Über die Demokratie in Amerika, 1 Audio-CD - Tocqueville, Alexis de
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1831 reiste der 25-jährige französische Adlige Alexis de Tocqueville in die Vereinigten Staaten, um dort das Modell der jungen amerikanischen Demokratie zu studieren. Für ihn war es nur eine Frage der Zeit, wann sich Gleichheit und Demokratie auch in Europa durchsetzen würden. Seine Warnungen vor den Gefahren, die demokratische Gesellschaften bedrohen - Globalisierung, Despotismus in der Demokratie, Gleichheit, Verlust der Individualität - wirken heute seltsam prophetisch.…mehr

Produktbeschreibung
1831 reiste der 25-jährige französische Adlige Alexis de Tocqueville in die Vereinigten Staaten, um dort das Modell der jungen amerikanischen Demokratie zu studieren. Für ihn war es nur eine Frage der Zeit, wann sich Gleichheit und Demokratie auch in Europa durchsetzen würden. Seine Warnungen vor den Gefahren, die demokratische Gesellschaften bedrohen - Globalisierung, Despotismus in der Demokratie, Gleichheit, Verlust der Individualität - wirken heute seltsam prophetisch.
Autorenporträt
Tocqueville, Alexis de
Alexis de Tocqueville, geboren 1805 in Paris, war ein französischer Publizist, Politiker und Historiker. Er gilt als Begründer der vergleichenden Politikwissenschaften. Sein Buch "Über die Demokratie in Amerika", erschienen 1835 (1.Teil) und 1840 (2.Teil), wurde weltbekannt. Kritiker lobten Tocqueville als »Montesquieu des 19.Jahrhunderts«. Er starb 1859 in Cannes, Frankreich.

Brückner, Christian
Christian Brückner, geboren 1943 in Schlesien, wuchs in Köln auf. Engagements am Theater, kontinuierliche Arbeit für Funk und Fernsehen. 1990 erhielt er den Grimme-Preis Spezial in Gold. Schwerpunkt seiner Arbeit heute: öffentliche Literaturlesungen, oft eingebunden in einen musikalischen Zusammenhang. 2000 Gründung des Hörbuchverlags parlando mit seiner Frau Waltraut. 2005 Auszeichnung des gesamten Programms mit dem Deutschen Hörbuchpreis. 2012 wurde Christian Brückner der Sonderpreis für sein Lebenswerk verliehen, 2017 erhielt er den Ehrenpreis der Deutschen Schallplattenkritik und 2018 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.
Trackliste
CD
1Über die Demokratie in Amerika00:13:55
2Über die Demokratie in Amerika00:14:31
3Über die Demokratie in Amerika00:16:02
4Über die Demokratie in Amerika00:17:08
5Über die Demokratie in Amerika00:14:35
Rezensionen
"Ein wunderbar hellsichtig-analytisches Buch, faszinierend durch seine Einsichten in die Natur des Menschen und der von ihm veranstalteten Politik, von geradezu prophetischer Qualität, was die Entwicklung der Demokratie und ihrer inwendigen Gefährdungen anbelangt - immerhin erschien die Erstauflage bereits 1835." -- Kölner Stadt-Anzeiger

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 14.04.2004

Diszipliniert

Das Buch von Alexis de Tocqueville über die "Demokratie in Amerika" gilt bis heute als eine der besten, wenn nicht immer noch als die beste Untersuchung über ihren Gegenstand. Immer wieder werden seine Antworten auf die großen Fragen behandelt, die mit den demokratischen politischen Institutionen zusammenhängen. Man übersieht dabei, daß in dem weniger bekannten zweiten Band des Werkes viele Phänomene des amerikanischen Alltags diskutiert werden, von der Religion bis zu den öffentlichen Umgangsformen und den häuslischen Gewohnheiten.

Die Beschreibung einer Gesellschaft, die so umfassend angelegt ist wie die Tocquevilles, scheint wie beiläufig Einsichten in die unspektakulärsten Verhaltensweisen abzuwerfen. Bei Tocqueville muß dies um so merkwürdiger erscheinen, als er ja keinen Roman über Amerika schreiben und nicht einmal so etwas wie eine beschreibende Soziologie der Vereinigten Staaten geben wollte. Statt dessen sehen wir den Verfasser darum bemüht, Formeln nicht nur für die politischen Strukturen, sondern auch für die Verhaltensweisen zu finden. Das Erstaunliche ist, daß manche dieser Formeln noch heute als Hinweis auf die Eigenheiten der Amerikaner gelesen werden können.

