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Für Moshe Zuckermann steht fest, dass die Verwendung des Antisemitismus-Vorwurfs als Parole im vermeintlichen Kampf gegen Antisemitismus in eine fürchterliche Epidemie umgeschlagen ist. Längst schon sei sie zum Totschlag-Ideologem eines durch und durch fremdbestimmten Anspruchs auf politisch-moralische Gutmenschlichkeit geronnen. Ob man diese Epidemie heilen kann, wird sich erst erweisen müssen. Dass man sie erklären muss, scheint dringlicher denn je.…mehr

Produktbeschreibung
Für Moshe Zuckermann steht fest, dass die Verwendung des Antisemitismus-Vorwurfs als Parole im vermeintlichen Kampf gegen Antisemitismus in eine fürchterliche Epidemie umgeschlagen ist. Längst schon sei sie zum Totschlag-Ideologem eines durch und durch fremdbestimmten Anspruchs auf politisch-moralische Gutmenschlichkeit geronnen. Ob man diese Epidemie heilen kann, wird sich erst erweisen müssen. Dass man sie erklären muss, scheint dringlicher denn je.
  • Produktdetails
  • Verlag: Promedia, Wien
  • 3., unveränd. Aufl.
  • Seitenzahl: 208
  • Erscheinungstermin: Oktober 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm x 149mm x 18mm
  • Gewicht: 280g
  • ISBN-13: 9783853713181
  • ISBN-10: 3853713181
  • Artikelnr.: 29610756
Autorenporträt
Moshe Zuckermann, geb. 1949 in Tel Aviv, lehrt seit 1990 am Cohn Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas (Universität Tel Aviv) und war von 2000-05 Direktor des Instituts für Deutsche Geschichte in Tel-Aviv.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 28.12.2010

Wenn der Blick auf das Ganze fehlt
Antisemitismus: Moshe Zuckermann und Kurt Pätzold scheitern schon an einer trennscharfen Definition

Zwei Bücher über Antisemitismus. Beide stellen ihn in Abrede. Unterschiedlich allerdings das Areal, in dem er angeblich nicht vorkommt. Kurt Pätzold meint, es habe ihn in der DDR gar nicht gegeben. Moshe Zuckermann will darüber aufklären, dass der Begriff zum Herrschaftsinstrument degeneriert und dort gar nicht gestattet ist, wo er instrumentell eingesetzt wird: Berechtigte Israelkritik werde durch seinen unberechtigten Einsatz abgeblockt. Auf eine Ebene werden die beiden aber wieder gebracht durch ihre kämpferische Diktion. Zuckermann lässt nicht einmal die trivialste Alltagspolemik aus. Da ist die Rede vom "Politikfurz", vom "Elefant im Porzellanladen", von "Hardcore-Siedlern", "politischer Paranoia" und immer wieder von "besudeln" der Shoa-Erinnerung - dies sogar durch "Besudelungsspezialisten".

Was bringt den 1949 geborenen Professor für Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv derartig in Rage? Er sieht durch die Instrumentalisierung des Wortes "Antisemitismus" das Projekt Israel gefährdet. Den Begriff will er in unmittelbare Nähe zur Shoa gestellt wissen, die unbestritten einzigartig auch einen einzigartigen Begriff erheische. Dabei sei es zunächst einmal der Zionismus selbst, der den Begriff gefährdet habe, schon in der Gründungsphase des Staats. Da habe man sich auf einen neuen Typus Jude festgelegt, auf einen kampffähigen, siedlungsstarken; die puren Opfer der Shoa, die Gedemütigten, Gebrochenen - mit denen habe man wenig anfangen können. So habe zum Beispiel Golda Meir 1958 weitere "Behinderte und Kranke" aus Polen abgewiesen. Nahum Goldmann, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, habe sogar jedem Staat in seiner Gründungsphase "das Recht zu einer gewissen Grausamkeit" konzediert, und Zimmermann lässt das angesichts der bekannten Zwänge sogar gelten. Wie aber sei verfahren worden, nachdem der Staat gegründet war? Dass dann der "Antisemitismus" zum Kampfinstrument gegen jede Israelkritik umgebogen wurde, macht Zuckermann ausführlich an mehreren Beispielen klar, so an der Rede des Premierministers Netanjahu vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen im Herbst 2009: "Antisemitismus" steuere die israel-skeptischen Mitgliedsstaaten, dies sei eine "Verhöhnung der UN-Charta"; so rede der Repräsentant eines Staates, der selbst "die Beschlüsse der UN systematisch zu missachten pflegt". Da werde der rückständige iranische Feindstaat bezichtigt, alle ins barbarische 9. Jahrhundert zurückzwingen zu wollen, und gleichzeitig verteidige Netanjahu das eigene Land, das sein Existenzrecht aus einem noch viel archaischeren Mythos ableite und durch diesen auch einen religiös grundierten "Siedler-Fundamentalismus" nähre. Da stehe ein Ministerpräsident, der den südafrikanischen Richter Goldstone wegen seines ebenso kritischen wie ausgewogenen Berichts über den Gaza-Krieg sogleich als Antisemiten schmähe und überhaupt Israels Außenpolitik damit beginnen lasse, "in alle Richtungen mit ,Shoa', ,Antisemitismus' und anderen verwandten Ideologemen als leere Worthülsen herumzuschleudern".

