiegel, geht’s noch?
  Tatsächlich funktioniert der Buchmarkt ja so, tatsächlich arbeiten da Menschen für den Erfolg von Büchern. Stellt er sich ein, spielt dabei dann aber weniger Schminke als vielmehr der Inhalt eines Buches die entscheidende Rolle. Reiner Trash verkauft sich schlecht, selbst wenn man ihn verlagstechnisch aufpumpt – die Werke von Sebastian Fitzek und E. L. James einmal ausgenommen.
  So hilft es, an Sloterdijks Diktum zu erinnern: „GOTT“ ist ein grundsolider, spannend erzählter Roman voller Abgründe, Untiefen – und mit einem der schwächsten Kronzeugen in der Thriller-Geschichte: Das „Girl“ des Titels, das jeden Tag im Zug sitzt, eine von drei Erzählerinnen im Buch, ist oft so sturzbetrunken, dass es nicht mehr weiß, was zwischen dem vierten Dosen-Gin und dem Aufwachen geschah.
  Unzuverlässigkeit, Argwohn und gesätes Misstrauen sind seit je hervorragende Stilmittel großer Romane und Filme gewesen – wenn ihre Autoren denn die Erzählfäden fest in der Hand halten und ihre Geschichten kontrolliert erzählen können. Dann dürfen die Hirngespinste gar nicht versponnen genug sein. Hawkins gelingt das vortrefflich, man hat ihr Buch mit Gillian Flynns „Gone Girl“ verglichen, dem anderen Meisterwerk mit einem „Girl“ im Titel, das ebenso über die sehr weite Spannweite zwischen pathologischer Heimtücke, Selbstzerfleischung der Figuren und perfidem Beziehungsterror verfügt.
  Hawkins Setting ist eine moderne Fassung von Hitchcocks „Fenster zum Hof“. Jeden Tag setzt sich die traurige Trinkerin Rachel, eine Frau in ihren Dreißigern, in einen Zug auf eine Fahrt ins Nirgendwo Londons. Abends pendelt sie wieder heim, sie hat, wenn es gut geht, dann noch nicht allzu viel intus. Zu tun hatte sie den Tag über nichts, als alkoholische Getränke zu sich zu nehmen. Sie hätte gerne ein Kind mit ihrem Mann Tom gehabt, der aber betrog sie mit Anna, bekam mit ihr das Kind und zog mit seiner neuen Familie in das Haus, das Rachel immer noch als ihr Heim betrachtet. Und das, obwohl Tom sie sadistisch demütigt: „Du bist wie einer dieser Hunde, die niemand haben will und die ihr ganzes Leben lang misshandelt werden.“, macht er sie runter, „Die sich immer und immer wieder treten lassen und trotzdem jedes Mal winselnd und schwanzwedelnd wieder angelaufen kommen. Bettelnd. Weil sie hoffen, dass es diesmal anders läuft – dass sie diesmal alles richtig machen und dafür geliebt werden.“
  Trotzdem kann Rachel ihn nicht vergessen. Schon deswegen nicht, weil ihr Zug Tag für Tag vor dem Haus hält und sich ihr so reichlich Gelegenheit bietet, mit dem Schicksal zu hadern – und das Nachbarhaus zu begutachten, in dem sie ein ihr unbekanntes Traumpaar ausgemacht haben will: das perfekte Duo im suburbanen Glück, sie nennt sie Jason und Jess, in deren mutmaßlich heile Welt sich Rachel ausgiebig hineinfantasiert. Eines Tages aber sieht sie, wie die angeblich superperfekte Jess einen fremden Mann küsst.
  Jess heißt Megan, sie ist die zweite Erzählerin dieses in Tagebucheinträgen berichtenden Buches. Natürlich ist sie alles andere als die happy housewife, die Rachel in ihr sehen will. Selber unglücklich, beginnt sie eine Affäre mit ihrem Therapeuten. Eines Tages ist sie spurlos verschwunden. Ein Riesending für die Polizei und die Presse. Rachel meint, selber recherchieren und eine Aussage machen zu müssen – alles missrät, niemand schenkt ihr Glauben.
  Anna, die dritte Erzählerin, hasst Rachel, mutmaßt aber, dass diese tatsächlich etwas über Megan herausgefunden haben muss. Diese war als Babysitterin im Haus. Dabei muss noch etwas anderes als Kinderbetreuung vorgefallen sein.
  „Girl on the Train“ spielt ein überzeugendes Spiel mit getriggerten Mutmaßungen. Jeder Figur ist gleichzeitig das Schlimmste und das Harmloseste zuzutrauen. Irgendjemand ist dann der Mörder, klar. Aber bis zur Auflösung fühlt sich der Leser wie in George Cukors Film „Gaslight“ aus dem Jahr 1944 mit Ingrid Bergman und Charles Boyer: Kann es sein, dass man seinen eigenen Sinnen nicht mehr trauen kann? Hawkins hat wirklich eine grundsolide Thrillerarbeit vorgelegt.
Paula Hawkins: Girl on The Train. Aus dem Englischen von Christoph Göhler. Blanvalet Verlag, München 2015. 448 S., 12,99 Euro. E-Book 9,99 Euro.
Reiner Trash verkauft sich
schlecht, selbst wenn man ihn
verlagstechnisch aufpumpt
Zu tun hatte sie den Tag über
nichts, als alkoholische Getränke
zu sich zu nehmen
Kann es sein,
dass man seinen eigenen Sinnen
nicht mehr trauen kann?
Stilisiert, wie Autoren und Autorinnen in
der Buchwerbung oft aussehen: Paula Hawkins.
Foto: Random House
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Jess, Gin
und Jason

