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Peter Handke erzählt nichts weniger als "die endgültige und die einzig wahre Geschichte Don Juans". Genauer gesagt: Er läßt Don Juan selbst erzählen, sieben Tage lang in einem Maigarten nahe Port-Royal-des-Champs, und nur ab und an findet sich ein Kommentar desjenigen, dem die Abenteuer der vergangenen sieben Tage vorgetragen werden. Dieser Zuhörer bezeugt, daß all die Don Juans im Fernsehen, in der Oper, im Theater oder auch im "primären Leben" die falschen sind. "Don Juan ist ein anderer. Ich sahihn als einen, der treu war - die Treue in Person." Das heißt nun nicht, daß die Geschichten mit…mehr

Produktbeschreibung
Peter Handke erzählt nichts weniger als "die endgültige und die einzig wahre Geschichte Don Juans". Genauer gesagt: Er läßt Don Juan selbst erzählen, sieben Tage lang in einem Maigarten nahe Port-Royal-des-Champs, und nur ab und an findet sich ein Kommentar desjenigen, dem die Abenteuer der vergangenen sieben Tage vorgetragen werden. Dieser Zuhörer bezeugt, daß all die Don Juans im Fernsehen, in der Oper, im Theater oder auch im "primären Leben" die falschen sind. "Don Juan ist ein anderer. Ich sahihn als einen, der treu war - die Treue in Person." Das heißt nun nicht, daß die Geschichten mit Frauen, Geschichten von geglückten Begegnungen und geglückten Abschieden, ausgeblendet bleiben, im Gegenteil: An jeder Station der Reise, die Don Juan zunächst zu einer Hochzeit in den Kaukasus führt, dann nach Damaskus, am dritten Tag in die nordafrikanische Enklave von Ceüta, weiter auf einen Bootssteg in einem Fjord bei Bergen, zu einer Düne in Holland - überall trifft er Frauen, mit denen
  • Produktdetails
  • Suhrkamp Taschenbücher Nr.3739
  • Verlag: SUHRKAMP
  • Artikelnr. des Verlages: 45739
  • Neuauflage
  • Seitenzahl: 158
  • Erscheinungstermin: 19. Dezember 2005
  • Deutsch
  • Abmessung: 179mm x 108mm x 15mm
  • Gewicht: 108g
  • ISBN-13: 9783518457399
  • ISBN-10: 351845739X
  • Artikelnr.: 14096966
Autorenporträt
Handke, Peter
Peter Handke wird am 6. Dezember 1942 in Griffen (Kärnten) geboren. Die Familie mütterlicherseits gehört zur slowenischen Minderheit in Österreich; der Vater, ein Deutscher, war in Folge des Zweiten Weltkriegs nach Kärnten gekommen. Zwischen 1954 und 1959 besucht Handke das Gymnasium in Tanzenberg (Kärnten) und das dazugehörige Internat. Nach dem Abitur im Jahr 1961 studiert er in Graz Jura. Im März 1966, Peter Handke hat sein Studium vor der letzten und abschließenden Prüfung abgebrochen, erscheint sein erster Roman Die Hornissen. Im selben Jahr 1966 erfolgt die Inszenierung seines inzwischen legendären Theaterstücks Publikumsbeschimpfung in Frankfurt am Main in der Regie von Claus Peymann. Seitdem hat er mehr als dreißig Erzählungen und Prosawerke verfaßt, erinnert sei an: Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1970), Wunschloses Unglück (1972), Der kurze Brief zum langen Abschied (1972), Die linkshändige Frau (1976), Das Gewicht der Welt (1977), Langsame Heimkehr(1979), Die Lehre der Sainte-Victoire (1980), Der Chinese des Schmerzes (1983), Die Wiederholung (1986), Versuch über die Müdigkeit (1989), Versuch über die Jukebox (1990), Versuch über den geglückten Tag (1991), Mein Jahr in der Niemandsbucht (1994), Der Bildverlust (2002), Die Morawische Nacht (2008), Der Große Fall (2011), Versuch über den Stillen Ort (2012), Versuch über den Pilznarren (2013). Auf die Publikumsbeschimpfung 1966 folgt 1968, ebenfalls in Frankfurt am Main uraufgeführt, Kaspar. Von hier spannt sich der Bogen weiter über Der Ritt über den Bodensee 1971), Die Unvernünftigen sterben aus (1974), Über die Dörfer (1981), Das Spiel vom Fragen oder Die Reise zum sonoren Land (1990), Die Stunde da wir nichts voneinander wußten (1992), über den Untertagblues (2004) und Bis daß der Tag euch scheidet (2009) über das dramatische Epos Immer noch Sturm (2011) bis zum Sommerdialog Die schönen Tage von Aranjuez (2012) zu Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße (2016). Darüber hinaus hat Peter Handke viele Prosawerke und Stücke von Schriftsteller-Kollegen ins Deutsche übertragen: Aus dem Griechischen Stücke von Aischylos, Sophokles und Euripides, aus dem Französischen Emmanuel Bove (unter anderem Meine Freunde), René Char und Francis Ponge, aus dem Amerikanischen Walker Percy. Sein Werk wurde mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. Die Formenvielfalt, die Themenwechsel, die Verwendung unterschiedlichster Gattungen (auch als Lyriker, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur ist Peter Handke aufgetreten) erklärte er selbst 2007 mit den Worten: »Ein Künstler ist nur dann ein exemplarischer Mensch, wenn man an seinen Werken erkennen kann, wie das Leben verläuft. Er muß durch drei, vier, zeitweise qualvolle Verwandlungen gehen.«
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Iris Radisch schwelgt in einer eingehenden Rezension in diesem neuen Buch von Peter Handke, in dem Don Juan einem Wirt in sieben Tagen von Begegnungen mit sieben Frauen erzählt. Die Rezensentin betont, dass es im Grunde keineswegs um die Legende des Don Juan geht, sondern die ganze "schwere Metaphysik des Handkeschen Oeuvres" in sich trägt. Dass die Geschichte dennoch "leichtgewichtig und charmant" daherkommt, imponiert und gefällt Radisch dabei ausnehmend gut. Die Erzählung stellt einen weiteren "Baustein" zum "großen babylonischen Handke-Buch" dar, an dem der Autor schon seit Jahren fortschreibt und dreht sich um die "Idee vom erfüllten Augenblick", stellt die Rezensentin fest. Handke konzipiert die Don-Juan-Gestalt als Gegenentwurf zu Faust und zeichnet ihn als eine "Figur des Überflusses" mit magischen und übersinnlichen Kräften, erklärt Radisch weiter. Dem Autor gehe es darum, einen "Gegenzauber" zur "Lebens- und Erfahrungsleere der zivilisierten Welt" zu schaffen. Zwar entfernt sich Handke wie schon in früheren Büchern auch mit dem "Don Juan" ein weiteres Stück vom "ungebrochenen Erzählen, das nur noch in kurzen Passagen aufrecht erhalten wird und einem "beweisenden, störrischen und betörend spröden Erzählen" gewichen ist, wie die Rezensentin feststellt. Dennoch bezaubert das Buch durch seine "märchenhafte Verschrobenheit und kalkulierte Komik", lobt Radisch, die es bewundert, mit welchem "romantischen Starrsinn" Handke weiterhin an unzeitgemäßen Beobachtungen festhält.

