21,99 €
Versandkostenfrei*
inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
11 °P sammeln
Produktdetails
  • Verlag: Gallimard
  • Seitenzahl: 327
  • Erscheinungstermin: 20. August 2020
  • Französisch
  • Abmessung: 202mm x 140mm x 23mm
  • Gewicht: 356g
  • ISBN-13: 9782072895098
  • ISBN-10: 207289509X
  • Artikelnr.: 60314751
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 18.08.2021

Doppelspiel mit einem Flugzeug
Hervé Le Telliers goncourtgekrönter Roman "Die Anomalie" ist jetzt auf Deutsch zu haben

Des einen Freud, des anderen Leid. Für Leser ist Hervé Le Telliers "Die Anomalie" ein Vergnügen im weitesten Wortsinn. Spannung, Emotion, Parodie, intellektuelles Spiel, philosophische Herausforderung, abgründigen Existenzhumor, kalauernden Slapstick und schieres Lebensglück - das alles bietet er auf einmal. Kein Wunder, dass der Roman 2020 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde. Für den Rezensenten hingegen ist diese literarische Anomalie ein Worst-Case-Szenario: Wie soll man die Gründe erklären, aus denen man als Leser grandios auf seine Kosten gekommen ist, wenn es so unendlich viele sind? Alles hat seinen Preis, zahlen wir unseren.

"Die Anomalie" erzählt eine völlig unwahrscheinliche Geschichte auf absolut glaubwürdige Weise: Der Flug Air France 006 Paris-New York gerät am 10. März 2021 in eine Unwetterfront, einen Kumulonimbus, eine "graue, opake, an ihrem oberen Rand im gleißenden Sonnenlicht irisierende Wand". Die Boeing 787 fällt in ein Luftloch, wird mit Hagelkörnern bombardiert und so heftig durchgeschüttelt, dass mancher Passagier seine Seele empfiehlt. Als sie zur Landung ansetzen will, gibt es ein weiteres Problem: Es ist mittlerweile der 24. Juni, und sie ist bereits gelandet, mit identischer Besatzung, 243 an der Zahl, nämlich eben am 10. März. Im Sturm hat sich die Maschine verdoppelt, um "16 Uhr 26 Minuten 34 Sekunden und 20 Hundertstel", wie anhand der Bordkameras rekonstruiert werden kann; das Doppel taucht allerdings mit drei Monaten Verspätung auf. Nebenbei sei angemerkt, dass das Datum zum Zeitpunkt des Erscheinens der Originalausgabe (Herbst 2020) in der Zukunft lag.

Was tun? Das FBI löst Protokoll 42 aus. "Der Dialog zwischen Adrian Miller und Riccardo Bertoni - er steht auf der Shortlist des Physik-Nobelpreises 2021 für seine Arbeiten über die schwarze Materie - gibt ein Resümee der Lage: - Sie verarschen uns, Professor Miller? - Wenn es doch so wäre." Wissenschaftler, Psychologen, Religionsvertreter, eine Infanteriebrigade und jede Menge Agenten werden in Bewegung gesetzt, die die Maschine auf der McGuire Air Force Base, Trenton, New Jersey, in Empfang nehmen. Wie die Verdoppelung erklären? Liegt "ein Lorentz-Wurmloch mit negativer Masse" vor, handelt es sich um eine 3D-Kopie, oder ist das Doppel vielmehr Beleg dafür, dass die Realität generell eine Simulation ist? Wer sind die Doppel, und was mit ihnen tun?

Was nur ein Gedankenexperiment sein könnte, nimmt unsere Fantasie als aberwitzige Situation gefangen. Das liegt an Le Telliers erzählerischem Geschick: Im ersten der drei Teile seines Romans folgt er diversen Passagieren und dem Piloten des Fluges AF 006, die im März 2021 in New York gelandet waren. Der Flug ist lediglich eine beiläufige Erinnerung in mehr oder weniger normalen Leben, bevor die Anomalie auftritt. Teil zwei beschreibt die Situation auf der US-Luftwaffenbasis, die wissenschaftlichen und theologischen Erklärungsversuche sowie die verzweifelten Anläufe der Politik, der Lage Herr zu werden; schließlich erfährt die Öffentlichkeit davon. Teil drei schildert die Begegnung der Menschen mit ihrem Doppel und die höchst variablen Lösungsversuche.

