27,90
versandkostenfrei*
Preis in Euro, inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln

  • Buch mit Leinen-Einband

Jetzt bewerten

In seinen Aufsätzen und Reden hat sich Elias Canetti vielfältig mit den Künsten auseinandergesetzt - er widmete sich der Literatur von Hebel bis Kafka, Proust und Joyce, der Malerei und immer wieder dem Theater. Sein berühmtes Gespräch mit Theodor W. Adorno sowie zahlreiche Interviews zur eigenen Biographie und Zeitgeschichte führen vor Augen, wie Canetti im Dialog gewirkt haben muss. Mit diesem Band, der manches bisher Ungedruckte versammelt, liegt die 10-bändige Ausgabe seiner Werke vollständig vor.…mehr

Produktbeschreibung
In seinen Aufsätzen und Reden hat sich Elias Canetti vielfältig mit den Künsten auseinandergesetzt - er widmete sich der Literatur von Hebel bis Kafka, Proust und Joyce, der Malerei und immer wieder dem Theater. Sein berühmtes Gespräch mit Theodor W. Adorno sowie zahlreiche Interviews zur eigenen Biographie und Zeitgeschichte führen vor Augen, wie Canetti im Dialog gewirkt haben muss. Mit diesem Band, der manches bisher Ungedruckte versammelt, liegt die 10-bändige Ausgabe seiner Werke vollständig vor.
  • Produktdetails
  • Gesammelte Werke Bd.10
  • Verlag: Hanser
  • Seitenzahl: 400
  • Erscheinungstermin: Februar 2005
  • Deutsch
  • Abmessung: 209mm x 134mm x 32mm
  • Gewicht: 495g
  • ISBN-13: 9783446185203
  • ISBN-10: 3446185208
  • Artikelnr.: 13288174
Autorenporträt
Canetti, Elias
Elias Canetti wurde 1905 in Rustschuk/Bulgarien geboren und wuchs in Manchester, Zürich, Frankfurt und Wien auf. 1929 promovierte er in Wien zum Dr. rer. nat. 1930/31 erfolgte die Niederschrift seines Romans Die Blendung, der 1935 erschien. 1938 emigrierte Canetti nach London, wo er anthropologische und sozialhistorische Studien zu Masse und Macht (1960) aufnahm. Ab den 1970er Jahren lebte er vorwiegend in der Schweiz und erlangte weiterreichende Berühmtheit mit seinen Theaterstücken, den Aufzeichnungen und den autobiographischen Büchern, darunter Die gerettete Zunge. 1981 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. 1994 starb er in Zürich.
Rezensionen
Besprechung von 12.10.1999
Strahlender Schattenkörper
Aufzeichnungen von Elias Canetti

Am liebsten möchte man unentwegt zitieren. "Sein Brotberuf: Pessimismus. Dazu braucht er ein Haus." "Antwort ist Unfreiheit und darum falsch." "Das Kleinliche des Gedächtnisses." "Gott hält sich zu still, wie einer, der lauert. Worauf?"

Nirgends war er zu Hause, Elias Canetti, dieser vielsprachige Abkömmling sephardischer Juden, geboren im damals türkischen, heute bulgarischen Rustschuk, aufgewachsen in Manchester, Wien und Zürich, wohnhaft in Wien, Paris, Frankfurt und Berlin, dann jahrzehntelang in London und am Ende wieder in Zürich, wo er, fast neunzigjährig, 1994 für immer die Augen schloss. Das Manuskript des vorliegenden Bandes mit Aufzeichnungen aus den Jahren 1973 bis 1984 hat er selbst noch zusammengestellt. Seine Sprache ist die eines Menschen, der stets mit dem Aufbruch rechnet. Nichts darf gemeißelt sein, alles muss wahrhaftig sein. Selbst diesen Teppich zieht er sich noch weg. "Unleidlich die, die sich immer für wahrhaftig halten."

Bei Begriffen mochte er sich nicht beruhigen. "Könnte man noch auf sie beißen, um sie zu prüfen!" Sogar dagegen, dass wir dazu neigen, seine verrätselten Sätze als "Aphorismen" zu bezeichnen, hat er etwas gehabt. "Jetzt heißen seine Gedanken Aphorismen, ein Name wie von Prokrustes." Alles soll neu sein, frei, einmalig, selbst gedacht, frisch gedacht, Ordnung störend. "Die Abneigung gegen Systeme entspringt einem Gefühl des Verlusts. Immer geht etwas verloren, wenn ein System sich schließt. Was es abstößt, erweist sich später oft als das Wichtigste."

Canetti ist der Hirte jener verlorenen Schafe, die kein Systemstall haben will. Keiner Begütigung zugänglich, will er aushalten in einer Welt des Schreckens, das Erkenntnisleid ertragen und auf Logopharmaka verzichten. Lieber verrückt vor Schmerzen als komfortabel vernünftig. "Dem Geist, der sich's gerichtet hat, traut man nicht. Man traut Hölderlin, der seinen Geist mit vierzig Jahren Wahnsinn bezahlt."

