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Warum ist Ingo Schulze ein so großartiger Erzähler? Weil seine Texte offenbaren, wie präzis er, was er sieht, in Sprache zu fassen vermag. Als Beobachter der Gesellschaft, in der wir leben, tritt uns Ingo Schulze in den vorliegenden Reden und Essays entgegen, die sein politisches Engagement zeigen - mit dem machtvollen Mittel der Sprache. "Mein Problem war und ist nicht das Verschwinden des Ostens, sondern das Verschwinden des Westens, eines Westens mit menschlichem Antlitz. Spätestens seit 1989/90 befindet sich die Politik auf dem Rückzug. Sie gibt von sich aus die Kompetenz ab und ebnet…mehr

Produktbeschreibung
Warum ist Ingo Schulze ein so großartiger Erzähler? Weil seine Texte offenbaren, wie präzis er, was er sieht, in Sprache zu fassen vermag. Als Beobachter der Gesellschaft, in der wir leben, tritt uns Ingo Schulze in den vorliegenden Reden und Essays entgegen, die sein politisches Engagement zeigen - mit dem machtvollen Mittel der Sprache. "Mein Problem war und ist nicht das Verschwinden des Ostens, sondern das Verschwinden des Westens, eines Westens mit menschlichem Antlitz. Spätestens seit 1989/90 befindet sich die Politik auf dem Rückzug. Sie gibt von sich aus die Kompetenz ab und ebnet einer Ökonomisierung aller Lebensbereiche, einem Exzess-Kapitalismus, den Weg. Die Politik versteht sich als Management, die Bürger werden auf Konsumenten reduziert, und der beste Bürger ist folglich der Playboy, weil er in möglichst kurzer Zeit möglichst viel ausgibt." Für Ingo Schulze beginnt Widerstand mit Wahrnehmung. Seine Essays, Reden und Wortmeldungen zu Literatur und Gesellschaft sprechen eine Sprache, die die Welt als veränderbar zeigt. Und sie erinnern uns an eine schon fast vergessene Frage: "Was wollen wir?"
  • Produktdetails
  • Verlag: Berlin Verlag
  • Seitenzahl: 312
  • Erscheinungstermin: 2. Oktober 2009
  • Deutsch
  • Abmessung: 220mm x 147mm x 28mm
  • Gewicht: 415g
  • ISBN-13: 9783827000545
  • ISBN-10: 3827000548
  • Artikelnr.: 26239602
Autorenporträt
Schulze, Ingo
Ingo Schulze wurde 1962 in Dresden geboren. Von 1983 bis 1988 studierte er Klassische Philologie in Jena und arbeitete anschließend als Dramaturg am Landestheater in Altenburg. Im Herbst 1989 verließ Ingo Schulze das Theater, um als politischer Journalist zu arbeiten. 1993 lebte er für ein halbes Jahr in St. Petersburg, wo er half, ein Anzeigenblatt redaktionell aufzubauen. Für sein Debüt »33 Augenblicke des Glücks« erhielt Ingo Schulze 1995 u. a. den Förderpreis des Alfred-Döblin-Wettbewerbs sowie den aspekte-Literaturpreis. Der New Yorker druckte 1997 drei Erzählungen aus dem Band ab - eine Ehre, die unter den deutschsprachigen Autoren zuletzt Max Frisch zukam - und ließ ihn im April 1998 als einen der »Five Best European Young Novelists« von Richard Avedon porträtieren. Für seinen zweiten Erzählband »Simple Storys« erhielt er 1998 den Berliner Literaturpreis. 2001 wurde Ingo Schulze, zu gleichen Teilen mit Thomas Hürlimann und Dieter Wellershoff, der Joseph-Breitenbach-Preis verliehen. In dem Briefroman »Neue Leben«, in dem er ästhetisch neue Wege geht, erwartet den Leser ein breit angelegtes Panorama des Jahres 1989 und seiner Folgen. »Neue Leben« wurde in die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2006 gewählt. Kulturstaatsminister Bernd Neumann vergab im Juni 2006 an Ingo Schulze das Massimo-Stipendium 2007, das für einen einjährigen Aufenthalt in der Villa Massimo in Rom steht. Im März 2007 erhielt Schulze für seinen Erzählungsband »Handy« den Preis der Leipziger Buchmesse. Mit »Adam und Evelyn« stand er 2008 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Ingo Schulze ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Seine Bücher wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt.
Rezensionen
Besprechung von 06.10.2009
Widerstand gegen die Sprachgewalt

Euphorie und Schleudertrauma: Die Differenz von Ost und West ist Ingo Schulzes Thema, doch seine Essays und Reden lassen längst eine Poetik der Fusion erkennen.

