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Am Ende bringen wir unsere Mütter um, weil wir nicht mehr lügen wollen, so beginnt Margit Schreiners Heißt lieben, ein fulminantes Stück Literatur, wie wir lange keines hatten: große Prosa, gnadenlos, beeindruckend, stilistisch brillant, mitreißend. Margit Schreiner erzählt vom Tod der Mutter, einer imaginierten Liebe, einer Hochzeit in Italien und von der Geburt der Tochter. Autorenporträt: Margit Schreiner: Geboren 1953 in Linz/Österreich, lebt dort. Ihre Bücher bei Schöffling & Co.: Mein erster Neger (2002), Haus, Frauen, Sex. Roman (2001). Margit Schreiner wurde unter anderem mit dem Theodor-Körner-Preis ausgezeichnet.…mehr

Produktbeschreibung
Am Ende bringen wir unsere Mütter um, weil wir nicht mehr lügen wollen, so beginnt Margit Schreiners Heißt lieben, ein fulminantes Stück Literatur, wie wir lange keines hatten: große Prosa, gnadenlos, beeindruckend, stilistisch brillant, mitreißend. Margit Schreiner erzählt vom Tod der Mutter, einer imaginierten Liebe, einer Hochzeit in Italien und von der Geburt der Tochter. Autorenporträt: Margit Schreiner: Geboren 1953 in Linz/Österreich, lebt dort. Ihre Bücher bei Schöffling & Co.: Mein erster Neger (2002), Haus, Frauen, Sex. Roman (2001). Margit Schreiner wurde unter anderem mit dem Theodor-Körner-Preis ausgezeichnet.
  • Produktdetails
  • Verlag: Schoeffling + Co. / Schöffling
  • Best.Nr. des Verlages: 273
  • Seitenzahl: 152
  • 2003
  • Deutsch
  • Abmessung: 216mm x 134mm x 24mm
  • Gewicht: 290g
  • ISBN-13: 9783895612732
  • ISBN-10: 3895612731
  • Best.Nr.: 11928590
Rezensionen
Besprechung von 11.10.2003
Nach der Lüge der Tod
Illusionslos: Margit Schreiners Epitaph für ihre Mutter

Daß keine Mutter ihr Kind wirklich kenne, darin wird man der Ich-Erzählerin vielleicht zustimmen. Margit Schreiner führt das aber auch in einer sehr konkreten Bedeutung vor: Als die Tochter ihre Eltern überraschend in der Sommerfrische besucht und der Mutter im Supermarkt gegenübertritt, erkennt diese sie nicht. Erst mit der Anrede "Mama" ist der Bann gebrochen, und die Mutter kann es zunächst nicht fassen, würde sie doch ihr eigenes Kind "unter Zehntausenden" erkennen. Sehr bald aber hat sie den Vorfall aus ihrer Erinnerung gelöscht. "Wahrnehmungsstörung" nennt die Erzählerin das, und es ist typisch für Schreiners Prosa, daß überaus komische Szenen wie die der Begegnung im Supermarkt sich nahtlos in einen Abschnitt einfügen, der mit "Tod" überschrieben ist. In ihrem Beitrag "Frauen verstehen keinen Spaß" im gleichnamigen Band der Reihe "Profile" hat Schreiner sich jüngst programmatisch zu Radikalität und Galgenhumor bekannt und von jeder "Frauenliteratur" distanziert.

"Tod", "Hochzeit", "Und eine Geburt!" - diese Reihenfolge kehrt den natürlichen Lauf der Dinge um. Das neue Buch "Heißt lieben" ist ein Epitaph für die Mutter, ein Grabstein, der unter Gepolter und lauten Flüchen errichtet wird und dessen Anblick den Betrachter um so mehr ergreift. Der fragmentarische Titel deutet eine Frage an und läßt einen Doppelsinn mitklingen: Jemanden etwas tun heißen heißt ihm etwas anschaffen. Die erste Liebe, so lautet eine These dieses Buches, ist nun einmal die der Mutter, sie prägt und kehrt in den Beziehungen der Töchter und Söhne wieder, deren Partner zur Wiederholung des Grundmusters verpflichtet werden.

Eine Geschichte wie diese muß mit Weihnachten beginnen: Alle Jahre wieder sträubt sich die Tochter dagegen, die Mutter mit ihrer kleinen Tochter zum Fest in der Geburtsstadt zu besuchen. Diesmal will sie keine Ausreden mehr erfinden, mit der Wahrheit - sie hat Bronchitis - kommt sie nicht durch: "Am Ende bringen wir unsere Mütter um, weil wir nicht mehr lügen wollen. Unsere Bedenken, wir könnten sie zu Weihnachten anstecken, so daß sie dann geschwächt sind und womöglich hinfallen und dann später infolge des Sturzes ins Pflegeheim müssen und dort an einem Organzusammenbruch sterben werden, tun sie lachend ab." Damit ist das Geschehen vorweggenommen, die Spannung dennoch aufgebaut. Auch im Bewußtsein des tödlichen Ausgangs beschreibt Schreiner das Horrorszenario zwischen Christbaum, Notarzt und Malakofftorte als beinharten Kampf: "Ich stelle einen Eimer Wasser neben den Fernsehstuhl. Aber die Mutter wendet den Kopf auf die andere Seite, als sie erbricht."

