Alle Lust will Ewigkeit - Liessmann, Konrad Paul
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"Liessmann denkt, und er denkt laut; und es gibt in unserer Republik niemanden, dem ich lieber zuhöre." (Michael Köhlmeier) In seinem neuen Buch holt der Philosoph zwölf zentrale Fragen aus Nietzsches 'Zarathustra' in die Gegenwart.
Die zentralen Fragen des menschlichen Lebens innerhalb der zwölf mitternächtlichen Glockenschläge: Nietzsches "O Mensch! Gib Acht!" nähert sich in nachtschwarzen Gedanken den Abgründen des Menschseins, den unbewussten Tiefen unserer Gefühle und Affekte und dem bis zur Unerträglichkeit gesteigerten Spannungsfeld von Schmerz und Lust, von Leben und Tod. Welch…mehr

Produktbeschreibung
"Liessmann denkt, und er denkt laut; und es gibt in unserer Republik niemanden, dem ich lieber zuhöre." (Michael Köhlmeier) In seinem neuen Buch holt der Philosoph zwölf zentrale Fragen aus Nietzsches 'Zarathustra' in die Gegenwart.

Die zentralen Fragen des menschlichen Lebens innerhalb der zwölf mitternächtlichen Glockenschläge: Nietzsches "O Mensch! Gib Acht!" nähert sich in nachtschwarzen Gedanken den Abgründen des Menschseins, den unbewussten Tiefen unserer Gefühle und Affekte und dem bis zur Unerträglichkeit gesteigerten Spannungsfeld von Schmerz und Lust, von Leben und Tod.
Welch zentrale Dimension für unser politisches und kulturelles Selbstverständnis dieser geheimnisvolle Text darstellt, zeigt Konrad Paul Liessmann, indem er Nietzsches Denkbewegungen und Sprachfiguren auf überraschende, auf provozierende Weise in unsere Gegenwart und in unser Leben weiterführt - von der Mitternacht bis zur Ewigkeit.
  • Produktdetails
  • Verlag: Paul Zsolnay Verlag
  • Artikelnr. des Verlages: 551/07207
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 317
  • Erscheinungstermin: 19. April 2021
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm x 129mm x 30mm
  • Gewicht: 396g
  • ISBN-13: 9783552072077
  • ISBN-10: 3552072071
  • Artikelnr.: 60344955
Autorenporträt
Liessmann, Konrad Paul§Konrad Paul Liessmann, geboren 1953 in Villach, ist Professor für Philosophie an der Universität Wien, Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist. Er erhielt 2004 den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz im Denken und Handeln, 2010 den Donauland-Sachbuchpreis und 2016 den Paul Watzlawick-Ehrenring. Im Zsolnay Verlag gibt er die Reihe Philosophicum Lech heraus. Zuletzt erschienen bei Zsolnay Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift (2014) und Bildung als Provokation (2017) sowie bei Hanser (gemeinsam mit Michael Köhlmeier) Der werfe den ersten Stein (2019).
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 22.06.2021

Ran an die existenziellen Fragen nach Leid und Lust
Bloß keine Eindeutigkeiten: Konrad Paul Liessmann denkt mit Nietzsche über die Gegenwart und das Leben nach

Philosophen lieben das Risiko. Manche wenigstens. Beispielsweise jene, die sich in Ausdruckformen üben, vor denen ihre akademischen Kollegen mit Grausen zurückschrecken. Dass der Virtuose der Ausdrucksformen, Friedrich Nietzsche, auch das lyrische Genre bedient und sogar ein paar Gedichte hinterließ, die es in Schullesebücher geschafft haben, ist zwar allgemein bekannt. Aber sind das nun ernst zu nehmende Beiträge zum philosophischen Denken oder vielmehr Belege für den alten Verdacht der akademischen Philosophie, Nietzsche sei ein entlaufener Schöngeist, den bloß ein rezeptionsgeschichtlicher Irrtum unter die Philosophen versetzt hat?

Konrad Paul Liessmann scheut seinerseits das Risiko nicht, wenn er sich an Nietzsches Spur heftet. Im Zentrum seines Buches steht ein berühmtes, vielfach vertontes Gedicht aus "Also sprach Zarathustra", das dort gleich zweimal mit scheinbar nur geringfügigen, aber doch bedeutsamen Abweichungen vorkommt. Man nennt es gemeinhin "Mitternachtslied", weil es den Takt in zwölf Glockenschlägen anzeigt und fragt: "Was spricht die tiefe Mitternacht?" Der dem ersten Glockenschlag folgende Vers lautet: "Oh Mensch! Gieb Acht!" Jeder Gedichtzeile samt Glockenschlag widmet Liessmann ein Kapitel. Dabei prägt er Nietzsches rätselhaftes Gedicht, in dessen Zentrum er die existenziellen Fragen nach Leid und Lust stehen sieht, in eine Einladung zum Philosophieren überhaupt um.