Die ostdeutsche Provinz ist eine Weltmacht. Ingo Schulze, ihr literarischer Porträtist, sorgt dafür, dass man von Island bis Brasilien die Gefühle und Gespräche der Wendegeneration nachlesen und vielleicht sogar nachempfinden kann. Die Liste der Übersetzungen seiner "Simple Storys", seines Durchbruchs von 1998, aber auch seines monumentalen Briefromans "Neue Leben" von 2005 ist beachtlich. Seine Helden sächseln in dreißig Sprachen weltweit. Am Beispiel der Ukraine erklärt Schulze den Exporterfolg historisch: In einer Laudatio auf den ukrainischen Kultautor Juri Andruchowytsch rühmt Schulze die orange Revolution dafür, dass sie den potentiellen Absatzmarkt für seine Bücher vergrößert habe: Seine Erzählungen taugten schließlich als Fortbildungsmaterial über das Leben in transformierten Gesellschaften. So hat die Wende den heute 47 Jahre alten Autor, der in Dresden geboren wurde und in der Kleinstadt Altenburg aufgewachsen ist, zum Kosmopoliten werden lassen.

Schulze ist unterwegs in Sachen einer Literatur, die aus dem Osten kommt und über den Westen aufklärt. Das ist der Grundtenor einer Vielzahl von Kurztexten aus den vergangenen zehn Jahren, die jetzt als eigener Band vorliegen. Immer wieder hebt Schulze hervor, dass es ihm in den Wendegeschichten weder darum gehe, bloß das "Verschwinden des Ostens" zu beklagen noch den Westen als "Endziel" einer Heilsgeschichte darzustellen, sondern dass er die wechselseitige Veränderung des alten Ostens und des alten Westens beschreiben wolle. Angesichts des vitalen Chaos, das er mit Andruchowytsch in der Ukraine erkennt, wünscht er sich, einmal vom Osten träumen zu können, wie er früher immer vom Westen geträumt habe. In den Leipziger Poetikvorlesungen skizziert er anhand seiner Erzähltexte, wie der Kulturschock des Systemwechsels die Wahrnehmung schärft und eine ganz eigene Haltung hervorbringt: "Die Figuren haben andere Spielregeln erlernt als diejenigen, die plötzlich gelten. Sie reagieren mit Notwendigkeit anders, als wenn sie im Westen geboren worden wären. Ihnen sind die Freude und der Schock, das Staunen und die Unsicherheit dieses Weltenwechsels anzumerken." Bei der Übersetzung dieser Mischung aus Euphorie und Schleudertrauma in Literatur hat sich Schulze am Stil der amerikanischen Kurzgeschichte orientiert; damit signalisiert er nicht nur mit einem Augenzwinkern, im Westen angekommen zu sein, sondern er erhöht auch beim westlichen Publikum den Resonanzraum für seine Mitteilungen aus Ostdeutschland.

Sosehr die Differenz von Ost und West Thema bei Schulze ist, so stark wird doch auch in der Zusammenschau seiner Porträts, Vorlesungen und Glossen eine Poetik deutlich, die aus dieser Differenz längst eine Fusion gemacht hat und bei Ernest Hemingway oder Raymond Carver ebenso zu Hause ist wie bei Anton Tschechow oder Wladimir Sorokin und als deren übergeordneter Hausheiliger Alfred Döblin fungiert. Von ihm hat Schulze die Überzeugung übernommen, dass Stilfragen politische Fragen seien. Nicht die Avantgardisten und die Dissidenten beeindrucken ihn als literarische Lehrer, sondern die Konzeptualisten wie Sorokin mit seinem vielschichtigen Roman "Norma"; die Konzeptualisten wollten nicht das Volk erziehen, so Schulze, sondern relativierten die absoluten Wahrheiten der Propagandisten, indem sie die jeweiligen Stile kombinierten und in der Konfrontation die Verwandtschaft ihrer Mythen bloßlegten.

