Professor Andersens Nacht - Solstad, Dag

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Alle Jahre wieder zelebriert Pål Andersen, Professor für Literatur, mit großem Vergnügen und »kindlicher Einfalt« die Heilige Nacht. Er kleidet sich festlich, kocht das traditionelle Weihnachtsessen, um dann alleine zu speisen. Ein erwachsener Mann Mitte fünfzig mit einem intakten kindlichen Gemüt. Er erfreut sich an den erleuchteten Fenstern seiner Nachbarn, die sich alle zum selben Ritual um den Weihnachtsbaum versammeln. Die stille Nacht des Professor Andersen findet ein abruptes Ende, als er im Fenster gegenüber den Mord an einer jungen Frau beobachtet. »Professor Andersens Nacht« beginnt…mehr

Produktbeschreibung
Alle Jahre wieder zelebriert Pål Andersen, Professor für Literatur, mit großem Vergnügen und »kindlicher Einfalt« die Heilige Nacht. Er kleidet sich festlich, kocht das traditionelle Weihnachtsessen, um dann alleine zu speisen. Ein erwachsener Mann Mitte fünfzig mit einem intakten kindlichen Gemüt. Er erfreut sich an den erleuchteten Fenstern seiner Nachbarn, die sich alle zum selben Ritual um den Weihnachtsbaum versammeln. Die stille Nacht des Professor Andersen findet ein abruptes Ende, als er im Fenster gegenüber den Mord an einer jungen Frau beobachtet. »Professor Andersens Nacht« beginnt als klassischer Kriminalroman ... Dag Solstad lockt seinen Leser in die finstersten Winkel der menschlichen Seele.
  • Produktdetails
  • Verlag: Doerlemann Verlag / D”rlemann Verlag AG
  • Seitenzahl: 199
  • Erscheinungstermin: August 2005
  • Deutsch
  • Abmessung: 194mm x 126mm x 22mm
  • Gewicht: 270g
  • ISBN-13: 9783908777168
  • ISBN-10: 390877716X
  • Artikelnr.: 14196646
Autorenporträt
Dag Solstad wurde am 16.7.1941 in Sandefjord geboren. Er debütierte 1965 mit dem Erzählband »Spiraler« [»Spiralen«] und gehört seither zur ersten Garde der norwegischen Schriftsteller. Dag Solstad hat zahlreiche Romane, Artikel, Theaterstücke, Essays verfasst und zusammen mit Jon Michelet fünf Bücher über die Fußballweltmeisterschaften herausgegeben. Er hat als einziger Autor bereits dreimal den norwegischen Kritikerpreis erhalten und wurde für seinen Roman »1987« mit dem Literaturpreis des Nordischen Rates ausgezeichnet. Dag Solstad lebt in Berlin und Oslo. Seine Werke wurden bislang in zehn Sprachen übersetzt. »Elfter Roman, achtzehntes Buch« ist der erste Roman, das erste Buch Solstads auf Deutsch. 2005 erschien »Professor Andersens Nacht«, im Jahr 2007 folgte »Scham und Würde« und 2008 »Armand V«.
Rezensionen
Besprechung von 24.12.2005
AmWeihnachtsbaum die Lichter brennen
Einfach nicht auszutreiben: Dag Solstad zelebriert die Christnacht
Wer kennt sie nicht, die bittersüße Abhängigkeit von Weihnachtsritualen, der auch eine aufgeklärt-intellektuelle Biografie nichts anhaben kann? Dass es sich dabei keineswegs um eine typisch deutsche Verhaltensstörung handelt, mag uns beruhigen: Selbst im vernunftklaren Skandinavien betrachtet am Heiligabend so manch ein Alt-68er versonnen den festlich geschmückten Christbaum, lässt sich das landesspezifische Weihnachtsmahl schmecken und denkt ein wenig verschämt: „Seltsam, wie tief es doch sitzt.” So ergeht es jedenfalls Professor Andersen, der Hauptfigur in einem vor neun Jahren erschienenen, jetzt ins Deutsche übersetzten Roman des norwegischen Schriftstellers Dag Solstad.
Professor Andersen, Literaturwissenschaftler und Ibsen-Forscher, lebt allein, muss also keine familiären Rücksichten nehmen. Trotzdem hat er sich fluchend damit abgemüht, den Baum so in den Baumständer zu zwingen, dass er gerade steht, um dann umständlich die elektrischen Kerzen anzubringen, bis alles seine Ordnung hatte. Jetzt sitzt er im guten Anzug mit geputzten Schuhen am Tisch und nimmt sein Weihnachtsmahl ein, das in seiner norwegischen Heimatregion traditionell aus Rippchen mit süßem Weißkraut sowie in Sahne gekochtem Milchreis besteht, trinkt Bier und Aquavit dazu, anschließend Kaffee und Cognac. Dabei genießt er einen Seelenfrieden, den er genau einzuordnen weiß: „Nicht religiöser, sondern sozialer Natur” ist diese Empfindung, und eben deshalb sehr beruhigend. Professor Andersen feiert Weihnachten, „hauptsächlich, weil er sich beim Gedanken daran, er könnte das Gegenteil tun, unwohl fühlte”.
