Anger Is an Energy: My Life Uncensored - Lydon, John
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Produktdetails
  • Verlag: DEY STREET BOOKS
  • Seitenzahl: 544
  • Erscheinungstermin: 28. April 2015
  • Englisch
  • Abmessung: 236mm x 159mm x 48mm
  • Gewicht: 762g
  • ISBN-13: 9780062400215
  • ISBN-10: 0062400215
  • Artikelnr.: 41752047
Rezensionen
Besprechung von 10.05.2015
London, 1983

Es gibt Leute, die von Sachen und Orten erzählen, um von sich zu erzählen. Und es gibt Menschen, die von sich erzählen, um zu den Sachen und Orten vorzudringen. John Lydon gehört zu letzteren, und er weiß etwas Entscheidendes: Alles wirklich Universelle kann nur aus dem Lokalen buchstäblich herausbrechen und ist deshalb das Gegenteil von Weltmusik. John Lydon, der als Johnny Rotten mit den Sex Pistols Ende der siebziger Jahre weltberühmt wurde, ist in London aufgewachsen. In einem Häuserblock, dem Benwell Mansion, direkt neben der Eisenbahnbrücke in der Benwell Road bewohnten die Lydons zu sechst zwei Zimmer. Es gab eine Küche und einen Schlafraum, "es herrschte kein übertrieben zärtlicher Umgang, das war überhaupt nicht nötig".

John Lydon, der Ältere, lernt hier wie alle anderen, auf die Kleineren aufzupassen. Das war bitter nötig. "Ob ich wusste, dass es dort sexuellen Missbrauch gab?", fragt er und antwortet: "Oh ja, aber absolut. Institutionalisierter Missbrauch, vertuscht und geduldet." Man musste aufpassen, bloß nicht in den Chor oder zum Messdienerstuss zu kommen. Also lernt er, absichtlich falsch zu singen. Man glaubt Lydon sofort sein großes Glück, als er endlich bei den Sex Pistols als Sänger gecastet wurde. Endlich konnte er "richtig" singen und dazu noch die richtigen Worte selbst finden.

Besser ist der Weg vom falschen zum richtigen Singen überhaupt noch nie beschrieben worden. Offensichtlich ging das nur in London. England, du hast es besser! Noch besser aber ist, dass Lydon dort nicht stehen bleibt. Die Benwell Road gibt es heute so nicht mehr. Da steht jetzt das "Emirates Stadion" des Fußballclubs Arsenal London, und blöderweise sind mit dem Stadion auch die sozialen Werte wie Sich-um-die-Kleineren-Kümmern aus der Gegend verschwunden. Für Lydon stellt das aber keinen aus der Gentrifizierung hervorgegangenen Bruch da. Es gibt Verbindungen: Für Lydon ist Malcolm McLaren, der Erfinder und Manager der Sex Pistols, ein Rollenmodell für Arsène Wenger, den Trainer und Manager von Arsenal. Und das ist wirklich großer Geschichtsunterricht.

Cord Riechelmann

John Lydon: "Anger Is an Energy. Mein Leben unzensiert". Heyne, 655 S., 24,99 Euro