© Perlentaucher Medien GmbH
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Besprechung von 07.08.2004
Held der erfüllten Zeit
Weg von hier: Peter Handke verbringt sieben Nächte mit Don Juan

Zu den interessantesten literaturgeschichtlichen Phänomenen gehören die Alterungsprozesse, denen literarische Stoffe unterworfen sind. Manche erleben einen kometenhaften Aufstieg, um dann rasch wieder in die Grube zu fahren; andere bleiben ewig jugendfrisch, weil die Menschheitsprobleme, die in ihnen ihre bildhafte Ausformung erfuhren, noch weit davon entfernt sind, ihre Lösung gefunden zu haben: Medea, Odysseus, wohl auch Faust. Zu den prominenten literarischen Themen der neuzeitlichen Literatur Europas, die in das Stadium letzter Vergreisung getreten sind, zählt, wenn nicht alles täuscht, dasjenige des Don Juan.

Geboren wurde die Figur des Don Juan zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts - nur fünfundzwanzig Jahre nach dem anderen großen Repräsentanten des modernen Individualismus: Faust, der wie Don Juan eine Figur radikaler Grenzüberschreitung ist. Der Stoff des Don Juan sollte aus dem Geist der Gegenreformation vor einer Sittenlosigkeit warnen, die gegen die engen Grenzen des frühneuzeitlichen Moralkodex verstieß. Es ist kein Zufall, daß die Stofftradition des Don Juan ihren künstlerischen Höhepunkt noch kurz vor dem Ausbruch der Französischen Revolution erfuhr, als sich die Warnstruktur des Don-Juan-Stoffs endgültig auflöste; die Prager Uraufführung 1787 von da Pontes und Mozarts "Don Giovanni" - im Zuschauerraum Casanova! - war eines der letzten künstlerischen Großereignisse des Ancien régime. Im achtzehnten Jahrhundert, das im Zeichen der Aufklärung die Emanzipation der Sinnlichkeit des Menschen vorangetrieben hatte, überlagerte sich der Mythos des Don Juan ohnehin schon mit der Realität der großen Libertins. Für seine zahllosen Liebesabenteuer traf Casanova, den größten unter ihnen, nur noch eine Strafe: all das, was er einst erlebt hatte, am Ende aufschreiben zu müssen, was zugleich bedeutete, die gelebte Lust durch die imaginäre Lust zu ersetzen.

Im neunzehnten Jahrhundert dann lebte das Don-Juan-Thema allenfalls noch vom Schrecken der Leporelloliste. Wenn technischer Fortschritt und ökonomische Prosperität unendliche Wunscherfüllung zum Ziel hatten, konnte diese selbst nicht mehr unter Strafe stehen; wohl aber entstand die Furcht, es werde, wo jeder Trieb befriedigt und jeder Wunsch erfüllt werden kann, die Langeweile der ewigen Wiederkehr des Gleichen einkehren. Deshalb wurde Don Juan - man lese vergessene Autoren wie Nikolaus Lenau! - zum Melancholiker: zum bleichen Bruder des noch bleicheren Tannhäuser, der überall leben möchte, nur nicht länger im Venusberg. Und ein melancholischer Intellektueller ist Don Juan noch im zwanzigsten Jahrhundert etwa bei Max Frisch, der Don Juans Liebe zu den Frauen durch diejenige zur Geometrie ersetzt. Darüber aber, wie intim die Sehnsucht nach Fleischeslust und jene nach intellektueller Erkenntnis beieinanderwohnen, verrät uns heute jeder Film von Woody Allen mehr als die gesamte Stofftradition des Don Juan. Warum also den alten Knaben, dessen taperige Resümees erotischer Höchstleistungen in nicht einmal besseren Zeiten uns mittlerweile doch ein wenig peinlich sind, noch einmal poetisch galvanisieren?

Peter Handke weiß eine Antwort: weil alle Don Juans, die seit vier Jahrhunderten die Weltliteratur bevölkern, falsche Don Juans sind - "auch der von Molière; auch der von Mozart. Ich kann es bezeugen: Don Juan ist ein anderer." Sollten wir uns also in Don Juan immer getäuscht haben? Aber andererseits: Ein Don Juan, in dessen Absichten man sich täuschen kann, ist keiner mehr. Natürlich kann der Leser auf keinen Don Juan gespannter sein als auf einen, der dem Bleistift des Peter Handke entsprungen ist, denn dieser Dichter kennt sich in weiblichen Seelen vorzüglich aus und weiß komplexe Gefühlswelten so subtil zu beschreiben wie kein anderer. Nur: Wenn sein Don Juan ein ganz anderer ist als derjenige von Molière oder Mozart, dann belegt er gerade damit die Auszehrung der Stofftradition.

Handkes Don Juan hat deshalb kaum etwas von dem, was die Stoffgeschichte von ihm verlangt, wohl aber alles, was man von einem Handkeschen Helden ohnehin erwartet. Er ist also ein Virtuose der wahren Empfindung und ein Spezialist für erfüllte Augenblicke. Der Leser wird ihn rasch mögen, diesen Mann zum Gernhaben. Aber jene erotische Überraschung, die sein Name verspricht, gewährt er wahrhaftig nicht.

Der enttäuschte Voyeur.