Sogar zwei Weihnachtspäckchen kann der Professor auspacken: Seine beiden Neffen schenken ihm - Überraschung! - je ein Buch. Eins ist von Ingvar Ambjörnsen, Solstads jüngerem Kollegen und Landsmann, der damals gerade seinen Roman „Utsikt til Paradiset” (Ausblick auf das Paradies) veröffentlicht hatte. Und damit kündigt sich an, dass diese von mildem Spott durchtränkte Heiligabendgeschichte eine makabre Wendung nehmen wird. Ambjörnsens psychopathischer Held Elling beobachtete nämlich durch ein Fernrohr, was sich hinter den Fenstern der gegenüberliegenden Mietskaserne abspielte, und ließ seine Phantasie lauter skurrile Geschichten ausspinnen. Auch Professor Andersen steht nun am Fenster und schaut in die still erleuchteten Weihnachtsstuben seiner Nachbarn. Und gerade hat er sich in eine selbstgefällig „ironiefreie” Meditation über das ewige Wunder der Christnacht und deren Wirkung auf sein eigenes, ungläubiges Gemüt versenkt, als er mit ansehen muss, wie in der Wohnung gegenüber eine junge Frau ermordet wird.
Welch kümmerliche Zeit
So könnte eine Krimihandlung beginnen. Aber der Ex-Maoist und Satiriker Dag Solstad hat mit dem Genre nichts im Sinn, obwohl Hitchcocks „Fenster zum Hof” auch an ihm nicht spurlos vorübergegangen ist. Was ihn interessiert, ist der innere Diskurs, den die unfreiwillige Zeugenschaft in Professor Andersen auslöst. Aus Gründen, die er immer und immer wieder begrübelt, bringt der alternde Akademiker es nicht fertig, zur Polizei zu gehen und den Mörder anzuzeigen, obwohl dessen Identität sich leicht feststellen lässt. Während er vor sich herschiebt, was er als seine staatsbürgerliche Pflicht erkennt, reflektiert Professor Andersen, diesmal ganz und gar nicht ironiefrei, sein bisheriges Leben, seine Karriere, die gesellschaftliche Anpassung seiner ehemals radikal gesonnenen Generation, den Niedergang des Theaters und die mangelnde Zukunftsfähigkeit der Literatur, insgesamt das Unglück, in einer „kümmerlichen Zeit” zu existieren.
Das traditionelle Diner mit seinen Freunden am ersten Weihnachtsfeiertag bestärkt den Professor in seinen düsteren Betrachtungen, denn hier trifft er seinesgleichen, die kapitalistisch gewandelten Revoluzzer von einst, „Intellektuelle im Zeitalter des Kommerzialismus und zutiefst geprägt von dem, was die Herzen der Massen bewegt”. Bei der Begegnung mit einem Kollegen in Trondheim, nun schon zu Silvester, steigert er sich noch weiter in seinen misanthropischen Schub hinein. Dabei wird offenbar, dass er sich nur aus Karriere-Erwägungen auf Ibsen spezialisiert hat und dass er die Literatur schon längst nicht mehr liebt: „Letztlich hatte Professor Andersen den starken Verdacht, dass er sein Leben auf etwas verwendet hatte, was dem Untergang geweiht war.”
Keine Frage, dass Dag Solstad hier auch sich selbst ins Visier nimmt. Er tut das mit einer skandinavischen Langsamkeit und Gründlichkeit, an die man sich erst gewöhnen muss, hinter der dann aber viel rhetorische Eleganz und abgründiger Witz zum Vorschein kommt. Professor Andersen wird den Mörder aus der Nachbarschaft noch persönlich kennen lernen, wird mit ihm Sushi essen und ihn auf einen Whisky in seine Wohnung einladen. Am Ende wird er, der Atheist, mit seinen Grübeleien gar bei der Notwendigkeit Gottes angekommen sein. Gegen den Gewissenskonflikt hilft dann freilich nur noch ein heißes Bad. Mittlerweile ist es Februar geworden, und so haben wir, ohne es recht zu merken, mit Professor Andersen den Winter seines Missvergnügens überaus vergnüglich zugebracht.
KRISTINA MAIDT-ZINKE
DAG SOLSTAD: Professor Andersens Nacht. Roman. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger. Dörlemann Verlag, Zürich 2005. 200 Seiten, 19,80 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Nicht jeder Mord macht aus einem Buch gleich einen Krimi, so die vergnügte Rezensentin Kristina Maidt-Zinke. So etwa hier: Der sein rituelles Weihnachten feiernde Professor Andersen steht besinnlich am Fenster, als er zum Zeuge eines Mordes in einer gegenüberliegenden Wohnung wird. Der "innere Diskurs", den diese Beobachtung im Professor lostritt, hat die Rezensentin regelrecht fasziniert. Schnell werde klar, dass die Polizei unbenachrichtigt bleiben werde. Stattdessen befalle den Professor das plötzliche Bewusstsein seines immerwährenden Angepasstseins sowie die unglückliche Erkenntnis, "in einer 'kümmerlichen Zeit' zu existieren". Auch die sozialen Verpflichtungen der Weihnachtszeit, berichtet die Rezensentin weiter, machen des Professors "Missvergnügen" nur noch schlimmer und lösen einen regelrechten "misanthropischen Schub" aus, von dem er selbst nicht ausgenommen ist: Es lauert die Erkenntnis, dass seine Spezialisierung auf Ibsen reine karrieristische Berechnung war. All das, so das werbende Fazit der Rezensentin, vollbringt Dag Solstad mit einer "skandinavischen Langsamkeit und Gründlichkeit, an die man sich erst gewöhnen muss, hinter der dann aber viel rhetorische Eleganz und abgründiger Witz" zum Vorschein kommen.

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