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Ein elsässischer Soldat im Ersten Weltkrieg entdeckt am Nachthimmel das Sternbild des Großen Burschen, das so schauderhaft ist, dass er niemandem davon erzählen kann. Ein junger Mann, der sich in die blinde Anja verliebt hat, muss feststellen, dass ihr Apartment von oben bis unten mit Beschimpfungen bekritzelt ist. Marcel, sechzehn Jahre alt, hinterlässt auf der Toilettenwand eines Erotiklokals seine Handynummer und den Namen Suzy. Familie Scheuch bekommt eines Tages Besuch von einem Herrn Ulrichsdorfer, der vorgibt, in ihrem Haus aufgewachsen zu sein, und einen Elektroschocker unter seinem…mehr

Produktbeschreibung
Ein elsässischer Soldat im Ersten Weltkrieg entdeckt am Nachthimmel das Sternbild des Großen Burschen, das so schauderhaft ist, dass er niemandem davon erzählen kann. Ein junger Mann, der sich in die blinde Anja verliebt hat, muss feststellen, dass ihr Apartment von oben bis unten mit Beschimpfungen bekritzelt ist. Marcel, sechzehn Jahre alt, hinterlässt auf der Toilettenwand eines Erotiklokals seine Handynummer und den Namen Suzy. Familie Scheuch bekommt eines Tages Besuch von einem Herrn Ulrichsdorfer, der vorgibt, in ihrem Haus aufgewachsen zu sein, und einen Elektroschocker unter seinem geliehenen Anzugjackett verbirgt.
Das ganz und gar Unerwartete bricht in das Leben von Clemens J. Setz' Figuren ein. Ihr Schöpfer erzählt davon einfühlsam, fast zärtlich. Durch Falltüren gestattet er uns Blicke auf rätselhafte Erscheinungen und in geheimnisvolle Abgründe des Alltags, man stößt auf Wiedergänger und auf Sätze, die einen mit der Zunge schnalzen lassen. Der Trost runder Dinge ist ein Buch voller Irrlichter und doppelter Böden - radikal erzählt und aufregend bis ins Detail.
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 315
  • Erscheinungstermin: 11. Februar 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 213mm x 128mm x 30mm
  • Gewicht: 430g
  • ISBN-13: 9783518428528
  • ISBN-10: 3518428527
  • Artikelnr.: 54340967
Autorenporträt
Setz, Clemens J.
Clemens J. Setz wurde 1982 in Graz geboren, wo er Mathematik sowie Germanistik studierte und heute als Übersetzer und freier Schriftsteller lebt. 2011 wurde er für seinen Erzählband Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Sein Roman Indigo stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2012 und wurde mit dem Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft 2013 ausgezeichnet. 2014 erschien sein erster Gedichtband Die Vogelstraußtrompete. Für seinen Roman Die Stunde zwischen Frau und Gitarre erhielt Setz den Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2015.
Inhaltsangabe
Die zwei Tode
Südliches Lazarettfeld
Das Schulfoto
Kvaløya
Zauberer
Otter, Otter, Otter
Die Katze wohnt im Lalande'schen Himmel
Frau Triegler
Rezensionen
Besprechung von 09.02.2019
Normal ist
das nicht
Wahnsinn ist nur eine Strategie, um mit
dem Chaos in der Welt fertigzuwerden.
Das ist das Thema vieler Geschichten von
Clemens J. Setz. Auch in seinem
Erzählungsband „Der Trost runder Dinge“
VON BIRTHE MÜHLHOFF
Die Geschichten in „Der Trost runder Dinge“ sind so schön und alltäglich wie der Titel selbst. Zwanzig Erzählungen, die in der österreichischen Gegenwart und im überschaubar Urbanen einer Stadt wie Graz spielen, in der der Autor Clemens J. Setz aufgewachsen ist und immer noch lebt. Wiederkehrende Motive darin sind, neben dem tröstend Runden – Obst zum Beispiel –, Butterbrote, die aus Papier ausgewickelt werden, Handschuhe auf Gehwegen. „Jeff“ ist mal der Name eines Hundes, mal der eines Katers und in den gut eingerichteten Wohnungen stehen „wunderlich gebogene Leuchten“. Vom Gewöhnlichen geht eine Faszination aus. Schlaflosigkeit spielt eine Rolle und psychologische Marotten, die mal klinische Ausmaße annehmen, mal bloß Eigenheiten sind, gerade noch an der Grenze des Normalen. Was von außen betrachtet wie Irrsinn wirkt, stellt für die betroffene Person womöglich eine Strategie dar, sich über einen noch größeren Schmerz hinwegzubringen.
