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Erstmals auf Deutsch: Boris Sawinkows Das schwarze Pferd! Neben Bulgakows Die weiße Garde und Babels Die Reiterarmee das fehlende Stück Weltliteratur zum Russischen Bürgerkrieg und eine sensationelle Neuentdeckung. Juli 1917, Russland: Boris Sawinkow, einst »Russlands Top-Terrorist«, wird stellvertretender Kriegsminister in der provisorischen Regierung Alexander Kerenskis. Nach der Oktoberrevolution kämpft er auf Seiten der Weißen, später auf der der Grünen, um die Bolschewisten zu verhindern. Anfangs riskiert Sawinkow sein Leben für die Adeligen und die Großgrundbesitzer, später kämpft er…mehr

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Produktbeschreibung
Erstmals auf Deutsch: Boris Sawinkows Das schwarze Pferd! Neben Bulgakows Die weiße Garde und Babels Die Reiterarmee das fehlende Stück Weltliteratur zum Russischen Bürgerkrieg und eine sensationelle Neuentdeckung. Juli 1917, Russland: Boris Sawinkow, einst »Russlands Top-Terrorist«, wird stellvertretender Kriegsminister in der provisorischen Regierung Alexander Kerenskis. Nach der Oktoberrevolution kämpft er auf Seiten der Weißen, später auf der der Grünen, um die Bolschewisten zu verhindern. Anfangs riskiert Sawinkow sein Leben für die Adeligen und die Großgrundbesitzer, später kämpft er zusammen mit Banditen - eine paradoxe Situation. Jahre später, im französischen Exil, beschreibt er den Wahnsinn des Russischen Bürgerkriegs in seinem Roman Das schwarze Pferd. Darin peitscht sein Alter Ego, ein weißrussischer Offizier, seine Untergebenen an der Front ohne erkennbare Strategie und mit grausamen Befehlen durch die russische Ödnis. Ihr Feind: Die Kommunisten, die Verräter in den eigenen Reihen, die Deserteure, jeder, der zwischen die Fronten gerät, jeder, der im Weg ist. Wenig später wird er sich lieber Banditen anschließen als so weiterzumachen. Bald weiß kaum einer mehr, wofür oder wogegen er kämpft. Eine junge Partisanin verliebt sich in ihn, er gibt nach, wird sie aber irgendwann bei einer Frontbegradigung opfern müssen.Am Ende führt sein Weg nach Moskau. Sinnloses Morden, apokalyptische Szenen, Goya in Russland, von Sawinkow in einer glasklaren, extrem knappen, manchmal traumschönen, immer aber illusionslosen Sprache erzählt.

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  • Produktdetails
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch GmbH
  • Seitenzahl: 272
  • Erscheinungstermin: 09.03.2017
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783462317121
  • Artikelnr.: 47190460
Autorenporträt
Boris Sawinkow wird 1906 nach einer Vielzahl erfolgreicher Attentate festgenommen und wegen Terrorismus zum Tode verurteilt; ihm gelingt die Flucht. Danach Zeit im Exil, Erscheinen dreier Romane. Während der Revolution stellvertretender Kriegsminister unter Kerenski, aber bald kompromissloser Gegner der Bolschewiken, gegen die er zahlreiche Terrorakte plant. 1924 wird er von Agenten des NKDW nach Russland gelockt und festgenommen. Tod durch Sturz aus dem 5. Stock des Gefängnisses Lubljanka.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 15.03.2017