Mit psychologischer Dichte und ironischer Leichtigkeit entwirft Le Tellier zehn Leben, in denen die Anomalie handfeste Form annimmt: Da wären der Profikiller Blake, der ein Doppelleben in der Gastronomie führt; der depressive Schriftsteller Victor Miesel, der nach dem Flug ein letztes Buch mit dem Titel "Die Anomalie" schreibt, Selbstmord begeht und postum Erfolg hat; die Filmcutterin und alleinerziehende Mutter Lucie Bogaert; der mit ihr liierte schmerzreich alternde Stararchitekt André Vannier; der Pilot David Markle, der nach der Landung todkrank darniederliegt; das von ihrem Vater missbrauchte Mädchen Sophia Kleffman; die schwarze Anwältin Joanna Woods, die für die Pharmaindustrie arbeitet; der nigerianische Sänger Slimboy, der seine Homosexualität verbergen muss. Schließlich Adrian Miller, der Wahrscheinlichkeitstheoretiker, der das Protokoll für die Anomalie entworfen hatte, sowie sein Date, die Topologikerin Meredith Harper.

Miller und Miesel stechen heraus: Es sind die schrägsten und berührendsten Figuren. Ferner treten noch auf: Donald Trump, Emmanuel Macron (der "arrogante Sack", dixit Trump), Xi Jinping, einige Topwissenschaftler und zahlreiche Geheimdienstler.

Le Tellier zieht viele Register, seien es Genres oder mehr oder weniger versteckte Bezüge. Wenige Beispiele müssen es tun: Mit dem Killer Blake serviert er einen Krimi, mit dem homosexuellen Sänger Slimboy eine Coming-out-Geschichte; Adrian und Meredith sind von Nerd-Comedys à la "The Big Bang Theory" inspiriert - Meredith artikuliert angeschickert denkwürdige Sätze des Kalibers "Ich bin Britin, Adrian, ich warne Sie, falls Sie versuchen sollten, mich zu vergewaltigen, lasse ich es geschehen und werde dabei an die Queen denken". Adrians Vorlieben verdankt sich eine Hommage an Douglas Adams' "Per Anhalter durch die Galaxis". Durch Miesel wird "Die Anomalie" zum Schriftstellerroman, durch sein gleichnamiges Werk zur Mise en abyme, zur Spiegelung des Ganzen in einem Motiv, wenngleich auf komplexere Weise, als es zunächst scheint.

Einerseits erzählt "Die Anomalie" eine spannende Geschichte, die viele Teilgeschichten verschmilzt. Andererseits stellt sie eine große Frage: Was, wenn die Realität nur eine Simulation in einem Programm wäre? Diese an Jean Baudrillard erinnernde Hypothese ist die plausibelste Erklärung für die Ereignisse. Was die zentrale Stellung sowohl des Wahrscheinlichkeitstheoretikers als auch des Schriftstellers erklärt: Beide sind Simulationsexperten. Und beides wird denkbar: Dass es um die Fiktionalität von Literatur geht - oder um die der Realität.

Hier kommt Le Telliers literarische Zugehörigkeit ins Spiel: Der 1957 geborene Romancier und Journalist ist seit 1992 Mitglied des Oulipo ("Ouvroir de Littérature Potentielle" - Nähstube potentieller Literatur), einer 1960 von Raymond Queneau und François Le Lionnais gegründeten Gruppierung, die bis heute aktiv ist (www.oulipo.net). Die Spätavantgardisten stacheln ihre Einbildungskraft mit der "contrainte" an, dem gewählten Hindernis, versöhnen Literatur und Mathematik, Poesie und Kombinatorik, Humor und Komplexität. Ein beliebter Ableger war die Radiosendung "Des Papous dans la tête" auf France Culture (1984 bis 2018), deren Teilnehmer sich in geistreichen literarischen Spielen übten; Le Tellier war Stammgast.