In einem zweiten, Deutschland gewidmeten Teil des Buches zeigt Zuckermann, dass die schuldbewussten Deutschen ohne jede Abweichung der vorgegebenen Linie folgen. Vorgeführt wird das an vielen Beispielen und an der breit interpretierten Rede der Bundeskanzlerin Merkel in der Knesset vom März 2008. Da zeige sich: "Was einen im Rahmen der deutsch-israelischen Beziehungen irritieren darf, bestimmen stets die Israelis, denn sie haben den Deutschen voraus: das stets abrufbare Opfer-Kapital." Natürlich erinnert Zuckermann an die Walser-Bubis-Debatte, er zieht auch gewissenhaft die einschlägige Literatur bei, zeigt, wie ein Protest gegen den Auftritt des israel-freundlichen Dokumentarfilmers Claude Lanzmann sofort einen Sturm der Entrüstung hervorruft, Beifall hingegen die erzwungene Absage von Norman Finkelstein, dem Verfasser des Buches über die "Holocaust-Industrie", und die Ausladung von Ilan Pappe, der über "Die ethnische Säuberung Palästinas" zur Zeit der Staatsgründung bedenkliche Fakten zutage gefördert hat.

Zuckermann trägt dies alles mit heiligem Zorn vor, oft an der Grenze zum "Raptus". Aber er kämpft wirklich gegen Profanierung und für die Unantastbarkeit des Shoa-Gedächtnisses in seiner ganzen Schwere. Mag manches übertrieben sein, so bringt er doch die Deutschen in eine Klemme. Wie sich angesichts der einzigartigen Untat des Genozids gegenüber dem Staat verhalten, der Juden endlich eine Heimat gibt, dessen Politik aber nach dem Urteil vieler Gutwilliger in wesentlichen Stücken kritikwürdig ist? Das geht nur so, dass jede deutsche Stellungnahme mit dem Satz beginnt: "Israel muss leben" - und dass sie mit demselben Satz auch endet. Überdies werden die Deutschen angehalten, mit dem Wort "Antisemitismus" vorsichtig umzugehen. Denn man hat erlebt, welche Verharmlosung es bedeutete, als der Begriff "faschistisch" schließlich so ausgefranst war, dass er auf alles angewandt wurde, was einem nicht in den Kram passt. Hier ist nun ein schweres Versäumnis von Zuckermann festzustellen. Derart in Dauerauseinandersetzung mit dem Begriff "Antisemitismus", legt er doch keine trennscharfe Definition vor. Dies ist aber unerlässlich, wenn man zeigen will, dass bestimmte Vorwürfe keinesfalls mit diesem Wort belegt werden dürfen. Um dem Sprachverhalten, zu dem Zuckermann den Leser zwingt, Sicherheit im Fundament zu geben, sei hier eine - auch vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung gestützte - Definition geboten, die sich nah an die Einzigartigkeit der Shoa hält und alle anderen Feindschaften zwischen Ethnien ausschließt: "Dem Antisemiten gelten Juden ihrer gesamten Natur nach als schlecht und unverbesserlich. Deshalb sind sie nie als Individuen, sondern immer als ein Kollektiv zu behandeln, das grundsätzlich einen destruktiven Einfluss ausübt; da dies oft in Mimikry-Manier geschieht, ist dauernde Entlarvung vonnöten." Jetzt tritt hervor, dass nach Zuckermann die Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und Juden nicht Antisemitismus sind, sondern ein Territorialkonflikt. Die auf beiden Seiten gängigen Auschwitz-Vergleiche sind also nicht gerechtfertigt.

