Erscheinungsdinge - Figal, Günter
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Mit diesem Buch legt Günter Figal eine systematisch ausgearbeitete Ästhetik vor. Er erörtert die Kunst als ganze und berücksichtigt nicht nur bildende Kunst, Dichtung und Musik, sondern ebenso Künste wie Tanz, Keramik, Gartenkunst und Architektur. Das Buch ist phänomenologisch im strengen Sinne. Es nimmt die Grundlegung der Phänomenologie durch Husserl auf, um sie in der phänomenologischen Reformulierung der von Kant her verstandenen Ästhetik neu zu bedenken. Um das Wesen der Kunst zu bestimmen, bezieht sich Figal immer wieder auf einzelne Kunstwerke. Aus deren Erfahrung und Beschreibung…mehr

Produktbeschreibung
Mit diesem Buch legt Günter Figal eine systematisch ausgearbeitete Ästhetik vor. Er erörtert die Kunst als ganze und berücksichtigt nicht nur bildende Kunst, Dichtung und Musik, sondern ebenso Künste wie Tanz, Keramik, Gartenkunst und Architektur. Das Buch ist phänomenologisch im strengen Sinne. Es nimmt die Grundlegung der Phänomenologie durch Husserl auf, um sie in der phänomenologischen Reformulierung der von Kant her verstandenen Ästhetik neu zu bedenken. Um das Wesen der Kunst zu bestimmen, bezieht sich Figal immer wieder auf einzelne Kunstwerke. Aus deren Erfahrung und Beschreibung ergeben sich die für das Verständnis der Kunst leitenden Begriffe. Dabei ist Erscheinungsdinge eine Auseinandersetzung mit der Tradition der Kunstphilosophie. Es macht die besondere Erschließungskraft von Kunstwerken deutlich. So hat Figals Konzeption auch Konsequenzen für das alltägliche Selbstverständnis. Er zeigt, wie das menschliche Leben durch die Kunstwerke als bedingtes Leben inmitten der Dinge erfahrbar wird.
  • Produktdetails
  • Verlag: Mohr Siebeck
  • Erscheinungstermin: Oktober 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 232mm x 156mm x 20mm
  • Gewicht: 476g
  • ISBN-13: 9783161505157
  • ISBN-10: 3161505158
  • Artikelnr.: 30377557
Autorenporträt
Günter Figal, geb. 1949; Studium der Philosophie und der Germanistik in Heidelberg; 1976 Promotion; 1987 Habilitation; seit 1989 Professor für Philosophie an der Universität Tübingen. Arbeitsgebiete: Klassische Antike mit Schwerpunkt Platon, Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts (Nietzsche, Heidegger, Kritische Theorie). Systematische Schwerpunkte: Hermeneutik und Phänomenologie, Zeit- und Geschichtsphilosophie, Kunstphilosophie, politische Philosophie. Mitherausgeber der Internationalen Zeitschrift für Philosophie.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 29.09.2011