Er hat sich nicht nur durch sein (abgebrochenes) Mathematikstudium und eine linguistische Promotion oulipotisch qualifiziert, sein umfangreiches Werk ist ein Laboratorium mit verschiedensten Versuchsanordnungen, von Kofferworten bis zu Miniaturnovellen eines fiktiven portugiesischen Autors, von hundert Variationen auf die Mona Lisa bis zu "Tausend Antworten auf die Frage: Woran denkst Du?". Mehr noch, er hat eine "Ästhetik des Oulipo" verfasst und erweist in "Die Anomalie" dem Ahnherrn Alfred Jarry (in dessen Pataphysik Oulipo wurzelt) mittels einer urkomischen Szene die Ehre, durch ein "zitronengelbes Kleid mit den goldenen Kringeln" nämlich, "die an den Spiralbauch des alten Ubu erinnern", ein wahrhaft "pataphysisches Gewand" - nur dass die französische Konsulin es auf einem Empfang trägt und das Kompliment vom beschwipsten italienischen Konsul kommt. Auch die Oulipiens Italo Calvino und Georges Perec werden gewürdigt; Perecs Roman "Ulcérations" erscheint im finalen Kalligramm (in der deutschen Fassung als "wucherunge").

Vor allem aber ist der Roman selbst ein Experiment und wimmelt von kleineren Spielen und - nun ja - Anomalien. Etwa die Zahl der Passagiere: 243, minus den Killer Blake, eine eliminierte Abweichung, sodass es symmetrische 242 sind - los geht die Spekulation! Die Lesbarkeit auf mehreren Ebenen, die an Umberto Eco erinnert, die Kombination aus schwarzem Humor, Gedankenspiel-Kitzel und emotionaler Dichte machen aus Le Tellier einen Autor, den man spätestens jetzt entdecken sollte. Hoffen wir, dass es ihm nicht wie Miesel geht: "Allein schon der Erfolg mit fünfzig Jahren, das ist wie Senf, der zum Nachtisch kommt." NIKLAS BENDER

Hervé Le Tellier: "Die Anomalie". Roman.

Aus dem Französischen von Romy Ritte und Jürgen Ritte. Rowohlt Verlag, Hamburg 2021. 350 S., geb., 22,- Euro.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 07.09.2021

