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Er galt als Luther der Juden - seine Anhänger sahen in ihm einen Messias, für seine Gegner war er ein Scharlatan, ja Ketzer. Jakob Frank war eine der schillerndsten Gestalten im Europa des 18. Jahrhunderts. Die Religionen waren ihm wie Schuhe, die man auf dem Weg zum Herrn wechseln könne: Er war Jude, bevor er mit seiner Gefolgschaft zum Islam und dann zum Katholizismus konvertierte. Er war ein Grenzgänger, der, aus dem ostjüdischen Schtetl stammend, das Habsburger und das Osmanische Reich durchstreifte und sich schließlich in Offenbach am Main niederließ. "Die Jakobsbücher" sind das…mehr

Produktbeschreibung
Er galt als Luther der Juden - seine Anhänger sahen in ihm einen Messias, für seine Gegner war er ein Scharlatan, ja Ketzer. Jakob Frank war eine der schillerndsten Gestalten im Europa des 18. Jahrhunderts. Die Religionen waren ihm wie Schuhe, die man auf dem Weg zum Herrn wechseln könne: Er war Jude, bevor er mit seiner Gefolgschaft zum Islam und dann zum Katholizismus konvertierte. Er war ein Grenzgänger, der, aus dem ostjüdischen Schtetl stammend, das Habsburger und das Osmanische Reich durchstreifte und sich schließlich in Offenbach am Main niederließ.
"Die Jakobsbücher" sind das vielstimmige Porträt einer faszinierenden Figur, deren Lebensgeschichte zum Vexierbild einer Welt im Umbruch wird. Olga Tokarczuk hat einen historischen Roman über unsere Gegenwart geschrieben, der zugleich ein Plädoyer für Toleranz und Vielfalt ist. Ihr Opus magnum, vom Nobelpreiskomitee explizit in der Begründung erwähnt.
  • Produktdetails
  • Verlag: Kampa Verlag
  • Originaltitel: Ksiegi Jakubowe
  • Seitenzahl: 1152
  • Erscheinungstermin: 1. Oktober 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 139mm x 59mm
  • Gewicht: 1137g
  • ISBN-13: 9783311100140
  • ISBN-10: 331110014X
  • Artikelnr.: 56310278
Autorenporträt
Tokarczuk, Olga
OLGA TOKARCZUK, 1962 im polnischen Sulechów geboren, studierte Psychologie in Warschau und lebt heute in Breslau. Ihr Werk (bislang neun Romane und drei Erzählbände) wurde in 37 Sprachen übersetzt. 2019 wurde sie mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Für »Die Jakobsbücher«, in Polen ein Bestseller, wurde sie 2015 (zum zweiten Mal in ihrer Laufbahn) mit dem wichtigsten polnischen Literaturpreis, dem Nike-Preis, geehrt und 2018 mit dem Jan-Michalski-Literaturpreis. Im selben Jahr gewann sie außerdem den Man Booker International Prize für »Unrast«. Zum Schreiben zieht Olga Tokarczuk sich in ein abgeschiedenes Berghäuschen an der polnisch-tschechischen Grenze zurück.

Palmes, Lisa
Lisa Palmes übersetzt seit zehn Jahren Literatur aus dem Polnischen. Einige ihrer wichtigsten Übersetzungen sind: Wojciech Jagielski, Wanderer der Nacht, Joanna Bator, Dunkel, fast Nacht, Jacek Leociak, Text und Holocaust. Die Erfahrung des Ghettos in Zeugnissen und literarischen Entwürfen. 2017 erhielt sie den Karl-Dedecius-Preis für deutsche Übersetzer polnischer Literatur.