Dabei gestaltet Handke den Auftritt seines Don Juan erzählerisch durchaus überraschungsvoll: Er stürzt auf der Flucht vor einem Pärchen, dem er eher zufällig beim Liebesakt zugeschaut hat, plötzlich über die Mauer des dem Ich-Erzähler - einem Koch und Leser, der aber das Kochen und Lesen gerade eingestellt hat - gehörenden Gartens in der Nähe der Klosterruine von Port-Royal-des-Champs. Schon der Bericht über das Ereignis, das seine Flucht ausgelöst hat, gibt sein fundamentales Desinteresse an jenem physischen Akt zu erkennen, dessen virtuose Bewältigung herkömmlich mit seinem Namen verbunden wird. Denn er hat dem Paar nicht aus sexueller Neugier, sondern allein in der Erwartung zugeschaut, "daß sich doch noch mit den beiden etwas ereigne, das dem Lauf der Dinge widerspräche".

Dieses Etwas, das sich in dem sexuellen Akt des beobachteten Paars nicht ereignet: was soll es sein? Don Juan spricht es zunächst nicht aus, sondern überläßt es dem Geist der Erzählung, eine Vorstellung von diesem ganz anderen, den gewöhnlichen Lauf der Dinge Durchbrechenden zu vermitteln, das in der intimsten - und das heißt nicht notwendig: sexuellen - Begegnung zwischen Mann und Frau Wirklichkeit werden kann. Es geht Handkes Don Juan um die Herstellung von Gleichzeitigkeit zwischen zwei Menschen: "Gleichzeitigkeit mit ihr, der anderen, die sich so auf den ersten Blick nicht mehr als die andere erlebte, gleichwie auch ihn, den fremden Mann, nicht mehr als den anderen." Denn das Problem dieses Don Juan ist nicht der Eros, sondern die Zeit. Er will Herr seiner Zeit sein, und weil die Frauen in ihm den Herrn der Zeit erkennen, erkennen sie in ihm in einem Augenblick auch "ihren Herrn": "eine Art Retter", der sie "wegbringen" kann, "von hier, hier und hier".

Suche nach dem Grundanderen.

Das klingt nun zunächst ein bißchen trocken, denn Handke verzichtet leider ungern darauf, gelegentlich in dürren Begriffen auszusprechen, was er ganz dem Geist der Erzählung anvertrauen möchte und könnte: wie sich zwischen zwei Menschen, für alle anderen unsichtbar und unhörbar, jene ungeheuerlichen Augenblicke ereignen, in denen alle Trennungen überwunden sind in einem sich jeder Beschreibung entziehenden Einklang. Das sind dann die Handkeschen ewigen Augenblicke eines "vollkommen übereinstimmenden Zeitsinns", in denen Don Juan sich zwar nicht mehr als Erotiker, wohl aber als ein Held der erfüllten Zeit noch einmal in gewohntem Virtuosentum bewährt. Sobald Handke seinen Helden von den Geheimnissen dieser unwiederholbaren Augenblicke erzählen läßt, ist er ganz auf der Höhe seiner Kunst. Dann gelingt ihm in seinen besten Momenten - denn auch der Autor ist ja ein von der Suche nach dem Grundanderen der absolut erfüllten Zeit getriebener Don Juan - dasjenige, was nach wie vor nur Peter Handke gelingt: die dichte Beschreibung unbeschreiblicher Gefühlsmysterien.

Sie freilich gelingt nur einmal in diesem sympathischen kleinen Buch, dort aber auf besonders eindrucksvolle Weise. Sieben Tage lang läßt Peter Handke Don Juan nicht etwa sein Leben, sondern Tag für Tag die Geschichten erzählen, die er in den vergangenen sieben Tagen mit sieben Frauen in sieben verschiedenen Ländern erlebt hat. In diesen sieben Tagen durchlebt der von Trauer über den Verlust des "ihm nächsten Menschen" durch die Welt getriebene Don Juan noch einmal eine "Frauenzeit", in der er den Lauf der Dinge zu durchbrechen vermag. Seine Reise verschlägt ihn zunächst in ein kaukasisches Dorf auf eine Hochzeit, bei der zuerst der Blick der Braut auf ihn, dann aber sein Blick auf die Braut fällt und in ihr das "Bewußtsein ihrer bisherigen Einsamkeit" und damit unbedingtes Begehren freisetzt. Wie Handke von dem Abenteuer dieses Augenblicks, der öffentlichen Verinselung eines Paars in Raum und Zeit und einer absoluten Seelen- und Körperverschmelzung im Medium eines einzigen Blicks, erzählt, dies macht ihm keiner nach und ist Höhe- und Glanzpunkt dieses Buches.