Zwingt der enragierte Zuckermann dem Leser segensreiche Konsequenzen ab, so muss man über Kurt Pätzolds Buch eher den Kopf schütteln. Auch dieses operiert ohne präzise Definition dessen, was es für die DDR in Abrede stellt: den - doch allbekannten - Antisemitismus, zumindest Judenfeindschaft. Pätzold antwortet hier auf ein Begleitbuch zu einer Ausstellung, die doch die durchgängige Anwesenheit gut dokumentierte. Da beklagt er, dass die in jenem Band versammelten Beiträger es verabsäumten, sich in die vorhandene Forschungsliteratur zu knien. Er selbst übergeht die wichtigen Werke souverän - so die umfassende Arbeit von Thomas Haury, in der die massive Juden- und Israelfeindschaft breit und systematisch bewiesen ist. Annette Leo, der Tochter eines der DDR-Berichterstatter über den Eichmann-Prozess, begegnet er mit dem vierten Gebot "Du sollst Vater und Mutter ehren". Das habe sie nicht getan, weil sie, die sich wenigstens einigermaßen auf Quellen stützt, ihrem Vater Vorwürfe mache, dass er auftragsgemäß mehr über den westdeutschen Staatssekretär Hans Globke (Chef des Bundeskanzleramtes in der Adenauer-Zeit) berichtet habe als über Eichmann.

Bei dieser Art Vorwürfe verzichtet Pätzold seinerseits vollkommen auf Quellenstudium. Sicher: Er kann in einem Kapitel auch Bücher und Filme nennen, die sich zur DDR-Zeit mit der Judenverfolgung auseinandersetzten. Aber welchen Stellenwert das in der Gesamtwirklichkeit der DDR hatte, wird gar nicht erst abgewogen. So trägt Pätzold nicht zu neuen Einschätzungen bei. Denn jeder weiß doch: Niemals ist bestritten worden, dass Hitler hingebungsvoll seinen Schäferhund gestreichelt hat und dass die "Deutsche Arbeitsfront" wunderbare Fahrten zu den norwegischen Fjorden organisierte. Die ungeheure Misere des Nationalsozialismus sieht man erst, wenn man aufs Ganze blickt.

DIETZ BERING

Moshe Zuckermann: "Antisemit!" Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument. Promedia Verlag, Wien 2010. 208 S., 15,90 [Euro].

Kurt Pätzold: Die Mär vom Antisemitismus. Mit dem Begleitbuch zur Wanderausstellung ",Das hat es bei uns nicht gegeben!' - Antisemitismus in der DDR" beginnt ein neues Kapitel der Anti-DDR-Propaganda. Verlag edition ost, Berlin 2010. 95 S., 5,95 [Euro].

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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 11.04.2011