Quinkenstein, Lothar
Lothar Quinkenstein ist Literaturwissenschaftler, Schriftsteller und Übersetzer aus dem Polnischen. Er übersetzte u.a. Essays und Prosa von Henryk Grynberg (Unkünstlerische Wahrheit, Flüchtlinge). 2017 wurde er mit dem Jablonowski-Preis ausgezeichnet; im selben Jahr erhielt er den Spiegelungen-Preis für Lyrik. Kürzlich erschien bei edition.fotoTAPETA sein Roman »Souterrain«.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 15.10.2019

Das Erbe der
Frankisten
„Die Jakobsbücher“, der neue Roman der
Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk
VON FABIAN WOLFF
Gershom Scholem wiederholte gern die Anekdote von dem Besuch bei dem großen alten Rabbiner Philipp Bloch, der eine Sammlung kabbalistischer Texte besaß. „In meiner Begeisterung sagte ich durchaus harmlos: ‚Wie schön, Herr Professor, dass sie das alles studiert haben!‘ Der alte Herr erwiderte: ‚Was, den Quatsch soll ich auch noch lesen?‘“
Den ernsten Wissenschaftlern des Judentums und den strengen Talmudisten war die mystische Tradition des Judentums, die Kabbala, ein Ärgernis: irrgläubig, zu nah christlicher Gnosis oder eben einfach Quatsch über Zahlen, Buchstaben und geheime Muster in Tora und Tanakh. Doch dieser Quatsch ist, so Scholems große These, so etwas wie der geheime Fluss jüdischer Geschichte, der immer dann übertritt, wenn die Tradition der Erneuerung bedarf.
Das heißt nicht, dass alle selbsternannten Propheten und Messiase der Kabbala große Erneuerer waren. Die Behauptung auf dem Klappentext der „Jakobsbücher“ der gerade mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichneten polnischen Autorin Olga Tokarczuk, ihr Romanobjekt Jakob Frank sei so etwas wie „der Luther der Juden“, schafft das seltene Kunststück, sowohl Frank als auch Luther Unrecht zu tun.
Denn tiefe Spuren haben Frank und der Frankismus nicht hinterlassen, nicht im Judentum, und auch nicht in Polen, wo sie die größten ekstatischen Triumphe und bittersten Niederlagen erfuhren. Als Stoff hingegen wird der Lebensweg des Pelzhändlers aus Podolien zum Schlüssel für mehrere Kapitel mittel- und osteuropäischer Kultur- und Geistesgeschichte.
So jedenfalls die großspurige, mehrzeilige Ankündigung direkt im Titel, die „eine große Reise über sieben Grenzen“ verspricht, „aus mancherlei Büchern geschöpft, und bereichert durch die Imagination, die größte natürliche Gabe des Menschen“. Die neckische Aufmachung als altes Manuskript, die Länge von mehr als 1100 Seiten, die auch noch rückwärts laufen: Tokarczuks Roman scheint zum eher unangenehmen Genre des postmodernen epischen Schelmenromans zu gehören.
Die Erzählung läuft langsam an – Jacob Frank taucht nach 200 Seiten auf – um sich erst einmal umzuschauen in Polen-Litauen um 1750, nach der Blüte und vor der Teilung. Die Erde vibriert noch nach dem kataklysmischen 17. Jahrhundert, für Juden wie für Nichtjuden. Der beklommene, aber nicht nur unfreundliche Austausch zwischen diesen beiden Gruppen, auch die verwischten Grenzen, sind das Thema des Romans. Es beginnt mit einem Akt versuchten kulturellen Austauschs: Der Pfarrer Benedykt Chmielowski besucht das Städtchen Rohatyn, um mit dem Rabbi Elischa Schor Bücher zu tauschen, sein eigenes Werk „Nowe Ateny“ gegen den Zohar, den zentralen Text der Kabbala. Später wird dem des Hebräischen nicht mächtigen Pater erklärt, dass er statt des Zohar ein Buch mit Märchen bekommen hat.
