Bankrupt! - Phoenix
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Produktdetails
Trackliste
CD 1
1Entertainment00:03:40
2The real thing00:03:22
3S.O.S. in Bel Air00:03:43
4Trying to be cool00:03:48
5Bankrupt!00:06:57
6Drakkar noir00:03:22
7Chloroform00:04:04
8Don't00:03:16
9Bourgeois00:04:53
10Oblique City00:03:30
CD 2
1Cabourg00:01:13
2Just trying to be cool00:00:35
3L'heure bleue00:00:27
4L'aventure00:01:18
5Versus Monteverdi00:00:42
6François00:01:43
7Labyrinthe00:01:14
8Vesuve II00:01:04
9Campo Marzio 400:01:19
10Cité d'Or (fondations)00:01:47
11Cité d'Or00:00:46
12Baccalauréat00:00:30
13Police00:00:29
14Helmut00:01:05
15Vladimir00:00:16
16Cité d'Or [II]00:00:53
17Le rouge aux lèvres00:00:51
18Dolomites00:00:56
19J'ai tout donné00:00:31
20Bruce00:00:32
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Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 14.04.2013

Die musikalische Weltformel
Michael Jackson, Stefan Zweig und andere Gespenster: "Bankrupt!", die neue Platte von Phoenix

Seit 13 Jahren spielen Phoenix Musik, die alles über Rock weiß, aber zum Glück nicht danach klingt.

Wenn wir noch etwas länger miteinander gesprochen hätten an diesem fiesen, grauen Berliner Februartag, länger als die halbe Stunde in einer Suite des "Grand Hyatt"-Hotels am Potsdamer Platz, dann hätte Laurent Brancowitz vielleicht sogar noch die Weltformel gefunden - aber dabei sicher so leise gesprochen, wie es seine Art ist, dass sie auf dem Band später nicht mehr zu hören gewesen wäre, so sehr ich auch nach dieser Formel gesucht hätte. Was andererseits gut zu dem passen würde, was Brancowitz an diesem fiesen, grauen Februartag in Berlin darüber erzählte, wie seine Band Phoenix im Studio an neuen Songs arbeitet: suchend und suchend und suchend nach dem einen Element, das dann auf einmal alles für immer löst.

"Stell dir vor", sagte Brancowitz, der in seiner Band Gitarre und Keyboard spielt, "du findest eine Gruft, in der ein unveröffentlichter Text von Stefan Zweig liegt, begraben unter Tausenden Seiten schlechter und halb guter und durchschnittlicher Literatur. Du weißt genau, der Text von Zweig muss da irgendwo sein, aber du findest ihn nur, wenn du ganz sorgfältig danach suchst - auch auf die Gefahr hin, ihn niemals zu finden. So leben wir", sagte Laurent Brancowitz, und seine Stimme wurde wieder leiser und leiser zum Ende des Satzes hin, "vor all diesen Tausenden Seiten."

Andere Bands stottern sich in Interviews oft ihre ganz persönliche Rezeptionsästhetik zusammen, um zu erklären, warum sie das so tun, wie sie es tun, und was sie da eigentlich tun. Die Theorie läuft meist darauf hinaus, dass sich der Hörer am besten selbst zusammenreimt, was er da hört. Laurent Brancowitz und Thomas Mars, der Sänger der französischen Band Phoenix, entwickeln dagegen aus dem Stand ein halbes Dutzend Metaphern für ihre Arbeit - wie die von der Gruft, in der irgendwo verborgen ein Schatz liegt, der nur gehoben werden muss. Thomas Mars vergleicht den Prozess im Studio aber auch mit der Suche nach den Gebeinen von Richard III., neulich auf einem Parkplatz in Leicester, und mit Archäologie.

