Unvollständige Erinnerungen - Jens, Inge
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Ein couragiertes Leben, eine ungewöhnliche Frau - Inge Jens erzählt ihre eigene Geschichte. Aus dem Inhalt: Kindheit und Jugend. Nach dem Krieg Aufbruch in die Fremde - und ein Hausgenosse aus Hamburg. Lebensdinge und die Welt der Manns Neue Horizonte Alma mater Tubingensis Widerstand und Widerstehen Jenseits der Mauer Berlin und die Wende Noch einmal Katharina Pringsheim In guten und in schlechten Tagen…mehr

Produktbeschreibung
Ein couragiertes Leben, eine ungewöhnliche Frau - Inge Jens erzählt ihre eigene Geschichte. Aus dem Inhalt: Kindheit und Jugend. Nach dem Krieg Aufbruch in die Fremde - und ein Hausgenosse aus Hamburg. Lebensdinge und die Welt der Manns Neue Horizonte Alma mater Tubingensis Widerstand und Widerstehen Jenseits der Mauer Berlin und die Wende Noch einmal Katharina Pringsheim In guten und in schlechten Tagen
  • Produktdetails
  • Verlag: Rowohlt, Reinbek
  • 5. Aufl.
  • Seitenzahl: 317
  • Erscheinungstermin: 17.07.2009
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm x 125mm
  • Gewicht: 454g
  • ISBN-13: 9783498032333
  • ISBN-10: 349803233X
  • Artikelnr.: 25576698
Autorenporträt
Jens, Inge
Inge Jens, geboren 1927 in Hamburg. Studium der Germanistik, Anglistik und Pädagogik, Promotion 1953. Herausgeberin der Tagebücher Thomas Manns, Mitarbeit an zahlreichen weiteren kulturhistorischen Projekten. Zusammen mit ihrem Mann Walter Jens schrieb sie die Bestseller «Frau Thomas Mann» (2003) und «Katias Mutter» (2005). 2009 erschienen ihre «Unvollständigen Erinnerungen» und wurden ebenfalls ein Bestseller. Sie lebt in Tübingen.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Von wegen unvollständig! So unvollständig wie alles erscheinen Harry Nutt die Erinnerungen von Inge Jens. Was Jens an Inhalt und Form zu bieten hat, genügt Nutt hingegen voll und ganz. Aufrichtig und nüchtern, kühl und konzentriert, hanseatisch. So wird die Behandlung auch heikler Fragen, wie die nach der eigenen Schuld in Kriegszeiten, zur mit "entwaffnender Klarheit" vorgetragener Lebensgeschichte. Zwischen Schlichtheit und Komik changiert der Text laut Nutt und liefert bundesrepublikanische Geistesgeschichte nicht als "Bericht einer Dabeigewesenen". Der dem Text Richtung gebende "Fluchtpunkt Walter Jens" entgeht dem Rezensenten natürlich nicht. Und noch angesichts des bitteren Endes einer Lebenspartnerschaft spürt Nutt beim Lesen die tiefe Dankbarkeit der Autorin für ein "bewegtes und bewegendes Leben".