Nicht nur, weil seine Reaktion – „so ein Schlawiner!“ – kaum antijüdische Untertöne hat, ist Chmielowski einer der Helden des Romans. Er ist, wie auch Rabbi Schor, eine historisch belegte Person, und Tokarczuk macht ihn zu einem nur leicht gebrochenen Symbol für eine universell ausgerichtete polnische Kultur, die den fremden Juden (und ungebildeten Polen) zwar mit Paternalismus begegnet, aber auch mit Interesse und Toleranz. Sein Gegenbild ist die ebenfalls historisch verbürgte Politikerin Katarzyna Kossakowska, die schon früh beklagt, dass „die Juden jetzt überall sind, da muss man nur noch zusehen, wie sie uns auffressen mit Haut und Haar“.
Diese Welt des polnischen Adels und Klerus ist hochsinnig, aber blutleer, Tokarczuk schildert sie in erzählten Passagen und Briefwechseln, in denen, einer der wenigen stilistischen Verfremdungseffekte, aus ß stets sz wird. Die Kapitel über die Schtetljuden hingegen sind vom ersten Schlag an in einem mystischen Tonfall: Die alte Jenta, die nicht sterben kann, ist die Seherin des Romans, sie erblickt die ganze Welt und die kommende Erschütterung.
Tokarczuk vermeidet Überzeichnung in beide Richtungen, und wenn die jüdischen Figuren eher in der Lage zu sein scheinen, sich flüsternd mit dem Weltgeist auszutauschen, während die polnischen Figuren nur ratlos in den Wald schauen, dann fängt das die historische Stimmung ein. Das Gespenst, das durch die Betstuben und Jeschiwot geistert, heißt Schabbatai Zwi, der Pseudo-Messias aus Smyrna, dessen Bewegung aus dem osmanischen Reich bis nach Osteuropa und jenseits davon Juden anzog, auch nach seiner öffentlichen Konvertierung zum Islam.
Scholem sah in Zwi eine wichtige Kraft, die das Judentum vom Mittelalter in die Moderne brachte, Theodor Herzl hingegen ein warnendes Beispiel, inzwischen gibt es auch feministische Lesarten seiner sabbatianischen Bewegung.
Dagegen ist Jacob Frank eher eine kleine Flamme. Sein Weg wird durch die Augen des Nachman aus Busk erzählt, der vor seiner Begegnung mit ihm schon Baal Schem Tow gefolgt ist und sich überhaupt gerne an Propheten und Weise hängt. Weil es vielen Juden Osteuropas so geht, kann der charismatische Jacob Frank eine große Gefolgschaft um sich scharen, die er davon überzeugt, dass er die Reinkarnation von Schabbatai Zwi ist.
Seine Verkündungen sind häretisch, aber platt. Das von Georg Herlitz herausgegebene „Jüdische Lexikon“, eine der Krönungen deutsch-jüdischer Kultur zwischen den Weltkriegen, schreibt, dass „seine Lehren auf Originalität keinen Anspruch erheben konnten“ und nur „ein Sammelsurium aus den Theorien der türkischen Sabbatianer und der Kabbalisten“ waren. Grundlage seiner Ausstrahlung waren Wundertaten und vor allem rituelle Zusammenkünfe mit „Gesang und Tanz, nicht ohne erotische Begleiterscheinungen“.
So wird berichtet, dass Chaja, die Tochter des Rabbi Schor, nackt vor der Menge steht und ein Kreuz schwenkt. Ein Rabbinerrat hört diese Nachricht mit Entsetzen, und Reb Moschko aus Satanow äußert den Leitspruch mehrerer Tausend Jahre jüdischer Diaspora-Existenz: „Was sollen die Gojim jetzt denken?“
Die Frankisten stören das Gleichgewicht zwischen Juden und Christen, eh anfällig für Pogrome, Ritualmordvorwürfe und Zwangstaufen. Die Frankisten biedern sich verschiedenen Fraktionen an, lassen sich taufen, werden trotzdem eingesperrt, müssen immer wieder fliehen, und lassen sich am Ende in Offenbach nieder. Tokarczuk schildert diesen Machtkampf zwischen machtlosen Juden und mächtigen Polen mit großer Subtilität. Als angebliche Satanisten tauchen die Frankisten seit Jahrhunderten immer wieder in der Verschwörungsliteratur auf, darunter auch in Büchern des polnischen Dekadenzdichters Stanisław Przybyszewski. Tokarczuk befreit ihre Geschichte von Totenschädelkitsch, und damit auch von Anschlussfähigkeit an antisemitische Mythen.
