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Ausgehend von der Rätselhaftigkeit des Leibes werden zunächst verschiedene Dimensionen der Leiblichkeit wie Empfinden und Wahrnehmen, räumliche Orientierung und Bewegung, Spontaneität und Gewohnheit sowie Ausdruck und Sprache des Körpers entfaltet. Der anticartesianische Entwurf läuft methodisch auf eine Verflechtung von natürlichem und kulturellem, von eigenem und fremdem Leib hinaus. So eröffnen sich Perspektiven für eine Theorie der Generativität sowie für einen Polymorphismus des Geschlechtsleibes, jenseits von Naturalismus und Konstruktivismus. Am Ende steht der Ausblick auf ein…mehr

Produktbeschreibung
Ausgehend von der Rätselhaftigkeit des Leibes werden zunächst verschiedene Dimensionen der Leiblichkeit wie Empfinden und Wahrnehmen, räumliche Orientierung und Bewegung, Spontaneität und Gewohnheit sowie Ausdruck und Sprache des Körpers entfaltet. Der anticartesianische Entwurf läuft methodisch auf eine Verflechtung von natürlichem und kulturellem, von eigenem und fremdem Leib hinaus. So eröffnen sich Perspektiven für eine Theorie der Generativität sowie für einen Polymorphismus des Geschlechtsleibes, jenseits von Naturalismus und Konstruktivismus. Am Ende steht der Ausblick auf ein leibliches Responsorium und ein entsprechendes Ethos der Sinne. Die Vorlesungen greifen zurück auf Husserls, Schelers, Plessners und vor allem auf Merleau-Pontys Phänomenologie des Leibes sowie auf die Gestalttheorie, Verhaltensforschung, medizinische Anthropologie und Pathologie. Gleichzeitig werden Brücken geschlagen zu neueren neurologischen Forschungen sowie zu Fragen der Körpergeschichte, der Körpertechnik und der Körperpolitik.
Autorenporträt
Bernhard Waldenfels, geboren 1934 in Essen, ist Professor emeritus für Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum. Für sein Werk wurde er u. a. mit dem Sigmund-Freud-Kulturpreis und dem Dr.-Leopold-Lucas-Preis ausgezeichnet.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 24.02.2001

Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder
Dann schützt euch nichts vor der Schule: Bernhard Waldenfels bleibt auch in seinen Vorlesungen in Habachtstellung zur Leiblichkeit des Anderen und schreibt ein Pfadfinderhandbuch der Phänomenologie

Seit langem hat Bernhard Waldenfels den Spielraum der Leiblichkeit in passionierten Exerzitien erkundet. Den Stachel des Fremden schärfte der Liebhaber deutsch-französischer Gedankengänge in zahlreichen topographischen Streifzügen. Auch die "Vorlesungen zur Phänomenologie des Leibes" stehen in Habachtstellung zum Anderen. Sie untersuchen den Menschenleib in seinen kulturellen und natürlichen Bezügen, der Verflechtung von Eigenem und Fremdem. Im pädagogischen Kontext spricht sich jene Achtsamkeit in hörerfreundlichen Rekapitulationen aus: Waldenfels faßt zusammen, was er in mehr als zwei Jahrzehnten vorgelegt hat. Das machen die metaphorischen Gesten kenntlich, die in den Text gestreut sind. "Mit der Fähigkeit, die Gesichtspunkte zu vervielfältigen, ist gemeint, daß ich nicht in einen einzigen Gesichtspunkt, der mir ,zugewachsen' ist, sozusagen einbetoniert bin."

Auf Anhieb erscheint das der genuinen Leiberfahrung gewidmete Aufmerken als zweideutiges Projekt. Es ist angewiesen auf eine Sprachentscheidung, die der Ambiguitätstoleranz, die sie legitimiert, Alternativen verschafft. "Sprache des Weder-Noch". Im Namen einer erweiterten Vernunft potenziert sie die Deutigkeit der Diskurse, pluralisiert sie die Perspektive der Perzeption. Eine Zangenbewegung vollzieht der Denker, zugleich richtet er Warnzeichen auf, wenn er Mittelwege von gelegentlich gespenstischer Abgründigkeit beschreitet. Das Argument aus dem Bauch heraus wird abgewiesen. Das ausgefeilte phänomenologische Instrumentarium soll das kulturwissenschaftliche Sensorium um ein "Insgesamt von sinnlichem Gewahren" bereichern, in vorprädikativer Erfahrung, durch flüssige Begriffe, aus passiver Synthesis.

Grauzonen der Vernunftkunst bilden die Domäne phänomenologischer Übungen. Sie schillern auf den Scheitelhöhen von res cogitans und res extensa. Das Problem der Rationalität suchen sie vorzüglich in Grenzerfahrungen auf. So fungiert der Leib als Umschlagstelle von "Selbstverdoppelungs- und Selbstdifferenzierungsprozessen". Merleau-Ponty dient Waldenfels als Kronzeuge. Der französische Phänomenologe inszeniert das Schauspiel des Menschenleibes in dramatisch grundierten Brechungsformen der Lebensbeziehungen. Sein Gedanke einer "sinnlichen Reflexion" reicht von Fragestellungen der Gestaltpsychologie bis zur schönen Zweideutigkeit des schöpferischen Ausdrucks, die in träumerischen Kunsterfahrungen schwelgt.