Danach aber setzt die Repetitionsschematik ein, die nun einmal zur Don-Juan-Existenz gehört und die selbst kleine Bücher lang machen kann, auch wenn Handke klug die schlechte Unendlichkeit durch die magische Zahl Sieben ersetzt. So bilden denn die folgenden sechs Tage eine Zeit der "Wiederholungen", in denen nur noch die "Varianten" die Würze geben. Da Handke seinen Don Juan sich nach der Geschichte des ersten Tages erzählerisch auf diese Varianten konzentrieren läßt, dünnen sich seine Geschichten sukzessive aus, womit sich dann freilich von der Magie der Gleichzeitigkeit, die Don Juan mit seinen Frauen erlebt, nur noch wenig auf den Leser überträgt. So blickt er spätestens am dritten oder vierten Tag ungeduldig und erwartungsfroh auf das Ende des schmalen Bandes, wo ihm Handke tatsächlich noch einen hübschen Komödieneffekt beschert. Denn die Frauen wollen sich naturgemäß mit den ihnen von Don Juan gewährten großen Augenblicken nicht zufriedengeben, und deshalb wird der Garten von Port Royal eines Abends von sieben Frauen belagert . . . Bei der Frage nach der Verstetigung der schönen Augenblicke setzen bekanntlich die Probleme des Lebens erst ein, und deshalb hat Handkes Erzählung hier ihr Ende.

Man geht durch diese entspannte Prosa, deren Titel heiße Sommernächte verspricht, hindurch wie durch einen warmen Frühlingshauch. Das ist angenehm; man sollte es genießen. Und am Ende doch energisch den Kopf schütteln, wenn man den Schlußsatz liest: "Don Juans Geschichte kann kein Ende haben, und das ist, sage und schreibe, die endgültige und wahre Geschichte Don Juans." Ach, nein! Man kann natürlich einen Mann, der "treu" und "freundlich" und "aufmerksam" und "väterlich" ist und dem man gern zuhört und dem man glaubt, einen Don Juan nennen, aber deshalb ist er noch längst kein Don Juan, sondern allenfalls eine besonders nette Figur von Peter Handke. Und so halten wir es denn lieber mit der Statue des Komturs, deren letzte Worte schon vor über zweihundert Jahren dem Don Juan sein Schicksal verkündet haben: "Deine Zeit ist um!"

