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Freie Wahlen sind ein essenzielles Element jeder Demokratie. Doch wie ein Blick auf die Geschichte der Wahlen zeigt, ist das Verhältnis beider zueinander - und zum Volk als Hauptakteur - überaus zwiespältig und keineswegs selbstverständlich. Warum wählen wir? Warum haben sich politische Wahlen als das große Legitimationsmittel für Herrschaft durchgesetzt? Die Antwort scheint schnell gegeben: Wahlen ermöglichen den Menschen Freiheit und Gleichheit, und gegen alle Widrigkeiten haben Frauen und Männer sich immer wieder dieses Recht erkämpft und Demokratien errichtet. Hedwig Richters umfassend…mehr

Produktbeschreibung
Freie Wahlen sind ein essenzielles Element jeder Demokratie. Doch wie ein Blick auf die Geschichte der Wahlen zeigt, ist das Verhältnis beider zueinander - und zum Volk als Hauptakteur - überaus zwiespältig und keineswegs selbstverständlich. Warum wählen wir? Warum haben sich politische Wahlen als das große Legitimationsmittel für Herrschaft durchgesetzt? Die Antwort scheint schnell gegeben: Wahlen ermöglichen den Menschen Freiheit und Gleichheit, und gegen alle Widrigkeiten haben Frauen und Männer sich immer wieder dieses Recht erkämpft und Demokratien errichtet. Hedwig Richters umfassend angelegte Historiografie des Wahlrechts und der Wahlpraxis rekonstruiert über den Vergleich von Preußen und den USA im 19. Jahrhundert die Geschichte der Demokratie anhand der Wahlen. Mit ihrem innovativen Ansatz, der nicht nur auf Ideen und Gesetzestexte schaut, sondern auch die Wahlpraxis in den Blick nimmt, hinterfragt sie die Erzählung vom großen Freiheitskampf des Volkes um die Einführung allgemeiner Wahlen. Die Autorin widerlegt die These vom anthropologischen Bedürfnis des Menschen nach Partizipation und politischer Verantwortung. Stattdessen verweist sie darauf, dass das Wahlrecht häufig von oben eingeführt und als Disziplinierungsinstrument der Herrschenden genutzt wurde. Der Fokus auf den konkreten Akt des Wählens erlaubt zudem einen neuen Blick auf die alte Frage, warum im Laufe des 19. Jahrhunderts zwar immer mehr Männer als "gleich" anerkannt wurden und sukzessive das Wahlrecht erhielten, die Gleichheit der Frau jedoch erst Jahrzehnte später gedacht werden konnte. Denn der Einsatz des Körpers und Vorstellungen vom (männlichen) Körper gestalteten wesentlich die Stimmabgabe mit. Was bedeuten diese Erkenntnisse für unsere Zeit? Demokratie ist kompliziert und alles andere als selbstverständlich. Wie historische und aktuelle Beispiele zeigen - so gegenwärtig im Irak und in Afghanistan - lässt sie sich nicht einfach modellhaft von außen installieren.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hamburger Edition
  • Artikelnr. des Verlages: .313
  • Seitenzahl: 656
  • Erscheinungstermin: 15. August 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 225mm x 154mm x 60mm
  • Gewicht: 1042g
  • ISBN-13: 9783868543131
  • ISBN-10: 3868543139
  • Artikelnr.: 48092957
Rezensionen
Besprechung von 22.09.2017
Wie Stimmen gezählt werden, versteht sich nicht von selbst
So diszipliniert man das Stimmvieh: Hedwig Richter vergleicht die Geschichte des Wählens in Preußen und den Vereinigten Staaten

Die Wahlen nach der Preußischen Städteordnung des Jahres 1808 waren für die Wähler eine zeitraubende Sache. Gewählt wurde in der Kirche, und auf die Predigt folgten so umständliche Prozeduren der Registrierung und Stimmabgabe, dass die Bürger an die vier oder fünf Stunden opfern mussten und währenddessen noch nicht einmal rauchen durften. Es ging feierlich zu, niemand wäre auf den Gedanken gekommen, Unterschichten an diesem Zeremoniell zu beteiligen.