In der Erzählung „Das Schulfoto“ versucht eine Schuldirektorin, Eltern davon zu überzeugen, ein Klassenfoto zu erwerben. Herr Preissner, Vater eines Kindes, hatte es bestellt, will es nun aber – wie viele andere Eltern – doch nicht haben. Denn auf dem Klassenfoto ist Daniel zu sehen, ein behindertes Kind. Es wird nicht näher beschrieben, um welche Art Einschränkung es sich handelt, nur dass das Kind von einem Gerät gehalten wird, in dem es Herrn Preissner zufolge aussieht wie eine Steckdose. Die Angelegenheit ist dem Mann unangenehm, er ist ein höflicher Mensch. Als er hereinkommt, hält er einen Regenschirm wie einen Strauß Blumen vor sich. Die Direktorin ist konsterniert von der Ablehnung der Eltern: „Dabei wussten Sie doch, dass der Daniel in dem Bild sein würde.“ Und Daniel interagiere ja: „Das ist alles, worauf es ankommt. Man kann mit ihm arbeiten. Er nimmt am Leben teil, auf seine Weise.“ – „Das tut ein Hydrant auch“, sagt Herr Preissner. Es ist keine moralisierende, sondern eine nachdenkliche und bewegende Gesprächssituation. Man verabschiedet sich danach in einem herzlichen, höflichen und unterkühlten Zwischenton.
In einer weiteren Erzählung geht es um einen Pflegefall. Annamaria lädt sich einen männlichen Prostituierten nach Hause ein und bittet diesen Chris, im Zimmer ihres Sohnes mit ihr Sex zu haben, der seit einem Unfall im Koma liegt. Sie bietet sämtliche Überzeugungskräfte auf – und natürlich wirkt sie dabei, als hätte sie einen relativ merkwürdigen Fetisch. Chris will es nicht machen: „Er seufzte auf diese männliche, cowboyartige Weise. Als wollte er sagen: Oh Mann, womit ich alles fertigwerden muss auf dieser Erde.“ Er kann es nicht, sagt er und ahnt nicht, dass Annamaria genau das hören will. Weil ihr Sohn dann für diesen einen Moment so wirkt, als würde er alles mitkriegen.
Ziemlich verschrobene, aber ausgeklügelte Strategien haben die Figuren dieser Erzählungen. Dabei entsteht das angenehme Gefühl, dass der Autor beim Schreiben so neugierig darauf war, wie man es beim Lesen ist: Was geht diesen Menschen im Kopf herum? Warum zum Teufel tun sie, was sie tun? Wie soll man als Gesunder mit Krankheit umgehen? Wer ist überhaupt gesund? Diese Fragen ziehen sich durch den Band, wenn auch nicht durch alle Erzählungen gleichermaßen. Klare Antworten werden nicht gegeben.
Clemens J. Setz beherrscht viele Formen. Zuletzt waren es ein tausendseitiger Roman, „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“, bereits sein vierter, ein Gedichtband, oder das schmale Buch „Bot. Gespräch ohne Autor“, für das Setz einen Algorithmus Antworten aus seinen Notizbüchern heraussuchen ließ, die mal mehr, mal weniger adäquat Fragen seiner Lektorin Angelika Klammer beantworteten. Nach „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ (2011) ist „Der Trost runder Dinge“ sein zweiter Erzählungsband, der zeigt: Kurzgeschichten stehen ihm am besten. Es ist für einen Autor wahrscheinlich nicht angenehm, wenn man seine Werke wie Kleidungsstücke behandelt. Aber es sieht so aus, als säßen Gedichte bei ihm zu eng. Und der Roman schlackert ein bisschen. Durch das Bot-Buch entstand ein wenig der Eindruck, jemand habe sich fest vorgenommen, jedes Jahr ein Buch herauszubringen.
Das Thema seiner Erzählungen war in gewisser Weise schon das seines letzten Romans, der auf seltsam eindringliche Weise den Alltag der jungen Krankenpflegerin Natalie in einem Behindertenheim schildert und den Umgang mit den Angehörigen der Bewohner, von denen sich einer als Stalker entpuppt. Da ergibt sich die Frage: Wie verhält sich körperliches zu psychischem Leid? Von Natalie selbst müsste man sagen, dass sie zwar alle Tassen im Schrank hat, aber nicht alle Henkel nach rechts. Es umgibt sie eine Einsamkeit, die sie nur durch übertriebenen Gebrauch sozialer Medien abmildern kann und indem sie Live-Übertragungen im Fernsehen ansieht.
