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Viviane Élisabeth Fauville ist Anfang vierzig. Was sie nicht mehr hat: ihren schönen Mann, ihr einstiges Zuhause. Was sie hat: eine zwölf Wochen alte Tochter, eine neue Wohnung voll nicht ausgepackter Umzugskisten, den Schaukelstuhl. Viviane hat ihren Psychoanalytiker getötet und rechnet nun jederzeit damit, dass man sie überführt. Die Tatwaffe ist gereinigt, die eigene Mutter als Alibi angegeben, ein Motiv nicht vorhanden ... und doch. Élisabeth verliert sich in Straßen und Metrogängen, lauert den übrigen Verdächtigen auf, sie fragt und forscht, das Baby im Arm. Dann entdeckt die Polizei,…mehr

Produktbeschreibung
Viviane Élisabeth Fauville ist Anfang vierzig. Was sie nicht mehr hat: ihren
schönen Mann, ihr einstiges Zuhause. Was sie hat: eine zwölf Wochen alte Tochter,
eine neue Wohnung voll nicht ausgepackter Umzugskisten, den Schaukelstuhl.
Viviane hat ihren Psychoanalytiker getötet und rechnet nun jederzeit
damit, dass man sie überführt. Die Tatwaffe ist gereinigt, die eigene Mutter als
Alibi angegeben, ein Motiv nicht vorhanden ... und doch.
Élisabeth verliert sich in Straßen und Metrogängen, lauert den übrigen Verdächtigen
auf, sie fragt und forscht, das Baby im Arm. Dann entdeckt die Polizei,
dass ihre Mutter seit acht Jahren tot ist. Es schneit in Paris und die Welt gerät
ihr aus allen Fugen.
Karg, absurd und lakonisch ist dieser atemlose Roman nur vordergründig
eine Kriminalgeschichte. Sie bildet den Rahmen für ein meisterlich in Sprache
gesetztes Spiel mit dem verblüfften Leser: Immer wieder werden alle Sicherheiten
aufgehoben, stellt sich das, was man herausgefunden zu haben meint, als
falsch heraus, oder doch nicht?
Die Schriftstellerin Anne Weber hat den Roman meisterhaft übersetzt.
  • Produktdetails
  • Quartbuch
  • Verlag: Wagenbach
  • Seitenzahl: 144
  • Erscheinungstermin: 14. August 2013
  • Deutsch
  • Abmessung: 220mm x 140mm x 15mm
  • Gewicht: 293g
  • ISBN-13: 9783803132512
  • ISBN-10: 3803132517
  • Artikelnr.: 37983682
Autorenporträt
Julia Deck, geboren 1974 in Paris, studierte Literatur an der Sorbonne, unterrichtete Französisch und absolvierte eine Journalistenschule. Sie arbeitete als Lektorin für französische und amerikanische Verlage, war Werbetexterin und lebt heute als freie Journalistin in Paris. "Viviane Élisabeth Fauville" ist ihr erster Roman.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Der Mangel dieses Romandebüts, ein überweit getriebenes Vexierspiel um Mord und Verdrängung, ist Niklas Bender lieber als alle übliche Glätte anderer Erstlinge. Bender gefällt Julia Decks schnittiger Stil, gefällt auch die Perspektive der dritten Person, die ihn angenehm an Butor erinnert, gefällt der Plot um eine durchgeknallte alleinerziehende Mutter, die verdächtigt wird, ihren Psychiater erstochen zu haben. Eine Weile scheint ihm die Sprunghaftigkeit des Textes die Verwirrung der Heldin prima abzubilden. Irgendwann summt Bender der Kopf. Eines aber weiß er sicher: Ein banaler Krimi ist das nicht.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 30.10.2013
Das Wiener Hexeneinmaleins
„Viviane Élisabeth Fauville“, das Romandebüt der Französin Julia Deck, ist ein raffiniert
konstruierter Anti-Krimi und ein ironisches Spiel mit Motiven der Psychoanalyse
VON EVA BEHRENDT
Dieser Roman beginnt mit einer gewöhnungsbedürftigen Merkwürdigkeit: Er ist über weite Strecken in der pronominalen Anredeform „Sie“ geschrieben. „Das Kind ist zwölf Wochen alt, und sein Atem wiegt Sie im ruhigen und gleichmäßigen Rhythmus eines Metronoms“, lautet der erste Satz des Romandebüts von Julia Deck. Wir, die so höflich wie distanziert angesprochenen Leser, sind angehalten, uns in die Lage einer nicht mehr ganz jungen Mutter zu versetzen, die gerade in ein leere Wohnung am Pariser Gare de l’Est gezogen ist. Viviane Elisabeth Fauville, so erfahren wir bald darauf, ist 42 Jahre alt, eine „Bourgeoise aus wohlhabender Familie. Sie leitet die Abteilung Kommunikation des erfolgreichen Baustoff-Unternehmens Bétons Biron und wurde kurz nach der späten Geburt ihres ersten Kindes von dessen Vater, ihrem Noch-Ehemann Julien Hermant, zugunsten einer jüngeren Frau verlassen.
