Willkommen in Lake Success - Shteyngart, Gary
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Am Puls des heutigen Amerika - "man möchte schreien, weil dieser Roman so wahr und so unglaublich lustig ist" (Richard Ford)
Eines frühen Morgens entledigt sich Barry Cohen, Master of the Universe, der Fesseln seines allzu perfekten Lebens. Der Sohn eines jüdischen Poolreinigers hat eine traumhafte Karriere gemacht: Seine Hedgefonds spülen ihm Millionen aufs Konto, für ihn zählen nur Status, Ruhm, Prestige und Perfektion. Doch dann kommt der Tag des tiefen Falls: Er begreift, dass sein Sohn niemals in seine Fußstapfen treten wird. Mit nichts als seinen Lieblingsuhren im Gepäck flieht Barry…mehr

Produktbeschreibung
Am Puls des heutigen Amerika - "man möchte schreien, weil dieser Roman so wahr und so unglaublich lustig ist" (Richard Ford)

Eines frühen Morgens entledigt sich Barry Cohen, Master of the Universe, der Fesseln seines allzu perfekten Lebens. Der Sohn eines jüdischen Poolreinigers hat eine traumhafte Karriere gemacht: Seine Hedgefonds spülen ihm Millionen aufs Konto, für ihn zählen nur Status, Ruhm, Prestige und Perfektion. Doch dann kommt der Tag des tiefen Falls: Er begreift, dass sein Sohn niemals in seine Fußstapfen treten wird. Mit nichts als seinen Lieblingsuhren im Gepäck flieht Barry mit einem Greyhound-Bus aus New York. Sein irrwitziger Plan: nach zwanzig Jahren seine College-Liebe Layla in El Paso zu treffen. Ob er mit ihr das echtere Leben von damals wieder aufnehmen kann?

Bestsellerautor Gary Shteyngart nimmt uns in dieser Great American Novel mit auf eine turbulente Reise durch das zutiefst gespaltene Amerika der Vor-Trump-Ära - und erzählt von der Suche eines Mannesnach dem wahren Glück. Großherzig, klug und witzig!
  • Produktdetails
  • Verlag: Penguin Verlag München
  • Seitenzahl: 432
  • Erscheinungstermin: 15. April 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 144mm x 40mm
  • Gewicht: 604g
  • ISBN-13: 9783328600695
  • ISBN-10: 3328600698
  • Artikelnr.: 54465104
Autorenporträt
Shteyngart, Gary
Gary Shteyngart wurde 1972 als Sohn jüdischer Eltern in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, geboren und kam im Alter von sieben Jahren in die USA. Er legte 2002 mit »Handbuch für den russischen Debütanten« seinen Erstling vor, ein New-York-Times-Bestseller, der u.a. mit dem National Jewish Book Award for Fiction geehrt wurde. Es folgten die vielfach ausgezeichneten Erfolgsromane »Absurdistan« und »Super Sad True Love Story« sowie zuletzt sein autobiografisches Buch »Kleiner Versager«. »Willkommen in Lake Success« ist der vierte Roman des New Yorker Kultautors, er wurde mehrfach zu einem der besten Bücher des Jahres 2018 gekürt und wird von HBO als Serie mit Jake Gyllenhaal in der Hauptrolle verfilmt.

Herzke, Ingo
Ingo Herzke, Jahrgang 1966, hat Klassische Philologie, Anglistik und Geschichte in Göttingen und Glasgow studiert. Seit 1999 lebt er mit seiner Familie in Hamburg und übersetzt neben Gary Shteyngart u. a. Alan Bennett, Nick Hornby, A. L. Kennedy, Kate de Goldi, Joshua Cohen und A. M. Homes.
Rezensionen
Besprechung von 18.04.2019
Selbst der Schuft hat eine Seele
In der Not hilft nur noch ein Trip mit dem Greyhound-Bus: Gary Shteyngart karikiert die New Yorker Elite im Sommer vor der Trump-Wahl

Barry Cohen besitzt ein Vermögen von sechzig bis hundertfünfunddreißig Millionen Dollar und ein ziemlich ärmliches Leben. Ersteres lässt sich in seiner Branche, der New Yorker Hedgefonds-Welt, nicht so genau bemessen. Letzteres ist dafür umso offensichtlicher.