Seinen emphatischen Begriff vom gesellschaftlichen Auftrag des Erzählens entwickelt er aus der "Ästhetik des Widerstands" von Peter Weiss, wo die Überwindung von Einsamkeit und Isolation im rückhaltlosen Gespräch unter Freunden als Grundbedingung des Widerstands demonstriert werde, ferner aus der Lektüre von Wolfgang Hilbig, den Schulze mit den Worten zitiert: "erzähle, sonst wirst du ohne Vergangenheit sein, ohne Zukunft, nur noch willenloser Spielball der Bürokratie". Mit diesem intellektuellen Rüstzeug sieht sich Schulze gewappnet gegen den Sprachgebrauch der politisch, sozial und ökonomisch Mächtigen. Ihnen wirft er vor, mit ihrer Nomenklatur die Geschichte zur Natur machen zu wollen, indem sie etwa den typischen "Verlierer" definierten, den Status quo nicht in Frage stellten und Zwänge stets als Sachzwänge anerkennten.

Schulzes leichtfüßig verfasste Essays üben wie seine belletristischen Werke Widerstand gegen eine normierende Sprachgewalt aus. In den meisten Fällen vertraut der Autor dabei auf die Wirkungskraft der autonomen Kunst. Zu Schulzes Biographie zählt nun aber auch, als Jugendlicher die Ausbürgerung von Wolf Biermann aus der DDR erlebt zu haben und dabei einen Geschmack für die Vorstellung bekommen zu haben, dass Dichtung einen Staat ins Wanken bringen kann. Etwas von diesem Impetus ist zu spüren, wenn sich Schulze aufs Terrain der tagespolitischen Kulturkritik begibt.

In der Rede, die dem Band den Titel gab und die als Dank für die Verleihung des Thüringer Literaturpreises 2007 entstand, nimmt er die Tatsache, dass das Preisgeld vom Energiekonzern E.on gestiftet wurde, zum Anlass, auf die "Refeudalisierung des Kulturbetriebs" aufmerksam zu machen. Wenn der demokratische Staat nicht genug Geld habe, die Kunst vor der Abhängigkeit zu bewahren, müsse er eben die Gesetze ändern, heißt es da. Konkreter oder raffinierter wird es nicht. Schulze, der im erzählten Universum seiner Figuren ein Spezialist für Komik ist, gerät als politischer Rhetor in ein von ihm sonst so souverän vermiedenes Pathos. Er steht dort unter Strom, aber es springt kein Funke über.