Aus dem rhythmischen Wechsel zwischen der Wir- und der Ichform, zwischen Sentenzen und persönlichem Erleben gewinnt die Tirade der Tochter ihre Energie. Der Text bildet den Abschluß einer Trilogie vom Abschied und von der Liebe. Margit Schreiners eigene Lebensstationen - Linz, Berlin, Süditalien - scheinen, kaum verhüllt, durch. Schon in der Erzählung "Nackte Väter", die die Alzheimer-Erkrankung und den Tod des Vaters mit unsentimentalem Pathos aufrollt, war die Rolle der Mutter eine höchst zwiespältige. Mit "Haus Frauen Sex" hat Schreiner das familiäre Umfeld verlassen und sich im Genre der Suada geübt: Der verlassene Mann, der da auf seine Ex-Frau schimpft, wird keineswegs als Ungeheuer denunziert. Auch in "Heißt lieben" gibt es keine Schwarzweißmalerei: Diese Tochter macht sich zugleich selbst den Prozeß, sie hadert damit, vor ihren alten Eltern förmlich geflüchtet zu sein. Die Versöhnung mit der Mutter wird erst möglich, als diese sie braucht. Daß beide nun im Pflegeheim gemeinsam Mahlers "Kindertotenlieder" hören, ist nur auf den ersten Blick paradox: "Erst wenn die Eltern tot sind, beginnen die Kinder zu sterben."

Wieder einmal erweist Margit Schreiner sich als Meisterin des Understatements, die im alltäglichen Schrecken die Kernfragen der Existenz aufspürt. Der zweite Teil ihres Memento mori kann mit dem ersten allerdings nicht ganz mithalten: Zu demonstrativ wird die emotionale Ersatzfunktion des Mannes beschworen, mit dem die Erzählerin die große Liebe in Italien zelebrieren will. Ihre erste gemeinsame Nacht ist ausgerechnet die, in der die Mutter stirbt. Schreiner läßt hier nicht nur allerlei Körpersäfte fließen, sie streut auch Gedichte ein, und die sind ihre Stärke nicht. Eine Bauernhochzeit in den Lepiner Bergen vermittelt der Liebeshungrigen das Ungeheure, das Übermenschliche des Versprechens einer Liebe bis zum Tod. Unausgesprochen wird klar: Der Geliebte hat dem Druck der auf ihn gehäuften Hoffnungen nicht standgehalten.

Am Ende steht die Beschreibung einer Geburt: Die Tochter wird Mutter. Das passiert weder mit biologischer Selbstverständlichkeit, noch wird es romantisch grundiert: Die Geburt ist Schwerstarbeit, ja Quälerei bis an die Grenze der Selbstaufgabe. Und die Mutter weiß als Tochter, daß die Rolle stärker ist als alle guten Vorsätze - eine Stafette, die man nicht los wird. Frauenliteratur ohne Illusionen.

