24,00 €
versandkostenfrei*

inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln

    Gebundenes Buch

1 Kundenbewertung

Im 18. Jahrhundert fasziniert ein neues Fluidum die Welt: die Elektrizität. Mit ihr wird die Intensität zu einem Ideal für den Menschen und zu einem Begriff der Philosophie. Von der Macht Nietzsches bis zum Vitalismus Deleuze', von der nervösen Erregung der Libertins bis zum Adrenalinkick der Begierde, der Leistung und der Extremsportarten: Die Intensität organisiert seither unsere Welt. Sie ist der höchste Wert des modernen Lebens, wie der junge französische Philosoph Tristan Garcia in seinem mitreißenden Essay zeigt.
Die ständige Suche nach Intensität ist allerdings auch anstrengend:
…mehr

Produktbeschreibung
Im 18. Jahrhundert fasziniert ein neues Fluidum die Welt: die Elektrizität. Mit ihr wird die Intensität zu einem Ideal für den Menschen und zu einem Begriff der Philosophie. Von der Macht Nietzsches bis zum Vitalismus Deleuze', von der nervösen Erregung der Libertins bis zum Adrenalinkick der Begierde, der Leistung und der Extremsportarten: Die Intensität organisiert seither unsere Welt. Sie ist der höchste Wert des modernen Lebens, wie der junge französische Philosoph Tristan Garcia in seinem mitreißenden Essay zeigt.

Die ständige Suche nach Intensität ist allerdings auch anstrengend: Süchtig jagen wir neuen Höhepunkten und Extremen nach, immer unter Strom. Kein Wunder also, dass in unseren "Hochspannungsgesellschaften" das Unbehagen wächst. Die intensive Landwirtschaft zerstört die Natur, das Selbst ist erschöpft, Apathie, Mittelmäßigkeit und Depression signalisieren das Ende des großen Wachstums- und Intensitätsrauschs. Wie können wir dennoch das Gefühl bewahren, am Leben zu sein? Jenseits von Lebenshilfe und Glücksratgebern, die Weisheit und Seelenheil in einer Rückkehr zu Buddhismus oder Religion versprechen, und mit der E-Gitarre im Gepäck ruft Garcia zum Widerstand auf. Seine Forderung: Wir brauchen eine Ethik der Intensität.
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • Originaltitel: La vie intense. Une obsession moderne
  • 3. Aufl.
  • Seitenzahl: 215
  • Erscheinungstermin: 10. April 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 203mm x 126mm x 25mm
  • Gewicht: 340g
  • ISBN-13: 9783518587003
  • ISBN-10: 3518587005
  • Artikelnr.: 46773478
Autorenporträt
Garcia, Tristan
Tristan Garcia, geboren 1981, ist ein französischer Philosoph und Schriftsteller. Er ist ein Schüler von Alain Badiou, gegenwärtig Maître de conférences an der Universität von Lyon und gehört zum Kreis der philosophischen Bewegung des Spekulativen Realismus. Für seine in zahlreiche Sprachen übersetzten Werke wurde er mehrfach ausgezeichnet. Auf Deutsch erschien sein von der Kritik gefeierter Roman Der beste Teil der Menschen, für den er den Prix de Flore erhalten hat. Im Herbst 2018 erscheint sein Essay Wir im Suhrkamp Verlag.

Kunzmann, Ulrich
Ulrich Kunzmann, geboren 1943, studierte Romanistik und arbeitete zunächst 20 Jahre lang als Dramaturg. Seit 1969 übersetzt er literarische Texte und Sachbücher aus dem Spanischen, Französischen und Portugiesischen ins Deutsche.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 16.04.2017

Spüre dich selbst!
Ist "Das intensive Leben", das neue Buch von Tristan Garcia, eine Befreiung des Denkens - oder nur eine Anleitung zur Optimierung des Selbst?

