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Georges-Arthur Goldschmidt über die Sehnsucht nach Bestrafung und die Scham, überlebt zu haben
Für den zehnjährigen Georges-Arthur ist es der Albtraum, entdeckt und deportiert zu werden. Der Albtraum endet aber nicht. Denn der Junge schämt sich, überlebt zu haben, deshalb sehnt er sich nach Strafe. Die bekommt er im Internat, das ihn nach der Flucht aus Nazideutschland aufgenommen hat. Aber auch die Scham endet nicht, denn er empfindet Wollust bei der körperlichen Züchtigung. Das ist das unlösbare Dilemma des Georges-Arthur Goldschmidt, und das ist die nicht versiegende Quelle für sein literarisches Schaffen.…mehr

Produktbeschreibung
Georges-Arthur Goldschmidt über die Sehnsucht nach Bestrafung und die Scham, überlebt zu haben

Für den zehnjährigen Georges-Arthur ist es der Albtraum, entdeckt und deportiert zu werden. Der Albtraum endet aber nicht. Denn der Junge schämt sich, überlebt zu haben, deshalb sehnt er sich nach Strafe. Die bekommt er im Internat, das ihn nach der Flucht aus Nazideutschland aufgenommen hat. Aber auch die Scham endet nicht, denn er empfindet Wollust bei der körperlichen Züchtigung. Das ist das unlösbare Dilemma des Georges-Arthur Goldschmidt, und das ist die nicht versiegende Quelle für sein literarisches Schaffen.
  • Produktdetails
  • Verlag: S. Fischer
  • Seitenzahl: 156
  • Erscheinungstermin: 21. August 2014
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 131mm x 20mm
  • Gewicht: 270g
  • ISBN-13: 9783100022097
  • ISBN-10: 3100022092
  • Artikelnr.: 40840830
Autorenporträt
Goldschmidt, Georges-Arthur
Georges-Arthur Goldschmidt, 1928 in Reinbek bei Hamburg geboren, musste als Zehnjähriger in die Emigration nach Frankreich gehen. Er lebt heute in Paris. Für sein umfangreiches Werk wurde er u.a. mit dem Bremer Literatur-Preis, dem Nelly-Sachs-Preis und dem Joseph-Breitbach-Preis ausgezeichnet. Im November 2013 erhielt er den Prix de L'Académie de Berlin. Zuletzt erschienen seine Erzählungen 'Der Ausweg' und 'Die Hügel von Belleville'.
Rezensionen
Besprechung von 30.12.2014
Der Schwarzfahrer hat niemanden, der ihm zuhört
Überleben in Literatur: Georges-Arthur Goldschmidts Schlüsselerzählung "Der Ausweg" überträgt er selbst ins Deutsche und lässt seinen Befrager ins Leere laufen

Man befürchtet das Schlimmste. Interviews sind eine spannende Sache, aber für Bücher eine schwierige Gattung. Das muss auch Hans-Jürgen Heinrichs geahnt haben. Er schickt seinem Gespräch mit Georges-Arthur Goldschmidt eine Einleitung voraus, die mit vielen Unterkapiteln "Die Dimension des Projekts" - einer der Titel, Punkt vier - und noch mehr Fußnoten Fragen wie "Warum Dialogisieren?" beantwortet. Seine Leistung hält er indes bereits im ersten Satz fest: "Dieses Buch erzählt von dem Abenteuer eines verstehenden Austauschs über Ideen, Erkenntnisse und Gefühle." Schön wär's, von Verstehen und Austausch keine Spur.

Es wird alles noch grotesker. Nach einer weiteren Vorbemerkung beginnt das Gespräch auf Seite 35. Das erste Steckenpferd, auf dem Hans-Jürgen Heinrichs herumreitet, ist "die Freude am Leben und das Wunder des Existierens", in der Tat ein zentrales Thema für Goldschmidt. Schließlich war er dafür bestimmt, zu Lampenschirmen und Seife verarbeitet zu werden. "H-J H" kommt dann aber lieber auf Israel und seine Siedlungspolitik zu sprechen, "das jüdische Denken war doch einmal Statthalter der Moral als solcher".