In einem Porträt im New Yorker wird ihr Werk als „Romane gegen Nationalismus“ beschrieben, darunter das mit dem International Booker Prize ausgezeichnete Buch „Unrast“, ein wunderbar schwer zu greifendes Erzählwerk, das von den erdigen „Jakobsbüchern“ so weit entfernt ist, dass sich beide wieder in der Mitte treffen und als Geschwister erkennbar werden. Ob eng und klaustrophobisch, oder rastlos polyphon, Tokarczuks Bücher reißen Fenster zur Welt weit auf.
Ein Fenster zur Welt, so nannte Isaac Bashevis Singer eine Kurzgeschichte über die jiddische Literaturszene des Warschaus seiner Jugend, die damit endet, dass der Erzähler merkt, warum er seine Novelle zu Jacob Frank einfach nicht beenden kann: Der sich sephardisch gebende und Ladino, „Judenspanisch“, sprechende Frank ist ihm fremd, die Geschichte muss über seine polnischen Anhänger erzählt werden.
Bei Tokarczuk wird aus der Novelle ein Tausendseiter, trotzdem taucht der Orient als speziell jüdischer Sehnsuchtsort kaum auf. Der Roman ist Teil eines spezifisch polnischen Erinnerungsprojekts. Im New Yorker erzählt Tokarczuk, dass der Roman auch für jene geschrieben sei, die sich schämen, aus einst frankistischen Familien zu kommen.
Die kleine jüdische Gemeinde Polens, vor der Schoah die bedeutendste und lebendigste der Welt, besteht heute vor allem aus tinokot shenishbu, also außerhalb jedes Bewusstseins für jüdische Religion und Kultur aufgewachsenen, oft sogar getauften Juden. Es waren Nichtjuden, die Ende der Achtziger das Festival für jüdische Kultur in Krakau gründeten. Was in Deutschland unangenehm philosemitisch wirken würde, scheint in Polen ein Akt echter Restitution zu sein.
Immer mehr Romane und Filme wollen das Schweigen über das verdrängte jüdische Erbe brechen. Auch Tokarczuks Roman, laut Untertitel „den Landleuten zur Besinnung“, ist eine Ausgrabung. Sie zeigt, dass polnische Juden zu Polen gehörten, auch wenn sie kein Polnisch sprachen, nicht katholisch waren, sich noch nicht einmal als Polen verstanden. Sie tut das ohne Vereinnahmung, ohne Verklärung, und nur in den allerseltensten Fällen („Nachmans Atem geht auf wie der Teig einer Challa“) in der Nähe zum Kitsch.
Den größten Beitrag der Frankisten zur polnischen Kultur erwähnt Tokarczuk dabei nicht: Unter den Juden von Warschau, so Scholem, sei es allgemein bekannt gewesen, dass Adam Mickiewicz, der Dichter des Nationalepos „Pan Tadeusz“, aus einer frankistischen Familie käme. Vielleicht stimmt das, vielleicht ist es aber wieder nur, wie Rabbi Bloch sagen würde, Quatsch.
Eine letzte Anekdote von Scholem zeigt die Abgründe und Höhen und absurde Schönheit jüdischer Mystik: Einen von Scholems Vorträgen einleitend, erinnerte sich der Rabbiner und Professor Saul Lieberman an den Wunsch einiger Studenten, kabbalistische Texte zu lesen, was er ihnen nicht gestattete. Ein Vortrag von Scholem zu diesen Texten sei hingegen etwas ganz anderes: „Unsinn ist Unsinn. Aber die Geschichte des Unsinns, das ist Wissenschaft.“ Und 1000 sensible, zärtliche, trauererfüllte Seiten zu diesem Unsinn sind denkbar größte Literatur.
Die Frankisten stören
das Gleichgewicht
zwischen Juden und Christen
Olga Tokarczuk:
Die Jakobsbücher. Roman. Aus dem Polnischen von
Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein. Kampa Verlag, Zürich 2019.
1184 Seiten, 42 Euro.
Marion Tiedtke ist Chefdramaturgin am Schauspiel Frankfurt. Sie hat Inszenierungen zum Beispiel von Andreas Kriegenburg und Ulrich Rasche betreut. Außerdem hat sie die Reihe
„Stimmen der Stadt“ mitentwickelt, bei der
Autoren nach Gesprächen mit einem Bewohner Frankfurts
einen Monolog für einen Schauspieler schreiben. Marion Tiedtke liest gern im Kulturzentrum „Hafen 2“ am Main.

DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur Dlf Kultur-Rezension

Nach Meinung Sabine Adlers hat Olga Tokarczuk den Literaturnobelpreis 2018 verdient. Die Autorin hält sie für eine fabulierfreudige, fantasiebegabte und geschichtsinteressierte Schriftstellerin, die in der Lage ist, dem Leser ein differenziertes Bild von Polens Geschichte zu vermitteln. Der vorliegende von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein laut Adler "exzellent" übersetzte Roman über die multiethnische polnisch-litauische Adelsrepublik überzeugt die Rezensentin darüber hinaus mit empathisch gezeichneten lebendigen Figuren und farbigen Schauplätzen und einer turbulenten Handlung.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 31.10.2019

Der falsche Messias

In ihrem großen Werk "Die Jakobsbücher" rekonstruiert die Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk den kuriosen Lebensweg des Sektenführers Jakob Frank.

Das Interesse sei groß, das Buch aber leider nicht lieferbar: Diese Antwort, die wir vor kurzem in einer führenden Münchner Buchhandlung bekamen, als wir wissen wollten, wie sich der neue Roman der frisch gekürten Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk denn verkaufe, spricht Bände. Denn einerseits ist da diese Autorin, die zwar in Deutschland seit langem keine Unbekannte mehr ist, deren letzte deutsche Veröffentlichung aber ("Der Gesang der Fledermäuse") bereits acht Jahre zurückliegt und die nun als denkbare, doch nicht unbedingt erste Kandidatin für den wichtigsten Literaturpreis der Welt galt.

Und andererseits hat es die polnische Literatur hierzulande nicht leicht. Von der Kritik wird sie meistens wahrgenommen und nicht selten mit Lob bedacht, die Leser aber bleiben oftmals eher zurückhaltend. Verständlich also, dass der kleine Zürcher Kampa Verlag, den es selbst erst seit einem Jahr gibt, Olga Tokarczuks sehr aufwendig gestalteten, fast 1200 Seiten starken Roman offenbar fürs Erste nur in einer kleinen Auflage herausbrachte. Ob er nun aber, nach dem nobelpreisbedingten Nachdruck, auf einen großen Publikumserfolg hoffen darf? Das wagt man zu bezweifeln, auch wenn es ein Buch ist, auf das man gar nicht anders reagieren kann als mit einer tiefen Verbeugung. Ein enormer literarischer Kraftakt, ein enzyklopädisches Werk, das dem Leser entsprechend viel Zeit, Geduld, Konzentration und Wissensdurst abverlangt.

Allein die Frage, wovon diese, wie der Untertitel verspricht, "große Reise über sieben Grenzen, fünf Sprachen und drei große monotheistische Religionen" handelt, ist nicht so schnell und eindeutig zu beantworten, wie es auf den ersten Blick scheint. Vordergründig folgt sie den Spuren desjenigen, von dem sich der Haupttitel des Romans ableitet: Jakob Frank, Anführer einer jüdischen mystischen Bewegung und selbsternannter Prophet, der im achtzehnten Jahrhundert wirkte und dabei so berühmt wie umstritten war. Seine Fähigkeit, Tausende von Anhängern um sich zu scharen, basierte allerdings kaum auf der Tiefe oder Originalität seiner Gedanken, im Gegenteil, seine Lehren waren nur "ein Sammelsurium aus den Theorien der türkischen Sabbatianer und der Kabbalisten". Er verdankte den Erfolg vielmehr seinem Charisma, der Kühnheit seiner Ziele und der Ungewöhnlichkeit der Mittel, zu denen er griff, um sich Gehör zu verschaffen.