In seinem Essay "Das intensive Leben" untersucht der 1981 geborene französische Philosoph Tristan Garcia das moralische Lebensprinzip der modernen Gesellschaften. Es lautet für ihn nicht: "an die Arbeit gehen und der Forderung des Tages gerecht werden" oder: "handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass es allgemeines Gesetz werde". Garcia macht für die Moderne einen anderen Imperativ geltend. Ganz gleich, was und wie man lebt, ob revolutionär, fromm, vegan oder karnivor, das Entscheidende besteht immer darin, das Leben so intensiv wie möglich zu leben.

Die Maxime der Moderne lautet (und sie ist darin unerbittlicher als jedes von außen auferlegte Gesetz): Lebe so, dass du das Leben in dir spürst! Sei sensibel, achtsam und schlurfe nicht als depressiver Schatten durch die Welt (wie die Helden Houellebecqs)! Lebe intensiv! Das gilt, laut Garcia, für die Rebellen des kommenden Aufstandes so gut wie für hirnlose Feierbiester, ja selbst für die Dschihadisten, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollen. "Die moderne Gesellschaft verspricht den Einzelnen nicht mehr ein anderes Leben oder ein seliges Jenseits, sondern lediglich das, was wir schon sind - mehr und besser. Was uns als erstrebenswertes Gut angeboten wird, ist eine Steigerung unserer Körper, eine Intensivierung unserer Freuden, unserer Liebesgefühle und Emotionen."

Der Grund für den Imperativ des intensiven Lebens liegt für Garcia in zwei Sachverhalten. Erstens gibt es in der Moderne, das heißt dort, wo dem Menschen keine Transzendenz mehr winkt, nichts als das kurze, prekäre Leben. Folglich muss man versuchen, es kontinuierlich zu intensivieren. Am besten, indem man dessen innere Elektrizität beschwört. Garcia erkennt in der "fée électricité" das emblematische Bild der Spannungs-Suche in der entzauberten Welt. Zweitens - das folgt aus der aufgeklärten Normenpluralität - kann niemand niemandem verbindlich vorschreiben, was ein gutes oder ein schlechtes Leben ist. Moralvorschriften zu machen ist vormodern. Deswegen habe sich die Welt spätestens seit dem 18. Jahrhundert darauf geeinigt, nicht mehr ein transzendent fundiertes, normatives Modell des Lebens vorzugeben, sondern nur noch gut, das heißt: intensiv zu leben, was und wie auch immer.

Auf diese Weise sei die Intensität als permanent gesteigertes Selbstgefühl des Subjekts zum Prüfstein aller moralischen Werte geworden, im Boudoir des Marquis de Sade so gut wie im New Yorker CBGB. Sing the body electric! Verfehlen kann man das Leben nur dann, wenn sich das Gefühl des Mittelmäßigen und Routinierten einstellt, wenn die Lebensspannung gegen null geht und nichts als Leere bleibt: Burn-out, Demotivation, innere Verwahrlosung.

Nun wäre Tristan Garcia kein Philosoph, wenn er beides gedanklich nicht aufeinander zu beziehen verstünde. Intensitätssuche und Depression gehören als dialektische Momente ein und desselben Paradigmas zusammen. Wenn das Leben nur noch aus Adrenalinkicks besteht, wird der Kick zur Routine und hebt sich selbst auf. In diesem Paradoxon entdeckt Garcia das Grundproblem des intensiven Lebens. "Wir alle, wie auch immer wir sind, fühlen deutlich, dass die verallgemeinerte Intensität, sobald sie in den Rang des Lebensgrundsatzes erhoben wird, keine andere Aussicht als unsere unvermeidliche, beinahe mechanische Erschöpfung bietet. Sie versetzt jeden individuellen oder kollektiven Organismus, der sich ihr vorbehaltlos hingibt, in eine vage Depression, eine langsame Verringerung der Erregung, eine zwangsläufige Aufhebung, die jedoch außer bei einem Zusammenbruch nie wirklich ein Ende findet."