Auch Angehörige haben aber nicht immer die Verantwortung. Manchmal sind es Kinder, wie Felix und Mike in der Erzählung „Geteiltes Leid“, deren alleinerziehender Vater eine Angststörung hat. Würde er es schaffen, ihnen zu erklären, wie sich das anfühlt, denkt der Mann, dann würden sie ihn verstehen und könnten Rücksicht nehmen. „Aber dann fiel etwas vom Küchentisch, ein Löffel, und die Angst war zurück, unverändert und so schlimm wie noch nie.“
Die Angst ist jedes Mal aufs Neue so schlimm wie nie. Gelindert wird sie nur durch Boxkämpfe im Fernsehen, den Anblick von Auberginen, Tomaten und Obst überhaupt. Das Innenleben dieses Mannes geht einem nah, und es ist auch verständlich, was in seinen Söhnen vorgeht, vielleicht in Kindern generell: Sie sind zu Recht irritiert von den Erwachsenen.
„Der Trost runder Dinge“ ist eine Reise auf den synästhetischen Sonderplaneten von Clemens J. Setz. Man ahnt noch, dass es sich dabei um eine Erde handeln könnte: Auf dem Gehsteig liegt ein Wollhandschuh „in der Haltung eines angespülten Seesterns“, während eine Krähe, die vorbeihüpft, „einem Achselzucken“ gleicht. Setz stellt Vergleiche an, wie andere Leute Autoradios anstellen oder Streiche. So beiläufig wie jemand, der das, was er tut, unheimlich gerne und auf die selbstverständlichste Art macht. Der alles, was er in die Hand bekommt, gegen das Licht hält und zu dem Schluss kommt: „Die meisten Gegenstände, so glaubt man, haben Rückseiten, aber in Wahrheit trifft dies nur auf einen kleinen Ausschnitt der sichtbaren Welt zu.“ So verfährt Setz auch mit den Grafiken und Fotos, die in der Geschichte „Die Katze wohnt im Laland’schen Himmel“ abgebildet sind. Darin findet ein Mann ein altes Fotoalbum, entdeckt auf der Rückseiten eines Schwarz-Weiß-Fotos eine Notiz und begibt sich auf die Suche nach den Abgebildeten.
Auf Twitter kann man Setz’ Einfälle und Erlebnisse täglich mitverfolgen. Wenn sie unter politisierten und zynischen Tweets auftauchen, wirken seine absurden Beobachtungen fast wie das einzig Vernünftige. Womöglich kann einen die Wahrnehmungsintensität in seinen Erzählungen etwas erschlagen, das aber auf eine Weise, die einen später beschwingt nach Hause gehen lässt.
Wir sehen Menschen in einer Abflughalle auf ihren Flug warten, „ein jeder mit seinem Buch als Lenkrad“. Oder Tauben, die hinter weit entfernten Häusern aufflattern, „lautlose Trümmer einer kontrollierten Sprengung“. Solche Metaphern haben auf die Dauer einen nicht zu unterschätzenden Effekt. Sogar die Beschreibung des Normalen erscheint im Zusammenhang damit auf einmal beachtenswert: „Ein Radfahrer hielt sich, ohne abzusteigen, an einer Ampelstange fest.“ In einer der Norm nicht ganz entsprechenden Normalität sieht Clemens J. Setz Menschenschicksale. Sie überlagern sich für einen Moment und zerfallen dann wieder zu neuen Mustern, Trost und Schmerz und über allem: Alltag. Ein rundum rundes Ding.
Clemens J. Setz: Der Trost runder Dinge. Erzählungen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 320 Seiten,
24 Euro.
Was geht diesen Menschen im
Kopf herum? Warum zum
Teufel tun sie, was sie tun?
Verständlich, was in Kindern
vorgeht: Sie sind zu Recht
irritiert von den Erwachsenen
Die meisten Gegenstände, so
glaubt man, haben Rückseiten,
aber in Wahrheit trifft dies
nur auf einen kleinen Ausschnitt
der sichtbaren Welt zu.“
CLEMENS J. SETZ
Der Autor Clemens J. Setz.
Foto: imago/Gerhard Leber
Rätselhafte Bilder spielen
eine Rolle in Setz’ Erzählungen: „Vermessene Gestalten“
und ein historisch-futuristischer Aérobus.
Foto: Suhrkamp
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"Literatur, die so klarsichtig den prekären Weltgenerator in unseren Köpfen in Szene setzt, findet man nur selten."
Juliane Liebert, DIE ZEIT 07.02.2019
Besprechung von 17.03.2019
Hat Sound. Bloß auf Dauer macht's ein bisschen fertig
Clemens J. Setz hat einen wunderbaren Erzählband veröffentlicht. Nur ist wunderbar auch gut?