ROMAN LUCKSCHEITER

Ingo Schulze: "Was wollen wir?" Essays. Berlin Verlag, Berlin 2009. 256 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 23.12.2009
Die Nähe zu Dämonen
Ein Doppelwesen: Ingo Schulzes romantische Moderne
Der Schriftsteller Ingo Schulze ist eine einzigartige Gestalt unter den – ja, man darf noch sagen: jüngeren Schriftstellern deutscher Sprache (denn die älteren sind schon sehr alt). Seitdem die dazugehörige Literatur wieder in die Mitte der Gesellschaft zurückgefunden hat, also seit den frühen neunziger Jahren, scheint die Mehrheit der Dichter in einem Pakt mit dem Realismus zu leben. Ingo Schulze hingegen zeichnet eine tiefsitzende, ganz und gar nicht modernistische Skepsis gegen die Überzeugung aus, dass sich die Realität, wenn man sie darstellen will, literarisch oder wie auch immer, irgendwie von selbst ergeben könnte. Keine Geschichte erzählt er geradeaus. Stets tut er einen Schritt zur Seite, und dann noch einen, geht fort von der vermeintlich einfachen Geschichtsschreibung der Gegenwart – und dann geschieht manchmal etwas Unerhörtes: Dann schreibt er die Romane der deutschen Einheit (obwohl er sagt, er täte es nicht), auf die alle angeblich gewartet hatten und vermutlich noch immer warten, und dabei verweigert er sie zugleich, und zwar nicht, weil er sich dem Politischen entziehen wollte, sondern im Gegenteil, um einer Wahrheit willen, die viel tiefer in die Wirklichkeit eindringt, als es das mittlere Erzählen zu tun vermöchte. Und er macht es nicht nur einmal, in seinem großen Roman „Neue Leben” (2005), und nicht nur, in leichterer Form, in „Adam und Evelyn” (2008), sondern er hat es auch schon vorher getan, in den „Simplen Storys” von 1998 und in seinen Erzählungen aus St. Petersburg, den „Dreiunddreißig Augenblicken des Glücks” aus dem Jahr 1995.
In diesem Herbst ist ein Buch von Ingo Schulze erschienen, in dem versammelt ist, was der Schriftsteller im Lauf der Jahre an Arbeiten hervorbrachte, die man für Neben- und Gelegenheitsschriften halten kann: ein paar Rezensionen, vor allem zu Büchern, denen er sich in seinem eigenen Schreiben verpflichtet weiß, zu Werken von Anton Tschechow und von Vladimir Sorokin, von Raymond Carver und Witold Gombrowicz. Er denkt über seine älteren Gefährten nach, über Wolfgang Hilbig vor allem, aber auch über Silvia Bovenschen und Katja Lange-Müller. Er bedankt sich für Auszeichnungen – den Peter-Weiss-Preis, den Thüringer Literaturpreis –, er hält Laudationes auf Juri Andruchowytsch, Lukas Bärfuss und Lothar Müller. Er erinnert sich an Dresden, die Stadt, in der er 1962 geboren wurde, in der aufwuchs und in die er, nach Jahrzehnten, als Besucher zurückkehrt, nicht ohne sich über seine Melancholie zu ärgern. Er stellt sich als neues Mitglied der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung vor, indem er seinen Lebenslauf in verblüffender Schlichtheit vorträgt, nicht in ironischer Absicht, aber mit einem deutlichen Vorbehalt gegen einen Zirkel von abstrakter Bedeutsamkeit. Vor allem aber enthält das Buch eine Geschichte des eigenen Werkes, von den „Dreiunddreißig Augenblicken des Glücks”, dem Abenteuerroman der Wende, bis zu „Adam und Evelyn”, dem Buch vom Verlust dessen, was man für persönliche Souveränität hätte halten können. Gewiss, man wusste immer schon, dass in Ingo Schulze ein politischer Philosoph steckt. Aber dass der politische Philosoph von so großer Bedeutung für das Werk ist – das stellt sich erst in der Zusammenschau dieser Essays heraus.
Als er jung war und davon träumte, eines Tages ein großer Schriftsteller und Dissident zu sein, erzählt Ingo Schulze von sich selbst, habe er eine unverwechselbare Stimme besitzen wollen. Seitdem er ein wirklicher Schriftsteller sei, sehe er das anders: weniger, weil er „das Kunstförmige des Erzählens zum Verschwinden bringen wolle” (Ijoma Mangold), sondern vielmehr, weil der Stimmenwechsel, das In- und Durcheinander der Genres und Stile ein, nein: das Mittel zur Erfassung der Gegenwart sei: „Sprache”, heißt es im Aufsatz über Daniil Charms, werde als etwas „Deindividualisiertes” wahrgenommen – als Kleid gewissermaßen, in dem nicht nur wechselnde, sondern auch sehr luftige, durchlässige, ja gespensterhafte Gestalten zu Hause sind. So entstehen literarische Wahlverwandtschaften, und zu den vielen schönen Dingen, die es in diesem Band zu entdecken gibt, gehört die Vertrautheit mit diesen Onkeln und Tanten. „Jedem Sprachstil wohnt eine Produktivkraft und ein Zwangscharakter inne”, zitiert Ingo Schulze seinen imaginären Verwandten Alfred Döblin, „und zwar ein formaler und ein ideeller”. Der Stil, sagt er, sei immer auch ein Befund.