„Antisemitismus“
Moshe Zuckermann über
den Missbrauch eines Wortes
Der Begriff „Antisemitismus“ ist vieldeutig: Aus dem analytischen Begriff wird schnell eine Totschlagparole im politischen Handgemenge. Der israelische Historiker und Philosoph Moshe Zuckermann ordnet die Vielfalt der Verwendungsmöglichkeiten und erkennt zwei Grundtypen. Der erste steht in der Tradition von Adorno, der schrieb: „Was die Nazis den Juden antaten, war unsagbar: Die Sprachen hatten kein Wort dafür.“ Adorno nahm die Namenlosigkeit des Verbrechens wörtlich, räumte jedoch ein, dass „ein Ausdruck gefunden werden musste“. Die „Lösung“ aus diesem Dilemma bestand für ihn in einem umsichtigen begrifflichen Umgang mit den unsagbaren Verbrechen: Jede Rede über die Judenvernichtung, die nicht reflektiert-behutsam ist, beschädigt die Opfer.
Die zweite Variante der Begriffsverwendung kennt weder sprachliche Skrupel noch reflexive Behutsamkeit und hantiert mit dem Wort „Antisemitismus“, den Chiffren „Auschwitz“ und „Shoah“ und dem Begriffsjeton „Zivilisationsbruch“ wie mit Keulen. Das Monströse des Verbrechens wird banalisiert; „statt sich an das Unsägliche heranzutasten“, wird es „zur Alltagssprache degeneriert“.
Damit setzt sich Zuckermann in seiner lesenswerten Studie auseinander. Er bezieht sich auf Israel und Deutschland. In beiden Ländern hat der Begriff „Antisemitismus“ – aus unterschiedlichen Gründen – das „genuine Entsetzen“ verdrängt und an dessen Stelle eine Doppelmoral und hohle Worthülsen installiert.
Seit der Gründung des Staates Israel 1948 dient der Antisemitismus als politische Legitimationsressource, obwohl der Nahostkonflikt nicht wegen des Antisemitismus zum Dauerproblem geworden ist, sondern wegen des „expansiv-kolonisierenden Faktors der israelischen Politik“. Diese Seite blendet die israelische Politik jedoch ebenso systematisch aus wie die Mehrheit der israelischen Bevölkerung, die die Diskriminierung von arabischen Bürgern in Israel und Palästinensern in den besetzten Gebieten mit ihrem „alltags-rassistischen Konsens“ (Zuckermann) einfach ignoriert.
Im zweiten Teil des Buches beschreibt Zuckermann die heiklen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Israel. Er sieht die „deutsch geschwängerten Befindlichkeiten“ als Taumel zwischen „Schuldbeladenheit“ und „Schuldabwehr“, was seit den unsäglichen Verjährungsdebatten und dem Historikerstreit bis hin zu den fatalen Reden von Philipp Jenninger und Martin Walser immer wieder zu Skandalen führte. An der Knesset-Rede der Kanzlerin vom 18. März 2008 ist das Resultat solcher „Pannen“ abzulesen: Sie sprach, aber sagte nichts Substantielles, um ja keinen „Fehler“ zu machen.
Ganz anders verlaufen die Debatten über Kritik an der israelischen Politik durch deutsche Intellektuelle. Eine selbsternannte Riege von „hauptamtlichen Antisemitenjägern“ (Zuckermann) lebt davon, ihren Gegnern die Antisemitismus-Schelle umzuhängen, um politische Kontroversen zu verhindern, wie im Fall der israelischen Kriegsverbrechen im Gaza-Krieg. Eine durch und durch „manipulative Diskursmaschinerie“ sorgt dafür, dass Israel in den deutschen Medien notorisch als „einzige Demokratie“ im Nahen Osten gepriesen wird, aber die Rückseite – „44 Jahre Militärdiktatur über ein anderes Volk“ (Zuckermann) – im Dunkeln bleibt. Für Nicht-Vernagelte nichts Neues, aber für viele schon. RUDOLF WALTHER
MOSHE ZUCKERMANN: „Antisemit!“. Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument. Pro Media, Wien 2010. 208 S., 15.90 Euro.
Rudolf Walther ist Journalist.
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Rezensent Dietz Bering spart nicht an Kritik an diesem Buch, will es aber auch nicht gänzlich verdammen. Der israelische Historiker Moshe Zuckermann schreibt mit Furor gegen eine Instrumentalisierung des Antisemitismus-Vorwurfs an, die er seit einigen Jahren in Israel durch Benjamin Netanjahus Likud, aber auch in Deutschland am Zuge sieht, um Kritik an Israel abzuwehren. Bering nennt eine Reihe von Zuckermann angeführten politischen Auseinandersetzungen, in denen der Antisemitismus als Vorwurf im Raum stand, etwa beim Bericht des südafrikanischen Richters Goldstone zum Gaza-Krieg, die deutsche Debatte um Martin Walser und Ignaz Bubis, aber auch jüngere Eklats um Claude Lanzmann einerseits sowie Norman Finkielkraut und Ilan Pappe andererseits. Bering überzeugt das alles nicht, in seinen Augen hat sich Zuckermann in einen heiligen Zorn gesteigert, der mitunter pathologische Grenzen streife ("Raptus"!). Denn wenn Zuckermann den Antisemitismus so oft zu Unrecht ins Feld geführt sieht, hätte er sich doch, meint Bering, um eine klare Definition bemühen müssen. Doch davon finde sich in dem ganzen Buch keine Spur. Er gesteht dem Autor aber zu, sich aus moralisch ehrenwerten Motiven heraus zu enragieren.

© Perlentaucher Medien GmbH