In Verteidigung der Gesellschaft - Foucault, Michel
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Neben der großen vierbändigen Ausgabe der Dits et Ecrits erscheint gegenwärtig eine umfangreiche Ausgabe der Vorlesungen Foucaults am Collège de France. In diesen Vorlesungen ist ein neuer Foucault zu entdecken: Neben der pointierten mündlichen Präsentation des Gegenstands, die seinen Denkweg verdeutlicht, findet sich immer das Bemühen um Aktualisierung, um eine Analyse der Gegenwart. Die Edition der Vorlesung aus dem Jahr 1975/76 In Verteidigung der Gesellschaft, mit der diese Edition begann, folgt Manuskripten und Tonbandmitschnitten. Foucault geht hier der Frage nach, inwieweit…mehr

Produktbeschreibung
Neben der großen vierbändigen Ausgabe der Dits et Ecrits erscheint gegenwärtig eine umfangreiche Ausgabe der Vorlesungen Foucaults am Collège de France. In diesen Vorlesungen ist ein neuer Foucault zu entdecken: Neben der pointierten mündlichen Präsentation des Gegenstands, die seinen Denkweg verdeutlicht, findet sich immer das Bemühen um Aktualisierung, um eine Analyse der Gegenwart.
Die Edition der Vorlesung aus dem Jahr 1975/76 In Verteidigung der Gesellschaft, mit der diese Edition begann, folgt Manuskripten und Tonbandmitschnitten. Foucault geht hier der Frage nach, inwieweit Machtverhältnisse nach dem Modell des Krieges analysiert werden können. Seine im doppelten Wortsinn polemischen Ausführungen lassen sich in der Frage zusammenfassen, ob, in Umkehrung von Clausewitz, die Politik die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln sei.
  • Produktdetails
  • suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1585
  • Verlag: Suhrkamp
  • 5. Aufl.
  • Seitenzahl: 341
  • Erscheinungstermin: November 2009
  • Deutsch
  • Abmessung: 178mm x 110mm x 18mm
  • Gewicht: 205g
  • ISBN-13: 9783518291856
  • ISBN-10: 3518291858
  • Artikelnr.: 10298848
Autorenporträt
Foucault, Michel
Paul-Michel Foucault wurde am 15. Oktober 1926 in Poitiers als Sohn einer angesehenen Arztfamilie geboren und starb am 25. Juni 1984 an den Folgen einer HIV-Infektion. Nach seiner Schulzeit in Poitiers studierte er Philosophie und Psychologie in Paris. 1952 begann seine berufliche Laufbahn als Assistent für Psychologie an der geisteswissenschaftlichen Fakultät in Lille. 1955 war er als Lektor an der Universität Uppsala (Schweden) tätig. Nach Direktorenstellen an Instituten in Warschau und Hamburg (1958/1959) kehrte er 1960 nach Frankreich zurück, wo er bis 1966 als Professor für Psychologie und Philosophie an der Universität Clermont-Ferrand arbeitete. In diesem Zeitraum erschien 1961 seine Dissertationsschrift Folie et déraison. Histoire de la folie à l'âge classique (dt.: Wahnsinn und Gesellschaft). Er thematisierte darin die Geschichte des Wahnsinns und das Zustandekommen einer Abgrenzung von geistiger Gesundheit und Krankheit und die damit einhergehenden sozialen Mechanismen. 1965 und 1966 war er Mitglied der Fouchet-Kommission, die von der Regierung für die Reform des (Hoch-)Schulwesens eingesetzt wurde. 1966 wurde Les mots et les choses - Une archéologie des sciences humaines (dt.: Die Ordnung der Dinge) veröffentlicht, worin er mit seiner diskursanalytischen Methode die Wissenschaftsgeschichte von der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert untersuchte. Nach einem Auslandsaufenthalt als Gastprofessor in Tunis (1965-1968) war er an der Reform-Universität von Vincennes tätig (1968-1970). 1970 wurde er als Professor für Geschichte der Denksysteme an das renommierte Collège de France berufen. Gleichzeitig machte er durch sein vielfältiges politisches Engagement auf sich aufmerksam. In diesem Kontext entstand die Studie Surveiller et punir (dt.: Überwachen und Strafen). 1975-1982 unternahm er Reisen nach Berkeley und Japan sowie in den Iran und nach Polen.
Inhaltsangabe
Aus dem Inhalt:
Vorlesungen vom 7. Januar bis 17. März 1976
Zusammenfassung der Vorlesungen
Sachregister
Namenregister
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 02.11.1999