Das ist alles gut und schön und auch einleuchtend, aber damit ist noch nichts über die herrliche, klare Musik gesagt, die Phoenix seit dreizehn Jahren aufnehmen und von einer Platte zur nächsten immer weiter transzendierten, bis sie zu einer Form von Rock 'n' Roll wurde, die gleichzeitig alles von Rock 'n' Roll wusste und in sich aufgenommen hatte, aber überhaupt nicht mehr danach klang.

Auf ihrer letzten Platte, "Wolfgang Amadeus Phoenix", waren die vier Franzosen schon in Regionen angekommen, in die ihnen kaum eine andere Rockband von heute mehr folgen konnte, weder die Killers noch sonst wer, zehn perfekte Songs zum Lostanzen und Mitsingen und Abschalten und Austicken. Und jetzt, auf "Bankrupt!", ihrem fünften Album, das am Freitag erscheint, sind sie sogar noch einen Schritt weiter gegangen. Ein kleiner Schritt ist es nur, aber trotzdem. Ich entschuldige mich schon mal in aller Form für den Anfall von Größenwahn, der jetzt folgt, aber Phoenix aus Versailles sind vermutlich wirklich gerade in diesem Augenblick die beste Band der Welt.

Und dabei haben sie nicht mal einen Schlagzeuger. Den müssen sie sich immer dazuholen, wenn sie spielen. Wie in der Show von David Letterman im Juni vor vier Jahren, wo Phoenix ihren Song "1901" spielten und sich zum Schluss die ganze Band, Mars, Brancowitz, sein Bruder Christian Mazzalai und Deck D'Arcy um das Schlagzeug von Thomas Hedlund versammelten, der immer heftiger und glücklicher in seine Trommeln drosch, bis der Song in einer allerletzten Note explodierte - und Mars in die Stille hinein sein Mikrofon auf den Boden feuerte, wo es für alle hörbar ploppend kaputtging. Danach gratulierte sogar Letterman. Ein halbes Jahr später gewann die Band einen Grammy für "Wolfgang Amadeus Phoenix", spielte noch etwas später im New Yorker Madison Square Garden, wo dann ihre Freunde von Daft Punk mit auf die Bühne kamen - und verschwanden danach im Studio. Nahmen die Musik zu "Somewhere" auf, dem vorletzten Film von Sofia Coppola, die mit Thomas Mars verheiratet ist und zwei Kinder hat. Und standen mal wieder vor der Gruft mit den tausend Seiten, um die eine richtige zu finden.

Jetzt erscheint also "Bankrupt!", wieder zehn Lieder, wieder stoppt die Platte ungefähr auf der Hälfte der Strecke für ein experimentelles, elektronisches, flächiges Irgendwas von Sound, das Titelstück, in das Thomas Mars am Ende hineinsingt, mit seiner gar nicht mal so großen Stimme, die er oft rhythmisch einsetzt: ein paar hingeworfene Zeilen, ein paar immer wieder wiederholte Worte. Böse Menschen fragen sich, ob Mars überhaupt richtig singen kann - aber die Frage stellt sich so nicht, weil Phoenix zu viert eher einen kollektiven Sound schaffen, statt eine Bühne zu bilden für die Einlagen ihrer Solisten.

"Bankrupt!" ist elektronischer geworden, als es die beiden Gitarrenplatten davor waren. Über den zehn neuen Liedern hängt aber wie immer ein Hauch von Nostalgie, von vager Wehmut nach einer Zeit, als in Frankreich noch Mitterrand und in England noch Thatcher regierten. Es kann diesmal vor allem daran liegen, dass Phoenix hier und da ein Schlagzeuggeräusch zitieren, welches Prince 1984 auf "When Doves Cry" berühmt gemacht hat. Doch genau wie die Synthesizerfanfaren, mit denen die erste Single "Entertainment" beginnt, sind das vor allem Signale, die erst mal gut zu den anderen Signalen passen müssen, nach denen Phoenix ewig gesucht haben. Es gibt offenbar kein Retroprogramm. Wenn etwas zu bekannt klingt, wird es lieber ausgeschlossen. "Wir jammen nie im Studio", erzählt Laurent Brancowitz, "wir sitzen da und reden und spielen zufälliges Zeug", und dann beugt er sich vor und klimpert mit den Händen auf dem Couchtisch vor sich hin und hört gar nicht mehr auf. "So schreiben wir Musik", sagt er und klimpert weiter ohne Ton, so, wie er guckt, hört er dabei sogar was in seinem Kopf. "Schreibblockaden sind nicht unser Problem", sagt Thomas Mars, "wir machen uns eher Sorgen, die guten Elemente nicht zu finden oder sie nicht an die richtige Stelle zu setzen."