Mit seiner Frau Seema, die er - und die ihn - nicht mehr liebt, wohnt Barry in einem Manhattaner Hochhaus, dessen obere drei Stockwerke Rupert Murdoch gehören, geht zu Dinner-Verabredungen mit Nachbarpärchen, die er nicht leiden kann, und hat das kleine Problem, dass jederzeit das FBI durch die Tür stürzen könnte - Börsenbetrug. Seinen dreijährigen Sohn Shiva hat Barry zwar lieb, sieht ihn aber vor allem als eines: nicht normal. Jüngst wurde bei Shiva Autismus diagnostiziert - was im Laufe des Romans erfreulicherweise nicht witzereißend weggewinkt, sondern durchaus sensibel vertieft wird. Der Vater aber begreift seinen Sprössling nicht. Warum nur lässt Shiva sich nicht von Papas Luxusuhrensammlung begeistern? Barry hat genug. Er braucht das Allheilmittel für unruhige Herzen: den Greyhound-Bus und eine Reise nach Westen.

Wie heutzutage eine Roadtrip-Geschichte schreiben, ohne sich bloß mit Klischees zum Affen zu machen? Zum Beispiel: indem man sich absichtlich mit Klischees zum Affen macht. Zwar könnte Barry ja problemlos erste Klasse fliegen oder zumindest Zug fahren, "aber dies war die freie Straße, und wenn du erst einmal auf der freien Straße warst, dann eilte das ganze Land herbei, um dich zu begrüßen und deinen Eistee nachzufüllen". Der "weltgrößte Verfechter des Trickle-down-Effekts" dürstet nach Authentizität und wird Tourist im Land der Brotlosigkeit. Schon bald landet die Kreditkarte im Müll; nur von seinen Uhren mag er sich noch nicht trennen. In der Greyhound-Halbwelt riecht es zwar nach Fuß, Fischbrötchen und Urin, aber das bringt Barry nicht vom Ziel ab: seine College-Freundin im texanischen El Paso auftreiben, möglicherweise ein paar Kinder mit ihr zeugen, sexy und glücklich sein. Und nebenbei die einfachen Leute verstehen, die in diesem Sommer 2016 mit dem absonderlichen Gedanken spielen, Donald Trump zum Präsidenten zu wählen.

Barry kennt die Gebrauchsanweisung. Jack Kerouacs 1957 erschienener Beat-Roman "On the Road" (deutsch: "Unterwegs") ist für viele junge Männer, meist weiße Mittelschichtssöhne mit geisteswissenschaftlichem Studienabschluss, eine Art Bibel. Gepredigt werden sexuelle Befreiung und literarisches Vagabundentum. Zu dieser Gemeinde gehört auch Barry, der in Princeton im Nebenfach Kreatives Schreiben studiert hat, Hemingways supermännliche Prosa bewundert und sich mit Anfang vierzig noch einbildet, in ihm schlummere ein Schriftsteller. "Sogar seine Träume von einer Reise quer durchs Land waren von der Möglichkeit unterfüttert, seine Erinnerungen eines Tages zu Papier zu bringen. So eine Art Unterwegs, nur in nachdenklicher, gereifter Sprache." Zur Beruhigung sei schnell gesagt, dass der Autor Gary Shteyngart viel zu scharfsinnig ist, um unironisch in der Road-Erotik Kerouacs zu schwelgen. Barry zeichnet er als narzisstischen Loser, der elegante Tragik mit Selbstmitleid verwechselt.