Du bist doch Ich
In „Die Anomalie“ jongliert Le Tellier mit der Realität
Die Romanliteratur mit klonierten Wesen und duplizierten Individuen steckt noch in den Anfängen. Es ist eine Sache vorab für die Science-Fiction. Wie aber geht die Literatur mit Situationen um, wo der Unterschied zwischen Original und Kopie gar nicht mehr zählt, wo zwei um einen kleinen Zeitsprung voneinander getrennte Ichs derselben Person einander das Weiterleben streitig machen? „Ich bin du, du bist ich, das ist einer zu viel, denn wir können nicht zwei sein, verstehst du?“, erklärt eine Figur in diesem Roman ihrem geknebelt daliegenden Double und lässt es dann in der Badewanne verschwinden. Ganz so makaber geht es bei der Begegnung der übrigen Figuren mit ihrem anderen Selbst nicht her. Doch eins nach dem anderen.
Der 64-jährige Hervé Le Tellier hat mit diesem brillant geschriebenen Roman – Goncourt-Preis 2020 und mit rund einer Million verkauften Exemplaren einer der größten Erfolge seit Jahren in Frankreich – ein raffiniertes Mischwerk aus Spekulation, wissenschaftlich gestützter Antizipation, Zeitsatire, Thriller, literarischem Spaß und mathematisch-philosophischem Experiment vorgelegt. Als Mitglied und gegenwärtig Vorsitzender der Gruppe „Oulipo“ (Ouvroir de littérature potentielle), einer Autorenvereinigung für eine kombinatorisch generierte Literatur mit formalen oder sprachlichen Regelvorgaben, kennt er sich in solchen Dingen aus. Drehten seine letzten Bücher „All die glücklichen Familien“ und das köstliche „Ich und der Präsident“ sich aber noch um sein eigenes hypothetisches Ich, so ist „Die Anomalie“ sein erstes ausgewachsenes Werk purer Fiktion von schwindelerregender Komplexität.
Wer bei dieser Art Literatur bloße Formspielerei befürchtet, ist von den ersten Seiten an beruhigt. Und liest gefesselt weiter. Unterhaltsam verstaut der Autor seine Figuren kapitelweise in der Boeing 787 des Air-France-Flugs 006 Paris-New-York. Da ist der Auftragsmörder Blake, oder der in die Jahre gekommene Architekt André Vannier. Da ist der nigerianische Starsänger Slimboy auf der Reise zu einem Konzert in New York oder die amerikanische Staranwältin Joanna, die während jenen Atlantikflugs beschließt, ihren Geliebten zu heiraten. Und natürlich sitzt auch der Schriftsteller Victor Miesel mit im Flugzeug, der nach jenem Flug sein Buch „Die Anomalie“ schreiben und sich dann umbringen wird. „Der wirkliche Pessimist weiß, dass es schon zu spät ist, um noch Pessimist zu sein“, heißt es in jenem Buch.
Den Sturz ins Luftloch beim Durchqueren eines gigantischen Cumulonimbus wird allen Fluggästen unterschiedlich in Erinnerung bleiben. Beim Austritt aus der Gewitterwolke wird die Sache dann wirklich kompliziert. Die seltsamen Fragen der Bodenstation JFK versteht der Bordkommandant zunächst als Scherz, die Zwangslandung auf einer Militärbasis unter Aufsicht der US Navy mit Schießbefehl bei Zuwiderhandlung belehrt ihn eines Besseren. Denn die an diesem 24. Juni 2021 immobilisierte Air-France-Maschine ist in allen Dingen einschließlich der Passagiere identisch mit jener, die am 10. März 2021 schon eine solche Gewitterwolke durchquert hat und dann planmäßig auf dem JFK-Flughafen gelandet ist. Wie eine so seltsame Duplizierung der Realität möglich ist, suchen die jungen Mathematiker den ratlosen Offizieren und Politikern mit diversen Theoriemodelle verständlich zu machen.
Le Tellier hat sich dazu vom schwedischen Philosophen Nick Bostrom und seiner Theorie von der Welt als digitaler Simulation anregen lassen. Sind die Lebensfäden seiner Figuren erst einmal kompakt im engen Raum der Flugkabine verschnürt, lässt er sie locker um die Hypothesen des weiteren Lebensverlaufs schlenkern. Manche Passagiere lesen oder verschenken das Buch „Die Anomalie“, das Victor Miesel nach der Rückkehr aus New York geschrieben haben wird. Die literarischen Anspielungen schillern vielfältig durch den Text, und ein spekulatives Divertimento erzählt im zweiten Romanteil die Quarantäne der festgehaltenen Maschine, mit mathematischen und theologischen Debatten über die Duplizierung des Menschen sowie einem amerikanischen Präsidenten, den an der Sache allein das Wort „Mickey Mouse“ zu interessieren scheint.
Werden dann aber im Schlussteil des Romans die Figuren mit ihrem Double konfrontiert, zwei jeweils identische Ichs mit dem einzigen Unterschied, dass das eine drei Monate Lebenszeit weniger hat, verliert die Geschichte plötzlich an Schwung. Verschiedene Varianten der Duplizierung werden etwas schematisch durchgespielt und nicht ausgeschöpft, von der anfangs erwähnten Liquidierung Blakes Nummer eins durch Blake Nummer zwei bis zum tragischen Fall jener Frau, deren zweites Ich in den ihm fehlenden Monaten das Schwangerwerden verpasst hat und so im Ehepaar nun zu viel ist. Das alles sieht aber nach Kopfgeburt aus, als wäre der Autor doch noch vom „Oulipo“-Syndrom erfasst worden und wüsste nicht recht, was anfangen mit seinen Figuren und deren verdoppelter Lebensquantität.
„Was wird Ihrer Ansicht nach für uns anders werden durch die Duplizierung der Dinge in einer simulierten Realität?“, wird Victor Miesel Nummer zwei gefragt bei der Buchpräsentation von „Die Anomalie“, das Victor Miesel Nummer eins geschrieben hat. „Nichts“, sagt er. Wir würden weiterhin zur Arbeit gehen, essen, trinken und so tun, als wären wir real. Wir seien blind gegenüber allem, was beweist, dass wir uns täuschen – „das ist menschlich“. Le Tellier brilliert als eine Art Moralphilosoph fürs digitale Zeitalter mit seiner Kunst, auf hochkomplizierte Weise zu dieser simplen Einsicht zu gelangen. Und die Übersetzer haben mit ihrer hervorragenden Arbeit der Vorlage ein sprachlich ebenbürtiges Double verschafft.
JOSEPH HANIMANN
Ein Flugzeug landet
und alle stellen fest:
Es ist schon mal gelandet
Hervé Le Tellier:
Die Anomalie. Roman. Aus dem Französischen von Jürgen und Romy Ritte. Rowohlt, Hamburg 2021. 352 Seiten, 22 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
…mehr
Andere Kunden kauften auch