In einer dieser seltsamen Geschichten erblickt Bernard Henri Conradi, ein junger Franzose, der im Ersten Weltkrieg kämpft und später in der Nervenheilanstalt Bilder malt, "ein großes Ungut" im sternenvollen Nachthimmel. Vor Conradis Augen haben sich, in einer plötzlichen Neuinterpretation, die Sterne zu einem schrecklichen Bild verbunden. Statt der gewöhnlichen Sternbilder steht für Conradi am Firmament das Grauensantlitz des "Großen Burschen". Einmal gesehen, bekommt er es nicht mehr aus dem Kopf, so beschreibt er das Sternbild seinem Nervenarzt, und von der Beschreibung liest, knapp hundert Jahre später, in einer Biographie ein Schriftsteller, der Erzähler dieser Geschichte. Probeweise übernimmt er Conradis Sichtweise. Und es ergeht ihm genauso. Wie leben, unter einem solchen Himmel? Die Deutung hat sich um ein Winziges verschoben, und alles sieht anders aus.

Ein bisschen wirkt es im Lauf von "Der Trost runder Dinge", dem neuen Kurzgeschichtenband des österreichischen Schriftstellers Clemens J. Setz, als wäre der Autor dieser Conradi und der Leser sein angesteckter Erzähler. Setz braucht einen Halbsatz - und Bäume rauschen nicht bloß, sie unterhalten sich mit "toten Funkgeräten". Oder sie bewegen sich "wie träumende Giraffen". Fünf Uhr am Nachmittag ist nicht fünf Uhr am Nachmittag, sondern "jene Stunde, da sich alles auf Erden in eine Art Parkplatz verwandelt". Setz, so scheint es, hängt ein bisschen quer in der Welt, und von da hat er einen wunderbaren Blick auf sie. Übernimmt man ihn einmal, dann werden langsam ratternde Drucker zu altersschwachen Menschen, und gebeugt Gehende sehen noch Stunden nach dem Lesen aus "wie das Vorher-Menschenbild in Evolutionsdiagrammen". Eine verrückt nachvollziehbare Weltsicht.

Setz, sechsunddreißig, hat vier Romane veröffentlicht, Essays, Gedichtbände und Kurzgeschichten, und einen Haufen Preise gewonnen. "Der Trost runder Dinge" (Supertitel!) umfasst zwanzig Erzählungen, die kürzeste hat eine halbe Seite, die längste dreiundvierzig Seiten. Ein paar Motive kehren wieder, ein herumliegender Handschuh, auch die Namen mancher Figuren. In allen Geschichten geschehen Sachen, von denen man eher nicht täglich hört: Ein Schriftsteller kommt unerwartet nach Hause zurück und findet in seiner Wohnung ein Lazarett vor. Eine Mutter engagiert einen Callboy, um vor ihrem schwerbehinderten Sohn Sex zu haben. Ein Sechzehnjähriger schreibt seine Nummer auf die Toilettentür des Erotiklokals "Bang or Whimper" und beantwortet die Anrufe.

Oft trägt die Idee allein durch die Geschichte. In der Wohnung einer blinden Frau stehen lauter Wörter wie "Schlampe" an den Wänden, und ihr neuer Liebhaber kämpft mit sich, ob er es ihr sagen soll. Die Callboy-Mutter hat keinen Fetisch, sie will, dass der Mann sich weigert, im Zimmer ihres Sohnes mit ihr zu schlafen, der ultimative Beweis, dass ihr komatöses Kind auch in den Augen anderer noch etwas mitbekommt. Diese Geschichten gehen nah: Was wäre, wenn ich eine blinde Freundin hätte, in deren Schlafzimmer, seit unbekannter Zeit, "Drekkksau" stünde? Würde ich es ihr sagen oder heimlich entfernen? Nichts davon? Besser mal drüber nachdenken, könnte ja passieren. Auf einmal wirkt das gar nicht mehr so unwahrscheinlich.