Ganz anders wenig später in den Vereinigten Staaten. Die Wahlregularien des Staates New York des Jahres 1834 sahen vor, dass Wahllokale von zwanzig Polizisten bewacht werden sollten. Saufgelage und Schlägereien zwischen den allein wahlberechtigten weißen Männern gehörten zu den Ritualen eines Wahltages. Im selben Jahr riet der amerikanische Maler und Schriftsteller William Dunlap einem Freund, dem der Genuss des Alkohols, mit dem die Parteien die Wähler zu bestechen pflegten, schwer zugesetzt hatte, sich künftig von Abstimmungen fernzuhalten.

Erst im Laufe des langen neunzehnten Jahrhunderts entwickelten sich demokratische Wahlen zu dem, was sie heute sind: rationale, meist friedliche Massenverfahren mit gleichem Stimmrecht aller Staatsbürger ohne Rücksicht auf Geschlecht, Religion, Rasse und Vermögen. Wie kam es dazu? Otto Hintze, der Begründer der deutschen Verfassungsgeschichte, bemerkte schon 1906, also noch vor der Einführung des Frauenwahlrechts, über den inneren Zusammenhang zwischen allgemeiner Wehrpflicht und allgemeinem Wahlrecht, es sei "eine Erscheinung, die wir immer in der Geschichte finden, daß die Erfüllung von öffentlichen Pflichten auf die Dauer zum Erwerb öffentlicher Rechte führt." Seither wurde die Geschichte des Wahlrechts ein ums andere Mal als Geschichte der sukzessiven Emanzipation von Bürgern, Arbeitern, Afroamerikanern und Frauen erzählt.

Doch das ist nur die eine Seite, wie man nach der Lektüre des ungemein detailreichen und zugleich unterhaltsamen Buches feststellen muss, das die Historikerin Hedwig Richter über die Geschichte des Wählens geschrieben hat. In ihrer radikal antinormativen Archäologie moderner Wahlverfahren macht sie die Gegenrechnung auf: Was den Akt des Wählens im Kern politisch ausmacht, lässt sich demnach mit keiner Demokratietheorie erfassen. Denn in der Realität von Wahlen drückt sich historisch nicht so sehr der Legitimationsbedarf politischer Herrschaft an sich aus, als vielmehr das konkrete Legitimitätsbedürfnis spezifischer Macht- und Herrschaftskonstellationen. Die bedeutsamsten Veränderungen des Wahlrechts gingen deshalb nicht aus einem Emanzipationsprozess von unten, sondern aus der Politik selbst hervor. Das politische System organisierte sich in der Moderne immer schon selbst, gerade mit Hilfe der Stellschrauben des Wahlrechts.

Es sind diese anderen, kleinteiligeren Geschichten des Wählens, die Richter erzählt. Viele handeln von den verwaltungstechnischen Voraussetzungen moderner Massenwahlen und ihren politischen Folgen: von der immer intensiveren Erfassung und Verwaltung der Bevölkerung, vom Wahlrecht als Vehikel der Besteuerung und der allgemeinen Wehrpflicht, von der Entwicklung der Fernmeldetechnik, die es erlaubt, Wahlergebnisse in Echtzeit in die Hauptstadt zu melden, und die Wahlen so erst zu einem einheitlichen nationalen Ereignis macht. Überaus plausibel ist etwa Richters Hinweis auf die Bedeutung von Landkarten mit der Darstellung der Wahlergebnisse nach Stimmbezirken für die Herausbildung eines nationalen politischen Raumes.

Die Verwaltungsgeschichte des Wählens ist im neunzehnten Jahrhundert aber, wie Richter detailliert nachweist, sowohl in Preußen als auch in den Vereinigten Staaten vor allem eine Geschichte der Disziplinierung der Wähler. Während in Preußen die Verwaltung der dominierende Faktor des Wahlgeschehens war, prägte amerikanische Wahlen gerade das Fehlen nennenswerter Verwaltungsstrukturen. Während deshalb in den Vereinigten Staaten der Stimmenkauf und die direkte Wählerbestechung allgemein verbreitet waren - der Preis pro Stimme blieb über das neunzehnte Jahrhundert hinweg konstant bei einem Dollar nebst Alkohol -, lief die Manipulation in Preußen subtiler ab.