Nur ein geklonter Coup? „Girl on the Train“
von Paula Hawkins ist solide Thriller-Arbeit

VON BERND GRAFF

Natürlich war es auch böswillig, wie Peter Sloterdijk in der letzten Woche in der Bilddie Frage nach den Gründen für das Phänomen Helene Fischer beantwortete: „Helene Fischer ist wahrscheinlich eine solide Schlagerarbeiterin. Und da Unterhaltung für die unterbeschäftigten Massen sowieso der Ernstfall ist, übt Helene Fischer einen systemrelevanten Beruf aus.“ Böswillig war die Bemerkung von den „unterbeschäftigten Massen“ und dem „Ernstfall Unterhaltung“. Denn nur in dem Ambiente von Dauerunterhaltung für Unterbeschäftigte kann die Trällertante Helene Fischer zur soliden Schlagerarbeiterin werden.

  Nimmt man Sloterdijk aber ernst in dieser Beobachtung, dann ist an „solider Schlagerarbeit“ tatsächlich rein gar nichts auszusetzen. Was solide ist, funktioniert verlässlich. Das ist oft viel besser als Extravaganz und exzeptionelle Qualität, die nur punktuell und nur den wenigen aufleuchtet. Man bejubelt ja auch nicht die unermüdliche Leistung des Kühlschranks, es reicht, dass er beständig kühlt.

  Die spitzbübische Denkbewegung Sloterdijks sollte man im Hinterkopf haben, wenn man den Roman „Girl on the Train“ der britischen Autorin Paula Hawkins zur Hand nimmt. Eigentlich ist dieser Spannungsroman ein literarisches Debüt. Die Autorin, die in Simbabwe aufwuchs und seit 1989 in London lebt, hatte 15 Jahre als Wirtschaftsjournalistin gearbeitet, dann unter dem Pseudonym Amy Silver unbeachtete Liebesromane verfasst und schließlich beschlossen, nun unter eigenem Namen einen letzten Versuch im literarischen Fach zu unternehmen.

  Herausgekommen ist dieser Thriller, der in den Vereinigten Staaten inzwischen unter dem Kürzel „GOTT“ firmiert. Dann wissen alle, dass es sich um „Girl on the Train“ handelt. Denn die englische Originalfassung, die Anfang des Jahres erschien, hat es binnen kürzester Zeit auf eine Auflage von drei Millionen gebracht, sowieso die englischsprachigen Bestsellerlisten gestürmt und sich da wochenlang gehalten. Die deutsche Fassung von Mitte Juni ist schon auf Platz 14 der Amazon-Liste für alle Buchverkäufe geklettert.

  Dieser raketenrasante Erfolg einer Newcomerin war dem Spiegel anscheinend so suspekt, dass dort in der Besprechung von „GOTT“ unter dem Titel „Bastelanleitung für einen Bestseller“ der „systematische“ Aufbau eines „Welterfolgs“ durch „Lektoren, Agenten und Marketingexperten“ dafür verantwortlich gemacht wurde. Man habe ein „Vermarktungsspektakel“ inszeniert. „Leseproben“ habe es auch gegeben. Der Artikel insinuiert, „GOTT“ sei in der Retorte gezüchtet und mit Werbe-Amphetaminen künstlich hochgejazzt worden. Irgendwie unlauter scheint das alles. Der Artikel gipfelt im Satz, dass die „Autorin nun Einblicke in ihr Leben gewähren und geschminkt für Fotos posieren muss“. Mit Verlaub, lieber Spiegel, geht’s noch?

  Tatsächlich funktioniert der Buchmarkt ja so, tatsächlich arbeiten da Menschen für den Erfolg von Büchern. Stellt er sich ein, spielt dabei dann aber weniger Schminke als vielmehr der Inhalt eines Buches die entscheidende Rolle. Reiner Trash verkauft sich schlecht, selbst wenn man ihn verlagstechnisch aufpumpt – die Werke von Sebastian Fitzek und E. L. James einmal ausgenommen.