Das Problem ist deutlich. Glücklicherweise hat Tristan Garcia auch die Lösung parat, und zwar in Gestalt einer Ethik, die Denken und Leben (oder Vernunft und Wunsch) geschickt miteinander verbindet und dabei zwei Klippen umschifft: die permanent drohende Erschöpfung erstens, den reaktionären Rückfall in die religiöse Vormoderne zweitens. "Wie soll man der Intensität des Lebens treu bleiben, ohne daraus entweder den absoluten Grundsatz des Lebens zu machen oder zu versuchen, sie aufzuheben oder sogar zu beenden? Unser ethisches Bewusstsein ist ins Kreuzfeuer geraten. Auf der einen Seite wird es durch die Erschöpfung all dessen erdrückt, was uns die Moderne als intensiv versprochen hatte, auf der anderen Seite wird es durch das Wiederauftreten der philosophischen und religiösen Verheißungen einer Auslöschung oder Sublimierung des illusorischen Lebens des Körpers eingeengt. Einerseits verurteilen wir uns zur Erschöpfung. Andererseits überlassen wir uns der geistigen Negation des Eigenwerts des Lebens."

Die Lösung des Problems wird im klugen Sowohl-als-auch beziehungsweise Weder-noch liegen. Intensität ja, aber bitte nicht so, dass gleich die Polizei und der Rettungswagen kommen müssen. Weder dürfen wir uns auf die vormoderne Einengung des intensiven Lebens einlassen noch auf Praktiken der Selbstzerstörung. Wir werden intensiv Spaß haben, zugleich aber klug mit unseren Kräften haushalten. Mit den Worten des Philosophen: "Die Kraft eines Lebens ist etwas sehr Heikles. Um sich so lange wie möglich lebendig zu fühlen, muss man sich auf den Kammlinien der Ideen und Empfindungen halten und erreichen, dem Taumel der Lebensbejahung nicht nachzugeben und auch nicht in den Abgrund der Lebensverneinung zu stürzen."

Das Interessante an dem 200-Seiten-Essay ist nicht seine Häkeldeckchen-Maxime: "Lebe intensiv, aber übertreib' es nicht". Und es ist auch nicht der philosophische Leichtsinn, der aus der Moderne, von Kant bis zu Zappa und T. Rex (!!), unter Absehung von sämtlichen Revolutionen, Kriegen und Zusammenbrüchen nichts als eine lange Suche nach Intensitäten macht. (Wer sich für eine historisch präzise Begriffsgeschichte interessiert, liest mit größerem Gewinn Erich Kleinschmidts 2004 erschienene Studie: "Die Entdeckung der Intensität. Geschichte einer Denkfigur im 18. Jahrhundert".) Interessanter ist eher schon die Tatsache, dass Garcia in seinem Essay die französische Philosophie des 20. Jahrhunderts radikal ausspart, unter anderem auch Bataille, Lacan, Klossowski und Lyotard, die die Frage der "Intensitäten" erfunden und sie explizit auf die philosophische Tagesordnung gesetzt haben, und zwar im Namen einer Revolte gegen das entfremdete Leben oder die kapitalistische Zurichtung der Wünsche. Der erste Band des tumultuösen Nietzsche-Kolloquiums von 1972 in Cerisy-la-Salle trug den Titel "Intensités".

Interessant ist deswegen auch der Umstand, dass Tristan Garcias Essay mitsamt seiner Ausblendung der anarcho-libertären Tradition des Intensitäten-Denkens von den Pariser Medien als intellektuelles Ereignis gefeiert wird. Anders gesagt, von Bedeutung ist der Essay zuallererst als Symptom einer offensiv betriebenen Verdrängung. Verabschiedet werden die toten Wunschrevolutionäre, die mit Marx, Freud und Nietzsche die bürgerliche Gesellschaft aushebeln wollten und dabei angeblich das propagierten, was Garcia den "Taumel der Lebensbejahung" nennt. Er setzt ihm eine Alles-mit-Maßen-Ethik entgegen, die nicht mehr von neuen Wunschökonomien jenseits des Konsums träumt, sondern wunderbar zu Gegenwartsphänomenen wie Care-Ethik oder Work-Life-Balance passt, das heißt zur Lebenspraxis der bürgerlichen Mittelklassen. Im täglichen Konkurrenzkampf um Stellen und Posten suchen sie ihr Heil nicht mehr in der Revolution oder der religiösen Vormoderne, sondern in intensiv betriebener Selbstverbesserung und Selbstkontrolle, die vor dem psychischen und sozialen Absturz schützen soll.