Die Folgen sind offensichtlich. Sie sind zum Beispiel daran zu erkennen, dass jedes neue große Buch von Ingo Schulze völlig anders ist als die vorhergegangenen. Für die „33 Augenblicke des Glücks” leiht sich Ingo Schulze Momente des russischen Romans, vor allem bei den St. Petersburger Autoren, bei Nikolai Gogol, Fjodor Dostojewski, aber auch bei Alexander Puschkin und Vladimir Nabokov. In den „Simplen Storys”, dem zweiten, höchst erfolgreichen Roman, scheint er mit amerikanischen Erzählformen zu arbeiten, um darzustellen, wie sich die Wende im Leben und in den Köpfen von zwanzig Menschen aus der ostdeutschen Provinz vollzieht – in Gestalt von „stories”, wie sie vor allem Raymond Carver geschrieben hat. Im Roman „Neue Leben” ist Ingo Schulze nicht nur thematisch, sondern auch formal in der Heimat angekommen, in Mitteldeutschland, in Thüringen, in faustischen Landschaften. In diesem Buch bedient er sich des literarischen Repertoires der deutschen Klassik und Romantik, um eine gegenwärtige Geschichte zu erzählen, und dazu gehören nicht nur der „Faust” und seine Filiationen, sondern auch die deutschen Volksmärchen und die Bücher E.T.A. Hoffmanns, vor allem der „Kater Murr”. Im Kern aber ist dieses Buch eine Teufelsgeschichte. Weil der moderne Teufel der Tausch ist – „unternehmerische Initiative, Effektivität, Risikobereitschaft, Wachstum, Erfolg”.
So aber lebt in Ingo Schulze die Romantik fort, in den Erzählungen des Buches „Handy” (2007), die diesen Titel tragen, weil das mobile Telefon ein „Inbegriff von Technik” sei, mit der die Menschen „verschmelzen und zu anderen Wesen werden”. Und in „Adam und Evelyn”, dem Roman von einem Sündenfall (der Verführung durch die Warenwelt des Westen, der sich, in der trivialen Einlösung seines Versprechens, als Hoffnung selbst auslöschte). Aber die Romantik bei ihm nicht romantisch, jedenfalls nicht in dem Sinne, wie man landläufig „romantisch” sagt, als Ausdruck für eine Abkehr von der Welt, für die Flucht vor der Niedertracht des Alltäglichen. Was ihn auszeichnet, ist die Verbindung der Moderne mit dem Romantischen, das Ineinander der historischen Situation und des archetypisch Mythischen. Die Nähe zu den Dämonen führt ihn nicht aus der Wirklichkeit hinaus. Er benutzt das Romantische als Wirklichkeitssinn. Das „Schauerliche” sei, das hat Ingo Schulze bei Wolfgang Hilbig gelernt, „von faszinierender wie auch erschreckender Aktualität”.
Darin, in der Verbindung von Anzeigenblatt und Dämonen, von bürgerlicher Welt und Magie, gleicht Ingo Schulze tatsächlich dem Kammergerichtsrat E.T.A. Hoffmann, der bei Tag seinen juristischen Geschäften nachging und bei Nacht das Märchen vom goldenen Topf erzählte. Und hat Ingo Schulze nicht schon physiognomisch etwas von E. T. A. Hoffmann, diesem Doppelwesen? Auf der einen Seite bodenständig, gelassen, kein Bohèmien, auf der anderen Seite ein Magier. Vielleicht sollt man sich diesen kompakten Herrn mit seinen langen rotblonden Locken noch einmal genauer ansehen: Dieses Buch gibt Grund und Gelegenheit dazu. THOMAS STEINFELD
INGO SCHULZE: Was wollen wir? Essays, Reden, Skizzen. Berlin Verlag, Berlin 2009. 320 Seiten, 22 Euro.
Der Stimmenwechsel ist ein Mittel zur Erfassung der Gegenwart
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Dieser Band mit Texten aus den vergangenen Jahren zeigt für den Rezensenten Roman Luckscheiter, dass Ingo Schulze einer jener Ostautoren ist, die über den Westen aufklären. Doch auch wenn in Schulzes Reden, Kurzgeschichten und Glossen immer wieder die Unterschiede zwischen Ost und West hervorgehoben werden, demonstrieren sie dem Rezensenten genauso, dass eine "Fusion" mittlerweile stattgefunden hat. In den Texten zeige sich das in einer "Mischung aus Euphorie und Schleudertrauma", die den Schock über den plötzliche Wechsel der Staatssysteme in sich trage, so Luckscheiter. Er findet bei Schulze einen an Peter Weiss und Wolfgang Hilbig geschulten "emphatischen" Literaturbegriff, der im Erzählen auch immer einen gesellschaftlichen Auftrag sieht und von der Überzeugung getragen ist, dass Literatur Staaten stürzen kann. Wenn sich Schulze als politischer Redner versucht, wie bei der Verleihung des Thüringer Literaturpreises, dann klingt allerdings ein "Pathos" an, das den "leichtfüßigen" Essays und durchaus witzigen Prosatexten dankenswerter Weise völlig fremd ist, wie der Rezensent betont.

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