"G-A G" fühlt sich weder besonders verantwortlich noch überhaupt zuständig, aber "diese Frage à la Günter Grass beantworte ich gerne". Es ist die einzige, von der er das sagt: "Warum stellen Sie die Frage mir, wo ich doch immer wieder betone, dass ich Jude nur im Sinne Hitlers und der Nürnberger Gesetze bin? Sonderbar, dass gerade solche Fragen immer wieder an vermeintliche Verantwortliche gestellt werden von Nachkommen der wahren Verantwortlichen. Alle diese Fragen haben denselben Zweck: Das Geschehen ungeschehen zu machen, in der Hoffnung, man könne nun endlich Israel Hitlerdeutschland gleichstellen, so hätte man da endlich ein schönes eins zu eins.

Nach Israel geht es um die Teilnahme an der "Pariser jüdischen Kultur", von der Goldschmidt "nichts weiß und die mich nicht mehr als andere Kulturen angeht: "Sie wollen mich immer wieder zum Juden machen, was ich noch mal gesagt, nur in Hitlers Augen bin."

Mit der gleichen gnadenlosen Penetranz will Heinrichs dem doppelsprachigen Schriftsteller das Geheimnis seiner Eigenübersetzungen, die großartige Zweit- und Nachdichtungen sind, entlocken - vielmehr: Er will es ihm und uns erklären.

Goldschmidt - in Hochform - lässt ihn ins Leere laufen: Abweichungen rechtfertigt er mit seiner Faulheit, er sei schlicht zu bequem gewesen, um im Nebenzimmer das Nachschlagewerk zu holen. Seine kreative Freiheit gerät bei jeder Frage mit Heinrichs' zwanghafter Systematik in Konflikt: "Auch hatte ich nicht immer die französische Fassung dabei, das fand ich albern und habe einfach aufs Geratewohl ins Blaue übersetzt." Er ist viel zu höflich, um dem Schrecken ein Ende zu bereiten. Aber er weiß sich zu helfen. Manchmal hat er das Gefühl, einem "Verhör" zu unterliegen. Der Vorwurf wiederum bringt Heinrichs auf die Palme, "aggressiv" nennt er das Verhalten des Schriftstellers, der in seiner Literatur doch längst schon alles gestanden hat. Für den Titel wurde wieder einmal auf Goldschmidts existentielle Fremdbestimmung als "Schwarzfahrer des Schicksals" zurückgegriffen.

"Aus dem Französischen vom Verfasser" ist Goldschmidts gerade erschienene autobiographische Erzählung "Der Ausweg" ins Deutsche übertragen worden. Es geht aufs Neue um die Zeit des Kriegs und die Jahre danach. Um die Scham des Überlebenden, dem seine gerechten Retter die Schuld und die Dankbarkeit in Kopf und Körper geprügelt haben und deren Verbalisierung ihm Heinrichs wie ein Schuldgeständnis abringen will. Goldschmidts Ausweg im Leben war die Literatur, und dieser Text ist ein Schlüssel zu seinem Verständnis. Mit ganz besonderer Beklommenheit folgt man den Bahnfahrten des Jungen im Nachkriegsfrankreich. Der Bahnhof von Sallanches ist wie vor siebzig Jahren. In dieser Erzählung steckt auch die konkrete Urszene vom Schwarzfahrer ohne Geld und Fahrkarte, der dem Schaffner erzählt, Mutter und Vater seien im Konzentrationslager gestorben. "Der Kontrolleur, interessiert, setzte sich neben ihn. Er wollte die Geschichte hören" - stieg aber an der nächsten Station wieder aus und ließ dem Jungen keine Zeit, "sich mit seiner Lüge zu arrangieren": Die Mutter war im Bett, der Vater zwei Jahre nach der Deportation in Theresienstadt, wo er als Seelsorger wirkte, gestorben. "Er selber hatte einen Luxuskrieg erlebt: wohlgeborgen, untergebracht, ernährt, ausgepeitscht und spazierend, was wollte er denn mehr? Er fuhr schwarz und nutzte skrupellos den Tod anderer aus."

Seine Familiengeschichte beleuchtet Jan Bürger im Begleittext zu Goldschmidts Hamburger Poetikvorlesungen aus dem Jahr 1995: "Die Schreibspanne". Die handschriftlichen Aufzeichnungen wurden 2012 beim Zusammenstellen der Dokumente, die der Schriftsteller dem Literaturarchiv Marbach überlassen will, gefunden. Sie sind eine herrliche Trouvaille: "Literatur ist ein Weg zur Selbstentdeckung, den schon viele andere - wie Jean-Jacques Rousseau oder Franz Kafka - gegangen sind."