Dass einem dreijährigen Kind und dessen junger Mutter durchaus Besseres widerfahren kann als ein eskapistischer Vater, fällt Barry nicht ein. Dessen Odyssee unterbrechen Kapitel aus Sicht der in New York gebliebenen Seema, der Shivas Erziehung nun allein zufällt. Seema ist zwar deutlich jünger als Barry, emotional aber weitaus reifer. Unlängst hat sie sich eingestanden, dass der Finanz-Machismo ihres Mannes genau der Systemfehler ist, durch den "der zutiefst gestörte New Yorker Geschäftsmann" Trump gerade ins Amt zu kommen droht (Seema unterstützt Hillary Clinton, Barry Marco Rubio). Und statt Shivas Autismus weiter zu leugnen, beginnt Seema zu erkennen, dass ihr Kind eben so ist, wie es ist. So ängstlich, so eigen, so phantasievoll, so schön.

Fröhlich, unverfroren und mitunter ganz unkomödiantisch zeigt der Roman die Prätentionen der berüchtigten oberen 0,1 Prozent. Mit Vorliebe veralbert Shteyngart Gesellschaftsgruppen, denen er selbst angehört, vor allem wohlhabende Manhattanites. Denn die meisten Milieus, das ein vertrauter Shteyngart-Modus, sind gleichzeitig liebenswürdig und lächerlich. Schon in seinem Satireroman "Absurdistan" (2006) machte er sich vergnügt über einen jüdischen russisch-amerikanischen Schriftsteller namens Jerry Shteynfarb lustig. Shteyngart selbst wurde 1972 in Leningrad geboren und emigrierte als Siebenjähriger mit seinen Eltern in die Vereinigten Staaten. 2002 veröffentlichte er seinen Erstling "Handbuch für den russischen Debütanten". Noch immer, sagt er, verstehe er Russland besser als Amerika. "Willkommen in Lake Success" beweist nun, dass er auch Trumps Amerika und "die Langeweile eines kriegerischen Landes, das keinen richtigen Krieg zur Hand hatte", bestens begreift.

Außerdem ist er bekannt dafür, pausenlos Empfehlungen auf den Klappentexten anderer Autoren unterzubringen (empfohlen sei die kurze, sehr lustige Youtube-Doku "Shteyngart Blurbs"). Auch in seinem vierten Roman lässt er es nicht aus, liebevoll die Literatenzunft zu karikieren. Für Barrys verhassten Nachbarn etwa, den Schriftsteller Luis, ist "jede Art von Realismus reaktionär. Luis jedenfalls gab sich nicht der Illusion hin, er könne die Welt verändern. Er wollte bloß in seinen schlecht verkäuflichen Büchern über sie schreiben und sie für seine neunhundert Twitter-Follower in der Luft zerreißen."

Es wird kaum Zufall sein, dass der Vorname des Protagonisten sich auf den des Autors reimt. Und es macht großen Spaß, die Absurditäten zu lesen, die Shteyngart sich für dieses Buch ausgedacht hat. Obwohl "adaptiert" es vielleicht besser träfe. So erwirtschaftet ein Pharmaunternehmen, in das Barry Millionen investiert hat, ordentlich Kapital damit, den Monatspreis eines lebensrettenden Medikaments mal eben von dreißig auf siebenhundert Dollar zu erhöhen. Man fühlt sich sofort an den mittlerweile im Gefängnis sitzenden Hedgefonds-Manager Martin Shkreli erinnert, dessen price-hiking-Strategie ihm den unschmeichelhaften Spitznamen Pharma-Bro einbrachte. Barry and Shkreli hätten sich verstanden.

Unser Held hält sich dennoch für einen inspirierten Philanthropen. Vorübergehend plant er, "Milliardärssammelkarten für arme Kinder herauszubringen, (. . .) damit ,schwarze Jugendliche angespornt würden, sich in der Schule mehr anzustrengen'. (. . .) Sein Milliardärsfreund in Miami war anscheinend zur Finanzierung bereit - niemand liebte arme schwarze Kinder so sehr wie weiße Milliardäre." Shteyngart trifft damit einen Nerv. Im Musical "Hamilton", das Seema sich an einer Stelle am Broadway ansehen möchte, heißt es, gleichsam den Barry-Komplex diagnostizierend: "There's nothing rich folks love more than going downtown and slummin' it with the poor."