Peter Handke: "Don Juan (erzählt von ihm selbst)". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. 159 S., geb., 16,80 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 06.08.2004
Mach ihm lieber keine schönen Augen
Ein Buch des Übermuts: Peter Handke hat Don Juan der Oper entführt
Einmal, in Syrien, gerät Don Juan mit der Frau, die ihm soeben zugefallen ist, in einen Sandsturm. Der fegt statt durch eine orientalische Märchenlandschaft durch ein Abrissgebiet in Damaskus, wo aus Mauerfragmenten Eisengestänge herausragen. Im Ansturm von Sand und Luft werden Drähte und Stäbe zur Rhythmusgruppe, offene Röhren zu Instrumenten, auf denen der Sturmwind eine Melodie improvisiert, die Don Juan noch im Nacherzählen mitsummt: „Wäre er mit dem Musikstück öffentlich aufgetreten, hätte dieses, auf eine Weise wie kaum noch eine Musik, den Erdkreis erobert.”
Ansonsten geht dieser Don Juan der Musik aus dem Weg. Peter Handke hat ihn der Oper entführt. Aber nicht nur der Oper, sondern auch der Bühne. Und nicht nur der Bühne, sondern auch dem Drama. Und nicht nur dem Drama, sondern auch der Philosophie. So ist ihm sein Verführertum ebenso abhanden gekommen wie das Dämonische, in das er sich zu hüllen pflegte wie in einen schwarzen Mantel. Auch gibt es in der Welt dieses Don Juan keinen Gott, den er herausfordern, keinen Komtur, den er zum Essen laden, keine Hölle, in die er fahren könnte.
Aber hat er nicht wenigstens einen Diener bei sich? Ja, meistens, aber der ist vollkommen unfähig, was Buchführung und Registrieren betrifft, und so werden hier die Liebesabenteuer nur erlebt, nicht gezählt. Stattdessen werden sie erzählt. So kommt dieses Buch zu seinem schönen ersten Satz: „Don Juan war schon immer auf der Suche nach einem Zuhörer gewesen.”
Der Philosoph Sören Kierkegaard hat in Don Juan die Verkörperung der Begierde als Prinzip gesehen, der absolut sieghaften, triumphierenden, unwiderstehlichen, dämonischen Begierde, und in Mozarts „Don Giovanni” den vollkommenen Ausdruck dieser „Idee der sinnlichen Genialität”. Denn allein in der Musik finde Don Juan, diese Verkörperung des sinnlich Dämonischen, das angemessene Medium, wie Faust, die Figur des geistig Dämonischen, in der Sprache und im Drama.
Handkes Erzähler, der in der dritten Person wiedergibt, was ihm seinerseits Don Juan erzählt hat, lebt als Koch in der Ile de France. In unmittelbarer Nachbarschaft der Ruinen des Klosters Port Royal betreibt er eine Gastwirtschaft, der die Gäste abhanden gekommen sind. Er sitzt in seinem Garten, liest Racine und Pascal, die einst die Nonnen von Port Royal gegen die Repressalien Ludwigs XIV. in Schutz genommen hatten. Manchmal liest er auch Maigret.
Er zitiert Kierkegaard nur, um ihm den Rücken zu kehren. In dem wunderlichen Don Juan, der ihm überraschend in den Garten purzelt, das Lesen unterbricht und durchs Erzählen ersetzt, kehren die beiden Gestalten zurück, die Kierkegaards und Mozarts Verführer hinter sich lässt: der komische und der epische Don Juan. Eine Figur des Übermuts ist dieser seltsame Gast, halb stolpernder Clown, halb somnambuler Abenteurer, im Slapstick ebenso zu Hause wie in der Welt der fahrenden Ritter. In den Garten des Kochs gerät er als Flüchtender. Er hat im Wald ein Liebespaar beobachtet und aufgeschreckt, das sich sogleich in seine Ledermontur wirft und ihn auf dem Motorrad verfolgt, erbost nicht etwa über das Gesehenwordensein (es sind moderne Leute), sondern über den Seufzer, mit dem der Liebesabenteurer das Liebesglück in Zweifel zieht.
Der Rückwärtsgänger
Dieser Don Juan geht rückwärts, wie vor geraumer Zeit der koboldartige Parzival in Peter Handkes „Spiel vom Fragen” (1989). Beim Rückwärtsgehen hat er die Gegenwart fest im Blick: das motorisierte Lederpaar, die Wohnblöcke der neuen Trabantenstädte der Ile de France, den Militärflugplatz von Villacoublay. Dieser Rückwärtsgänger „hätte ebensogut auch Gawein, Lanzelot oder Feirefiz, der Gescheckthäutige, der Halbbruder Parzivals - der freilich nicht! -, sein können”. Kein Artushof erwartet ihn, kein Turnier. Aber wie in den alten Epen ist die Welt sprechend, durch die er zieht, haben die Pflanzen und Tiere teil an seinen Abenteuern.