Im Jahr 1981 besuchte Georges-Arthur Goldschmidt den Philosophen Vladimir Jankélévitch. Der große Denker hatte den Krieg im Widerstand überlebt und griff in einem Interview, das erst nach seinem Tod erscheinen sollte, die Intellektuellen an, die sich während der Besatzung arrangiert und in den Wohnungen der Deportierten eingenistet hatten. Nach dem Krieg beanspruchten Philosophen wie Merleau-Ponty oder Sartre, die keine Helden gewesen waren, die Meinungsführerschaft. Die wahren Widerstandskämpfer aber wurden vergessen - und auch Jankélévitch in seiner Bedeutung lange unterschätzt. Er hatte sich nach 1945 jedem Dialog mit der deutschen Kultur verweigert. Dass diese Haltung auf eine Beleidigung seines Besuchers hinauslief, der in Gesellschaft seiner entfernten Kusine Clara Malraux - geborene Goldschmidt - gekommen war und sich nie von der Literatur seiner Herkunft abgewandt hatte, versuchte dieser dem Gastgeber klarzumachen. Noch allerdings schrieb Goldschmidt seine Bücher ausschließlich auf Französisch, erst 1991 veröffentlicht er "Die Absonderung", seinen ersten Text in der deutschen Muttersprache, den Peter Handke - dessen französischer Übersetzer Goldschmidt ist - als "Traumbuch" charakterisierte. Von Jan Bürger erfährt man in der "Schreibspanne", dass die ersten deutschsprachigen Versuche auf die siebziger Jahre zurückgehen.

Auf Goldschmidts Vorwürfe reagierte Vladimir Jankélévitch "verwirrt und genierte sich". Monate später bekam er den Brief eines jungen Deutschen, dem er den Dialog nicht verweigerte. Wiard Raveling, frankophiler Lehrer und Journalist, hatte Jankélévitch im französischen Rundfunk gehört. Dem Brief folgte eine rege Beziehung, über die Raveling jetzt ein Buch geschrieben hat: "Ist Versöhnung möglich?" Die Ausgabe enthält die deutsche und französische Version - Goldschmidt steuerte das Vorwort bei, in dem er seinen Besuch beschreibt.

Im Schlagabtausch mit Heinrichs hat er das letzte Wort. In seinen Schlussbemerkungen erwähnt er unvermittelt über hundert E-Mails, die er von Isabel Kupski "zur Ermunterung" erhalten habe. Sie sind noch einmal ein Hinweis auf das Klima, in dem das unmögliche Gespräch stattgefunden hat. Als "hochkultivierten, eminenten Ethnologen und Schriftsteller, dem keine Kombination des Denkens und des Erdenkens fremd ist", lobpreist Goldschmidt den Mann, der ihn verhörte und dessen Wissen er seine eigene "krasse Ignoranz" und "nicht einmal lückenhafte Bildung" unterwirft. Er weiß hingegen, warum Hans-Jürgen Heinrichs' hochtrabendes "Abenteuer eines verständigenden Austauschs", dem er sich verweigerte, scheiterte: "Weil der eine am anderen vorbeifragte und der andere dann absichtlich so tat, als verstünde er die Fragen nicht."

Georges-Arthur Goldschmidt weiß sich zu helfen. Im Widerstand gegen seinen deutschen Befrager setzt er zu einem Höhenflug an, auf dem er herrliche Formulierungen über die beiden so unterschiedlichen Sprachen und Kulturen führt. Aus ihnen könnte man eine Sammlung wertvollster Aphorismen exzerpieren. Aber auch weil es über einen hohen Unterhaltungswert verfügt, wird das Protokoll seines Verhörs zweifellos zum Kultbuch der deutsch-französischen Beziehungen in der Ära von Merkel und Hollande avancieren. Der 86 Jahre alte Dichter bricht derweil zu neuen Horizonten auf. Erstmals hat er begonnen, eines seiner auf Deutsch geschriebenen Bücher ins Französische zu übertragen.