Zuletzt noch zur Frage, ob Barry dank seiner Reise, die - wie Kerouacs "On the Road" - bis nach Mexiko führt, zumindest seine Trump feiernden Landsleute versteht. Nun ja: "Auf seiner Greyhound-Fahrt war es Barry öfter mal durch den Kopf geschossen, dass er seine Mitreisenden zwar aus tiefstem Herzen liebte, ihnen aber in der Wahlkabine nicht trauen konnte, weil sie keine Aktionäre waren. Sie begriffen die Erregung, den Schmerz und die Verpflichtung nicht, die daraus erwuchsen, einen Teil ihres Landes zu besitzen." Mal bemitleidet man Barry, mal verabscheut man ihn, hier eher Letzteres. Insgesamt ist er vermutlich ein Schwein. Aber wie sang Neil Young über einen der bekanntesten amerikanischen Verbrecher? "Even Richard Nixon has got soul." Barry Cohen somit wohl auch. Dieser Roman sowieso.

CORNELIUS DIECKMANN

Gary Shteyngart:

"Willkommen in Lake

Success". Roman.

Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Penguin Verlag, München 2019. 432 S., geb., 24,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 24.04.2019
Die wilden Westen
In Gary Shteyngarts Roman „Willkommen in Lake Success“ geht ein Wall-Street-Millionär auf
Sinnsuche durch die amerikanische Provinz. Nur hat dort niemand Zeit für seinen Kitsch.
VON FELIX STEPHAN
Gelegentlich kommt es vor, dass sich ein ganzer Erzählkosmos in einem einzigen Kleidungsstück bricht. In Goethes „Werther“ war es eine gelbe Weste, in Christian Krachts „Faserland“ eine Barbour-Jacke und im Falle von Gary Shteyngarts neuem Roman „Willkommen in Lake Success“ kulminiert die große Erzählung von Schuld, Sühne und Gerechtigkeit in einer Fleece-Weste von Patagonia.
Die Weste hat an der Wall Street vor einigen Jahren den nachtblauen Dreiteiler als prototypische Trader-Uniform abgelöst, weil sie einen gewissen Disruptionsehrgeiz symbolisiert und die Grundbereitschaft, das Geschäft im Zweifel als Extremsport zu betreiben. Die großen Wall-Street-Firmen geben diese Westen heute gleich containerweise an ihre Mitarbeiter aus, was allerdings in einem ungünstigen Verhältnis zu den Unternehmenswerten der Firma steht, die diese Westen herstellt. Das Firmenmotto von Patagonia lautet: „We’re in business to save the planet.“ „Die Rettung des Planeten ist unser Geschäft.“
Patagonia ist ein Unternehmen, das sich der Club of Rome nicht exemplarischer hätte ausdenken können. Zum Black Friday im Jahr 2011 hatte die Firma eine ganzseitige Anzeige in der New York Times geschaltet, auf der eine Patagonia-Jacke zu sehen war, darunter die Aufforderung: „Don’t buy this Jacket.“ „Kaufen Sie diese Jacke nicht.“ Man solle, so die Anzeige, nur Kleidung kaufen, die man wirklich brauche, sie flicken, wenn sie Löcher bekomme, und sie weiterverkaufen, wenn man keine Verwendung mehr für sie habe.