Raserei, Revolte und Rausch
„Aber die Hütten, die lasst ihr brennen und in den Palästen betrinkt ihr euch.“
Boris Sawinkows großer Roman aus dem Russischen Bürgerkrieg „Das schwarze Pferd“ ist jetzt auf Deutsch erschienen
VON JÖRG BABEROWSKI
Noch nie sei er einem so „unbegreiflichen und erschreckenden Menschen begegnet“, schrieb Ilja Ehrenburg über Boris Sawinkow, den Mann, der aus der Kälte kam. Sawinkow war ein einsamer Mensch, innerlich zerrissen, getrieben von der Lust an der Selbstzerstörung. Raserei, Revolte und Rausch, so ließe sich das Leben des Terroristen, Dandys und Schriftstellers in wenigen Worten beschreiben. Als Terrorist hatte Sawinkow Großfürsten und Minister gejagt, war 1906 verhaftet worden, geflohen und als Schriftsteller in der Emigration wiederauferstanden. In Frankreich vertrieb er sich die Zeit als Journalist und Autor von Romanen.
Sawinkow aber war nicht geboren worden, um sein Leben am Schreibtisch zu beenden. Als der Weltkrieg ausbrach, meldete er sich freiwillig zur französischen Armee, im März 1917 rief ihn die Revolution nach Russland zurück. Im Auftrag der Provisorischen Regierung diente er als Kommissar an der Südwestfront und eroberte die Herzen der Offiziere, die seine Noblesse und Todesverachtung bewunderten. Kerenski ernannte den schneidigen Terroristen im Juli 1917 zum stellvertretenden Kriegsminister, trennte sich aber wieder von ihm, als er in den Verdacht geriet, mit der Konterrevolution zu flirten. Nach dem Oktoberputsch schloss Sawinkow sich zuerst den Weißen an, dann kämpfte er an der Seite der Bauernrebellen gegen die Bolschewiki. Erst im Angesicht der Niederlage verließ er die Heimat und ging ins Exil nach Frankreich. 1924 aber kehrte er zurück, weil er der Verlockung, den Kampf wieder aufzunehmen, nicht widerstehen konnte. Schon an der Grenze wurde er verhaftet, in einem Schauprozess zum Tode verurteilt, aber zu zehn Jahren Haft begnadigt. Sawinkow starb, wie er gelebt hatte: Im Mai 1925 stürzte er sich aus dem fünften Stock der Lubjanka in den Tod.
Der Kampf war Selbstzweck und Daseinsgrund. „Das fahle Pferd“, so hatte Sawinkow seinen Roman über das Leben seines Alter Ego, des Terroristen George, genannt, der 1909 erstmals erschien. Zwölf Jahre später, im Jahr 1923, lässt er George wiederauferstehen, im Roman „Das schwarze Pferd“, der jetzt in einer Übersetzung von Alexander Nitzberg auch in deutscher Sprache vorliegt. George ist Oberst in der Weißen Armee, aber er weiß, dass die zarischen Generäle außer ihrer Vergangenheit nichts haben, was ihrem Leben einen Sinn verleiht. Und so sagt er ihnen Lebewohl. Aber auch die Bauern, denen er sich anschließt, wissen nicht, wozu sie tun, was sie tun müssen.
Am Ende geht George als Terrorist nach Moskau, nur um zu erfahren, dass auch an dieser Front nichts mehr zu gewinnen ist. „Natürlich hat subjektiv jeder Recht“, schreibt Sawinkow im Vorwort zu seinem Roman. „Die Roten, die Weißen wie auch die Grünen.“ Deshalb habe er das Buch „Das schwarze Pferd“ genannt. Der apokalyptische Reiter bringt Tod und Hunger, er verheert uns alle, aber er hat die Waage, das unverrückbare Maß in der Hand.