Eng verknüpft mit der Verwaltungsgeschichte ist die Gesellschaftsgeschichte des Wählens, in der nicht nur Wahlberechtigte und Ausgeschlossene vorkommen. Sie handelt auch von Männlichkeit und Gewalt, von Pfarrhäusern, religiösen Fanatikern, Vagabunden, Fabrikanten und Mafiaclans. Hervorstechend ist aber der flagrante Rassismus des Diskurses über Wahlen im amerikanischen neunzehnten Jahrhundert, der in den Techniken der Exklusion von Juden, Katholiken und Polen im Preußen in jener Zeit kaum eine Entsprechung findet. Richter bestätigt hier den aus Studien zur Geschichte der Staatsbürgerschaft bekannten Zusammenhang zwischen der Konstruktion einer liberalen Nation und der Ausschließung von Minderheiten: Erst die Idee eines gleichen Wahlrechts machte es nötig, von Staats wegen über Zugehörigkeit und Ausschluss zu entscheiden.

Indem Richter diese Praktiken des Wählens schildert, liest sie viele gängige Erzählungen gegen den Strich: So weist sie auf die seinerzeit egalitäre Wirkung des Steuerzensus hin: Sowohl in Preußen als auch in den Vereinigten Staaten löste er ältere Regelungen ab, wonach das Wahlrecht nur ausüben konnte, wer im Wahlbezirk Grundeigentum hatte. Insofern war der Zensus ursprünglich gerade kein Exklusionsinstrument. Das wurde er erst, nachdem sich die Interessen verschoben hatten und die Besitzenden ihr Zensusprivileg nunmehr mit ausgetauschten Argumenten gegen die Unterschichten verteidigten. So war auch das berüchtigte preußische Dreiklassenwahlrecht nicht immer schon reaktionär, sondern die "friedliche Variante, in einer sicherheitsbedürftigen Zeit das Prinzip allgemeiner Partizipation zu gewährleisten". An Stellen wie diesen wüsste man freilich gern genauer, wie die Kultur des Wählens mit dem großen Gang der Geschichte zusammenhängt. So haben sich ja die gewählten staatlichen Institutionen, insbesondere die Parlamente, die bei Richter kaum vorkommen, im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts gerade infolge der Wahlrechtsausweitung fundamental verändert.

Richters umfangreiche Quellenstudien offenbaren ein ganzes Gruselkabinett von Wahlfälschung, Betrug, Bestechung, Gewalt, Rassismus, Misogynie, Mord und Ausgrenzung. Derlei ist aus der Realität westlicher Politik weitgehend verschwunden. Sie selbst zieht daraus den Schluss, dass "im 19. Jahrhundert bei Wahlen viel mehr auf dem Spiel stand als in den heutigen Wohlstandsgesellschaften". Wirklich? Wer diese Studie mit Blick auf heutige Gegebenheiten liest, findet eher Anhaltspunkte für das Gegenteil. Steht und fällt nicht auch die heutige performative Praxis des Wählens damit, dass sie die politische Legitimationsgrundlage des individualisierten Wohlfahrtsstaates sinnfällig macht, ebenso wie es die Inszenierung von Männlichkeit und Gewalt im Wahlakt zu Beginn der Massendemokratie tat?

Warum gibt es zum Beispiel in Deutschland jene übergroße Zahl von Wahllokalen? Es bilden sich keine Schlangen wie in den Vereinigten Staaten, die unangenehme Begegnung mit dem Nachbarn in der Rolle des Souveräns bleibt einem meist erspart; die Geräuschlosigkeit, mit der das Ergebnis ermittelt wird, beglaubigt es. Schlägereien und Geschrei gibt es nicht. Die Schulen, Amtsstuben und Altenheime, in denen man wählt, signalisieren intakte Daseinsvorsorge; und viele bedienen die Wahlmaschinerie ohnedies am liebsten aus der Ferne mittels Briefwahl.

FLORIAN MEINEL

Hedwig Richter: "Moderne Wahlen. Eine Geschichte der Demokratie in Preußen und den USA im 19. Jahrhundert".