Nicht nur dass er die Gesetze des Talmuds ablehnte - er wechselte sogar mehrmals die Religion; er strebte nach einem Leben, das auf Freiheit und Gleichheit der Menschen basieren würde; er wollte seinem Volk zu mehr Selbstbewusstsein und Geltung verhelfen. Seine Anhänger versuchte er davon zu überzeugen, eine Reinkarnation von Schabbatai Zwi, dem Begründer der sabbatianischen Bewegung, zu sein, und danach ging er sogar noch weiter, indem er sich gern als menschliche Inkarnation Gottes inszenierte. Mit dem Ergebnis, dass er von den einen als der neue Messias verehrt, von den anderen als Hochstapler verschrien wurde.

Franks Leben war nicht minder kompliziert als seine Ansichten

Das Leben des 1726 in Korolówka, einem Dorf in Podolien, geborenen Ja'akow Josef ben Jehuda Lejb, wie sein echter Name lautete, war nicht minder kompliziert als seine Ansichten. Es spielte sich zwischen der Polnisch-Litauischen Republik, dem Osmanischen Reich, dem Habsburgerreich, dem Königreich Böhmen und Mähren und dem Heiligen Reich Deutscher Nation ab, und die Städte Bukarest, Istanbul, Saloniki, Warschau, Lemberg, Tschenstochau und Offenbach waren nur die wichtigsten seiner zahlreichen Stationen. Er konvertierte zum Islam, um dann zum Christentum überzutreten und sich gleich zweimal taufen zu lassen, er gewann die Gunst der damaligen Herrscher und verlor sie wieder, er wurde von den Polen der Ketzerei beschuldigt und jahrelang im Klostergefängnis von Tschenstochau gefangen gehalten, von wo er von den Russen befreit wurde. Schließlich kam er mit seiner Gefolgschaft nach Offenbach, wo der Fürst von Isenburg ihm sein Schloss zur Verfügung stellte und wo er sich den Titel eines Barons zulegte. Dort starb er 1791 und geriet in Vergessenheit. Viele Jahre später gelangte sein Schädel nach Berlin, wo er nach einer peniblen Untersuchung "als Beweis der Unterlegenheit der jüdischen Rasse" galt.

Um diese schier unglaublichen Wenden glaubhaft erscheinen zu lassen, stellt Tokarczuk ihrem Protagonisten eine Reihe von Nebenfiguren zur Seite: den katholischen Pfarrer Benedykt Chmielowski, der dem Judentum viel Respekt und Interesse entgegenbringt, die Kastellanin Katarzyna Kossakowska und die Dichterin Elzbieta Druzbacka, die genau die entgegengesetzte Position vertreten, oder den Juden Nachman, einen von Franks Anhängern. Und sie erzählt seine Geschichte in einem Stil, in dem die berichtenden Teile, die sie mit der Nüchternheit und Genauigkeit eines Chronisten gestaltet, mit Passagen versetzt sind, von denen mal eine poetische, mal eine metaphysische Aura ausgeht.

In ein solches Buch gehört natürlich auch eine Portion magischer Realismus, den Olga Tokarczuk schon immer mühelos herbeizuzaubern wusste. Man denke nur an ihren bekanntesten Roman, "Ur und andere Zeiten", dessen Handlungsort, das Dorf Ur, einerseits reale, andererseits phantastische, zuweilen biblische Züge trägt und einen Mikrokosmos bildet, in dem Geist, Materie und Natur fließend ineinander übergehen. In den "Jakobsbüchern" ist es die alte Jenta, Jakobs Großmutter, die für das magische Klima sorgt. Sie liegt bereits im Sterben, doch "plötzlich, als hätte es einen Schlag getan", sieht sie "alles von oben" und, was am wichtigsten ist: "Von nun an bleibt es so - Jenta sieht alles". Als sie schon einen Teil des Romans fertig gehabt habe, gestand einmal die Autorin, sei ihr klar geworden, dass es eine alles koordinierende Instanz brauche, sonst komme sie mit dieser Menge Material nicht zurecht. "Und als ich Jenta hatte", freute sie sich, "fing alles an, Sinn zu ergeben."