JÜRG ALTWEGG

Georges-Arthur Goldschmidt: "Der Ausweg". Eine Erzählung.

Aus dem Französischen vom Verfasser. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014. 160 S., geb., 16,99 [Euro].

Georges-Arthur Goldschmidt: "Die Schreibspanne". Hamburger Poetikvorlesungen. Mit einem Nachwort von Jan Bürger. Deutsche Schillergesellschaft, Marbach 2013. 92 S., br., 14 ,- [Euro].

Wiard Raveling: Ist Versöhnung möglich?" Meine Begegnung mit Vladimir Jankélévitch. Mit einem Vorwort von Georges-Arthur Goldschmidt.

Deutsch und Französisch. Isensee Verlag, Oldenburg 2014. 174 S., br., 19,90 [Euro].

Georges-Arthur Goldschmidt im Dialog mit Hans-Jürgen Heinrichs: "Schwarzfahrer des Lebens".

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013. 210 S., geb., 19,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Außerordentlich findet Beatrice von Matt Georges-Arthur Goldschmidts Buch, dringlich, ehrlich, poetisch stark. Dass der Autor in diesem Text einmal mehr sein Thema der Identitätsspaltung umkreist, der eigenen Sprache als Ausdruck des Innersten einer Person, kann ihm die Rezensentin nicht übelnehmen. Zu kunstvoll erscheint ihr Goldschmidts Sprache, zu schlagend die Bezüge zu Kafka, E. T. A. Hoffmann, Karl Philipp Moritz und bezüglich des Inhalts hier vor allem Handkes "Kasper", schreibt von Matt. Den Text liest sie als nervöses Prosagedicht, musikalisch, motivisch strukturiert, wie er daherkommt.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 14.01.2015
Rutenschläge gegen eine zerfließende Seele
Georges-Arthur Goldschmidts „Der Ausweg“ erzählt abermals, wie der Autor als Junge die Nazizeit überlebte
Oft hat Georges-Arthur Goldschmidt seine Geschichte erzählt, aber noch nie in einer solchen, fast stürmischen Dichte. Die Erzählung „Der Ausweg“, auf Französisch bereits 2005 erschienen und nun vom Autor ins Deutsche gebracht, sei „aus vielen Bildern entstanden“, heißt es treffend im Vorwort. Auch das hat Goldschmidt in seinen Büchern schon erzählt: wie er seine unverstandene Erregung schockartig wiederfand, als er Karl Philipp Moritz’ „Anton Reiser“ las oder Rousseaus „Bekenntnisse“. Er, der deutsche jüdische Junge, der in einem Internat der französischen Alpen die Nazizeit überlebte und sich an den Schlägen der Heimleiterin ergötzt – um einen viel schlimmeren Schmerz zu ertragen, das Heimweh.
  Dies ist, im Kern, die Geschichte des Georges-Arthur Goldschmidt, geboren 1928 in Reinbek bei Hamburg, wo sein Vater als preußisch-gewissenhafter Jurist im höheren Dienst arbeitet, bis die Nationalsozialisten beschließen, alle Juden, ob getauft (wie die Goldschmidts) oder nicht, gehörten verjagt und vernichtet. Um die beiden Söhne zu retten, entscheiden sich die Eltern, den zehnjährigen Jürgen, wie der Autor damals hieß, und seinen Bruder in den Zug zu setzen Richtung Florenz. Dort werden sie ein Jahr lang bleiben, bis sie in jenes Internat in der Haute-Savoie kommen. Die Eltern sollten ihre Jungen nie wiedersehen.
  In der schmalen Erzählung „Der Ausweg“ wird diese dramatische Geschichte nur angedeutet. Um sich in das Goldschmidt-Universum einzulesen, ist das Büchlein eher ungeeignet (hierfür sei die Autobiografie „Über die Flüsse“ empfohlen). Für treue Leser seines in zwei Sprachen verfassten Werks allerdings zeigen sich neue Facetten und, vor allem, ein faszinierender Impressionismus, der die „Bilder“, Sprachbilder, Erinnerungsbilder, Landschaftsbilder, in rasendem Tempo vorantreibt und collagiert.