Alle Menschen sterben, ohne zu wissen, wohin sie gehen werden. Kommt es denn darauf an, welchen Tod sie erleiden und welchem Zweck er dient? Welchen Sinn hat eine Existenz, deren Schicksal ihr unvermeidliches Ende ist? Und wem steht es zu, die Menschen zu richten? Im Angesicht des Todes ist allein der Kampf ein Aufbegehren gegen die Sinnlosigkeit des Daseins, gegen Zwang und Moral. Wer gewissenlos tötet, ist frei. Welche Strafe außer dem Tod kann es denn geben? Sie aber werden eines Tages alle Menschen erleiden, ganz gleich, ob sie getötet oder geliebt haben.
Jegorow, Georges Gefährte, erschießt und erhängt Menschen, als ob es das Selbstverständlichste von der Welt sei, aber er macht sich nichts aus Zigaretten und Alkohol. Wofür wird er am Ende Rechenschaft ablegen müssen? „Ein Raubtier tötet, von Hunger gequält, der Mensch – aus Müdigkeit, Faulheit und Trübsinn. So ist das Leben.“ Und so bewegt sich George durch die Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Bürgerkrieges, er sieht geplünderte und verbrannte Dörfer, wird Zeuge der Lust, mit der gequält und der Anstrengung, mit der gestorben wird. In einem Dorf hängen Leichen an Telegrafenmasten. „Es wird Abend. Rot entflammt die Dämmerung und erlischt. Vor dem klaren, blassgrünen Himmel ragen empor neun schwarze Pfähle. Neun hängende Körper. Alle ohne Mützen, in Unterwäsche. Alle mit offenen blinden Augen. Und alle baumeln sie im Wind.“
Ihn aber scheint kaltzulassen, was vor seinen Augen geschieht. Er hat weder Familie noch Haus und Hof, er vergnügt sich mit Gruscha, dem Bauernmädchen, und träumt von Olga, der verschollenen Liebe. Nur nach ihr sehnt er sich. Es kümmert ihn nicht, was mit ihm geschieht. Ihn interessiert nicht einmal, wer aus dem sinnlosen Gemetzel als Sieger hervorgehen wird. „Es ist mir egal, wer das Land beherrscht. Die Lubjanka oder die Ochranka.“ Die Bolschewiki hasst er nur, weil sie Brauch und Sprache schänden, weil sie stillose Flegel sind, die für ihr „Groschenglück“ das kulturelle Erbe Russlands verspielen.
George durchstreift verlassene Dörfer, in denen verkohlte Hütten stehen. Nichts als bleierne Müdigkeit erfasst ihn angesichts der Trostlosigkeit, die sich ihm auf Schritt und Tritt zeigt. Mit kühler Geste gibt er den Befehl, Plünderer aus den eigenen Reihen zu töten, kein Jammern und Betteln kann ihn erweichen. „Aufhängen. Jegorow und Fedja nähern sich ihm. Und immer noch nieselt der lästige Regen.“ Der Tod ist nur eine kleine, lästige Unterbrechung im Kreislauf der Sinnlosigkeit. Nur die Banditen, die Georges Befehlen gehorchen, finden Gefallen am Leiden der anderen. „Die Banditen lachen. Sie sind froh: Ein Kriegskommissar, zumal ein Student ... Der Zwicker fällt von der langen Nase, die gesenkten Wimpern beginnen zu zucken, und aus den Augen kullern Tränen: Genosse Oberst! ... Genosse Oberst! ... Ich kehre zurück ins Zelt. Und höre ein Kreischen. So schreit kein Mensch. So kreischt ein angeschossener Hase.“