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 31.07.2009

Sachbücher des Monats August
Empfohlen werden nach einer monatlicherstellten Rangliste Bücherder Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften sowie angrenzender Gebiete.
1. CORRADA AUGIAS: Die Geheimnisse Roms. Eine andere Geschichte der ewigen Stadt. Übersetzt von Sabine Heymann. Osburg Verlag, 544 S., 26,90 Euro.
2. LWL RÖMERMUSEUM: 2000 Jahre Varusschlacht. Imperium – Konflikt – Mythos. Theiss Verlag, 3 Bände, ca. 1200 S., 79,90 Euro.
3. EVA ILLOUZ: Die Errettung der modernen Seele. Therapien, Gefühle und die Kultur der Selbsthilfe. Übers. von Michael Adrian. Suhrkamp Verlag, 412 S., 26,80 Euro.
4.-5. ALEXANDER BAHAR: Folter im 21. Jahrhundert. Auf dem Weg in ein neues Mittelalter? dtv, 300 Seiten, 16,90 Euro.
INGE JENS: Unvollständige Erinnerungen. Rowohlt Verlag, 320 Seiten, 19,90 Euro.
6.-8. ALEXANDER VON HUMBOLDT: Die Entdeckung der Neuen Welt. Übers. von Julius Ludwig Ideler, Nachwort von Ottmar Ette. Insel Verlag, 2 Bände, 781 S., 98 Euro.
WALTER MUSCHG: Die Zerstörung der deutschen Literatur und andere Essays. Diogenes Verlag, 956 S., 32,90 Euro.
HARRO ZIMMERMANN: Friedrich Schlegel oder Die Sehnsucht nach Deutschland. Schöningh Verlag, 453 Seiten, 38 Euro.
9. MICHAEL J. NEUFELD: Wernher von Braun. Visionär des Weltraums – Ingenieur des Krieges. Biographie. Übersetzt v. Ilse Strasmann. Siedler, 688 S., 49,95 Euro.
10. ILKO-SASCHA KOWALCZUK: Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR. C. H. Beck Verlag, 602 Seiten, 24,90 Euro.
Besondere Empfehlung des Monats August von Florian Rötzer: KAUSHIK SUNDER RAJAN: Biokapitalismus. Werte im postgenomischen Zeitalter. Übers. v. Ilse Utz, Suhrkamp Verlag, 303 S., 24,80 Euro.
Die Jury: Rainer Blasius, Eike Gebhardt, Fritz Göttler, Wolfgang Hagen, Daniel Haufler, Otto Kallscheuer, Petra Kammann, Guido Kalberer, Elisabeth Kiderlen, Jörg-Dieter Kogel, Hans Martin Lohmann, Ludger Lütkehaus, Herfried Münkler, Wolfgang Ritschl, Florian Rötzer, Johannes Saltzwedel, Albert von Schirnding, Jacques Schuster, Norbert Seitz, Hilal Sezgin, Elisabeth von Thadden, Andreas Wang, Uwe Justus Wenzel.
Redaktion: Andreas Wang (NDR Kultur)
Die nächste SZ/NDR/BuchJournal-
Liste der Sachbücher des Monats erscheint am 31. August.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.sz-content.de
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 18.07.2009

Dieses plötzliche Vergnügen am eigenen Leben

Eine schicksalhafte Begegnung mit der Familie Mann: Inge Jens, die als Gefährtin des großen Gelehrten erst spät zu ihrer eigenen Autorschaft fand, erzählt die Geschichte einer Emanzipation.

Von Hubert Spiegel

Was Thomas Mann konstatierte, als er im Sommer des Jahres 1953 von einer England-Reise zurückgekehrt war, darf auch die Herausgeberin seiner Tagebücher für sich in Anspruch nehmen: "Zufriedenheit nach bestandenen Abenteuern". Inge Jens, der nichts fremder sein dürfte als saturierte Selbstgefälligkeit, blickt mit zweiundachtzig Jahren auf ein Leben zurück, das über Jahrzehnte hinweg in fast schon ehern festgefügten Bahnen verlief: ein Leben als Professorengattin in einem Provinzstädtchen. So könnte man es sagen, und vermutlich hat es Zeiten gegeben, in denen Inge Jens ihr Leben selbst auf diese Formel gebracht hat. Aber zugleich wäre nichts falscher.

Denn das Provinzstädtchen ist das "kleine große Tübingen", die mehr als fünfhundert Jahre alte Universitäts- und Gelehrtenrepublik. Der Ehemann, Walter Jens, gehörte über Jahrzehnte zur Handvoll führender intellektueller Köpfe der Bundesrepublik. Und vor den editorischen Leistungen seiner Gattin gingen so unterschiedliche Temperamente wie Friedrich Sieburg, Joachim Fest, Fritz J. Raddatz und Marcel Reich-Ranicki einträchtig in die Knie, von denen allerdings nur der Erste kurz erwähnt wird. Die "Unvollständigen Erinnerungen", die der Titel ankündigt, blenden vieles aus, gerade auch Privates. Was nicht unmittelbar zu der Bildungund Emanzipationsgeschichte, die dieses Buch erzählen will, beigetragen hat, findet in der Regel keine Erwähnung. Selbst den Söhnen wird nicht viel Platz eingeräumt.