  Vielleicht ist eine gewisse Altersgelassenheit im Spiel, wenn der Autor immer wieder anderen das Wort erteilt; er zitiert recht häufig in diesem Buch, um zu sagen: was er als aufgewühlter, in seiner Einsamkeit verwahrloster Jüngling las, traf ihn wie ein Schlag, weil es exakt seine Situation beschrieb. So merkte er, das ist der Punkt, dass seine verwirrenden, zwischen Scham und Schuld schwankenden Gefühle kein Einzelfall waren, „dass andere Ähnliches wie er empfanden“. Nicht dass seine Einsamkeit damit bereits überwunden war, aber doch erwies sich hier der „Ausweg“ aus ihr. Die kleine Literaturliste am Ende des Buchs enthält übrigens einige Überraschungen, etwa den Namen der Madame de Sévigné, in deren Briefen Goldschmidt die prägnante Beschreibung einer Flucht fand.
  Auf der Flucht war auch jene Köchin des Internats, die für ein paar Hundert Francs Georges-Arthur und seinen Bruder denunziert hatte; nach der Befreiung von den Deutschen, im August 1944, findet man ihren Brief. Sie wird festgesetzt, in Handschellen an einen Heizkörper gefesselt. Es gelingt ihr, sich zu befreien, auf rabiate Weise: Den Heizkörper reißt sie aus der Wand und schleift ihn kilometerweit hinter sich her. Ein Leichtes für die Polizei, sie aufzuspüren. „Die Gendarmen hatten sie von weitem gesehen und dann aus nächster Nähe niedergeschossen; gesprächig, verwirrt, erzählt einer der Gendarmen sogar, sie sei nach hinten auf den Heizkörper gefallen, auf der Wiese, die bis nach Praz herunterreichte. Und er“, beendet Goldschmidt die Anekdote, „er übergab sich ganz der Freude des Sehens und Hörens, und dennoch durchschnitt dieser Tod seinen Leib.“
  Aus seiner Erfahrung zieht Goldschmidt Schlüsse: „Wie leicht ist es doch, die Seele eines Kindes zu töten.“ „Die Traurigkeit bohrt sich für immer in das Wesen des Kindes ein.“ Es sind Sätze wie diese, die ihrerseits das Netz der Bilder durchschneiden. Der Junge, der am Kriegsende siebzehn Jahre alt ist und immer noch die Rutenschläge der Heimleiterin als paradoxe Stütze seiner zerfließenden Seele entgegennimmt – bis zum Abitur wird das gehen –, ihn haben die französische Sprache, die verschlungenen Bücher, seine sehnsüchtigen Phantasien über die ferne Hauptstadt längst verwandelt. Ein Franzose ist er geworden, der alle Departements auswendig kennt, obwohl er nur das savoyische Dorf kennt, in dem das Internat steht.
  Der Weg in das normale Leben eines Ehemanns, Familienvaters und Pariser Beamten liegt noch weit in der Zukunft, als er „nach elf Jahren Abwesenheit“ das erste Mal wieder nach Deutschland fährt; in das „weinerliche Nachkriegsdeutschland“. Wie gnadenlos er hinschaut: „Das Geburtshaus war zu gelb und schien die große Veranda vor sich her zu schieben, alles war unberührt geblieben. Vielleicht hatte es den Krieg gar nicht gegeben, und doch, in Hamburg hinter den zusammengeschrumpften, innen glasierten Backsteinmauern der völlig von der Hitze verödeten Gebäude waren die Stahlträger und Kupferrohre zerschmolzen und die Wände entlanggeflossen und hatten breiartige Haufen gebildet, die Unwetter schon mit Rost oder Grünspan überzogen hatten.“
  Breiartige Haufen, überzogen von Rost und Grünspan: Das muss man sehen können! Ein phantastisches böses Bild, von nüchternem Groll. Georges-Arthur Goldschmidt schreibt mit den Augen.
INA HARTWIG
Die französische Sprache
hat die Sehnsucht befeuert
und den Erzähler verwandelt
        
                
Georges-Arthur Goldschmidt: Der Ausweg.
Eine Erzählung. Aus dem Französischen vom Verfasser. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014. 160 Seiten, 16,99 Euro. E-Book
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Wer sich der Eindringlichkeit und der ungeschützten […] Bekennerschaft dieses Schriftstellers zu öffnen bereit ist, liest ganze Stränge dieses einzigartigen Stoffes atemlos auch zum wiederholten Mal.