Und dennoch kann auch George Glück empfinden, das Glück des Augenblicks. Die Banditen sind seine Familie, sie leben nur für den Tag, haben kein schlechtes Gewissen, sie töten aus Langeweile, aus Zeitvertreib, und sie denken sich nichts dabei. „Hier ist das raue Kosakenlied, hier ist Raserei, Revolte und Rausch.“ Und dennoch erzittert die Welt vor den Bolschewiki, den „Höllenbiestern“, die keine Gnade kennen und vor denen sich selbst die Banditen fürchten. Sie erzählen einander von den grausamen Ritualen, mit denen sich die rote Macht in Szene setzt. Renitente Bauern werden ausgepeitscht oder erschossen, in den Folterkellern der Tscheka werden Menschen bei lebendigem Leib von Ratten zerfressen, Frauen in Lederjacken und Stiefeln lassen Gefangene auf allen vieren laufen und erschießen sie, wenn sie sich an ihren Qualen sattgesehen haben.
George hasst das „Gesocks“, das sich Russland unterworfen hat, der Kampf gegen die Macht ist sein einziger Daseinsgrund. Und so kehrt er am Ende nach Moskau zurück, als Terrorist, um die Höllenbiester zu jagen, so wie er im Dickicht der Großstadt einst die Minister des Zaren gejagt hatte. Er begegnet Olga, sie hat sich in eine Anhängerin der Revolution verwandelt. George kann es nicht verstehen. Seine Liebe erlischt, Olgas Zauberkräfte erlahmen, er hört ihr Flehen nicht mehr, und mit leerem Blick verlässt er den einzigen Menschen, der seinem Leben einen Sinn gegeben hatte. Um sich herum nichts als Zerfall und Trostlosigkeit. An einer Straße in Moskau steht ein Bettler. Er bittet um Almosen für einen Sarg. George schaut ihn an, die hässliche und erniedrigte Kreatur, die nichts mehr hat als die Hoffnung auf ein würdiges Begräbnis. Friede den Hütten, Krieg den Palästen. Aber was ist von diesem Versprechen der Bolschewiki geblieben? George weiß es: „Aber die Hütten, die lasst ihr brennen und in den Palästen betrinkt ihr euch.“ Die neue Welt ist nichts weiter als eine neue Version der alten Sklaverei. Was kann man daran schon ändern? Frei ist nur, wer den Sklaven in sich zum Verstummen bringt und selbst darüber entscheidet, wann der Zeitpunkt des eigenen Todes gekommen ist.
Boris Sawinkows Sprache ist traurig und schön, von einer Lakonie und Kälte, die in der Literatur ihresgleichen sucht. Alexander Nitzberg, dem Übersetzer, ist es gelungen, ihr auch im Deutschen einen Klang zu geben. Sollte jemals einer fragen, was über die menschliche Existenz in Erfahrung zu bringen ist, wird man ihm Sawinkows Roman in die Hand geben und ihm sagen müssen: Lies, denn du wirst keine besseren Antworten auf deine Fragen finden! „Meine Lieben und Freunde treten zurück und scheuen meine Plage, und meine Nächsten stehen ferne. Denn ich bin zu Leiden gemacht, und mein Schmerz ist immer vor mir.“
1923 ließ Sawinkow sein
Alter Ego, den Terroristen
George, wieder auferstehen
„So schreit kein Mensch.
So kreischt ein
angeschossener Hase.“
Boris Sawinkow schildert, wie die Welt zittert vor den Bolschewiki, den „Höllenbiestern“, die keine Gnade kennen. Vor ihnen fürchten sich selbst die Banditen: Parade der Roten Armee in Moskau zur Zeit des Bürgerkriegs.
Foto: Scherl
Boris Sawinkow: Das
schwarze Pferd. Roman
aus dem russischen Bürgerkrieg. Aus dem Russischen übersetzt, kommentiert und mit ergänzendem Material versehen von Alexander Nitzberg. Galiani Verlag, Berlin 2017, 264 Seiten.
23 Euro. E-Book 19,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 19.03.2017