Zwei Jahre später veröffentlichte der Umweltbeauftragte des Unternehmens, der Bergsteiger und Umweltschützer Rick Ridgeway, einen Essay über das Wachstumsdogma als Sackgasse, der kurz darauf Unternehmenspolicy wurde. Nach eigenen Angaben hat die Firma mittlerweile über 100 Millionen Dollar an die Organisation „One Percent for the Planet“ überwiesen, die ein Prozent des Umsatzes teilnehmender Unternehmen in den Umweltschutz investiert. Dass die Patagonia-Weste nunausgerechnet von den Erzengeln des Wachstumsdogmas zur Bürouniform auserkoren wurde, war so nun gerade nicht vorgesehen. Zu einem ernsthaften Marketingproblem wurde dieser läppische Nebenwiderspruch allerdings erst, als der Instagram-Account „Midtown Uniform“ anfing, Bilder von weißen Männern namens Ted, Chad und Brad zu posten, die gewandet in Patagonia-Fleece-Westen in Manhatten kurz ans Tageslicht treten, um sich nach zwei durchgearbeiteten Nächten von ihren Erdöl-Profiten Proteinshakes to go zu kaufen. Der Account wurde so populär, dass die Patagonia-Chefin öffentlich erklärte, in Zukunft stärker auf die Auswahl der Kunden zu achten.
Das ist jedenfalls die Welt, in der sich der sich Barry bewegt, der Protagonist von Gary Shteyngarts neuem Roman. Barry trägt eine Citi-Weste, obwohl er längst einen eigenen Hedgefonds hat, er lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Manhattan und seine Vermögensverhältnisse offenbaren sich vor allem an den Bescheidenheitsgesten. Wenn er bei seinen Nachbarn zehn Stockwerke weiter unten zum Dinner eingeladen ist, bringt einen rustikalen 2000-Dollar-Wein mit, um ihnen nicht gleich von Anfang an unter die Nase zu reiben, dass sie nur gewöhnliche zweistellige Millionäre sind.
Nun ist es allerdings so, dass Barry selbst gerade ein paar psychologische Kippmomente hinter sich hat. Erstens erwartet er jeden Moment den Anruf der Staatsanwaltschaft, die sich erkundigen möchte, was es mit den verdächtigen Leerverkäufen auf sich hat, die er nicht wird erklären können. Zweitens steigen die Investoren gerade reihenweise aus seinem Fonds aus, nachdem er Anteile an einem Medizinunternehmen gekauft hat, dessen Gründer mittlerweile im Gefängnis sitzt. Und drittens sind er und seine Frau bei einem Ausflug nach Rom kürzlich vor einem Tizian-Gemälde fast zusammengebrochen, weil das Gemälde eine Madonna mit ihrem Kind zeigt, und dieses Kind deutlich jünger ist als ihr eigener Sohn, den Blick der Mutter aber trotzdem auf geradezu gierige Weise sucht, während ihr Sohn überhaupt noch nie Blickkontakt mit irgendjemandem gesucht hat. Spätestens von diesem Moment an ist nicht mehr von der Hand zu weisen, dass ihr Sohn nicht nur ein bisschen langsam ist, sondern dass grundsätzlich etwas nicht stimmt. Die Untersuchungen ergeben kurz darauf, dass er tatsächlich „im Spektrum“ liegt, wie die zahllosen Graduierungen des Autismus zusammengefasst werden. Und zwar nicht gerade so, sondern so tief im Spektrum, dass er nie wird sprechen können.
Barry verlässt also kurzerhand Familie und Firma, als handele es sich um ein brennendes Haus, wirft Kreditkarten und Telefone weg und begibt sich im Greyhound-Bus auf eine spirituelle Reise durch das amerikanische Hinterland. Die Reise führt nach Atlanta, El Paso, San Diego bis über die mexikanische Grenze nach Ciudad Juárez, stets in der diffusen Hoffnung auf das wahre Leben, auf Absolution und moralische Gewissheit.