Vor dem Hintergrund dieser anderen Geschichte der "Intensitäten", die den ungesagten blinden Fleck des Essays ausmacht, erschließt sich dessen symptomatische Bedeutung besser. Sie liegt nicht in der moralischen Trivialität, die vor den Folgen von Exzessen warnt, sondern in der Verdrängung genau jener politischen Wünsche und Lebenspraktiken, die mit dem Begriff "Intensitäten" einmal verbunden waren. Was sich an dem Essay studieren lässt, ist die Umschrift von ehemals kapitalismuskritischen Theorien in Individualethik, das Umkippen des Anarcho-Linksradikalismus in das, was Gilles Châtelet als "Anarcho-Merkantilismus" bezeichnet hat: "Intellektuelle Strömung, welche die Unterwerfung unter den Markt, nicht ohne Subtilität und spielerischen Witz, als die tatsächliche Verwirklichung und das notwendige Erwachsenwerden libertärer Ideen anpreist."

Garcias Essay lässt sich als Symptom dieses Umschlags lesen. Angesichts der Realitäten der französischen Gesellschaft - in den Banlieues toben Bandenkriege, pro Tag bringt sich ein überschuldeter Landwirt um, der Ausnahmezustand ist auf Dauer gestellt - wirken die Moralprobleme des maßvoll intensiven Lebens allerdings seltsam lebensfremd und ratlos. Politische Intensitäten speisen sich offenbar aus anderen Quellen als dem Selbstgefühl des achtsamen Subjekts.

CLEMENS PORNSCHLEGEL

Tristan Garcia: "Das intensive Leben - Eine moderne Obsession". Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann. Suhrkamp, 215 Seiten, 24 Euro