Das Risiko, dem sich Liessmann aussetzt, besteht weniger darin, für manches scharfe Urteil getadelt zu werden - etwa dort, wo er gegen das Achtsamkeitsgerede polemisiert, gegen den Selbstoptimierungswahn oder gegen die "Sterbeindustrie". Es liegt auch nicht darin, dass er mit den Erkenntnissen der Nietzsche-Forschung recht freihändig umgeht. Denn den Anspruch, einen Beitrag zur Forschung zu liefern, erhebt Liessmann nicht.

Vielmehr ist sein Buch, und das ist zugleich das Risiko, selbst ein Formexperiment. Es handelt sich um philosophische Denkübungen, die die Leser in ein stetes Kreisen um Nietzsches hypnotisierende Gedichtzeilen hineinnehmen - und in all das, was mit ihnen in Zusammenhang steht. Diese Übungen wollen keine Lehren einhämmern - Liessmanns Nietzsche kennt keine Eindeutigkeiten, keine Dogmatik -, sondern sie bohren, in bekanntem und unbekanntem Gestein.

Nietzsches Gedicht gibt dem Exerzitienmeister weitgehende Vollmachten, denn es ist maximal deutungsoffen. Da wird dann manchmal allerlei Bildungsgeröll herbeigeschafft, das sich beim Bohren als taub herausstellt, mag, wie es einmal heißt, "der Grübler" auch "der Bergmann der Seele" sein. Im Laufe der Lektüre drängt sich eine andere Metaphorik an die Stelle der montanen, nämlich die der Falte und der Faltung, die Liessmann von Gilles Deleuze entlehnt: "Das Vielfältige", zitiert er ihn, "ist nicht nur dasjenige, was viele Teile hat, sondern was auf viele Weisen gefaltet ist."

Und genau dieses Falten-Werfen ist der Grund, weshalb Liessmann mit seinem gewagten Experiment nicht scheitert: Nietzsches "Mitternachtslied" ist der Stoff, den Liessmann immer wieder bewegt und neu drapiert, so dass er neue Falten wirft. Selbst wenn Nietzsches Gedicht banal sein sollte - manche bösen Zungen mögen dies zischen -, die Falten, die wir Liessmanns Buch verdanken, sind es nicht. Das Buch zeigt exemplarisch Nietzsches Pluralitätstauglichkeit.

Liessmann versagt Zarathustra die fromme Andacht und fällt seinem Schöpfer Nietzsche gelegentlich auch ein bisschen schulmeisterlich ins Wort, etwa da, wo die Titelfigur dafür gerügt wird, "Schlaf und Traum als existentielle Grundbefindlichkeit in all ihrer Vertracktheit" nicht hinreichend thematisiert zu haben. Generell hält er sich an die hermeneutische Regel: "Wir trauen Nietzsche nicht", was allerdings nicht bedeutet, ihn als dichtenden Schöngeist aus dem Kreis der Philosophen zu verstoßen, geschweige denn, ihm die Aufmerksamkeit zu versagen. Eher bedeutet es, bei ihm alles für möglich zu halten.

Das macht, mit Liessmanns eigenen Anreicherungen, die Exerzitien zu einer ausgesprochen abwechslungsreichen Erfahrung. Dazu gehört es, dem Exerzitienmeister häufiger einmal selbst ins Wort fallen zu wollen. Wenn "Weh spricht: Vergeh!", muss das Weh, das Leiden da zwingend sich selbst oder uns sterbliche Menschen adressieren? Kann der Befehl nicht, was Liessmann ausblendet, an die Lust gerichtet sein, die im Vers vorher tiefer sein soll als Herzeleid und im Vers nachher nach Ewigkeit heischt?

Auch wenn die Leserin sich eigensinnig gegenüber dem Exerzitienmeister behaupten will, kann sie sich seinen Fragen nicht entziehen, etwa: "Welchen Wert hat denn mein Leben, wenn ich nicht will, dass es sich wiederholt?" Der Nietzsche, den Liessmann mit solchen Fragen dem Gedicht extrahiert, ist ein Nietzsche, dem wir nicht ausweichen können. Nicht nur ein literarisches, auch ein existenzielles Risiko.

ANDREAS URS SOMMER

Konrad Paul Liessmann: "Alle Lust will Ewigkeit". Mitternächtliche Versuchungen.

Paul Zsolnay Verlag, Wien 2021. 320 S., geb., 26,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Rezensent Andreas Urs Sommer staunt nicht schlecht über die Fülle an Gedanken und Exkursen, die der Publizist und Philosoph Konrad Paul Liessmann Nietzsches "Mitternachtslied" abringt. Das Gedicht selbst mag nicht gerade brillant sein, räumt der Kritiker ein. Aber wenn Liessmann jeder Zeile ein Kapitel widmet, in dem er zu Polemiken etwa gegen Achtsamkeit, Selbstoptimierung oder "Sterbeindustrie" ansetzt, die Zeilen hin- und herwendet und Mehrdeutigkeiten zulässt, erkennt der Kritiker: Liessmanns Text ist selbst ein "Formexperiment".

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