Nach einer öffentlichen Rede zur Staatsfeindin erklärt

Mit Jentas Hilfe ist es ihr also gelungen, die Geschichte des "falschen Messias" Jakob Frank zu Ende zu erzählen, was allerdings nicht ihr einziges Anliegen war. Ihr Buch ist ein Pandämonium von Informationen aus Politik und Soziologie, Religions- und Kulturgeschichte, Philosophie und Psychologie, die sich zu einem eindrucksvollen Porträt der damaligen Welt zusammensetzen und von denen sich immer wieder Bezüge zur Gegenwart ableiten lassen. "Die Figur Frank nimmt eine Vielzahl moderner Fragen vorweg", so Olga Tokarczuk. "Begegnung mit dem Fremden, Glaubensübertritte, soziale Emanzipation, selbst Zionismus und Feminismus lassen sich hier finden."

Und nicht zuletzt ist der Roman auch ein Versuch, ein wichtiges Kapitel der polnischen Geschichte neu zu interpretieren. Tokarczuk lässt die polnisch-litauische Adelsrepublik, in der die Handlung spielt, keineswegs als ein solches Paradies erscheinen, als das sie gern, nicht zuletzt aufgrund der historischen Romane von Henryk Sienkiewicz, angesehen wird. Sienkiewicz (Literaturnobelpreisträger von 1905) war zwar keineswegs unkritisch, aber er konzentrierte sich bewusst auf das 17. Jahrhundert, in dem diese Adelsrepublik drei erfolgreiche Feldzüge, gegen die ukrainischen Kosaken, die Schweden und die Türken, führte, was Generationen von seinen Lesern genügte, um jene Zeit zu verherrlichen. Tokarczuk hingegen zeigt diese Republik als einen politisch schwachen Feudalstaat, zu dem Machtmissbrauch durch Hochadel und Klerus, Unterdrückung der ethnischen Minderheiten, Judenpogrome oder sklavenähnliche Ausbeutung der leibeigenen Bauern gehörten.

Als sie es schrieb, ahnte sie vermutlich nicht, dass ihr Buch dadurch eines Tages zu einem Politikum werden würde. Während sie nämlich im Herbst 2015 für die "Jakobsbücher" mit dem Nike, dem wichtigsten polnischen Literaturpreis, ausgezeichnet wurde, fand im Lande ein Regierungswechsel statt: Es begann die Ära der nationalkonservativen Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS), die der Nation von Anfang an eine eigene, auf Selbstglorifizierung und Stärkung des Patriotismus ausgerichtete Vision ihrer Geschichte aufzuzwingen versuchte. Und so wurde Olga Tokarczuk auf einmal zu einer Staatsfeindin abgestempelt. Als sie dann auch noch in einer vom Fernsehen übertragenen Rede nachlegte, indem sie ihre Landsleute aufforderte, sich den dunklen Kapiteln ihrer Geschichte zu stellen und sich dabei an den Deutschen ein Beispiel zu nehmen, löste sie einen Sturm der Entrüstung aus.

Doch das sind alles Dinge, die für die polnischen Leser von Interesse sind. Wie soll aber diesen, übrigens hervorragend von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein übersetzten, Roman jemand lesen, der weder mit den Details der polnischen Geschichte oder mit den Feinheiten des polnisch-jüdischen Verhältnisses vertraut, noch in Judaistik oder Religionsgeschichte besonders bewandert ist? Nun, durch seine Gliederung und optische Form - er besteht aus sieben Büchern, einunddreißig Teilen und unzähligen kleinen Kapiteln, ist reichlich illustriert, und die Seiten sind in hebräischer Manier rückwärts nummeriert - lädt der Roman geradezu dazu ein, nicht auf einmal gelesen, sondern langsam und aufmerksam studiert zu werden. Eine polnische Kritikerin will sich bei dessen Lektüre wie bei der Betrachtung der Bilder von Pieter Bruegel dem Älteren gefühlt haben - versuchen wir es auch.

MARTA KIJOWSKA

Olga Tokarczuk:

"Die Jakobsbücher".

Aus dem Polnischen

von Lisa Palmes und

Lothar Quinkenstein.

Kampa Verlag, Zürich 2019.

1184 S., geb., 42,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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