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 06.06.2017

Die große
Hysterie
Tristan Garcia philosophiert über
„Das intensive Leben“
Tristan Garcia ist 36 Jahre alt, ein Schüler des französischen Philosophen Alain Badiou und offensichtlich eine Veröffentlichungsmaschine. Dreizehn Werke sind unter seinem Namen in den letzten Jahren erschienen. Sein bisher letztes, „Nous“, Wir, ist ein Plädoyer für die Wiederbelebung der ersten Person Plural als politischen Bewusstseins- und Zielbildungsbegriff und bislang nur auf französisch verfügbar.
Garcia gehört zu den französischen Intellektuellen, die routinemäßig zu Kommentaren und Einschätzungen der gesellschaftlichen Situation gebeten werden. In Frankreich gilt er als einer der interessantesten Denker. Doch hierzulande ist neben einem preisgekrönten Roman nur ein Buch erschienen: „Das intensive Leben. Eine moderne Obsession“. Man kann nicht sagen, dass es das Phänomen Garcia begreiflicher macht, auch wenn es darin mit allerhand intellektuellen Wunderkerzen zur Sache geht. Dabei leuchtet die Analyse, von der Garcia ausgeht, durchaus ein. Der Mensch, so schreibt er, habe sich in der Moderne der Maxime unterworfen, sich im Verlauf seines Lebens in allen Bereichen seiner Gefühls- und Leistungsfähigkeit endlos zu steigern: „Seit einigen Jahrhunderten verkörpern wir einen bestimmten Menschentypus: Menschen, die eher für das Streben nach Intensivierung als nach Transzendenz – wie das für die Menschen anderer Zeitalter und Kulturen galt – herangebildet wurden.“ Das Ziel des Lebens ist nichts, das auch nur ansatzweise erreichbar sein darf. Nichts ist tödlicher für den Selbstwert als die Aussage: „Ich habe alles erreicht“.
In der postmodernen, moralisch mehr oder weniger entfesselten Gegenwart gilt uns die Lebensintensität, so Garcia, als letztes Kriterium, das bei der ethischen Bewertung eines Lebens noch zugelassen ist: „Ein einziges Gesetz leitet den modernen Prozess, in dem das Selbst über sich selbst richtet: dass das, was getan wurde, mit glühendem Herzen getan wurde.“ Ehebrecher, Hochstapler, Pornodarsteller, jeder kann sich heute auf das Prinzip „Hier stehe ich und kann nicht anders“ berufen. Spannend und unterhaltsam liest sich die historische Herleitung, in der Garcia im ersten Teil des Buchs den Zusammenhang zwischen den Gefühlswelten und der Elektrifizierung unseres Alltages darlegt.
Dialektisch folgerichtig führt die permanente Lebensgefühls-Beschleunigung zum Absturz in die Überforderung. Garcia spricht von einer Hysterisierung der Intensität. Viele Reisen, wechselnde Lebenspartner, Extremsport, Online-Shoppen und Karrierismus, das sind die gängigen Symptome der Intensitäts-Malaise, die er diagnostiziert. Obwohl er ihn nur einmal zitiert, fühlt man sich in diesen Ausführungen immer wieder stark an die Arbeiten von Byung-Chul Han erinnert. Da ist derselbe Hang zur Beschreibung einer nie ganz wiedererkennbaren Lebenswelt, die sich mehr aus der Lektüre von Online-Magazin-Beiträgen zu speisen scheint, als aus einer real existierenden Lebenswelt. Da ist dieselbe Pseudo-Soziologie am Werk, da zeigt sich derselbe Hang zur Kursivstellung zentraler Begriffe wenn es wichtig wird und da drängt sich beim Lesenden immer wieder die Frage auf: „Was genau soll dieses Buch eigentlich?“
Nicht, dass Garcia das nicht deutlich sagt: Er will eine Ethik entwickeln, „die uns die Möglichkeit sichert, nicht die Intensität unseres Lebens gerade im Namen seiner Verwirklichung zu zerstören.“ Das Ergebnis geht aber leider in Richtung Absolventenredenprosa: „Die Kraft des Lebens ist etwas sehr heikles. Um sich so lange wie möglich lebendig zu fühlen, muss man sich auf den Kammlinien der Ideen und Empfindungen halten und erreichen, dem Taumel der Lebensbejahung nicht nachzugeben und auch nicht in den Abgrund der Lebensverneinung zu stürzen.“
Das liest sich eher wie die glorifizierte Version einer dieser Lebensweisheitskärtchen, die viele Menschen auf Facebook teilen, wenn sie gerade ein Moment der Introspektion erwischt hat, als wie eine Theorie zum guten Leben. Vielleicht ist dieses Defizit aber auch in dem Leben begründet, das Garcia entwirft. Er ist nicht der erste französische Philosoph, der sich mit Intensität auseinandergesetzt hat, zu seinen Vorgängern zählen unter anderen Gilles Deleuze und Jean-François Lyotard. Zu dessen wichtigsten Werken zählt „Intensität“, Garcia zitiert es nicht mal in seiner Literaturliste. Das passt zu einer auffälligen Leerstelle, dem völligen Verzicht darauf, die soziale Dimension von Intensität zu erörtern.
Lyotard, Deleuze oder auch Susan Sontag arbeiteten mit der Intensität hingegen als einem sozialen Versprechen von Kontakt und Bewegung hin zu einer sinnlicheren und gerechteren Gesellschaft. Garcias intensiver Mensch aber hält sich aus allem heraus. Kein Wunder, dass seine Ethik so leblos wirkt, antwortet sie doch nur auf die Frage: Wie kann mein Leben fantastisch sein, ohne dass ich zu gestresst bin? Dass uns die Gegenwart längst dringendere Fragen stellt, würde man aus der Lektüre dieses so dringlich auftretenden Buches niemals erahnen.
MEREDITH HAAF
Tristan Garcia: Das intensive Leben. Eine moderne Obsession. Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 215 Seiten, 24 Euro. E-Book 20,99 Euro.
Wie kann mein Leben fantastisch
sein, ohne dass ich
dabei zu gestresst bin?
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
…mehr
"Ein einzigartiges Talent."
Le Monde 05.12.2016