Auf sie mit Gedrill!
Martialisch, monumentalisch, mythisch: Michel Foucault erfand die Historie, von der Friedrich Nietzsche träumte / Von Ulrich Raulff

Eines Tages könnte sich die Ideengeschichte einen Spaß erlauben und ihre Perspektive wechseln. Statt wie bisher die Dame oder den Herrn am Rednerpult zu betrachten, würde sie sich den Damen und Herren zuwenden, die ihr oder ihm zu Füßen sitzen. Eine kleine Geschichte des Publikums könnte dabei herauskommen. Wie gern wüßten wir, wer Edmund Husserl lauschte, wenn er, den spitzen Stift in der Hand, eidetisch reduzierte, wie gern sähen wir die Westend-Damen an den Lippen Georg Simmels hängen, wenn er mit plastischen Worten einen Henkel nachbildete, den seine Zuhörerinnen lieber in den Händen ihrer Dienstboten ließen. Wie reizvoll wäre ein Blick auf Gundolfs "Huldinnen" in der Dämmerung des Heidelberger Seminars, wie bewegend der Anblick der Kriegsheimkehrer, die in ungeheizten Hörsälen auf den Auftritt von Karl Jaspers warteten.

An die Hörerschaft des Collège de France vor fünfundzwanzig Jahren kann man sich noch lebhaft erinnern. Lévi-Strauss las damals noch, auch er vor "gemuschenem Bupflico", wie Jacob Burckhardt von dem seinen zu sagen pflegte. Doch war das Publikum deutlich weniger gemischt als etwa die Zuhörerschaft von Roland Barthes: Die war so mondän wie sein Vortrag und so luftig wie seine Assoziationen, ein flatterhafter Pariser Vogelschwarm, der sich auf den Bänken des alten Collège niedergelassen hatte. Bei Foucault wehte ein kälterer Wind, da sammelte sich die literarisch verwöhnte Nachhut der Revolte, eine philosophische Guerrilla, die süchtig war nach dem Koks des gefährlichen Denkens und hier ihren reinen Stoff bezog. Eine mit Kassettenrekordern schwer bewaffnete Truppe, ein technisch aufgerüstetes Publikum, das bevorzugt mit dem dritten Ohr hörte.

Dank dieser langen und spitzen Ohren, die damals die Hörsäle des Collège erfüllten, hat sich umgehen lassen, was das Testament Foucaults forderte: keine postumen Publikationen von bis dato ungedruckten Manuskripten. Schon bald nach dem Tod des Philosophen im Juni 1984 floss ein munterer Bach von Tonbandtranskriptionen, an dem, wer immer mochte, angeln konnte. Um den Bach auszutrocknen, entschlossen sich die Verwalter des literarischen Erbes zunächst zu Kassetteneditionen und schließlich zu regulären Buchpublikationen der Vorlesungen. Sorgfältig ediert und mit hilfreichen Anmerkungen versehen, erscheinen diese Bände nun in rascher Folge in der Verlagsgemeinschaft von Gallimard, Seuil und Hautes Etudes.

Es ist eine merkwürdige Erfahrung, Foucaults gesprochenen Text zu lesen. Die Spur des Mündlichen ist nicht zu übersehen, das "Korn der Stimme" nicht getilgt. Der Text ist nicht arm an Redundanzen, gelegentlich verliert sich der Vortragende in Abschweifungen. Natürlich hätte der große Stilist einem solchen Manuskript nie Imprimatur gegeben. Und doch ist der Text reiner und originaler Foucault, appelation controlée - die Architektonik der Geschichtskonstruktion, das raffiniert gesetzte, hohe Pathos, der düstere Glanz der Metaphorik, mit einem Wort: das grüne Leuchten ist da. Das wirklich Aufregende aber liegt in der Sache, die hier verhandelt wird - die Geschichte als Wissen vom Krieg und als kriegerisches Wissen. Nirgendwo sonst im Werk Foucaults kommt man der Lösung eines alten Rätsels näher: warum der Philosoph der Subversion sich so konsequent zum Historiker machte. Foucault, so scheint es auf den ersten Blick, entwickelt in dieser Vorlesung die Vorgeschichte der Biopolitik, also jenes modernen Diskurses über die "Bevölkerung", in den à la longue alle Humanwissenschaften einmünden und aus dem die totalitären Regimes ihr jeweiliges Macht-Wissen schöpfen sollten. Der Genealoge der modernen Machtausübung schreibt die Geschichte des Diskurses über die "Rassen". Was er ein Jahr zuvor anhand des Diskurses über den Sex gezeigt hat, den Übergang von einer souveränen Macht über Leben und Tod zu einer "biopolitischen" Macht, das vertieft der Pathologe diesmal an einem anderen Operationstisch. Jetzt geht es um die Anatomie des historiographischen Korpus der westeuropäischen Nationen.