Hamburger Edition, Hamburg 2017. 656 S., geb., 42,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 22.09.2017
Misstraut den besitz- und prinzipienlosen Massen
Ein Buch für den Wahlsonntag: Hedwig Richter erzählt bravourös von der Einführung des Wahlrechts in Preußen und den USA. Demokratie war ein Elitenprojekt
Der Gang zum Wahlbüro steht wieder bevor, man wird den Schein mit dem Kreuzchen in die Urne werfen, seiner Wege gehen und auf den Abend warten. Wenig gilt in der Demokratie als fragloser, unauffälliger als der Wahlakt. Nicht auf ihn, auf das Wahlergebnis richten sich alle Blicke. Beweist nicht genau dies den Triumph demokratischer Herrschaft? So einfach ist es selbstverständlich nicht. Wie immer ein Parlament am Ende zusammengesetzt ist – ein ganzes Set von Entscheidungen fällt nicht bei der Wahl, sondern geht ihr voraus. Allein der Wahlmodus, das Recht zur oder der Ausschluss von der Wahl, die Wahloptionen, kurz alles, was dem Wahlakt offen oder versteckt den Spielraum vorgibt, dirigiert die Volksherrschaft mit.
Was heißt das konkret? Hier kommt Hedwig Richters grandioses Buch „Moderne Wahlen“ wie gerufen. Und das, obwohl sein Stoff im vorletzten Jahrhundert angesiedelt ist. „Eine Geschichte der Demokratie in Preußen und den USA im 19. Jahrhundert“, so der Untertitel. Das klingt in der Tat nach einer Spezialstudie für Experten. Warum sich mit einem historischen Vergleich beschäftigen, der das republikanische Amerika dem monarchisch in der Wolle gefärbten Preußen gegenüberstellt? Doch gerade dieser kuriose Exkurs entpuppt sich als schlau gewählter Zugang.
Beim transatlantischen Hin- und Herwandern des Blicks zeichnet sich nicht nur der Wandel der Wahlpraktiken besonders markant ab, sondern auch, wie sich dieser Wandel mit dem Selbstbild von Staat und Nation verschränkt. Wer wissen will, auf welch konfliktbeladenem Fundament sich die oberflächlich so entspannte Mechanik des Wahlakts abspielt, sollte in diesen Stoff eintauchen. Er wird jede Wahl, auch die kommende, mit anderen Augen sehen.
Natürlich bietet sich das 19. Jahrhundert vor allem an, weil es die Geburtszeit des modernen Wählens ist. Beim Durchgang durch den Entstehungsprozess verfolgt Hedwig Richter, und das ist die Pointe ihres Buchs, eine Hypothese, die mit einer basisdemokratischen Illusion aufräumt. Der Illusion nämlich, dass es in erster Linie progressive Bürgerschaften waren, die das Wahlrecht auf ihr Panier schrieben und es den gestrigen Mächten Schritt für Schritt abrangen. Tatsächlich lag es stets auch im Interesse der Eliten, die Bürger durch Wahlen einzubeziehen. Gerade am Anfang ergriffen sie die Initiative, oft gegen starke Abwehr der vom Wahlrecht Begünstigten.
Dass dies für Preußen gilt, nach dem Startschuss der Stein-Hardenbergischen „Reform von oben“, überrascht noch am wenigsten. So verpflichtete die neue Städteordnung von 1808 alle Gemeinden auf Selbstverwaltung. Doch sogar die Berliner Hauptstädter fühlten sich vom Wahlrecht belästigt und übten passiven Widerstand. Noch über 30 Jahre später klagte eine Zeitung, bei den Wahlen herrsche „in den Häusern Berlins trostlose Lauheit“.
Besonders heftig reagierte man in der preußischen Provinz. Den Geist des Wählens verstand man nicht und empörte sich, wie ein zorniger Zeitgenosse zeterte, über „den ganzen abstracten Staatsbegriff der modernen politischen Doctrin, mit allem was er an Centralisation, Codification, Nivellirungs- und Uniformitätssucht, an Despotismus der Gesetze und Mechanisirung der ganzen Rechtsordnung mit sich führt“.
Treffender konnte man die Motive der Regierenden nicht artikulieren, man muss sie nur ins Positive wenden. Seit der Niederlage gegen Napoleon, dessen Siegeszug in Europa man auch der leistungsfähigen Modernität des französischen Staats zuschrieb, war selbst der preußische Hof darauf aus, das Land grundlegend umzugestalten. Rationalisierung der Staatsgewalt, effizientere Volkswirtschaft, Aktivierung der Bürger für das Gemeinwesen, das bestimmte die neuen Ordnungsideen.