  Diese Viviane Elisabeth Fauville versucht von Anfang an, nicht nur Herrin über ihr Leben, sondern auch über den genauen Ablauf der zu erzählenden Zeit zu bleiben. Sie kämpft jedoch mit Gedächtnislücken: „Trotz jener Unschärfe, die in Ihren Erinnerungen herrscht, fühlen Sie sich sehr frei“, heißt es. Viviane könnten durchaus Schuldgefühle plagen; sie hat gerade ihren Psychoanalytiker erstochen. „Nett. Das werden Sie von nun an nie mehr sein“, denkt sie wutentbrannt, kurz bevor sie dem Therapeuten das gerade erst aus der Wohnung des untreuen Ex geborgene Küchenmesser, ein Hochzeitsgeschenk ihrer Mutter, unter die Rippen stößt: „Die Gedärme sind weich wie Butter. Sie ziehen das Messer hoch Richtung Lunge, aber der kleine Mann ist schon verschieden, er liegt am Fuß des Sessels, von dem aus er kein Unheil mehr anrichten wird.“ Spätestens an dieser Stelle auf Seite 21 ist klar, dass nicht nur eine Tragödie erzählt wird, sondern immer auch deren Kehrseite, die Farce.
  Der Erstling der 39-jährigen Pariserin, die im bürgerlichen Beruf beim Literaturmagazin Livres Hebdo arbeitet, hat es in sich. Es ist ein raffiniert konstruierter (Anti-)Krimi, bei dem die Mörderin von Anfang an festzustehen scheint – und dessen Spannung aus der Frage resultiert, wann die Polizei sie erwischt. Julia Deck spielt ironisch mit Motiven der Psychoanalyse: Einerseits wird der unsympathische und vor allem unempathische Therapeut zum Übertragungsopfer und frühzeitig aus der Welt geschafft, andererseits blättert die Autorin nach allen Regeln jener „kleinen Wiener Hexenkunst“, wie es einmal heißt, das Psychogramm seiner vaterlos aufgewachsenen Mörderin auf. Und sie unternimmt anscheinend ein ambitioniertes Experiment mit verschiedenen Erzählhaltungen: Das distanzierte „Sie“ wechselt sich ab mit dem unmittelbaren „ich“ dem appellativen „du“, dem sachlichen „sie“ und dem unscharfen „man“, das keine Subjekte umreißt, sondern nichts als eine „Person“ zurücklässt.
  Nichts als eine Fingerübung? Keineswegs. Von den grammatischen Wechselbädern erstaunlich unbehelligt, folgt man Viviane Elisabeth Fauville auf ihren wirren und doch logisch erscheinenden Pfaden durch ein sozial exakt kartografiertes Paris. Obwohl selbst von der Polizei mehrfach vorgeladen und bereits einer Falschaussage überführt, stalkt sie die anderen Verdächtigen: die untreue Witwe Gabrielle, die hochschwangere Studentin Angèle, die ein Kind von dem Toten erwartet, den Apothekersohn Tony, mit dem sie sich in eine erotische Handgreiflichkeit verstrickt. So gnadenlos diese Viviane die anderen betrachtet, so frei von jedem Selbstmitleid blickt sie auf sich selbst. In knappen Szenen von bitterböser Komik skizziert Julia Deck eine Frau, die jede Kränkung in einen Angriff ummünzt: etwa bei Vivianes Stippvisite im Büro Biron, wo sich ihre Mutterschaftsurlaubsvertretung Héloise bereits unentbehrlich gemacht hat (um obendrein kurz darauf an der Seite von Julien Hermant durchs Buch zu spazieren). Oder beim versuchten Einigungsgespräch mit Julien, der seiner Frau nicht verzeihen kann, dass sie ihr Erbe – eine Wohnung in Pariser Toplage – nicht in klingende Münze verwandeln wollte.
  Dennoch bleibt die Protagonistin hinter der kühlen, eleganten Sprache schwer fassbar. Ist diese Täterin, die ihrer Tochter Beruhigungsmittel in die Milch mixt und sie dann stundenlang allein in Wohnungen oder Hotelzimmern zurücklässt, die ihre Mutter für tot erklärt, ohne von ihr loszukommen, nicht auch ein Opfer – ihres Exmannes, ihrer Kindheit, einer Gesellschaft, die in Lebenskrisen nur noch Therapien anzubieten hat? Oder ist es genau umgekehrt, und das Opfer hat sich zur aller Moral enthobenen Täterin gemacht?
  Am Ende des von der Schriftstellerin Anne Weber makellos übersetzten Romans steht eine höchst plausible, in ihrem Realismus aber vielleicht eine Spur enttäuschende Auflösung. Sie setzt alle Täter-Opfer-Fragen außer Kraft und erklärt überdies den exzessiven Gebrauch der verschiedenen Pronomen. Wir landen wieder bei der Psychologie. Genauer: in der Psychiatrie. Aber immerhin hat Deck auf exzessive und faszinierende Weile durchgespielt, was wäre, wenn wir einfach nicht mehr wüssten, wer wir und wozu wir in der Lage sind.
        