So benutzte Tocqueville für das Verhalten der Amerikaner im Alltag einen Schlüssel, den man auch heute noch im Schloß umdrehen kann, wenn man etwa die sprichwörtliche Freundlichkeit oder Hilfsbereitschaft der Amerikaner verstehen will: "Die Demokratie schafft kein starkes Band zwischen den Menschen, aber sie erleichtert ihren Umgang miteinander." Heute würde man an die ständige Aufmerksamkeit denken, die das Alltagsleben begleitet, die Freundlichkeit, die wie ein Schmiermittel den flüchtigsten Begegnungen zugeführt wird, aber auch an die Flüchtigkeit und Unpersönlichkeit der Kontakte, zu denen es im Alltag kommt.

Gewiß beruhte Tocquevilles Axiom über das demokratische Verhalten auf einer Vielzahl von Beobachtungen, die jedoch weniger durch schlichte Empirie als durch seine eigene Erziehung in der aristokratischen Gesellschaft Frankreichs Prägnanz gewannen. Die Unterschiede konnten größer nicht sein: hier die Befangenheit der unteren gegenüber den oberen Klassen, die Absonderung der Vergnügen der einen von denen der anderen, nicht zu vergessen der unüberbrückbare Abstand zwischen Reich und Arm - und dort eine Gesellschaft, deren Mobilität und Durchlässigkeit schon in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts nicht zu übersehen war, bei der vor allem das durchgängige Gleichheitsbewußtsein auf das Verhalten durchschlug.

Tocqueville wäre nicht der Institutionentheoretiker, als der er berühmt wurde, wenn er nicht das elementare Verhalten als Institution im kleinen gesehen hätte. Auch und gerade die Gleichheit bedarf ihrer ständigen Bekräftigung im alltäglichen Umgang, sonst wird sie bald abstrakt wie andere Organisationsprinzipien einer Gesellschaft. Im Unterschied zu einer Despotie muß die demokratische Gleichheit gelebt und geglaubt werden. Daraus ergibt sich der institutionelle Aspekt der Freundlichkeit der Amerikaner, den Tocqueville nicht übersehen hat: Sie ist eine demokratische Konvention, ähnlich den Distanztechniken innerhalb der aristokratischen Gesellschaft. Und deswegen handelt es sich weniger um einen spontanen Gefühlsausdruck als um in ihrer Weise strenge Verhaltensregeln.

Für Tocqueville bedarf eine egalitäre Gesellschaft, die sich selbst regieren will, einer moralischen Disziplin, die im Bewußtsein des einzelnen verankert ist. Die Bürger, so hat Raymond Aron dies erläutert, unterwerfen sich dieser Disziplin nicht aus Furcht vor Strafe, sondern freiwillig, sie hängt sogar mit ihren religiösen Überzeugungen zusammen. Vielleicht ist sie auch Ausdruck einer anderen Art von Glauben: des Glaubens der Gesellschaft an sich selbst. Was an diesen Erklärungen und Beobachtungen bis heute richtig zu sein scheint, dürfte das Doppelantlitz von Freundlichkeit und Disziplin sein. Die Freundlichkeit des Umgangs durchzieht den Alltag wie ein strenges Reglement, sie wirkt viel weniger persönlich und ist viel weniger zufällig als die Freundlichkeit hierzulande oder besser: die im Alltag viel auffallendere Unfreundlichkeit.

Die Unterschiede des Alltagsverhaltens in demokratischen Ländern Europas und in den Vereinigten Staaten werden gewöhnlich der Mentalität der jeweiligen Bevölkerung zugeschrieben: Die Amerikaner sind freundlich, die Deutschen unfreundlich. Es gibt aber kein Gesetz, das Nationen oder ihren Angehörigen Charaktereigenschaften vorschreiben könnte. Wenn sich Mentalitätsunterschiede bei gleichen oder ähnlichen politischen Institutionen behaupten, dann hängt dies wohl mehr von der Art der Verwirklichung im einen oder andern Fall ab, vor allem aber von der Prägung der einzelnen durch die politischen Institutionen.

Wieviel stärker als in europäischen Demokratien auch heute noch die demokratische Prägung der amerikanischen Gesellschaft ist, wird an der nicht zu übersehenden egalitären oder demokratischen Disziplin in vielen Lebensbereichen sichtbar. Zu den auffallendsten Phänomenen zählt zweifellos die sogenannte "political correctness": Daß man durch explizite Sprachregelungen strittige Probleme der Gesellschaft glaubt lösen zu können, ist selbst ein urdemokratischer Gedanke, der zu seiner Verwirklichung nichts anderes als eine egalitäre Disziplin voraussetzt - die Bereitschaft, sich Konventionen und Sprachregelungen zu beugen, weil sie einem demokratischen Konsens entsprungen sind. Auch hier, wie im freundlichen Umgang des Alltags, glaubt die Gesellschaft sich durch sich selbst erlösen zu können.

HENNING RITTER

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