Er ist anders gescheckt als Feirefiz: der Tod und die Liebe haben ihm ihre Muster aufgeprägt. Lange hat ihn der Verlust einer Geliebten oder vielleicht eines Kindes in eine tiefe, stumme Trauer gebannt, die er durch die Welt trägt, der alten Verbindung von Melancholie und Reiselust folgend. Dann, im Frühling, bricht für ihn wieder die „Frauenzeit” an, die Folge von Abenteuern, in denen er Frauen in Bann schlägt wie zuvor die Trauer ihn gebannt hat. Es mag ein Irrtum des Erzählers oder seines Autors sein, wenn er in Don Juans Physiognomie den Feirefiz wiederzuerkennen meint, wie er ihn sich „beim Lesen des Chretien de Troyes” vorgestellt hatte. Erst Wolfram von Eschenbach hat Feirefiz erfunden. Der Irrtum signalisiert den Wunsch, Don Juan möge in einer frühen Schicht der mittelalterlichen Epen wurzeln. Von seiner Zukunft in der Frühen Neuzeit, von der hochfahrenden Subjektivität seiner ersten Bühnenauftritte unter dem gewittrig-barocken Himmel der Gegenreformation soll er noch weit entfernt sein.
Für ihn gelten erzählerische Gesetze, in denen er dieser Zukunft als willensstarker, rücksichtslos handelnder Verführer ein Schnippchen schlagen kann. Der neuzeitlich-moderne Don Juan wird keine Intrige und kein falsches Versprechen scheuen, er wird imprägniert sein mit Rhetorik. Handkes - außer im Erzählen! - eher mundfauler Don Juan weiß nichts von solchen Künsten. Seine Abenteuer sind keine Siege, sondern Prüfungen, die er zu bestehen hat.
Er ist zwar ein undramatischer, aber kein harmloser Held. Sein Blick, der das Begehren der Frauen freisetzt, kann Wunden schlagen und verletzen wie eine Lanze. Auch dieser Don Juan ist ein Meister des Entschwindens: wer ihm schöne Augen macht, hat auf immer das Nachsehen. Aber es liegt kein Triumph in seinen Abschieden. Er ist auf so selbstverständliche Weise die Verkörperung des entschwindenden Augenblicks der Liebe, wie die Löwen in den alten Geschichten stark und manche Pflanzen giftig sind.
Sieben Episoden erlebt er, an sieben Abenden erzählt er sie im Garten bei Port Royal. Von der Braut in Tiflis, die ihm aus der Hochzeitsgesellschaft heraus folgte, von der Frau in Damaskus, die mit ihm das Konzert der tanzenden Derwische verlässt, von der Frau in der spanischen Enklave Ceuta in Nordafrika, wo sich Europa mit Stacheldrahtzäunen gegen die Flüchtlinge aus Afrika schützt, von der Verstörten in Norwegen, die ihm aus der Kirche an den Fjord folgt, von dem „leichten Mädchen” in Holland, von der Frau im namenlosen Land und schließlich vom nackten Lederpaar unter der Zeder nahe Port Royal.
Immer stichwortartiger werden die Erzählungen. Pikante Einzelheiten geben sie nicht preis. Der Gefahr des Seriellen begegnen sie durch Verknappung, Andeutung, Variation in der Wiederkehr des Gleichen: der Unverfügbarkeit des geglückten Augenblicks. Sie verbindet Don Juan mit den Nonnen von Port Royal, die auf der Unverfügbarkeit der göttlichen Gnade beharrten.
Unter Pappelsamenflocken
Der Himmel, der sich über dieser Frühlingsgeschichte wölbt, möchte ein Kinohimmel sein. Mit den amerikanischen Badlands, dem Monument Valley John Fords und den Fabrikvorstädten Antonionis wetteifert Handke in den hinreißenden Passagen, in denen er dem Leser die Ile de France vor Augen stellt. Während die Frauen „unbeschreiblich schön” zurückbleiben, gehen aus den Abenteuern Don Juans die Bilder der Landschaften hervor, die er durchquert. Die „dahinvagabundierenden Pappelsamenflocken” begleiten ihn durch den Mai wie Schneegestöber, das sich als luftige, leichte Decke über alles Schwere, Festgefügte legt, von Tiflis bis Nordafrika. Etwas Heiteres legen sie auch über das Ende, wenn die zurückgelassenen Frauen Don Juans Zuflucht belagern und er durchs Gartentor verschwindet.
So erobert Peter Handkes Don Juan eine widerspenstige Schöne, die ihm oft ein Stelldichein am falschen Ort versprach: die epische Form. Lange hat sie ihn in den modernen, realistischen Roman oder in die historische Novelle gelockt, wo ihm nur die Rolle des Schattens blieb, den der Opern- und Bühnen-Don Juan warf. In diesem Buch des Übermuts entsteigt er quicklebendig dem Jungbrunnen der alten Epik.
LOTHAR MÜLLER
PETER HANDKE: Don Juan (erzählt von ihm selbst). Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. 159 Seiten, 16,80 Euro.
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