Mögen einige Reformer auch revolutionär-demokratische Absichten gehegt haben, die meisten sahen Wahlen als Kalkül, den Staat technokratisch und ökonomisch zu modernisieren. Darum koppelten sie das kommunale Wahlrecht auch an die Pflicht, öffentliche Aufgaben mitzutragen.
Und da man die Bürger primär als Leistungsträger ansprach, kamen nur solche in Frage mit hinreichendem Besitz. Dem engen Wahlzensus genügten nur knapp drei Prozent der Preußen. Aber auch dies ließ keinen Zweifel daran, dass nicht mehr ständische Privilegien das öffentliche Wohl bestimmen sollten, sondern die Staatsführung im Verein mit wirtschaftsstarken, loyalen Bürgern. Wahlrecht war ein Mittel, dem Land einen dreifachen Zugewinn zu verschaffen: erhöhte Legitimität der Herrschaft, Steigerung der fiskalischen Leistungskraft und die Einbindung, um nicht zu sagen Disziplinierung der Bürgerwillen durch begrenzte Mitwirkung.
Eine solche vom Hof getragene Strategie konnte es in den USA, die ihre Unabhängigkeit von der britischen Krone erkämpft hatten, natürlich nicht geben. Dennoch charakterisiert Hedwig Richter auch die Etablierung des US-Wahlrechts als Eliteprojekt. So gehörten viele Verfassungsväter den reichen Grundbesitzern und vornehmen Familien an, die auch die neue Welt bereits hervorgebracht hatte. Sie misstrauten, so der zu den Mitverfassern gehörende Plantagenbesitzer und Sklavenhalter John Dickinson, den „besitz- und prinzipienlosen Massen“. Von Wahlrecht ist in der Ur-Verfassung keine Rede.
Der scharfen Verfassungskritik mancher Historiker schließt sich Hedwig Richter nicht an, betont aber auch, dass „die Eliten in den USA wie in Preußen die Bedeutung von Wahlen erkannten“, um ihr Staatsprojekt voranzutreiben. Radikaler noch als viele Aufklärer glaubten sie an die Gestaltbarkeit der Welt, an den überragenden Rang der Ökonomie und an die Notwendigkeit, die freemen, die freien, landbesitzenden Bürger, durch Wahlen als „People“ einzubeziehen. Auch in Amerika war der Zensus streng, selbst New York lehnte es 1803 ab, das Wahlrecht über den kleinen Kreis der weißen, männlichen Vermögenden hinaus auszuweiten, weil dies „eine Gefahr für Wohlstand und Sicherheit bedeutet“. Bescheinigen Forscher wie Bertrand Wyatt-Brown den Südstaaten für diese Zeit eine „Herrenvolkdemokratie“, dann fällt, wie man sieht, auch der Norden hierunter.
Dass die indigenen Bewohner, die Afroamerikaner, die Juden, die Frauen und alle Ärmeren vom Wahlrecht ausgeschlossen waren, also wie auch in Preußen fast sämtliche Bürger bis auf wenige Prozent, läuft auf das nach wie vor ungelöste Problem zu, was unter „People“ oder „Volk“ eigentlich zu verstehen ist. Man denke nur an die Pathosformel in der Präambel der US-Verfassung: „We the People of the United States . . .  establish this constitution“.
Auch Hedwig Richters Buch kann darauf keine Antwort geben, markiert aber präzise empirische Anhaltspunkte dafür, wie die Bestimmung des staatstragenden „Volks“ historisch und auch demokratietheoretisch zu klären wäre. Alle Antworten auf diese Preisfrage der Volksherrschaft, welches „Volk“ im Lande „ herrscht“, können nur profitieren von dem anschaulichen und exemplarischen Material, das ihr Buch mit seinem Schleppnetz voller Quellen und Sekundärliteratur ansammelt.