Margit Schreiner: "Heißt lieben". Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2003. 149 S., geb., 18,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 21.07.2004
Die Mütter!
Schaudert’s dich? Margit Schreiners Roman „Heißt lieben”
Nach der Geburt ist alles anders. Wenn die Geborene zur Tochter wird, dann ist die Tochter zur Mutter geworden. Weil sie nun mehr Verständnis dafür aufbringt, wie es ist, Mutter zu sein, ändert sich manchmal auch ihr Verhältnis zu ihrer eigenen Mutter. Erst viele Jahre später gibt es noch eine letzte Chance, die sichere Distanz, in der sie sich vor der Mutter verschanzt hat, aufzugeben. Simone de Beauvoir hat sie in ihrem Buch „Ein sanfter Tod” beschrieben, in dem sie das langsame Sterben der Mutter aufzeichnet. Je mehr die Kranke ihr entgleitet, desto näher kommt sie ihr. „Die frühere Zärtlichkeit, die ich für immer erloschen geglaubt hatte”, schrieb sie, „erwachte wieder, seit es Mama möglich war, sich in schlichten Worten und Gesten auszudrücken.”
Eine ähnliche Erfahrung macht die Ich-Erzählerin in Margit Schreiners Roman „Heißt lieben”. Auch hier verkehren sich die Rollenverhältnisse, als die Mutter in ein Heim interniert und hilfsbedürftig wird wie ein kleines Kind. Nicht aus Pflichtgefühl kümmert sich die Tochter, es ist Empathie, die es ihr ermöglicht, es auf einmal zu genießen, was ihr immer zuwider war: Ihre Hand zu halten zum Beispiel. Es ist wie eine Art fair Play, dass sie Gnade ergehen lässt einem Gegner gegenüber, der zu schwach geworden ist.
Bis dahin jedoch war alles Fluchtgedanke und Widerstand. „Wir sind als Kinder auf diese Weise aufgewachsen: als eine Vorstellung unserer Mütter. Natürlich haben wir ständig vor unseren Müttern davonlaufen müssen, um nicht verrückt zu werden.” Sie hat ihre Identität in Antithese zur Mutter entwickelt, sie hat sich ein Studienfach ausgesucht, das von der Hochschule ihrer Heimat nicht angeboten wurde und die alten Freundschaften in ihrer Geburtsstadt hat sie nur deswegen so gepflegt, weil sie die willkommenste Gelegenheit waren, der Mutter bei einem Besuch für ein paar Stunden zu entkommen.
Von der Mutter erfährt der Leser nicht viel, sie ist die Summe reflexhaften Rollengebarens: „Sie”, heißt es über die Mütter im Allgemeinen, „vertrauen uns nicht. Sie haben uns unser Leben lang misstraut und denken nicht daran, uns gerade in der Not zu vertrauen.” Oder: „Wer kann sich an einen einzigen Fall erinnern, bei dem Mütter einmal befolgt hätten, worum sie gebeten wurden?”
Dabei bleibt die Tochter natürlich in gleicher Weise ihren Verhaltensmustern verhaftet. Das wird offensichtlich, als sie sich verliebt. „Naturgemäß ist es am schlimmsten, wenn unsere Mütter uns ihre Liebe zeigen wollen. Denn unterschwellig ahnen wir natürlich, dass sie nicht uns, sondern ihre Vorstellung von uns, also sich selbst, lieben, und wir zucken ein Leben lang zurück.” Eben jene Projektion und Vereinnahmung, vor der sie sich schützen will, feiert sie aber in der Liebe zwischen Mann und Frau. „Noch während der Uraufführung meines ersten und einzigen Theaterstückes in Stuttgart verliebte ich mich in den Hauptdarsteller. Er entsprach so sehr meiner Vorstellung von der Rolle, dass ich während der Aufführung immer wieder dachte, es gäbe ihn gar nicht und ich hätte nicht nur die Rolle, sondern auch den Schauspieler, der die Rolle verkörperte, gleich mit erfunden.”
Mit derart aufdringlicher Symbolik für die psychische Umklammerung ihrer Heldin bedrängt Schreiner den Leser gerne. Am Ende soll die Bewegung, mit der die Tochter einst die Muttermilch eingesogen hat, ihr den Tod bringen: „Ich hatte die Zigarette in derselben Hand gehalten, in der ich die Hand meiner toten Mutter berührt hatte, und die ganze Zeit dachte ich, vielleicht rauchen wir mit dieser Zigarette das Leichengift mit, das an der Hand klebt und wir sterben an dieser Zigarette.”
VERA GÖRGEN
MARGIT SCHREINER: Heißt lieben. Roman. Schöffling Verlag, Frankfurt am Main 2004. 152 Seiten, 18,90 Euro.
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Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Leopold Federmair sieht Margit Schreiners Werk zwei "Wurzeln" entspringen, nämlich der "neuen Innerlichkeit", mit der nicht nur die anderen, sondern auch man selbst "schonungslos" betrachtet werden, und die Bezugnahme auf Thomas Bernhard, der als Ton oder als "Rolle" immer wieder in den Büchern Schreiners auftaucht. Der vorliegende Roman, der den Tod der Mutter und die Geburt der Tochter der Ich-Erzählerin erzählt, ist einerseits in diesem "Bernhard-Ton" gehalten, der sich in "Verallgemeinerungen und Übertreibungen" ergeht, andererseits berichtet er intim und zart aus dem Innenleben der Ich-Erzählerin, so der Rezensent angetan. Dabei entstehe keineswegs ein "uneinheitlicher" Text, sondern vielmehr eine aufeinander Bezug nehmende Symbolik ohne "überzogenen Bedeutungsanspruch", lobt Federmair. Er preist das Buch als bei aller beeindruckenden Komplexität "leicht lesbar, spontan und sinnlich" und findet hier überzeugend demonstriert, dass eine Geschichte auch dann "spannend" sein kann, wenn man weiß, wie sie endet. Schreiner verfolgt eine "Ästhetik", bei der sich "Strenge und Lockerheit" verbinden, so der Rezensent begeistert, was er nicht zuletzt in den "Schlampereien", die das Buch auch enthält und von denen er nicht weiß, ob sie beabsichtigt sind oder nicht, bestätigt findet.

© Perlentaucher Medien GmbH
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"Dies ist DAS Buch für Töchter von Müttern."
(Hamburger Morgenpost)