Als er sich mit einem Straßendealer anfreundet, sieht er die große Reportage im Spiegel schon vor sich: „,Zwei Amerikaner’“ würde die Überschrift lauten.“ „Während seine Hedgefonds-Kollegen Hunderttausende Dollar ausgaben, damit sie in Usbekistan um vier Uhr morgens Ortszeit aufstehen und mit dem besten Bäcker von Samarkand Sesambrote backen oder auf den Galapagos-Inseln einer Meerechse Auge in Auge gegenüberstehen konnten, war Barry nur fünfhundert Kilometer südlich von Central Park West ein echtes Stück Amerika geschenkt worden.“ Wie den jungen Brahmanen in Hesses „Siddhartha“ könnte diese Reise im Idealfall letztlich zur Erleuchtung führen. Weil aber die Prämisse falsch und Barry ein feiger Betrüger ist, der sich aus der Verantwortung stiehlt, trifft er überall nur auf die Geister der falschen Entscheidungen, die er irgendwann einmal getroffen hat. Diese immer wieder ins Leere laufende Sinnsuche erzählt Shteyngart als große Slapstick-Parabel.
Als erstes sucht Barry seinen ehemaligen Angestellten Jeff Park in Atlanta auf, von dessen Aussehen er ableitet, dass er wohl aus China stammen muss, und den er einst entlassen musste, nachdem ihm bei einem Trade eine Kommastelle verrutscht war, ein Flüchtigkeitsfehler, der das Unternehmen dreißig Millionen Dollar gekostet hatte. Tagelang unterhalten sich die beiden über die Frage, wie man als moralisch denkender Mensch in diesen Tagen ein gutes Leben führen kann, während sie mit Jeffs Ferrari durch die Stadt fahren, was wirklich unglaublich tragisch ist. Ihr Bemühen um moralische Integrität ist ernst, aber wenn sie darüber nachdenken, was falsch läuft in der Welt, landen sie am Ende doch nur wieder bei dem Verdeck des Ferraris, das sich im Neuzustand noch in 14 Sekunden geöffnet hat, heute aber schon 18 Sekunden braucht.
Seit seiner Verbannung von der Wall Street hat Jeff dem Leben eines Milliardärs in Manhattan entsagt, um in der Nähe seiner Eltern zu leben und in Atlanta einen eigenen kleinen Fonds zu betreiben, der ihm kaum mehr als ein paar Millionen Dollar im Jahr einbringt, eine Bescheidenheit, die Barry tief beeindruckt.
Im texanischen Hinterland kommt er dann mit einer jungen, gut aussehenden, afroamerikanischen Frau ins Gespräch, der er unmittelbar verfällt, weshalb er ihr Mentor werden und ihr alle Türen in Manhattan öffnen möchte, ein passiv-aggressiver Reflex, den Teju Cole einmal den „White Saviour Industrial Complex“ genannt hat: Weil im weißen Bewusstsein nicht vorgesehen ist, dass Schwarze ein selbstbestimmtes, zufriedenes Leben führen, neigen sie dazu, allerlei Rettungsmaßnahmen aus dem Hut zu zaubern, sobald sie ihnen persönlich begegnen. Und als er schließlich in El Paso seine Ex-Freundin aus dem College aufsucht, die er einst heiraten wollte und die heute Professorin ist, stellt sich heraus, dass sie ihm auch nach zwanzig Jahren noch immer eine Kurzgeschichte nicht verziehen hat, die er damals in Princeton geschrieben hat. In der Geschichte findet ein von sich selbst entfremdeter Investmentbanker inneren Frieden, als er unter einem Wasserfall eine nackte Badende findet. Barrys Reise durch die USA ist eine Parabel auf die amerikanisch-protestantische Tradition, romantisierte, primitive Gegenbilder entwerfen, um sich selbst als zivilisiert zu begreifen: familienorientierte Chinesen, erotische Schwarze, naturverbundene, selbstvergessene Frauen.