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 21.07.2015
Die fratzigste Fratze
John Lydon, der sich als Sänger der „Sex Pistols“ Johnny Rotten nannte, hat seine Autobiografie
geschrieben, und zwar schon die zweite: Zwischen wüsten Pöbeleien finden sich auch große Momente
VON JAKOB BIAZZA
Reden wir noch nicht über John Lydon und dessen zweite Autobiografie. Reden wir über Wut. Nicht die kleine Wut, den täglichen Ärger über Mahnbescheide und anstrengende Kollegen. Nein. Reden wir über die große Wut, die aus der Ohnmacht erwächst, dem Gefühl, einem scheinbar unbezwingbaren Gegner gegenüberzustehen, einem ganzen System zum Beispiel. Und reden wir über die Momente, in denen sich die Wut so verdichtet, dass sie zur Bewegung wird – oder zu einer ganzen Subkultur.
  Mit anderen Worten: Reden wir über Punk, der in den Siebzigern nicht nur dem Rock-Establishment, sondern der ganzen satten, angepassten Mehrheitsgesellschaft in den Hintern treten wollte. Oder wie war das eigentlich genau? War Punk nun eine Jugendbewegung von unten? Oder doch vor allem der clevere Plan eines Londoner Modeladen-Besitzers namens Malcolm McLaren, den die Welt als Manager der Sex Pistols kennenlernen sollte?
  McLaren, so zumindest lautet eine der Theorien, soll sich Mitte der Siebzigerjahre in London ein paar junge Männer mit fiesen Gesichtern und zerrissenen Klamotten zusammengesucht haben, um sie mit den Kreationen seiner damaligen Partnerin Vivienne Westwood ins Fernsehen zu stellen. Und die Frage, die damit sofort im Raum steht, ist, ob es die Kraft der Punk-Kultur, die aus dieser Aktion erwuchs, tatsächlich entscheidend schwächte. Ist es also wirklich wichtig, ob am Anfang von Punk eine clevere Geschäftsidee stand?
  Das ist natürlich eine alte Frage, und doch offenbar so ungeklärt, dass sie nicht totzukriegen ist, weshalb jetzt endlich John Lydon ins Spiel kommen muss, der sich als Sänger der Sex Pistols Johnny Rotten nannte und zwischen 1975 und 1978 die fratzigsten Fratzen fletschte, die die Popwelt bis dahin gesehen hatte. Was sagt nun also Lydon zum Problem in seiner pünktlich zum 40. Gründungsjubiläum der Pistols erschienenen zweiten Autobiografie „Anger is an Energy“? Lydon sagt: alles Quatsch, die Wut war keine Geschäftsidee, sie war echt.
  Der Buchtitel – Wut ist eine Antriebskraft – ist eine Zeile aus „Rise“, einem der besten Songs seiner Band Public Image Ltd (PiL). Und es ist das Motto seines Lebens. Man darf sich diesen John Lydon als grundzornigen Menschen vorstellen. Zornig auf das Schicksal, in eine irische Einwandererfamilie hineingeboren worden zu sein, die in schlimmer Armut lebte. Zornig darauf, sich als Siebenjähriger beim Spielen in einer von Rattenkot verdreckten Pfütze eine Meningitis zugezogen zu haben, die sein Gedächtnis komplett löschte. Lydon fiel ins Koma, und als er wieder erwachte, kannte er seine Eltern nicht mehr und musste das Lesen und Schreiben neu lernen. Und obwohl er schnell wieder aufholte, fand er den Anschluss nicht mehr.
  Auch später nicht. Deshalb wohl auch: Wut auf ein System, das Menschen ausschließt und allen Ernstes im Parlament über den jungen Punk debattiert, weil der seinen Frust in ein paar rüpelige Zeilen über die Queen packte. Und letztlich: Wut und Enttäuschung, weil er nie die Anerkennung bekam, die er – wenigstens seiner Ansicht nach – verdient hat. Offenbar auch innerhalb der Sex Pistols nicht.
  Mit all dem vergehen ungefähr 250 Seiten des Buches, die eine große, anrührende Kraft haben. Leider hat das ganze Werk etwas mehr als 600. Die übrigen (offenbar kaum lektorierten) 350 Seiten bestehen aus Wiederholungen, Allgemeinplätzen und blindwütigen Pöbeleien gegen Kollegen. Über Malcolm McLaren (bei dem man das wohl noch am ehesten nachvollziehen könnte) heißt es zum Beispiel: „Kurz gesagt, Malcolm und seine Clique waren Hippie-Kunstwichser.“ Über die Beatles: „(. . .) seelenlos und selbstverliebt“. Über The Clash: „Schmierentheater“, die Songs weitestgehend „heiße Luft“. Ennio Morricone: „lachhaftes Zeug!“.
  „Dieses Buch widme ich der Aufrichtigkeit“, heißt es auf der ersten Seite. Das klingt gut. Aber es sind auch die Worte von Fanatikern. Von Menschen, die in selbstgerechter moralischer Standhaftigkeit den Ursprung ihres Leids suchen. Von Leuten wie Lydon: „Da habt ihr’s (. . .), das ist die Geschichte meiner langen Reise, ein großer Teil davon. Dauernd krieg ich was aufs Maul, weil ich wieder mal nicht die Klappe halten konnte. Ich will’s ja nicht anders.“
  Das klingt dann schon weniger nach echter Wut als nach Frust. Auch der kann eine Energie sein. Aber eher keine reinigende. Man sollte sich gut überlegen, ob man dieses Buch liest. Lydons eigentlich wichtige Musik hört sich danach sehr anders an.
Über Malcolm McLaren
heißt es, er und seine Clique
waren „Hippie-Kunstwichser“
„Die Wut war echt“, schreibt Lydon über die Sex Pistols, hier bei einem Konzert 1978. Vorne links Sid Vicious, in der Mitte Johnny Rotten alias John Lydon.
Foto: AP
John Lydon: Anger is an Energy. Mein Leben unzensiert. Die Autobiografie von Johnny Rotten. Aus dem Englischen von Clara Drechsler, Harald Hellmann, Werner Schmitz. Heyne Hardcore, München 2015. 656 Seiten, 24,99 Euro. E-Book 19,99 Euro.
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