Poet und Henker

Seine Morde waren so präzise wie seine Literatur. Der Terrorist und Schriftsteller Boris Sawinkow ist vergessen. Ein Fehler

So wie er Menschen tötete, hat er geschrieben: ohne Moral, präzise, leidenschaftlich, kalt, entschlossen, ruhig. Boris Sawinkow war Terrorist und Schriftsteller. Ein Poet und ein Henker. Sawinkows Morde sind vergessen. Und seine Literatur? Auch sie vergessen. Dass das falsch ist, zeigt "Das schwarze Pferd", Sawinkows Tagebuchroman, der jetzt erstmals auf Deutsch erscheint. Ein altes Buch, geschrieben 1923, doch es trägt ein Gesicht von heute. Das Jetzt sieht man auf jeder Seite, so wie die Nachrichten das Jetzt nie zeigen. Man sieht den Krieg.

George heißt der Ich-Erzähler, er ist das nachgezeichnete Ich von Boris Sawinkow. Ein mordendes, ein geniales, ein abstoßendes Ich im Leben, geboren 1879 in Charkow, in der Ukraine. Der Vater Staatsanwalt, die Mutter Schriftstellerin. Sawinkow studiert Jura in St. Petersburg, berauscht sich an sozialdemokratischen Ideen - im Zarenrussland sind sie unerwünscht. Sawinkow muss deshalb ins Gefängnis und dann in die Verbannung. Er wird ein Radikaler und Mitglied einer Terroreinheit der Sozialrevolutionäre. Im Untergrund plant er Anschläge. 1904 ein Attentat auf den Innenminister. 1905 auf den Großfürsten, einen Zarenbruder. 1906 auf einen Generalleutnant: Der Anschlag scheitert. Sawinkow wird verhaftet, zum Tod verurteilt. Doch er kann fliehen. Ein Jahr später will er den Zaren töten. Ein Flugzeug mit Dynamit soll in die Residenz Zarskoje Selo stürzen. Die 9/11-Vision, einhundert Jahre früher. Nur: es fehlt an der Technik.

Sawinkow zieht nach Frankreich. Zu wenig Terror, zu viel Zeit, und er beginnt zu schreiben. Mit der kreativen Energie, mit der er Attentate plante, protokolliert Sawinkow die Sucht nach Terror in seinem Roman "Das fahle Pferd".

Es kommt zur Februarrevolution in Russland, und die Fronten verrutschen. Die Provisorische Regierung wird gebildet. Boris Sawinkow, erst Terrorist, dann Schriftsteller, wird zum Politiker, zum Stellvertreter des Kriegsministers. Bis zur Oktoberrevolution. Dann kämpft er für die Weißen, bis sie geschlagen sind, und wieder flieht Sawinkow. Nach Paris. Er schreibt "Das schwarze Pferd". Er muss sich ausdrücken, mal mit Romanen, mal mit Bomben. Sawinkow reicht das Schreiben nicht, das Leben im Exil, schon wieder will er kämpfen, eine antisowjetische Verschwörung ist geplant.

Doch die Verschwörung ist eine der Tscheka, des Staatssicherheitsdienstes der Bolschewiken, um den Staatsfeind Sawinkow in das Land zu locken. Er reist nach Russland ein und wird verhaftet. In seinem Prozess erklärt er die Kapitulation vor der Sowjetmacht. Dann ist er tot, stürzt sich aus dem Gefängnisfenster. "Eine Totenmesse für den Terroristen - Kommunisten - Selbstmörder Sawinkow. Wie russisch das ist!", schreibt Marina Zwetajewa nach seinem Tod.

"Für Russland", schreibt Sawinkow immer wieder in "Das schwarze Pferd". "Für Russland" geht George, der Erzähler, in den Krieg. Er ist ein Weißer Oberst und kämpft mit letzten Männern, Kugeln, Pferden gegen die Roten. Sawinkows Tagebuchroman erzählt die Tage Georges, erzählt von Schlachten, von Feinden und von Freunden: Da ist der eitle, einfältige, einäugige Fedja, der gläubige und gestrige Jegorow oder der Leutnant Wrede, der Politik so sehr hasst wie die Mörder seines Vaters - es waren Rote. Der Alltag dieser Männer besteht aus Tod und Töten. Eine Exekution beschreibt George so: "Ich kehre zurück ins Zelt. Und höre ein Kreischen. So schreit kein Mensch. So kreischt ein angeschossener Hase." Manchmal schreibt er nur: "Gestern wurde in meinem Garten Nasarenko gehängt." Die Worte, mit denen heute oft Krieg beschrieben wird, im Südsudan, in Syrien, der Ukraine, Worte wie "unmenschlich" und "furchtbar", fehlen dem Vokabular Sawinkows. Die Lakonie macht alles stechend, alles grausam.