Das geläufigste Sinnbild für den amerikanischen Helden, der bei dem Versuch, sich selbst durch die Liebe einer Frau zu vervollkommnen, stets ins Leere greift, stammt von F. Scott Fitzgerald: Jay Gatsby, der sein Vermögen vor allem deshalb angehäuft hat, um eine Frau zu beeindrucken, die er nicht haben kann. Die gesamte amerikanische Kultur als Nebenprodukt heterosexueller Sublimierung. Auch deshalb wimmelt Shteyngarts Roman nur so vor Fitzgerald-Bezügen: Auch Barry versucht beharrlich, seine eigenen Fehler dadurch zu kompensieren, dass er anderen Leuten hinterhersteigt, allerdings genauso erfolglos wie Jay Gatsby: Alle haben entweder Wichtigeres zu tun oder wollen mit dem Betrüger, der er geworden ist, nichts zu tun haben. Seinen kollabierenden Hedgefonds „This Side of Capital“ hat Barry nach Fitzgeralds Debütroman „This Side of Paradise“ benannt.
Die Absolution wird Barry aber auch deshalb verwehrt, weil sich im ganzen Land einfach niemand findet, dessen ganzes Universum er nicht einfach kaufen könnte. Georg Simmel hat um 1900 dem Zeitalter des Geldes noch das Potenzial zugeschrieben, soziale Grenzen aufzulösen und den Einzelnen von gesellschaftlichen Zwängen wie Stand, Religion, Hautfarbe zu befreien. In Barrys USA aber sind die Vermögensunterschiede wieder so groß, wie sie im Feudalismus kaum je waren. Sämtliche Figuren in diesem Roman sind nur Statisten in einer Welt, die nach oben hin auf Barry zuläuft. Die utopische Gleichheitsekstase aus Jack Kerouacs „On the Road“, auf die Barry auch ein wenig gehofft hatte, fällt aus, weil er all diese normalen Menschen, mit denen er sich ein Land teilt, nur freundlich bestaunen kann, als spaziere er durch einen Streichelzoo. Hineinversetzen kann er sich in sie nicht. Diese Einsamkeit ist nicht zu unterschätzen, Barry ist eine rundum tragische Figur.
Dass es schließlich doch noch so etwas wie eine Erlösung für den Protagonisten gibt, hat damit zu tun, dass Shteyngart das Ende von Joseph Roths Roman „Hiob“ geliehen hat. Barry selbst hat davon nichts mehr. Die Augen gehen ihm erst auf, als es längst zu spät ist. Im Moment der Erkenntnis besteht er aus nichts mehr als Schuld und gleißendem Schmerz. Bislang war Gary Shteyngart, der 1972 im heutigen Sankt Petersburg geboren wurde, vor allem für seinen Witz bekannt, seine Fähigkeit, den Postsozialismus als Burlesque zu erzählen. Dass er einmal einen derart kraftvollen tragischen Roman vorlegen würde, war nicht unbedingt abzusehen. Vielleicht liegt es an der Zeit, in der das Buch entstanden ist: Im Hintergrund, in Andeutungen und Gesprächen, ist immer wieder die Rede von einem Präsidentschaftskandidaten namens Donald Trump.
Wenn Barry bei seinen Nachbarn
zum Dinner eingeladen ist, bringt
er einen 2000-Dollar-Wein mit
Barrys Reise durch die
USA ist eine Parabel auf die
amerikanische Ideengeschichte
Die utopische Gleichheitsekstase
aus Jack Kerouacs „On the Road“
fällt bei Barrys Reise aus
In den hinteren Reihen der Greyhound-Busse vermutet Barry das wahre Amerika. Meist aber riecht es nach Urin.
Foto: dpa
Gary Shteyngart:
Willkommen in Lake Success. Roman.
Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Penguin Verlag, München 2019. 430 Seiten, 24 Euro.
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"Gary Shteyngart karikiert die New Yorker Elite im Sommer vor der Trump-Wahl. ... Es macht großen Spaß, die Absurditäten zu lesen, die Shteyngart sich für dieses Buch ausgedacht hat." FAZ, Cornelius Dieckmann