Die Ursprünge der Biopolitik sollen erforscht, gleichzeitig aber die Anfänge des modernen Diskurses über die Geschichte freigelegt werden. Das wiederum setzt voraus, dass sich eine spezifische Differenz zur gesamten älteren Historiographie ermitteln läßt: Adieu Thukydides. Man ahnt, wie viel der Autor sich vorgenommen hat und mit welch starken Verdichtungen er arbeiten muß, um sein Bild klar zu halten. Tatsächlich braucht Foucault, anders als sein bekanntes Preislied auf das "Gewimmel der Ursprünge" und die "Vielfalt der Herkünfte" erwarten läßt, immer starke Gründerfiguren, Diskursbegründer, in denen sich der Autor selbst bespiegelt. Es gibt einen starken heroischen und monumentalischen Zug in dieser Geschichte, die durchaus kritisch, ja subversiv sein will.

Für Foucault beginnt die moderne Geschichte im siebzehnten Jahrhundert. In den Forderungen der englischen Levellers und Diggers sei zum ersten Mal die Historie als Waffe im Streit um Rechte des Volkes benutzt worden. Damals sei eine Historie aufgetreten, die nicht mehr dem Prinzip gehorchte, die Legitimität der Macht zu untermauern und den Glanz ihres Ruhmes zu vermehren. Binden und blenden, das waren, so Foucault, die beiden Funktionen der Historie sowohl in der römischen Zivilisation wie in den Gesellschaften des Mittelalters: ein Diskurs der Verbindlichkeiten, eine Rede der Prachtentfaltung. Gemeinsam bildeten sie die Historie als Geschichte der Souveränität, als "jupiterische" oder joviale Geschichte. Mit dem Diskurstyp, der um 1630 in England aufkam und fünfzig Jahre später in Frankreich auftauchte, endete die Antike: "Es ist die erste antirömische Historie, die das Abendland gekannt hat."

Der Gedanke an den Krieg beherrscht diese Geschichte. Doch der Krieg ist nicht ein ferner Ursprung, von dem sich die Geschichte täglich weiter entfernt, er ist ihr Bewegungsgesetz und zugleich ihr Erkenntnisraster. Der Krieg treibt die Geschichte an, der Krieg macht sie intelligibel. Und dieser Krieg hat kein Ende: Anders als die politische Theorie will, fängt die politische Macht nicht dann an, wenn der Krieg aufhört. Der Krieg läuft innerhalb und unterhalb der Institutionen der Macht und des Gesetzes: "Das Gesetz bedeutet nicht Befriedung, denn unterhalb des Gesetzes wütet der Krieg in allen Machtmechanismen, selbst den geregeltsten weiter. Man muß aus dem Frieden den Krieg herauslesen: Der Krieg ist nichts anderes als die Chiffre des Friedens." Aus dieser Immanenz und Ubiquität des Krieges folgt für Foucault die Unvermeidlichkeit, Partei zu nehmen, sich einzumischen ins polemische Geschehen: "Es gibt kein neutrales Subjekt. Man ist zwangsläufig immer jemandes Gegner."