Inge Jens hat am intellektuellen Leben dieses Landes regsten Anteil genommen, sie zählte Köpfe wie Hans Mayer und Ernst Bloch, die Verleger Ernst Rowohlt und Helmut Kindler und den Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer zu ihren Freunden. Sie war Ohrenzeugin der legendären Telefongespräche ihres Mannes mit Marcel Reich-Ranicki, dem Freund in Frankfurt. Sie war dabei, wenn Loriot vor gemeinsamen Auftritten mit ihrem Mann akribisch die Bühne inspizierte, und ließ sich in Bayreuth in den Pausen von Wolfgang Wagners Inszenierungen deren Konzeption vom Prinzipal persönlich erklären. Mit den Beschreibungen ihrer Begegnungen mit Katia und Golo Mann würden andere ganze Bücher füllen. Sie hat also einiges zu erzählen. Und doch beginnt sie ihre Lebenserinnerungen mit einer Frage, die nur stellt, wer glaubt, sich und sein Tun legitimieren zu müssen: "Warum schreibe ich dieses Buch?"

Natürlich könnte man diese Eröffnungsfrage für eine Konvention halten, eine Demutsgeste alter Schule. Aber keine Antwort könnte in diesem Fall unkonventioneller und überraschender sein als jene, die nun folgt: "Weil ich merkte, dass es mir Spaß machte, mich mit mir selbst zu beschäftigen." Spaß? Wie passt das zur durch und durch hanseatisch-protestantisch geprägten Inge Jens?

Sie selbst spricht von einer "unerwarteten Erfahrung. Ich bin immerhin 82 Jahre alt und habe mich, soweit ich es weiß, noch nie sehr intensiv für mich selbst interessiert. Da überlegt man natürlich, wo denn wohl die Gründe für dieses plötzliche Vergnügen am eigenen Leben zu suchen sind." Begonnen hat dieses Leben 1927 in Hamburg. Inge Jens wird als ältestes von vier Kindern der Familie Puttfarcken geboren. Der Vater, Chemiker, ist in der SS, aber kein Nazi, wie die Tochter noch heute überzeugt ist. Mit zehn Jahren schreibt sie auf Geheiß der Mutter einen Aufsatz über ihre Begegnung mit Hitler, der ihr und anderen Kindern in der Empfangshalle des Dammtorbahnhofs die Hand schüttelt.

Der Aufsatz ist im Buch abgedruckt, ebenso wie die Verteidigungsrede, die sie fast fünfzig Jahre später im Amtsgericht beim Mutlangen-Prozess hielt. Fünf Jahre später, 1990, steht das Ehepaar noch einmal vor Gericht: Man hatte zwei Deserteure der amerikanischen Armee bei sich aufgenommen. Beide Male waren die Weltkriegserlebnisse von Inge Jens entscheidend für ihr Verhalten. Die Erfahrung der Bombennächte, die Begegnung mit einer Frau, die ihr totes Kind umklammert, die Operation, bei der einem Fünfzehnjährigen ein Bein aus der Hüfte operiert wird und Inge Puttfarcken als junge Krankenschwester Skalpell und Säge reicht - diese Erlebnisse haben sie zur Pazifistin werden lassen. Dass sie wie so viele ihrer Generation das Leid, das gleichzeitig anderen angetan wurde, nicht bemerkt hat, ist ihr bis heute unerklärlich.

Über Judenverfolgung und andere Greueltaten der Nazis wurde im Elternhaus auch nach dem Krieg nicht gesprochen. Erst die Beschäftigung mit Max Kommerell und Stefan Georges abstoßendem Führerkult und später die Edition von Briefen und Schriften aus dem Kreis der "Weißen Rose" wurden zu wichtigen Wegmarken ihrer "politischen Sozialisation", der nüchterne Selbstanalyse vorausging: "Das rüde Schema von Führer und Gefolgschaft: Es hatte auch mich geprägt."

Inge Jens schildert ihr Leben als Abfolge glücklicher Zufälle und ergriffener Gelegenheiten, von denen sie nicht wenige ihrem Mann verdankte: Als der Verleger Günther Neske 1959 Walter Jens als Herausgeber des Briefwechsels zwischen Thomas Mann und dem Germanisten Ernst Bertram gewinnen will, lehnt dieser ab, schlägt aber seine Frau vor, ohne ahnen zu können, dass die für ihn reizlose Aufgabe eine lebenslange Beschäftigung seiner Frau mit der Familie Mann zur Folge haben würde. Inge Jens stürzt sich in diese wie in alle folgenden Aufgabe mit Neugier und jener für sie typischen, oft nüchtern wirkenden Leidenschaft, die sich vielleicht als gewissenhafteste Hingabe an ihren Gegenstand beschreiben lässt.