Diese Erzählungen bleiben aber in der Minderheit. Häufiger setzt der kritische Reflex ein, die Texte gut finden zu müssen, weil die Vergleiche so treffend, die Dialoge lebensecht und die Kalauer Kalauer sind. Woran liegt es, dass man "Der Trost runder Dinge" eher rational gut findet, nicht so emotional?

An der Hauptsatzarchitektur, die Setz kaum variiert, der coolen Tiefkühl-Lakonie. Beispiel von irgendeiner Seite: "Im Juni meldete sich eine Frau bei ihm, die er vor zwölf Jahren zum letzten Mal gesehen hatte. Sie hatten zusammen studiert. Er war in sie verliebt gewesen, und sie hatte es gewusst." Gut. Hat Sound. Bloß auf Dauer macht's ein bisschen fertig. Und wenn Setz mal den minimalistischen Kurzgeschichtenton ändert, am offensichtlichsten in "Spam", dann ist das perfekt. Ja, so klingen diese Abzieh-Mails angeblicher Bekannter in ihrer Google-Translate-Poesie: "Wir haben uns begegnet-auf die Parkbank vor dem Museum, wenn Sie vor der Arbeit nach Hause gehen sind gewesen." Aber will man solche Sätze über Seiten lesen, nur um irgendwann mit einem weiteren herausragenden Vergleich belohnt zu werden - dem einer Mutter, die den Stolz, sollte ihr Sohn eines Tages mit einem Doktortitel heimkehren (weshalb sie mit der Spam-Mail um Geld bittet), als "Gipfelkreuz aller Biografie" bezeichnet?

Überhaupt, die Vergleiche und Metaphern. "Es hatte leicht zu schneien begonnen. Eine Straßenlaterne stand verzaubert da, umnebelt von tanzenden Punkten, eine Mischung aus Leuchtqualle und Testbild." Wie schön ist das. Die allerschönste Laterne-vor-Schneeflocken-Beschreibung. Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Sechzehnjähriger so denkt? Wie viele Menschen, sechzehnjährige und einundsechzigjährige, gehen mit dieser Hyperwahrnehmung durch die Welt? Bei Setz: fast alle.

So ergeht es einem beim Lesen von "Der Trost runder Dinge", als liefe man durch eine Wunderwelt, vorbei an einem menschlichen Getränkeautomaten und dem Wesen Or, staunend über einen Teilzeitautor aus Graz, der es als Mangel ansieht, noch nie einen Toten gesehen zu haben, und fasziniert von der Schulkrankenschwester, die einen Jungen entführt. Es tröstet, dass diese etwas seltsamen, sensiblen Gestalten, die aber immer einem verständlichen Motiv folgend handeln, einen Platz gefunden haben in einem Buch, das mit seinem konvexen Rücken ja auch so ein rundes Ding ist. Neben ihrer Verrücktheit wirkt die eigene, mühsam kultivierte Kantigkeit wieder wie das, was sie ist: ein Wort in einer Tinder-Bio.

Und es tröstet auch ein bisschen, dass sogar ein Hochbegabter wie Setz es nicht immer hinbekommt, seine Figuren zu Menschen zu machen. Sympathische, interessante, empfindsame, lustige und schlaue Gestalten. Aber etwas leblos. Sie bleiben Figuren in einem Computerspiel, NPCs, non-playable characters. Eine gute Metapher? Logisch, sie kommt von Setz.

Vielleicht ist das gemein, der Neid. Aber selbst schuld. Denn wo, verdammt, nimmt er all diese überragenden Bilder und Vergleiche her?

FLORENTIN SCHUMACHER

Clemens J. Setz: "Der Trost runder Dinge". Suhrkamp, 320 Seiten, 24 Euro

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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»Literatur, die so klarsichtig den prekären Weltgenerator in unseren Köpfen in Szene setzt, findet man nur selten.«
Juliane Liebert, DIE ZEIT 07.02.2019