Texte zur Philosophie der deutschen Aufklärung. Tolstoj, Lev Nikolaevic: Gedanken Immanuel Kants - Tolstoi, Leo N.
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Zu den am wenigsten erforschten Kapiteln der Wirkungsgeschichte Kants gehört die Kant-Rezeption in Russland. Eines der bemerkenswertesten Phänomene dieser Rezeption ist die Kant-Sammlung von Lev Tolstoj (18281910), die nach dessen intensiver Lektüre der 'Kritik der praktischen Vernunft' und der 'Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft' entstanden ist. Sie hat die russische Kant-Forschung nachhaltig beeinflusst, aber weit über Russland hinaus ist diese Textsammlung der Gedanken Kants zu verschiedenen Themen, in erster Linie zur Moral- und Religionsphilosophie, von herausragendem…mehr

Produktbeschreibung
Zu den am wenigsten erforschten Kapiteln der Wirkungsgeschichte Kants gehört die Kant-Rezeption in Russland. Eines der bemerkenswertesten Phänomene dieser Rezeption ist die Kant-Sammlung von Lev Tolstoj (18281910), die nach dessen intensiver Lektüre der 'Kritik der praktischen Vernunft' und der 'Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft' entstanden ist. Sie hat die russische Kant-Forschung nachhaltig beeinflusst, aber weit über Russland hinaus ist diese Textsammlung der Gedanken Kants zu verschiedenen Themen, in erster Linie zur Moral- und Religionsphilosophie, von herausragendem Interesse. Sie macht zugleich die enge Verflechtung zwischen der deutschen und der russischen Kultur sichtbar.
  • Produktdetails
  • Forschungen und Materialien zur deutschen Aufklärung (FMDA), Abteilung I: Texte zur Philosophie der Bd.
  • Verlag: Frommann-Holzboog Verlag E.K.
  • Seitenzahl: 106
  • Erscheinungstermin: Juli 2016
  • Deutsch
  • Abmessung: 247mm x 171mm x 17mm
  • Gewicht: 504g
  • ISBN-13: 9783772827747
  • ISBN-10: 3772827748
  • Artikelnr.: 44906751
Autorenporträt
ISBN FMDA: 978-3-7728-0926-2
ISBN Abteilung I: Texte zur Philosophie der deutschen Aufklärung: 978-3-7728-0927-9
Inhaltsangabe
Inhalt:
Einleitung

Kapitel I. Tolstojs Kantlektüre
Tolstojs Rezeption der 'Kritik der reinen Vernunft'
Tolstojs Rezeption der 'Kritik der praktischen Vernunft'
Tolstojs Rezeption der 'Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft'

Kapitel II. Kant in den Romanen Tolstojs
'Krieg und Frieden'
Die späteren Romane

Kapitel III. Tolstoj und die Verbreitung der Philosophie Kants in Rußland
Spätere Publizistik und andere Schriften
Die 'Gedanken Immanuel Kants' und die Lesebücher

Kapitel IV. Zeitgenössische Rezeption und gegenwärtige Studien über Tolstoj und Kant
Die zeitgenössische Rezeption
Gegenwärtige Studien

Zu dieser Ausgabe

Bibliographie:
Tolstojs Schriften
Erinnerungen mit Gesprächsüberlieferungen über Kant
Bibliothekarische Beschreibung der Hausbibliothek Tolstojs
Archivalien
Auswahl der jüngsten Literatur zum Thema "Tolstoj und Kant"

Gedanken Immanuel Kants
Von Tolstoj für die Übersetzung ausgewählte Abschnitte der Kant-Aussprüche, die jedoch nicht in die endgültige Fassung der russischen Übersetzung aufgenommen worden sind
Kant-Zitate aus anderen Schriften Tolstojs, die in den Gedanken Immanuel Kants fehlen
Rezensionen
Besprechung von 23.11.2016
Harmonisch denken

In der Familie des alten Leo Tolstoi wurde ein Spiel gespielt: Jeder notierte auf einem Blatt Papier die zwölf größten Menschen, die je gelebt haben, mit Ausnahme von Jesus Christus. Die Liste von Tolstoi verzeichnete außer Buddha, Laotse, Sokrates und dem heiligen Franziskus auch Immanuel Kant. Der Schriftsteller bewunderte Kant freilich weniger als Erkenntnistheoretiker denn als Menschenkenner und christlichen Morallehrer, was mit dazu beigetragen hat, dass die russisch orthodoxe Kirche ihn 1901 exkommunizierte. Tolstoi bedauerte allerdings, dass sein Lieblingsdenker, wie er fand, sich "verworren ausdrückte" - seiner Überzeugung nach war das normalerweise ein Indiz für Inhaltsleere, allerdings nicht bei Kant.