Alles steuert der Blitz
Immer bleibt Unverfügbares: Günter Figal fragt, was Kunst unersetzlich macht
„Organisches Bauen“ war das Motto des amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright. 1937 stellt er achtzig Kilometer südöstlich von Pittsburgh das Wohnhaus „Fallingwater“ fertig. Ortsüblicher Stein als Material, Terrassen, Balkone, eine Feuerstelle im Inneren: die Grenzen sind fließend. Natur, Landschaft und konstruierter Raum gehen ineinander über, bilden eine einmalige Symbiose. Der Ort wird bestimmt vom architektonischen Geniestreich. Ein Kunstwerk zeigt sich, ein „Erscheinungsding“ betritt die Bühne und bindet Aufmerksamkeit. Der Freiburger Philosoph und Vorsitzende der Martin-Heidegger-Gesellschaft Günter Figal will sich nicht damit abfinden, dass die Kunst in der gegenwärtigen Philosophie kein Leitthema mehr ist und von der Suche nach der Vermittlungskraft von Symbolen und Zeichen verdrängt wurde. Figal wendet den Blick zurück hinter die postmoderne Relativität der Ästhetik, lässt auch die emphatische Moderne mit ihren Kämpfen, Verabsolutierungen und Provokationen auf sich beruhen, um wieder zum Kunsterlebnis selbst zu gelangen, das sich jeder Instrumentalisierung entziehe.
Kunstwerke verlangen eine „ästhetische Einstellung“; sie fordern eine Haltung, die ihnen gegenüber einzunehmen ist. Die Schönheit erklärt Figal zum zentralen Bezugspunkt, der begriffsklar zu analysieren sei, allerdings nicht nur im affirmativen Nachvollzug biedermeierlicher Wohlfühloasen. Wenn sich das Kunstwerk als ästhetisch erfahrbares Phänomen aufdrängt, begegnet ein Erscheinungsding, das real existiert, die Sinne anspricht und Raum greift. Die Wahrnehmungskraft ist herausgefordert, noch vor allem Ringen um Verständlichkeit. Diktiert sind die Reflexionsgänge des Philosophen von der Frage, was genau es ist, das die Kunst unersetzlich macht, das ihre Erfahrung derart einzigartig werden lässt, dass nichts anderes an ihre Stelle treten kann. Um ihrer selbst willen sind Kunstwerke da, sie verweisen auf nichts anderes: Sie sind, wie sie sind – und gerade darin liegt ihre Kraft. Kein Erscheinungsding lässt sich in seine Einzelteile, seine Entstehungsprozesse so zergliedern, dass vollständiger Aufschluss über sein Wesen möglich ist. Immer bleibt etwas Unverfügbares.
Figal greift den Gedanken der „dezentralen Ordnung“ auf, um diesen Zusammenhang zu erfassen. Sie ist eine unregelmäßige Struktur, die nicht durch wiederholbaren Schematismus bestimmt ist, sondern vom Unergründlichen lebt. Die Ordnung ist erkennbar, lässt sich aber nicht kopieren und steht als Erscheinung für sich. Genau dies ist, betont Figal mit Immanuel Kant, Schönheit: grundlose, zweckfreie Stimmigkeit. Das Kunstwerk ist nicht auf den Begriff zu bringen, einheitlich zu organisieren. Es bleibt sperrig und provoziert gerade darin zur Reflexion. Die „dezentrale Ordnung“ kann nur erfassen, wer sich auf sie einlässt und dem Überschuss nachspürt, der in seiner Tiefe unverfügbar bleibt. Niemand kann sich eines Erscheinungsdinges bemächtigen. Alle Beschreibungen gleiten an ihm ab.
Erscheinungsdinge sind exhibitionistisch. Sie leben davon, sich zu zeigen. Das Phänomen drängt zum Ausdruck, tritt aus dem Verborgenen hervor und ist in dieser „Unverborgenheit“ Wahrheit. Die Phänomenalität wird zum Ausnahmezustand, zum Aufleuchten aus dem Dunkel. „Alles steuert der Blitz“ – beschwört der Heraklit-Enthusiast Heidegger. Kunstwerke sind für ihn Ausnahmeereignisse, in denen das „Ungeheure“ aufgestoßen wird und sicher Geglaubtes wankt. Zurückhaltung ist dem Kunstwerk dabei fremd. Es schafft sich seinen Raum, indem es anderes mehr oder weniger verdrängt. Die Schönheit ist nicht nur anmutig, sondern auch aggressiv.
Figal ringt mit der Abgründigkeit des Schönen, ohne sich allerdings auf Interpretationen Theodor W. Adornos einzulassen, der im Schönen den gewalttätigen „Verrat am unversöhnten Leben“ erkennen wollte. Vielmehr schließt für den Freiburger Phänomenologen das Schöne Böses und Schlechtes ein. Kein Thema bleibe ausgeschlossen. Allerdings läuft Figal dabei Gefahr, etwas zu harmonistisch das Dissonante, das Gebrochene, Kaputte und Irrationale der Existenz zu unterschätzen. Es gibt auch Kunst, die nicht nur mit der Leere, dem Abstand zwischen Beobachter und Werk, oder der Pause zwischen zwei symphonischen Sätzen arbeitet, sondern auch mit dem Nichts konfrontiert, das jeden Schönheitsbegriff sprengt und Wahrheit ins Reich der Illusion verweist.
Ob Kant sich auf dem Holzweg befand, als er das „Ding an sich“ beschwor, ist bleibend umstritten. Es bedarf einiger geistesakrobatischer Übungen, um etwas zu behaupten, das sich jeder Wahrnehmung entzieht, aber dennoch existiert. Leichter ist es – zumindest auf den ersten Blick – mit den schönen Erscheinungsdingen, die einfach da sind und als solche nach einer Reaktion rufen.
ALF CHRISTOPHERSEN
GÜNTER FIGAL: Erscheinungsdinge. Ästhetik als Phänomenologie. Mohr Siebeck Verlag, Tübingen 2010. 304 Seiten, 34 Euro.
Das Kunstwerk schafft sich seinen
Raum, Schönheit ist nicht nur
anmutig, sondern auch aggressiv
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Der Freiburger Philosoph und Vorsitzende der Heidegger-Gesellschaft Günter Figal will sich mit diesem Buch jenseits postmoderner Semiotik und moderner Provokation wieder auf das "Kunsterlebnis selbst" besinnen, erklärt Rezensent Alf Christophersen. Das Kunstwerk ist bei Figal ein "Erscheinungsding", das zur Einnahme einer besonderen Haltung auffordere, so Christophersen. Erfahrbar, aber nicht ergründbar sei die Kunst, dabei allerdings gleichzeitig von einer Aufdringlichkeit, ja "Aggressivität", die umso mehr zur Reflexion nötige. Und in seiner "Unverborgenheit" sei das ästhetische Phänomen Wahrheit, resümiert der Rezensent. Hier allerdings setzt auch Christophersens Kritik an: Etwas "zu harmonistisch" ist ihm Figals Kunstauffassung, da sie jene Kunstwerke ignoriere, die jedweden Begriff von Schönheit konterkarieren und so etwas wie Wahrheit ad absurdum führen. Etwas mehr "Geistesakrobatik" a la Kant wäre nach Auffassung Christophersens vonnöten gewesen, um dem Kunstwerk als Phänomen gerecht zu werden.

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