Der ausgezeichnete Augenblick der Zwischenleiblichkeit speist phänomenologischen Texturen die Autorität der Kindheit ein. Im Nirgendwo schlägt ihre Weltkindschaft die Augen auf. Auch Waldenfels' Vorlesungen werden ihr den Logenplatz zuweisen. Ganze Passagen schreiben dem kindhaften Blick kulturelle Erfindungskraft zu. Er schütze vor der "abgestandenen Rationalität", die "ins Schulmäßige oder ins bloß Wiederholende absinkt". Dafür bietet Merleau-Pontys Spätwerk die magischen Momentaufnahmen. Wo es das "rohe Sein" und den "wilden Geist" avisiert, wird die kindhafte Wahrnehmung mit dem anarchischen Potential einer Archäologie des Affektiven ausgestattet. Das kindhafte Staunen verführt zum widernatürlichen Denkstil Phänomenologie. Es markiert das hingerissenste Ausgenommensein aus den Fängen domestizierter Weltbezüge. Ein rätselhaftes Anrufverstehen, ein Kräuseln der Nichtindifferenz, ein Flimmern im Fleisch der Welt. Die geduldige, aber auch beflügelte Arbeit der Toposforschung, eines perzeptiven Begehrens, bildet den "Urtext der Erfahrung" nach. Der Zauderrhythmus zwischen Beschreiben und Erklären mündet in die prekären Balancen des leiblichen Selbst. Der Schriftzug ontologischer Psychoanalysen wird auf die Äquivalenzsysteme von Wahrnehmung und Sprache, Politik und Geschichte, Dichtkunst und Denkakt umgelegt.

Merleau-Ponty spricht von einer barocken Welt, aufrecht, eindringlich, mit ihren Kanten den Blick verletzend, der sie umschmeichelt. Hier findet die rebellische Zartheit auf Kindesbeinen, die ihr Leben vor sich hat, das geistige Auge. "Das absolute Wissen des Philosophen ist die Wahrnehmung", sagt er. Auch Waldenfels' Vorlesungen ruhen im behutsamen Radikalismus der genetischen Phänomenologie, die die schöpferische Welt durch die Sinne verzaubert weiß. "Es geschieht etwas mit uns, man tut etwas, das man nicht in der Hand hat; in der Verzauberung ist man auf gewisse Weise außer sich, ist man nicht völlig bei Sinnen." Der Hexenkreis der widernatürlichen Grundlegung macht den Knirps zum ganzen Kerl. Der perfekte Phänomenologe: ein ekstatischer Naseweis, der seine Nase in die Sachen selbst gesteckt hat?

Ein "Ethos der Sinne" bildet Waldenfels' Neudefinition der Transzendentalphilosophie. Doch die Reserve gegenüber dem "Aufhebungsdenken" eines Hegel muß im Verzicht aufs erste und letzte Wort kulminieren. Waldenfels' "Betonung eines synkretistischen Wir" markiert die Schwachstelle eines Philosophierens, das uns mit seinem Charme, seinem Großmut, ja seinem Kußmund allzusehr verwöhnt. Manchmal verschleift sie den Takt der Distinktion, den Husserls Wir-Synthese wahrt. Lieber noch inszeniert sie die idealisierenden Fiktionen des kulturellen Kapitals Phänomenologie, dessen Freimut mit "ver-zweiter Stimme" spricht, wie Waldenfels in einer geglückten Wendung schreibt. Der obskure Pakt des Hinhörens und Hinsehens trägt die Begriffe, ohne sie zu bestimmen, und stützt die Ideen, ohne diese zu erfüllen.

Die sympathetischen Bande einer geheimen Sehnsucht regeln den Zugang zum Unzugänglichen. Der Titel "Zwischenleiblichkeit" zielt aufs Inkognito im Cogito. Im Spurenelement Husserls, in der Akkumulation aller Lebensweltressourcen, dürfen verschwiegenste Erfahrungen zur reinen Aussprache im eigenen und fremden Sinn kommen. Das will auf eine Archäologie des Affektiven hinaus, die Schelling sehr abgründig im Bild vom barbarischen Naturprinzip skizzierte. Wird der Wildwuchs, den die Vorlesungen so verführerisch ausleuchten wie die Paradiesäpfel Cézannes, im Resümee der Leibesvisitation zu haben sein? "Der Selbstbezug schreibt sich ein in einen Fremdbezug, der anderswo entspringt."

KHOSROW NOSRATIAN

Bernhard Waldenfels: "Das leibliche Selbst". Vorlesungen zur Phänomenologie des Leibes. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000. 417 S., br., 27,90 DM.

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Der Rezensent mit dem Kürzel „mim“ unterstreicht in seiner Kurzrezension zunächst die Bedeutung Bernhard Waldenfels` insbesondere für die deutschsprachige Phänomenologie. Im vorliegenden Band sind nun, wie der Leser erfährt, vor allem Vorlesungen von 1996/97 zu nachzulesen - im „für Vorlesungen typischen Stil“ zwar, wie „mim“ anmerkt, dennoch lohnt die Lektüre seiner Ansicht nach durchaus. Der Rezensent weist auf die sehr eigenen Ansätze des Autors bei dieser Thematik hin und empfiehlt dieses Buch nicht zuletzt wegen seiner „reichhaltigen Phänomenologie der Leiblichkeit in der Spannung von Welt-, Selbst- und Fremdbezug.“

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