  So hilft es, an Sloterdijks Diktum zu erinnern: „GOTT“ ist ein grundsolider, spannend erzählter Roman voller Abgründe, Untiefen – und mit einem der schwächsten Kronzeugen in der Thriller-Geschichte: Das „Girl“ des Titels, das jeden Tag im Zug sitzt, eine von drei Erzählerinnen im Buch, ist oft so sturzbetrunken, dass es nicht mehr weiß, was zwischen dem vierten Dosen-Gin und dem Aufwachen geschah.

  Unzuverlässigkeit, Argwohn und gesätes Misstrauen sind seit je hervorragende Stilmittel großer Romane und Filme gewesen – wenn ihre Autoren denn die Erzählfäden fest in der Hand halten und ihre Geschichten kontrolliert erzählen können. Dann dürfen die Hirngespinste gar nicht versponnen genug sein. Hawkins gelingt das vortrefflich, man hat ihr Buch mit Gillian Flynns „Gone Girl“ verglichen, dem anderen Meisterwerk mit einem „Girl“ im Titel, das ebenso über die sehr weite Spannweite zwischen pathologischer Heimtücke, Selbstzerfleischung der Figuren und perfidem Beziehungsterror verfügt.

  Hawkins Setting ist eine moderne Fassung von Hitchcocks „Fenster zum Hof“. Jeden Tag setzt sich die traurige Trinkerin Rachel, eine Frau in ihren Dreißigern, in einen Zug auf eine Fahrt ins Nirgendwo Londons. Abends pendelt sie wieder heim, sie hat, wenn es gut geht, dann noch nicht allzu viel intus. Zu tun hatte sie den Tag über nichts, als alkoholische Getränke zu sich zu nehmen. Sie hätte gerne ein Kind mit ihrem Mann Tom gehabt, der aber betrog sie mit Anna, bekam mit ihr das Kind und zog mit seiner neuen Familie in das Haus, das Rachel immer noch als ihr Heim betrachtet. Und das, obwohl Tom sie sadistisch demütigt: „Du bist wie einer dieser Hunde, die niemand haben will und die ihr ganzes Leben lang misshandelt werden.“, macht er sie runter, „Die sich immer und immer wieder treten lassen und trotzdem jedes Mal winselnd und schwanzwedelnd wieder angelaufen kommen. Bettelnd. Weil sie hoffen, dass es diesmal anders läuft – dass sie diesmal alles richtig machen und dafür geliebt werden.“

  Trotzdem kann Rachel ihn nicht vergessen. Schon deswegen nicht, weil ihr Zug Tag für Tag vor dem Haus hält und sich ihr so reichlich Gelegenheit bietet, mit dem Schicksal zu hadern – und das Nachbarhaus zu begutachten, in dem sie ein ihr unbekanntes Traumpaar ausgemacht haben will: das perfekte Duo im suburbanen Glück, sie nennt sie Jason und Jess, in deren mutmaßlich heile Welt sich Rachel ausgiebig hineinfantasiert. Eines Tages aber sieht sie, wie die angeblich superperfekte Jess einen fremden Mann küsst.

  Jess heißt Megan, sie ist die zweite Erzählerin dieses in Tagebucheinträgen berichtenden Buches. Natürlich ist sie alles andere als die happy housewife, die Rachel in ihr sehen will. Selber unglücklich, beginnt sie eine Affäre mit ihrem Therapeuten. Eines Tages ist sie spurlos verschwunden. Ein Riesending für die Polizei und die Presse. Rachel meint, selber recherchieren und eine Aussage machen zu müssen – alles missrät, niemand schenkt ihr Glauben.

  Anna, die dritte Erzählerin, hasst Rachel, mutmaßt aber, dass diese tatsächlich etwas über Megan herausgefunden haben muss. Diese war als Babysitterin im Haus. Dabei muss noch etwas anderes als Kinderbetreuung vorgefallen sein.

  „Girl on the Train“ spielt ein überzeugendes Spiel mit getriggerten Mutmaßungen. Jeder Figur ist gleichzeitig das Schlimmste und das Harmloseste zuzutrauen. Irgendjemand ist dann der Mörder, klar. Aber bis zur Auflösung fühlt sich der Leser wie in George Cukors Film „Gaslight“ aus dem Jahr 1944 mit Ingrid Bergman und Charles Boyer: Kann es sein, dass man seinen eigenen Sinnen nicht mehr trauen kann? Hawkins hat wirklich eine grundsolide Thrillerarbeit vorgelegt.

Paula Hawkins: Girl on The Train. Aus dem Englischen von Christoph Göhler. Blanvalet Verlag, München 2015. 448 S., 12,99 Euro. E-Book 9,99 Euro.

Reiner Trash verkauft sich
schlecht, selbst wenn man ihn
verlagstechnisch aufpumpt

Zu tun hatte sie den Tag über
nichts, als alkoholische Getränke
zu sich zu nehmen

Kann es sein,
dass man seinen eigenen Sinnen
nicht mehr trauen kann?

Stilisiert, wie Autoren und Autorinnen in
der Buchwerbung oft aussehen: Paula Hawkins.
Foto: Random House

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