Gedanken, die kein System bedienen und nirgends hineinpassen wollen, können nicht eingängig sein. Canetti bezahlt für seinen radikalen Anspruch mit Ungemütlichkeit. Er bietet seinen Lesern keinen Stuhl an, von Kaffee und Kuchen zu schweigen. Er lässt sie Nüsse knacken, bis die Kiefer krachen. Auf Rätsel folgen Paradoxe, auf kryptische Autobiographica komprimierte Werkpläne, auf Dunkelheit verschlossene Umschläge, deren Inhalt nur er selber kennt. Gern versteckt er sich auch hinter Fiktionen, benutzt das Er lieber als das Ich, so dass man bald nicht mehr weiß, wer Er ist und wer Ich. "Er hasst sich, dieses Zufallsbündel von allem, was seit achtzig Jahren auf ihn einwirkt." Er ist ein Denkspieler mehr als ein Weisheitslehrer - was anregend ist, denn er schickt den Leser auf den Weg, anstatt ihn mit Lehren satt und sesshaft zu machen. Er notiert vieldeutige Kürzestgeschichten zum Selberausmalen: "Einer, der im Mutterleib berühmt wird und sich in einem langen Leben danach nie wieder einholt."

Er liebt Hölderlin, Kafka, Musil, Jean Paul, Lichtenberg. Er liebt nicht Goethe (sonderbar, "dass Goethe nicht erstickt ist"), nicht Sartre ("Er hatte sofort eine Antwort, sie bestand schon vor der Frage"), nicht Wagner ("ein eigentliches Unglück der Deutschen") und nicht Thomas Mann ("Musil wird noch da sein, wenn über Thomas Mann gegähnt wird") - wobei er in letzterem Falle auf die polierte Außenhaut eines gekonnten Werks hereinfällt, die doch nur eine Mauer ist, von der Scham errichtet, um ein Versteck für Pein und Schmerz zu haben. Aber auf nichts reagiert Canetti so empfindlich wie auf falsche Versöhnung. Wenn Licht und Wärme lügen können, dann darf man nicht Sonne sein wollen, dann ist es besser, ein Schwärze ausstrahlender Schattenkörper zu sein, der alles Licht und alle Wärme verschluckt.

Canetti wäre der geborene Nihilist, wenn der Nihilismus nicht heute gemütlich und banal zu werden drohte. Deshalb will der verkehrte Prophet doch lieber noch einmal Hiob sein, der seinen Gott in die Schranken fordert - "Gott, wie hast du deine Schöpfung ausgehalten?" - und mit ihm redet, als wäre er, und zugleich, als wäre er nicht. "Er macht mich aus. Ich weiß nicht, wer er ist. Schon gar nicht würde ich ihn Gott nennen." Canetti stellt die alten Fragen nicht, um Ruhe zu finden, sondern um Unruhe zu verbreiten, weil sie heute mehr verstörende Kraft haben als die allgegenwärtige Philisteraufgeklärtheit. Ohne um seinen Ruf als Denker zu bangen, fragt er nach der Seelenwanderung ("Für die Wiederbegegnung mit einem Toten wäre ich auch zur abscheulichsten aller Vorstellungen, der einer Seelenwanderung, bereit"), nach der Bibel ("Die Bibel lesen - mit Maßen. Sie ist zu verführerisch") und immer wieder nach dem Tod, den er hasst in allen seinen Formen. Er schreibt und liest gegen ihn an. Er kauft sich unendlich viele Bücher, in der Hoffnung, dass der Tod ihn nicht holen könne, bevor sie gelesen seien. "Mit der größten Unverfrorenheit sage ich mir laut, dass diese unberührten Bücher mich nicht fortlassen werden . . ."

HERMANN KURZKE.

Elias Canetti: "Aufzeichnungen 1973 bis 1984". Carl Hanser Verlag, München und Wien 1999. 120 S., geb., 26,- DM.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Dies ist der letzte Band der "Gesammelten Werke" von Elias Canette - Schluss freilich ist damit, dem testamentarischen Nachlebensplan des Autors sei Dank, noch lange nicht. Wohl über die nächste zwei Jahrzehnte dosiert wird es Publikationen aus dem Nachlass geben, Canetti hat das Freiwerden der Rechte von langer Hand vorbereitet, um im Gespräch zu bleiben. In diesem letzten "offiziellen" Band mit Reden, Aufsätze und Gesprächen nun gibt es, bedauert der Rezensent Franz Haas, "nicht viel Neues". Nur 6 von 37 Texten gab es zuvor noch nicht zu lesen. Immerhin findet sich darunter ein "Glanzstück", nämlich Canettis 1948 verfasster Aufsatz zu "Proust-Kafka-Joyce", den Heroen der klassischen Moderne, deren Werk Canetti so bewundernd wie selbstbewusst untersucht. Erstaunt zeigt sich der Rezensent im übrigen angesichts mancher der abgedruckten Dankesreden, für die der sonst so scharf urteilende Autor offenkundig viel "Kreide gegessen" hat.

© Perlentaucher Medien GmbH