Die Tage sind Erzählungen. Sie handeln oft von Träumen. Fedja, er ist zentral für den Roman, träumt von einem Künstlerleben, der "Oberaufknüpfer" - so heißt er, weil er am liebsten mit dem Strick arbeitet -, er malt und will die Werke in Ausstellungen sehen. Ein anderer Soldat träumt von einem Bauernhof, holländische Kühe will er züchten. Und George? Er träumt von Moskau. Dorthin kehrt er zurück. Doch zuerst muss er kämpfen, Krieg führen, sich selbst, aber auch andere immer fragen: Warum? Die Frage ist der Motor des Romans.

Warum? "Für Russland", sagen die Soldaten. Doch die Motive sind verschieden, sind Geld und Rache und Religion oder auch nur die Lust am Töten. "Als wüssten wir, für wen wir kämpfen . . .", so sagt es einmal Fedja. Später schreibt George über seine Soldaten, über sich: "Von wegen Krieger in weißen Gewändern, nur Doppelgänger der eigenen Feinde." Und mit dem Satz kommt Isaak Babel in den Kopf. In Babels "Reiterarmee" kämpfen die Roten gegen Polen, der Sinn fehlt auch in diesem Kampf. "Aber der Pole hat getötet, mein lieber Herr, weil er die Konterrevolution ist. Ihr tötet, weil ihr die Revolution seid", sagt Babels Held Gedalje, der so wie George keinen Unterschied sieht zwischen Mördern.

Ein Weiser und ein Heiliger ist der Held von Sawinkow aber nicht. George ist besessen. Gierig schreibt er nach dem Erfolg in einer Schlacht: "Und jetzt erhebt sich in mir das Tier: Ich will bis aufs Blut kämpfen. Kämpfen, selbst wenn der Sieg unmöglich ist." Er ist kein Mensch, er ist ein Kriegsmensch. Als Leser verachtet man den Oberst oft, hasst mal die Lethargie, mal die Entschlossenheit, die glühende und blinde Leidenschaft für Russland. Man sieht in ihm aber auch den Getriebenen, versteht ihn, hofft geschichtsvergessen, dass diesen Krieg die Weißen doch gewinnen, dass George wieder ein Mensch wird.

Seine Situation ist aussichtslos. George flieht in einen Wald und führt dort eine Partisanentruppe an, die Grünen. Zuerst liebt er den Wald, er ist auch dort ein "Diener Russlands", glücklich. Es sind nur Augenblicke. Die Grausamkeit kriecht auch zwischen die Bäume. Jetzt werden Kommunisten nicht nur gehängt, werden verbrannt, werden gefoltert. Wieder das literarische Sawinkow-Grauen: "Die Linden blühen . . . Ein ersterbendes Piepsen. Und ich weiß: Im Wald wurde wieder gemordet."

Gruscha, die Bäuerin und Partisanin aus dem Dorf Stolbzy, wird zuerst zur Geliebten Georges und dann entführt von Roten. George glaubt, dass sie in Rschew ist, dahin führt er die Partisanen. Doch die Geliebte ist verschwunden. Der Oberst befiehlt ein Massaker, beendet diesen Tag mit diesen Worten: "Für Moskau. Für Stolbzy. Für Gruscha." Zum ersten Mal wird der Roman wirklich pathetisch, zum ersten Mal sieht George wirklich einen Grund, warum er tötet.