Auch und gerade als Historiker. Denn die Historie, die Foucault meint, ist eine kriegerische Rede. Rücksichtslos missachtet sie alle Neutralitätsgebote, die als erste Regeln des Metiers gelten. Wer sich als Historiker nicht von der Dialektik pazifizieren oder von der politischen Philosophie "kolonisieren" ließ, erklärt den Krieg. Keine Zuspitzung scheuend, belegt Foucault diese gewaltsame Umdeutung der Historie zum Kriegsdiskurs mit dem ehrwürdigen Namen des "Historismus". Er soll, was seinem traditionellen Verständnis noch entspricht, die unaufhebbare Immanenz der Geschichte bezeichnen, die Tatsache, dass sich das rettende Ufer jenseits der Kontingenz auf immer entzieht. Aber da Foucault keinen nichtpolemischen Begriff von Kontingenz kennt, bedeutet sein "Historismus" nichts als die Immanenz der Kämpfe: "Die Geschichte stößt immer auf Krieg, aber die Geschichte kann über diesen Krieg nie endgültig hinauskommen".

Die geistige Vaterschaft dieser heillosen Geschichte von Siegern und Besiegten liegt nicht bei Hobbes. Im Gegenteil, Hobbes wird zum Vater aller Theorien, die den Krieg eskamotieren: "In dem elementaren Krieg von Hobbes gibt es keine Schlachten, kein Blut, keine Leichen. Es gibt Vorstellungen, Bekundungen, Zeichen, emphatische, listige, lügenhafte Ausdrucksformen. Wir befinden uns auf dem Theater des Austauschs von Repräsentationen, in einem zeitlich unbestimmten Angstverhältnis; wir sind nicht wirklich im Krieg." Hobbes will den Gedanken an den kriegerischen Ursprung der englischen Nation zum Verschwinden bringen: "Der unsichtbare Gegner des Leviathan ist die Eroberung."

Die Gegenfigur zu Hobbes und in Foucaults Augen gleichsam der heroische Gegen-Gründer, Stifter eines neuen Diskurses über die Geschichte, ist ein französischer Adliger des späteren siebzehnten Jahrhunderts: Henri de Boulainvilliers. Nach den "Monarchomachen" wie François Hotman und Etienne Pasquier hat dieser Wortführer des Adelswiderstandes gegen Ludwig XIV. die Geschichte als Waffe entdeckt - ein "Gegen-Wissen" gegen das Wissen des Königs, seiner Juristen und Kanzlisten. Indem er hinter den Text der Gesetze zurückgeht, um an ältere, ungeschriebene Verpflichtungen zu erinnern, an vergessene Thesen und an das Blut, das der Adel für den König vergossen hat, entdeckt Boulainvilliers einen anderen, "nichtrömischen" Diskurs. Die Geschichte wird zur Waffe des verratenen und erniedrigten Adels - und zugleich, in der elaborierten Form, die Boulainvilliers ihr gibt, zur modernen Form, die Vergangenheit zu denken.

Ein Diskurs, in dem sich auch die "bürgerliche" Historiographie einrichten wird - freilich erst, nachdem sie die Geschichte einer Dialektik unterworfen und auf das Ziel des Staates ausgerichtet hat. Foucault liest die Begründung der liberalen politischen Historie zwischen 1815 und 1830 wie die Geschichte eines Verrats an der ursprünglichen polemischen Wahrheit der Geschichte, in der Unvernunft und Grausamkeit noch nicht als Stufen unter den Fuß der aufsteigenden Vernunft gelegt waren. Wie das konservative und rechte Denken in Frankreich seit bald zweihundert Jahren versucht Foucault, der Revolution ihre Würde als Stiftungsakt einer neuen Zeit und einer neuen Historie abzusprechen - aber nicht, um eine ältere, legitime Tradition zu bekräftigen, sondern um zurückzukehren zu den Quellen einer radikalen Gegen-Historie. Dem historischen Verlierer, dem auf verlorenem Posten weiter kämpfenden Adel gehört seine Sympathie.

Der Rest ist rasch erzählt. Es ist die stark komprimierte Geschichte einer fatalen Transformation. Sie ließ im Lauf des neunzehnten Jahrhunderts den alten Krieg zweier "Rassen" in die moderne, biologisch begründete und ethnisch argumentierende Form des Rassismus übergehen. Parallel dazu vollzog sich eine Umwertung des Krieges: Von einem äußerlichen Schicksal, das den Völkern widerfuhr, wurde er zu einem Mittel, um die Gesellschaft gegen ihre neuen, inneren Feinde zu schützen (daher der Titel "In Verteidigung der Gesellschaft"). Die Gegner des Rassismus sind keine Feinde im politischen Sinne mehr, sie sind "äußere oder innere Gefahren in bezug auf oder für die Bevölkerung". Mit der Sorge um die "Bevölkerung" um die Wende zum neunzehnten Jahrhundert lässt Foucault die Biopolitik einsetzen - was präziser ist, als auf der Suche nach Regeln für den Menschenpark in einem diffusen Projekt des Humanismus zu stochern.