  
  
Julia Deck: Viviane
Élisabeth Fauville.
Roman. Aus dem Französischen von Anne Weber. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2013. 144 Seiten, 16,99 Euro.
Ein Erzähltalent von bitterböser Komik: Julia Deck.
FOTO: CELIA PERNOT
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Besprechung von 20.11.2013
Was für ein Schlamassel

Der indiskrete Charme der Bourgeoisie: Julia Decks Romandebüt "Viviane Élisabeth Fauville" über eine neurotische Pariserin ist vor allem in seiner Sprunghaftigkeit konsequent.

Die Geschichte der französischen Nachkriegsliteratur ist untrennbar mit einem Verlag verknüpft: den Éditions de Minuit. Dort erschienen die Werke des Nouveau und des Nouveau nouveau Roman: Im Anschluss an die Vorkriegsavantgarden verabschiedeten sie "realistische" Konventionen und modernisierten die französische Prosa. Seitdem hat das Haus einen Ruf - auch den, nicht immer leicht zugänglich zu sein, ob für Autoren oder für Leser. Scheinbar im Gegensatz dazu pflegt Minuit eine kuriose Vorliebe: Romane mit Krimihandlung. Seien es die Spionageromane von Alain Robbe-Grillet, die lakonisch ins Leere laufenden Popgeschichten von Jean Echenoz oder, in jüngster Zeit, die wunderbar bösartigen bretonischen Provinzpossen eines Tanguy Viel - der Bezug auf das populäre Genre ist offenbar ein Komplement zum Anspruch, hochreflektierte Texte zu publizieren.