Im Frühjahr 1959 kommt es zu einer schicksalhaften Begegnung mit Katia Mann. Man trinkt Tee mit Blick auf den Zürichsee und versteht sich so gut, dass Inge Jens schließlich den Vorstoß wagt und die Streichung einer ihr heikel erscheinenden Briefstelle vorschlägt. Es geht um den August 1949, als Thomas Mann eine Vortragsreise durch Schweden absolviert, "wo uns die Schreckensnachricht aus Südfrankreich betraf und uns fast bestimmt hätte, die Reise abzubrechen. Aber es war besser, aktiv zu bleiben." Hinter der Schreckensnachricht verbirgt sich der Selbstmord des Sohnes Klaus. Als Inge Jens Katia Mann die Stelle zeigt, ist Klaus zehn und Thomas Mann noch keine vier Jahre tot. Katia Mann lehnt die Streichung ab: ",Das erscheint Ihnen schrecklich, wie?' Ich nickte. - Pause. Dann, sehr klar und entschieden: ,So war er. Das bleibt.'"

Als die beiden Frauen sich zum ersten Mal begegneten, hatte die eine hinter sich, was der anderen immer deutlicher vor Augen stand: was es heißt, die Frau an der Seite eines berühmten Mannes zu sein. Fast ein halbes Jahrhundert nach dieser ersten Begegnung erscheint das Buch "Frau Thomas Mann. Das Leben der Katharina Pringsheim". Es ist nicht das erste vom Ehepaar Jens gemeinsam verfasste Buch. Aber zum ersten Mal, im Alter von fünfundsiebzig Jahren, wird Inge Jens nun gleichberechtigt als Autorin genannt. Dabei war die Biographie, wie sie jetzt schreibt, zunächst ganz und gar ihr Projekt. Den Vorschlag ihres Mannes, das Buch gemeinsam zu schreiben, begriff sie zunächst als Aufforderung, "ihre Autonomie aufzugeben".

Im letzten Kapitel des Katia-Buches, es trägt die Überschrift "Ohne den Zauberer", wird ein Satz aus den Memoiren Katia Manns zitiert: "Ich habe in meinem Leben nie tun können, was ich hätte tun wollen." Dann folgt der Widerspruch der Verfasser: "Indem sie ihr ganzes Dasein auf Thomas Mann bezog, . . . ihm ihr Leben, wie es in dem Brief an Lotte Klemperer hieß, widmete (nicht ,opferte'), fand sie sich selbst." Wie mag diese Einschätzung entstanden sein? War sie umstritten, war sie Gegenstand von Diskussionen zwischen dem Verfasserpaar? Wir erfahren nur, dass die gemeinsame Arbeit am Buch "noch einmal eine ganz neue, interessante, wenn auch nicht unproblematische innerfamiliäre Konstellation schuf". Zu diesem Zeitpunkt waren immerhin vierzig Jahre vergangen, seitdem die äußerst lobenden Reaktionen auf ihre editorische Arbeit Inge Jens erstmals gezeigt hatten, "was es bedeutete, als eigenständige Persönlichkeit und nicht länger nur als Frau eines interessanten und zunehmend berühmten Mannes zu gelten".

Das dreizehnte und letzte Kapitel führt in die Gegenwart, in der Walter Jens aufgehört hat, eine eigenständige Persönlichkeit zu sein. Seine Krankheit beendete ein sechzig Jahre währendes intellektuelles Gespräch, und sie drohte die heikle Balance von Widmen und Opfern und der spät gewonnenen Lust an der Selbstbestimmung zu zerstören. Diese letzten fünfzig Seiten sind ein Lehrstück über die familiären Folgen der Demenzerkrankung. Nüchtern, ohne Selbstmitleid, in der ihr eigenen klaren, schnörkellosen Prosa und mit bewunderswerter Offenheit schildert Inge Jens den Krankheitsverlauf ihres Mannes, der sie auf unerwartete Weise an den Platz zwang, den sie bis dahin nie hatte verlassen wollen: den Platz an seiner Seite.

Inge Jens: "Unvollständige Erinnerungen". Rowohlt Verlag, Reinbek 2009. 320 S., geb., Abb., 19,90 [Euro].

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