Für die neue Platte ersteigerten Phoenix bei Ebay das Mischpult, auf dem Michael Jackson und Quincy Jones 1982 "Thriller" produziert haben, vielleicht das größte, sicher aber das erfolgreichste Popalbum aller Zeiten. Das Pult ist Marke Harrison 4032 und eine halbe Tonne schwer, siebzehntausend Dollar haben sie dafür bezahlt und es nach Frankreich transportieren lassen, was noch einmal siebentausend Dollar gekostet hat. Der Arbeitstitel der Platte lautete "Alternative Thriller".

Durch die Songs von Phoenix geisterten immer schon andere Songs, oder besser: Erinnerungen an einen Song, der so ungefähr klang wie der eine Song, den wir immer gehört haben, als wir noch jung waren. Echos, Doppelgänger, Nachbilder. Wenn man will (oder an Gespenster glaubt), kann man "More Than This" von Roxy Music in den Stücken von Phoenix heraushören genau wie "Gloria" von Umberto Tozzi. War denn auch der Geist von Michael Jackson anwesend, als Phoenix die neuen Lieder an dessen Mischpult aufnahmen? "Wir haben gehört, dass Michael Jackson geheult haben soll, als er die erste Pressung von ,Thriller' zu hören bekam", antwortet Mars. "Er dachte, er habe eine Katastrophe produziert. Das ist eine wertvolle Information, wenn man im Studio sitzt und an seinen eigenen Songs arbeitet: Michael Jackson dachte erst, dass ,Thriller' ein Flop wird. Ein großer Trost!"

"Bankrupt!" entzündet sich nicht sofort, wie es "Wolfgang Amadeus Phoenix" tat, die Lieder brennen sich langsamer ein, erst hört man vielleicht nur dreitausend Mal das elektronisch-hymnische "Bourgeois", dann vielleicht das gutgelaunte "SOS in Bel Air" und dann nur noch das lässige "Drakkar Noir", das so klingt, wie die französischen Autos aussahen, in denen Belmondo durch seine Filme der frühen Achtziger gefahren war. Phoenix sind eine französische Band, und sie kultivieren dieses Außenseitertum, das natürlich längst cool geworden ist - auch wenn sie sich einen amerikanisch-mythischen Namen gegeben haben ("er war ausgehöhlt genug, ihn mit unserer eigenen Mythologie zu füllen", sagt Mars), auch wenn Brancowitz behauptet, dass Kraftwerk aus Düsseldorf die Band sei, mit der sich die vier am stärksten identifizierten, weil sie alles anders machte und die Tradition der anderen durch die eigene ersetzte.

"Wir haben uns lange dafür geschämt, nicht schwarz und aus Detroit zu sein", sagt Laurent Brancowitz. "Dann wurde uns klar, dass wir uns nicht anstrengen müssen, um anders zu sein. Und das war ein Befreiungsschlag." Authentizität, sagt er dann noch, sei ein Wort, dass blöde Menschen erfunden hätten. In ihrer Musik gehe es um Transgression, und damit hatte er am Ende doch noch eine Formel gefunden - nicht für die ganze Welt, aber doch für die, die sich bildet, wenn man eine Platte wie "Bankrupt!" auflegt, die Augen schließt und eine Grenze überschreitet.

TOBIAS RÜTHER

"Bankrupt!", ab Freitag bei Warner

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