Einen spät- oder nachavantgardistischen Krimi legt nun die Journalistin Julia Deck, geboren 1974, vor. "Viviane Élisabeth Fauville" ist ein Erstling und erzählt die Geschichte der gleichnamigen Heldin, zweiundvierzig Jahre alt, einer bourgeoisen Pariserin, die von einem Schlamassel in den nächsten gerät. Eigentlich ist die Mutter einer drei Monate alten Tochter in einer beneidenswerten Lage: Nach einem erfolgreichen Studium hat sie einen guten Job als Kommunikationsbeauftragte der Firma Bétons Biron; sie besitzt eine große Wohnung im richtigen Arrondissement, sprich: ist Millionärin. Aber aktuell steckt Viviane nicht nur mitten in einer Scheidung, die einer "zweijährigen Ehehölle" ein Ende setzt, sondern ist auch der festen Überzeugung, Doktor Sergent, ihren Therapeuten, erstochen zu haben: "Sie sind am 15. Oktober ausgezogen, haben eine Kinderfrau gefunden, Ihren Mutterschaftsurlaub aus gesundheitlichen Gründen verlängert, und am 16. November, also gestern, haben Sie Ihren Psychoanalytiker umgebracht. Sie haben ihn nicht symbolisch umgebracht, wie man irgendwann den Vater umbringt. Sie haben ihn mit einem Messer der Marke Henckels Zwilling, Serie Twin Perfection, Modell Santoku, umgebracht." Der Ausschnitt belegt nicht nur, dass Deck einen flotten, trockenen, fast möchte man sagen: schnittigen Stil beherrscht. Es fällt noch eine Besonderheit auf: Der Roman ist meist in der dritten Person Plural erzählt, wie der bekannte Nouveau Roman "Paris-Rom oder Die Modifikation" aus dem Jahr 1957 des Minuit-Autors Michel Butor. Deck jedenfalls wechselt später die Erzählperson, und so reizvoll das ist, es scheint mitunter beliebig.

Konsequent ist die Sprunghaftigkeit in einer Hinsicht: Sie spiegelt die Verwirrung der Heldin. Viviane wird verhört, irrt durch Paris, trifft ihren Exmann Julien und schnüffelt den Protagonisten des Mords nach, vor allem der schicken Witwe des Ermordeten, die nur noch eine Scheinehe führte, und seiner Geliebten, einem schwangeren Provinzmädel; immer im Schlepptau ist der Säugling, der gelegentlich mit Beruhigungsmitteln stillgestellt wird. Anfangs gelingt es Viviane, ein Alibi vorzuflunkern, dann jedoch stoßen die Ermittler auf Unstimmigkeiten. Das Netz zieht sich zu, es kommt zu einer dramatischen Szene: "Sie wissen nicht mehr, was was ist, wo unten und wo oben, ob Sie es sind, hier draußen, ob es eine andere ist oder ein Traum und ob Sie je wieder daraus zurückkehren werden. Sie hören auf zu atmen, Sie fallen nieder." Auf den Zusammenbruch folgen Geständnis und Psychiatrieaufenthalt.

Wäre "Viviane Élisabeth Fauville" ein banaler Krimi, dann hätte es damit sein Bewenden. Tatsächlich kommt nun ans Tageslicht, was Indizien angedeutet hatten: Die Heldin, die bereits vor drei Jahren einen Zusammenbruch hatte, ist nicht zurechnungsfähig und ihrem Bericht nicht zu trauen. Zentral in dieser und in manch anderer Hinsicht ist das Verhältnis zu ihrer Mutter: Angeblich ist sie seit acht Jahren tot, hat Viviane aber vor zwei Jahren ein Hochzeitsgeschenk gemacht - eben das Messerset, aus dem die Tatwaffe stammt; der Leser wird stutzig, und tatsächlich holt die Mutter Viviane am Ende aus der Psychiatrie ab. Verdrängung, im Zusammenhang mit der eigenen Mutterschaft? Auch dann bleiben Ungereimtheiten, weil die Polizei die Version des Todes vor acht Jahren bestätigt.

Bei aller Liebe zum Vexierspiel, Deck treibt es ein bisschen weit, lässt etwas viel im Vagen - das nimmt dem Romanschluss jene Klarheit, die nach der Phrenesie nötig wäre. Der Makel rückt die Qualitäten allerdings erst recht ins Licht: Der Roman ist fast durchweg mitreißend erzählt, Deck schafft eine packende und zugleich poetische Atmosphäre. "Viviane Élisabeth Fauville" ist ein faszinierender Erstling, dessen Mängel einem lieber sind als die Perfektion vieler anderer Texte.

NIKLAS BENDER

Julia Deck: "Viviane Élisabeth Fauville". Roman.

Aus dem Französischen von Anne Weber. Wagenbach Verlag, Berlin 2013. 144 S., geb., 16,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Ein teuflischer Debütroman, sparsam und witzig." Le Temps "Das Vergnügen, das man bei der Lektüre dieses Debüts empfindet, lässt darauf schließen, dass sich Julia Deck beim Schreiben ganz prächtig amüsiert hat." La Quinzaine littéraire