Von der "Außenpolitik" des unaufhörlichen Krieges feindlicher "Rassen" zur globalen Innenpolitik des Rassismus: Vielleicht war nie so deutlich sichtbar, wie breit die Zonen sind, in denen sich der "politische Historismus" Foucaults und die Geschichtskonstruktionen von Carl Schmitt berühren. "Petrarca fragte sich", sagt Foucault am Ende einer Vorlesung im Januar 1976, "was gibt es denn in der Geschichte, was nicht dem Ruhm Roms dient?" Wir hingegen, fährt er fort, stellen uns eher die Frage: "Was gibt es denn in der Geschichte, was nicht Ruf nach oder Angst vor der Revolution wäre?" Und dann wirft Foucault eine erratische Frage in den Hörsaal und die Metallohren der Kassettenrekorder, eine Frage, wie sie auch Schmitt gestellt haben könnte: "Und wenn Rom nun die Revolution eroberte?"

Am Ende der Vorlesungen fasst Foucault noch einmal die Genealogie seiner eigenen Façon, Geschichte zu treiben, zusammen. Im Unterschied zu der philosophisch-juridischen Erörterung, die sich dem Problem der Souveränität und der Frage des Gesetzes widmet, sei dieser Diskurs, der die Fortdauer des Krieges in der Gesellschaft entziffert, "ein wesentlich historisch-politischer Diskurs, ein dunkel kritischer und zugleich intensiv mythischer Diskurs". Dies ist eine Selbstbeschreibung, kein Zweifel, und sie erfasst präzise, was die Rede des Historiker-Kriegers vom Collège de France so anziehend machte für seine jungen Zuhörer. Sie vernahmen eine Rede, die allen Anzeichen nach von links zu kommen schien, eine kritische Rede, die der Macht - und allen Mächten - den Kampf ansagte und in der Historie zugleich die Morgenröte eines anderen Tages sichtbar werden ließ. Und zugleich lauschten sie einer mythischen Erzählung vom Verlust der Souveränität und ihrer möglichen Wiederkehr in den Kämpfen des wilden, nicht unterworfenen Wissens.

Hätte man nicht selbst damals unter den Zuhörern des Magiers von Paris gesessen, man müsste das Publikum von einst noch heute beneiden. Es war, als hätten durch den Mund dieses Orakels hindurch Walter Benjamin und Carl Schmitt zu einer gemeinsamen Sprache gefunden. Es war eine Sprache von düsterer Schönheit und kaum unterdrücktem Pathos, dunkel kritisch und intensiv mythisch. Sie klang anders als das Idiom, in dem sich Klio sonst zu äußern pflegte.

Michel Foucault: "In Verteidigung der Gesellschaft". Vorlesungen am Collège de France (1975-1976). Aus dem Französischen von Michaela Ott. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1999. 313 S., geb., 48,- DM.

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

"FAZ-Feuilletonchef Ulrich Raulff bekennt, dass er selbst seinerzeit das Glück hatte, Foucault bei seinen Vorlesungen im Collège de France zuzuhören und sich an der dunklen Pracht seiner Metaphern zu berauschen. Er zeichnet kurz nach, wie es zu dieser Edition der Vorlesungen überhaupt kommen konnte, obwohl Foucault nichts Unfertiges nach seinem Tod publiziert wissen wollte: Die andächtigen Schüler stellten seinerzeit Kasettenrekorder auf, schon lange zirkulierten Mitschnitte. Nun kommen Gallimard und Foucaults ausländische Verleger den Raubdrucken mit einer offiziellen Version zuvor. In seiner Rezension schildert Raulff, wie Foucault sich im 17. Jahrhundert auf die Spuren des Ursprungs von modernem Rassismus begibt und wie er den Krieg als ein der Politik stets zugrundeliegendes, keineswegs etwa von ihr ausgeschaltetes Geschehen begreift. Wenn er damals nicht selbst zu den Zuhörern gehört hätte, meint Raulff am Schluss, dann müsste er sich heute beneiden.

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