Um die Weisheit des Königsberger Philosophen in Russland zugänglicher zu machen, gab Tolstoi daher 1906 einen Sammelband mit von ihm "Ausgewählten Gedanken Kants" heraus, der jetzt, von dem russischen Philosophiehistoriker Alexei Krouglov zurückübertragen und ausführlich kommentiert, in einer kritischen Ausgabe auf Deutsch vorliegt (Lev Nikolaevic Tolstoj: Gedanken Immanuel Kants, Stuttgart 2016).

Die Kant-Ausgaben in Tolstois Bibliothek auf seinem Gut Jasnaja Poljana verraten eine eigenwillige Lektüre. Wie Tolstois Unterstreichungen, Anmerkungen beziehungsweise deren Abwesenheit zeigen, interessierten ihn in der "Kritik der reinen Vernunft" die transzendentale Ästhetik, Analytik, Dialektik oder die Wissenschaftstheorie eher wenig. Stark beeindruckten ihn hingegen Kants Bemerkungen über die Unlauterkeit der menschlichen Natur, über die Grenzen menschlicher Vernunft sowie über die Verbindung von Glückseligkeit und Moral. Dem Passus, wo der Philosoph schreibt, bei einem Mangel an guter Gesinnung fürchte der Mensch das Dasein Gottes, weil es unmöglich sei, dieses zu widerlegen, gab der Schriftsteller die höchste Note des russischen Schulsystems, "5+". Der greise Tolstoi, der gegen den Positivismus seiner Zeit polemisierte, sagte gern, Kant habe bewiesen, dass Raum und Zeit nur Formen unseres Denkens seien; daher könne man nicht an die Gesetze der Materie als Grundlage des Lebens glauben.

Für die Krone von Kants Lebenswerk hielt der Moralist, der der Schriftsteller in späten Jahren war, die "Kritik der praktischen Vernunft". Sie war, so fand er, der Tempel, den der Denker auf dem durch die "Kritik der reinen Vernunft" gereinigten Baugrund errichtet hatte. Umso mehr bekümmerte es ihn, dass die meisten Gelehrten vor allem dieses Werk bewunderten, jenes hingegen, worin das Wesen von Kants sittlicher Lehre enthalten sei, zumeist geringschätzten.

Tolstois an Kant geschulte Lehre von einer dem Menschen immanenten, von kirchlichen Dogmen und Sakramenten unabhängigen Religiosität sowie sein Pazifismus waren der Grund, warum die orthodoxe Kirche ihn als ihren schlimmsten inneren Feind ansah. Tolstois soziales Engagement, seine Ablehnung von Gewalt seien deswegen so gefährlich, weil der einflussreiche Autor sich dabei auf Jesus Christus und das Evangelium berufe, warnte der charismatische Charkower Erzbischof Amwrosi (Alexej Kljutscharow), der die Exkommunikation des "von seinem stolzen Verstand verführten" Tolstoi initiierte. Amwrosi fand es schlimm, dass im Charkower Gouvernement ein adliger Tolstoi-Anhänger seinen Bauern Land übereignet hatte. Und dass Tolstoi aus der Bergpredigt ein Verbot gewaltsamen Widerstands gegen das Böse ableitete, bezeichnet der Gottesmann als "satanische List".

Der orthodoxe Denker Pawel Florenski nannte Kant einen "Pfeiler des Hasses wider Gott". Die menschliche Vernunft komme erst zu sich selbst, wenn sie sich der göttlichen Gnade öffne, die sie befähige, die göttliche Wahrheit zu erkennen, verkündet Florenski 1914 in seiner Verteidigungsschrift zur Erlangung der Magisterwürde vor der Geistlichen Akademie; dadurch müsse die Vernunft jedoch auch über sich selbst hinauswachsen. Kant hingegen versuche, die Funktionen der Vernunft methodisch zu organisieren, argumentiert Florenski, der nach der Revolution einer der führenden Erneuerer orthodoxer Intellektualität und 1937 erschossen wurde. Der Philosoph habe sich der mechanistischen Naturerkenntnis verschrieben und an den babylonischen Turm der modernen Wissenschaft geglaubt.

Tolstoi war da entschieden anderer Ansicht. Er fand, Kant formuliere in philosophischer Sprache christliche Wahrheiten. Zugleich legte er Wert darauf, die Philosophie ahme die wissenschaftliche Methodik und Logik zwar nach, diese seien ihr aber eigentlich unangemessen. Philosophie war in seinen Augen ein Wissen um den Sinn des Lebens und Sterbens, das die logisch nicht erklärbaren Grundlagen menschlicher Erkenntnis zu einem harmonischen Ganzen verbindet.

Gleichwohl hielt Tolstoi nichts von philosophischen Systemen. Deren Attraktivität erklärt er damit, dass die Menge, die die Wahrheit sowieso nicht verstehe, globale Erklärungsmodelle liebe. Tolstois Liebe zu Kant schlug sich umgekehrt darin nieder, dass er dessen Gedanken aus dem fachterminologischen Kalk des Gesamtgebäudes herausbrach, damit sie lebendiger leuchteten.

KERSTIN HOLM

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