Danach geht er nach Moskau, im Untergrund plant er Anschläge, Sabotageakte. Er bleibt ein Kriegsmensch bis zum Schluss. Und zum Schluss wieder das Warum. George weiß jetzt, dass er Krieg nicht für Russland führte, denn Russland zuckt verwundet: "Nicht nur sie haben es abgeknallt - wir auch. Ja, alle die ein Gewehr zur Hand hatten. Wer ist für Russland? Wer ist dagegen? . . . Wir? . . . Die? . . . Oder wir und die? . . ."

Nein, man muss "Das schwarze Pferd" nicht lesen, um die Geschichte Russlands zu verstehen. Oder um zu begreifen, wie grausam Krieg war, grausam Krieg ist. Man muss es lesen, um das Talent Sawinkows, die glühende Wucht der kalten Literatur zu spüren und sich daran die Hände, Stirn zu wärmen. Und man muss den Roman auch lesen, weil er das Heute so präzise zeigt, von einer Seite, die man selten sieht: Die Jetzt-Welt, sie ist so durcheinander wie Russland im Bürgerkrieg. Boris Sawinkow beschreibt ihn, doch er bewertet nicht. Erst ohne Schwarz und ohne Weiß, ohne ein Gut, ohne ein Böse, kann man mehr sehen als Bomben, Beschüsse und als Fronten. Man sieht den Unterschied zwischen einem Menschen und einem Kriegsmenschen. So sind Figuren, die George trifft, auch die Figuren aus den Kriegen heute. Einer kämpft für das Geld. Einer für Rache. Einer für die Religion. Einer fürs Vaterland. Motive machen aber keinen Unterschied. Der Mensch macht Unmenschliches. Und das Warum bohrt sich in alle. Sawinkows Frage bleibt: Wie geht das Töten für die gerechte Sache? Es geht nicht, sagt "Das schwarze Pferd", sagt Sawinkow, der Terrorist und Mörder.

Wie konnte so einer so etwas schreiben? Einen großen pazifistischen Roman? Weil Boris Sawinkow die Ideologie aussperrte aus der Literatur, weil er in ihr kein Ziel verfolgte, kein ideologisches Vorhaben, das er im Leben bis zum Tod verfolgte. "Das schwarze Pferd" ist nur deshalb universell, ist unvergänglich, und doch ist der Roman vergessen. Warum? Vielleicht musste Sawinkow literarisch sterben, weil er getötet hat. Vielleicht liebte Sawinkow sogar dieses Töten. In seinem ersten Buch "Das fahle Pferd" lässt der Schriftsteller seinen Helden sagen: "Ich bin ein Meister der roten Zunft. Ich will auch in Zukunft mein Handwerk ausüben. Tag für Tag. Stunde für Stunde werde ich Morde ausbrüten. Ich werde alles heimlich beobachten, werde allein vom Tod leben." Sogar Lermontows egoistischer, eiskalter Petschorin in "Ein Held unserer Zeit", dem Klassiker der russischen Literatur, wirkt wärmer als der Held Sawinkows.

"Das schwarze Pferd" kennt diese außerordentliche Mordlust nicht mehr. Doch ist es keine Läuterung des Terroristen Sawinkow. Er selbst war nie ein Pazifist. Nach der Veröffentlichung des Romans in Frankreich hätte Sawinkow in Ruhe leben können in Paris. Er aber wollte nochmals in den Kampf. Nur deshalb fiel er 1924 auf die Verschwörung der Bolschewiken herein und reiste ein nach Russland. Im Leben war er ein Verblendeter, ein Kampfsüchtiger. Die Literatur Boris Sawinkows war klüger als sein Leben.

ANNA PRIZKAU

Boris Sawinkow: "Das schwarze Pferd. Roman aus dem Russischen Bürgerkrieg". Aus dem Russischen von Alexander Nitzberg. Galiani Berlin, 272 Seiten, 23 Euro

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Das Buch blickt tief in die zerrissene Seele des russischen Volkes und kommt zu einer düsteren Erkenntnis: Die Schlacht um Macht und Einfluss lässt ausschließlich Verlierer zurück. Jochen Kürten Deutsche Welle