Gesang gegen die ›Ordnung der Natur‹? - Herr, Corinna

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Das Buch beschreibt das Phänomen "hoch singender Männer" in den Bereichen Kirchenmusik, Oper und Popmusik, im Kontext der nationalen Diskurse und der Gattungen vom 16. bis zum 20. Jahrhundert

Produktbeschreibung
Das Buch beschreibt das Phänomen "hoch singender Männer" in den Bereichen Kirchenmusik, Oper und Popmusik, im Kontext der nationalen Diskurse und der Gattungen vom 16. bis zum 20. Jahrhundert
  • Produktdetails
  • Verlag: Bärenreiter
  • Artikelnr. des Verlages: BVK 2187, Best.-Nr.BVK2187
  • 1. Aufl.
  • Seitenzahl: 556
  • Erscheinungstermin: 1. Februar 2013
  • Deutsch
  • Abmessung: 244mm x 172mm x 43mm
  • Gewicht: 1135g
  • ISBN-13: 9783761821879
  • ISBN-10: 3761821875
  • Artikelnr.: 37232658
Autorenporträt
Corinna Herr ist Lehrbeauftragte der Fachgruppe Musikwissenschaft der Universität Bochum.
Rezensionen
Besprechung von 20.09.2013
Verschnitten
und verkauft
Glanz und Elend der
Sänger-Kastraten in Europa
Es ist keine populistische oder auch nur populäre Abhandlung zum Thema Sänger-Kastraten. Corinna Herr legt eine philologisch exakte Studie vor, in der es vor allem um die Entwicklung des musikalischen Geschmacks im Zusammenhang mit dem Kastratengesang geht, vielmehr noch allgemeiner im Zusammenhang des hohen Männergesangs. Und den gibt es offenbar schon sehr viel länger, als seine europäische Blütezeit von der Renaissance bis in die Wiener Klassik vermuten ließe. Außereuropäische Hochkulturen haben in Herrs Studie leider keinen Platz mehr, dafür enthält sie ein überfälliges Kapitel zum Falsettismus in der Popmusik und der Faszination an der hohen männlichen Stimme allgemein, auch der Wandlung vom Heldenkastraten zum Heldentenor. Mit mehr als 500 Seiten ist das Buch sehr ausführlich geraten, sodass man es zu großen Teilen vielleicht eher als Nachschlagewerk nutzen wird, weniger als Bettlektüre.
  Obwohl es auch dafür geeignete Abschnitte und Anekdoten gibt. Zum Beispiel eine protestantische Druckschrift gegen die Münchner Jesuiten. Ein Knabe habe sich in die Pfalz geflüchtet und erzählt, man habe ihm und fünf seiner Kameraden übermäßig viel süßen Wein verabreicht und sie anschließend kastriert, um sie nach Rom zu verkaufen. Eine ärztliche Untersuchung belegte allerdings die körperliche Unversehrtheit des Flüchtlings. Andere hatten weniger Glück, wurden tatsächlich auf unterschiedliche Weise „beschnitten“ und „verschnitten“, verkauft, entführt, und in den gar nicht so seltenen Fällen, dass ihre Stimmen ebenso unterentwickelt blieben wie ihre Körper, ihrem Schicksal überlassen.
  Aber dies sind nur Nebenschauplätze dieser Studie. Es geht streng philologisch um Partiturvergleiche, die Entwicklung von Gesangspartien im Verlauf des 17. und 18. Jahrhunderts, die Verlagerung der Tenorstimme, die Überlappung unterschiedlicher Stimmlagen und vor allem: den Stellenwert der geschlechtlichen Zuordnung im Bezug auf die Stimmlagen. Oftmals war es, trotz der unterschiedlichen Klangfärbung, gar nicht von Belang, wer den Alt oder Sopran sang: ob Knaben, Kastraten, Falsettisten oder später auch Frauen.
  Teils dachte man wie am verarmten Münchner Hof ganz praktisch und bevorzugte junge kastrierte Diskantisten gegenüber teureren erwachsenen Kastraten, teils wollte man unbedingt Männer-Soprane, die man nicht nur im Kirchendienst, sondern auch als virtuose Solisten in der Oper einsetzen konnte. Der deutsche Countertenor Kai Wessel träumt in seinem Geleitwort zu diesem höchst interessanten, aber doch an ein Fachpublikum gerichteten Buch, dass man künftig in der Besetzung von Opern- und Konzertpartien wieder in diesen Zustand zurückkehrte und unabhängig von Alter und Geschlecht einfach nur die am besten geeignete Stimme wählte. Da bliebe im Kernbereich der Kastratenkunst, der Barockmusik, dann nur noch die Unterscheidung zwischen französischem und italienischem Repertoire.
  So weit wird es aber wohl nicht kommen. Dafür sind heutige Musikliebhaber zu gut historisch informiert und klangästhetisch erfahren. Eher wird es, wie im Fall des Countertenors, neue Stimmfächer geben, die sich aus unlösbaren Problemen bei der Wiederherstellung des Originalklangs ergeben.
HELMUT MAURÓ
Corinna Herr: Gesang gegen die „Ordnung der Natur“? Kastraten und Falsettisten in der Musikgeschichte. Bärenreiter Verlag, Kassel 2013. 556 Seiten, 49,95 Euro.
Satirische Darstellung einer Händeloper, von 1725. Links der berühmte Kastrat Francesco Bernardi, bekannt als Senesino (ca. 1680 bis 1759).
FOTO: HULTON ARCHIVE/GETTY IMAGES
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Eigentlich ist Corinna Herrs "Gesang gegen die Ordnung der Natur?" eine streng philologische Abhandlung über die Entwicklung der Gesangspartien von Kastraten im Verlauf des 17. und 18. Jahrhunderts und über den Stellenwert der geschlechtlichen Zuordnung von Stimmlagen, berichtet Helmut Mauró, das Buch richtet sich also vor allem an ein Fachpublikum und eignet sich nur bedingt als Bettlektüre, warnt der Rezensent. Auf den fünfhundert Seiten war aber ausreichend Raum für ein paar schmökerfreundlichere Anekdoten, verrät Mauró, der allerdings schade findet, dass es für eine stärkere Einbeziehung der Ursprünge des hohen Männergesangs in außereuropäischen Hochkulturen nicht mehr gereicht hat.

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