Während im Preußen jener ersten Partizipationsphase jedwedes Volk von den Regierenden wie der Hund zum Jagen getragen werden musste, stellt sich das frühdemokratische Verhältnis zwischen Regierenden und Regierten in Amerika anders dar: es herrschten Bürger, aber nur wenige durften wählen. Sah man diese Wenigen als das Volk, auf das es allein ankommt? Oder sah man sie als die aus eigenem Verdienst Privilegierten, die zu Recht treuhänderisch für das unreife Volk entscheiden? Dann wären nicht nur die Gewählten, sondern auch die exklusiven Wähler Repräsentanten des Volkes – allerdings mit starkem wirtschaftlichen Eigeninteresse. Wie auch immer, ohne politische Lebenslügen geht das nicht.
Schon darum wundert es nicht, dass bald Wellen von Populismus hochschlugen, zur ersten Blüte gebracht von Andrew Jackson, der die „Vulgarisierung der Politik“ wie kein zweiter beförderte (und nicht zufällig Donald Trumps Idol ist). Aber weder diese rhetorische Scheinehe zwischen oben und unten noch der Glaube an eine bürgerliche „natural aristocracy“, wie sie Thomas Jefferson vorgeschwebt hatte, konnte den Graben auf Dauer überbrücken, ebenso wenig wie der Respekt vor der erblichen Aristokratie in Preußen.
Seit den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts setzte hüben und drüben die Dynamik ein, die dem gewachsenen Druck von unten nachgab und zu neuen Arrangements zwischen Eliten und Bürgerschaften führte. Vor allem, indem man das Wahlrecht erheblich ausdehnte. Zudem überstrahlte nun die Idee der „Nation“ die Idee des Staates, man wählte nicht mehr nur als Staatsbürger, der in die Pflicht genommen wird, sondern beseelt und beflügelt als Preuße, Deutscher oder Amerikaner. Mag die Nation eine Erfindung sein, wie Hobsbawm sagt, so ist sie doch kein Trick der Eliten. Trotzdem wussten sie die integrative, wenn nicht unterordnende Kraft des Nationalen bald sehr zu nutzen.
Dass es ihr in Preußens Post-1848er-Zeit, zumal unter Bismarck gelang, eine neu strukturierte, aber nicht weniger nachhaltige Dominanz über die Wahlen und Parlamente auszuüben, ist bekannt. Das Dreiklassenwahlrecht ist der prägnanteste Ausdruck, daneben half man vielfältig mit obrigkeitlichem Einfluss auf Parteien und Bevölkerung nach. In Amerika mit seiner innenpolitisch schwachen Zentralregierung war das nicht möglich. Wie die machtvollen Interessengruppen dort dennoch die Auswahl der Kandidaten und die Abstimmungen in den Parlamenten beherrschten, ist ein äußerst spannendes Kapitel für sich. Das Ausmaß von roher Gewalt, Manipulation, Bestechung und Korruption jeder Art, nicht zuletzt das schon von Andrew Jackson eingefädelte „spoil system“ (in dem der Wahlgewinner seine Unterstützer mit Posten und lukrativen Staatsaufträgen belohnt) spottet jeder Beschreibung, nein es verdient die deutliche Beschreibung, die Hedwig Richter ihm widmet.
Wie erfolgreich all diese Gruppen, Machtgrößen und Elitezirkel in den USA, aber auch in Preußen und im übrigen Europa darin waren, ein allgemeines Wahlrecht zu verhindern, das seinem Namen – „allgemein“ – gerecht geworden wäre, zeigt die schlichte Tatsache, dass Frauen in fast überall erst nach dem Ersten Weltkrieg mitwählen durften (ausgerechnet in Frankreich erst nach dem Zweiten). Andere wie die Afroamerikaner konnten noch bis 1965 nur teilnehmen, wenn sie einen entwürdigenden Lese- und Rechtschreibtest bestanden hatten. Damit sind wir schon jenseits des Buches von Hedwig Richter, das mit dem Jahr 1914 endet. Man schlägt es zu und wünscht sich, für das folgende Jahrhundert bis heute eine vergleichbare Studie zu haben, die ebenso bravourös und lehrreich den immer subtiler gewordenen Techniken nachgeht, Wahlen zu beeinflussen und zu lenken.
ANDREAS ZIELCKE
Hedwig Richter: Moderne Wahlen. Eine Geschichte der Demokratie in Preußen und den USA im 19. Jahrhundert. Hamburger Edition, Hamburg 2017. 700 Seiten, 42 Euro. E-Book 33,99 Euro.
Man wünscht sich eine
solche Studie
auch für das 20. Jahrhundert
Präsident Jackson, der frühe Populist, vor dem Weißen Haus.
Foto: REUTERS
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