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Der literarische Klassiker des großen Filmemachers: Im November 1974 bricht Werner Herzog zu einer Wanderung von München nach Paris auf. Sollte er die französische Hauptstadt erreichen - das ist seine feste Überzeugung -, würde die von ihm verehrte Filmhistorikerin Lotte Eisner am Leben bleiben. "Vom Gehen im Eis" ist eine große, zu Herzen gehende Meditation über Leben und Tod - ein Wortfilm, der neben den mehr als vierzig Spiel- und Dokumentarfilmen von Werner Herzog eine ganz eigene Ausstrahlung und Magie besitzt.…mehr

Produktbeschreibung
Der literarische Klassiker des großen Filmemachers: Im November 1974 bricht Werner Herzog zu einer Wanderung von München nach Paris auf. Sollte er die französische Hauptstadt erreichen - das ist seine feste Überzeugung -, würde die von ihm verehrte Filmhistorikerin Lotte Eisner am Leben bleiben. "Vom Gehen im Eis" ist eine große, zu Herzen gehende Meditation über Leben und Tod - ein Wortfilm, der neben den mehr als vierzig Spiel- und Dokumentarfilmen von Werner Herzog eine ganz eigene Ausstrahlung und Magie besitzt.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Artikelnr. des Verlages: 505/24059
  • Seitenzahl: 102
  • Erscheinungstermin: 27. August 2012
  • Deutsch
  • Abmessung: 172mm x 103mm x 15mm
  • Gewicht: 136g
  • ISBN-13: 9783446240599
  • ISBN-10: 3446240594
  • Artikelnr.: 35727092
Autorenporträt
Herzog, Werner
Werner Herzog, 1942 in München geboren, lebt in Los Angeles. Sein umfangreiches filmisches Werk ist mit allen großen Preisen ausgezeichnet worden. Bei Hanser erschien zuletzt Die Eroberung des Nutzlosen (2004).
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 11.11.2012

Bücher Da geht jemand. In dem festen Glauben, dass, wenn er nur rechtzeitig ankommt, eine andere nicht stirbt. Geht von München nach Paris, im Winter, drei Wochen, durch Regen, Nebel, Kälte, Einsamkeit. Schläft in aufgebrochenen Häusern, isst Mandarinen und Schokolade, manchmal was Warmes in einer Fernfahrerraststätte. Beobachtet die Menschen, schreibt Sätze über das, was am Weg liegt, in ein Notizbuch, redet laut vor sich hin. Denkt erst ganz viel, dann immer weniger, manchmal ans Aufgeben, denn die Füße schmerzen. Ist nicht alles sinnlos? Dieser jemand ist Werner Herzog, der Filmemacher, und er geht, weil Lotte Eisner, die bewunderte, verehrte Filmhistorikerin, im Sterben liegt. Er kommt rechtzeitig an. Legt die wehen Beine hoch. Er sagt, "seit einigen Tagen kann ich fliegen". Die Eisnerin stirbt nicht. Herzogs Notizen kann man jetzt als kleines, biegsames Taschenbuch immer bei sich tragen: "Vom Gehen im Eis" (Hanser, 10 Euro).

beha

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
"In diesen locker registrierenden Skizzen, die oft unvermittelt ins Traumhaft-Visionäre abdriften, finden sich immer wieder Momentaufnahmen von einer verblüffenden Anschaulichkeit, hellwache Selbstbeobachtungen und eindrucksvolle Ansätze zu epischen Ausflügen." Gottfried Knapp, Süddeutsche Zeitung, 08.11.1978

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 20.11.2007

Nur wer geht, sieht, wie viele Mäuse es auf der Welt gibt
Im November 1974 machte sich Werner Herzog auf den Weg zu Lotte Eisner. Er glaubte, sie würde nicht sterben, käme er zu Fuß zu ihr nach Paris. Mit weicher, dunkler Stimme liest er jetzt das Tagebuch seiner winterlichen Wanderung
Eines der klarsten Zeichen unserer Zeit und Lebenswelt ist die räumliche Bewegung ohne Muskelkraft. Fahrzeuge bewegen Menschen. Es gab Zeiten, da galt das Reisen zu Tier als bequem, ging aber kaum schneller als der Mensch zu Fuß, der, so schreibt es Arno Borst in einem seiner Mittelalter-Werke, am Tage dreißig Kilometer per pedes zurücklegen konnte, während das Pferd einen gewissen Unterhalt und Pausen benötigte und deshalb kaum schneller fortkam. Eilig war man ohnehin selten unterwegs. Heute wird das Pilgern zu Fuß wiederentdeckt, es gibt ausgebaute Wege hin zum Glück durch ganz Europa, auf denen sich Wanderer in manchen Gegenden fast drängeln. Der Spaziergänger vom Schlage eines Robert Walser fürchtet die spitzen Stöcke der Nordic-Walker und krückenlose Senioren-Kreuzzüge.
1974 waren die Leute auf dem Lande noch unter sich, schon gar im November ging man keineswegs zu Fuß von einem Ort zum andern. Nur Werner Herzog tat eine beschwerliche Pilgerreise. Er war Anfang dreißig und hatte Familie, als ihn eine Idee auf den Gang von München nach Paris zwang: Die von Herzog verehrte Autorin Lotte Eisner, die Nestorin des deutschen Films, die mit Eisenstein, Chaplin, Fritz Lang, über den sie ein Buch geschrieben hatte, Stroheim, Sternberg, Renoir bekannt gewesen war, die Filmkritikerin und Murnau-Biografin war in Paris auf den Tod erkrankt, und Werner Herzog wurde von dem Gedanken erfasst, „die Eisnerin”, wie Bertolt Brecht sie genannt hatte und wie seither für ihre Freunde hieß, würde nicht sterben, käme Herzog zu Fuß nach Paris. Er schrieb in sein Notizbuch: „Die Eisnerin darf nicht sterben, sie wird nicht sterben, ich erlaube das nicht. Sie wird nicht sterben, sie wird nicht. Nicht jetzt, das darf sie nicht. Nein, jetzt stirbt sie nicht, weil sie nicht stirbt.”
Und als Herzog sie aufsuchte Mitte Dezember, also drei Wochen, nachdem er in München Jacke und Stiefel angezogen und den Kompass für den direkten Weg eingesteckt hatte, schob sie ihm einen zweiten Sessel hin, auf den er seine wehen Beine legte. „Zusammen, sagte ich, werden wir Feuer kochen und Fische anhalten. Da sah sie mich an und lächelte ganz fein, und weil sie wusste, dass ich einer zu Fuß war und daher ungeschützt, verstand sie mich.”
Werner Herzog hat sein Reisenotizbuch wenige Jahre später veröffentlicht, jetzt hat er es für ein Hörbuch vorgelesen. Dieser übrigens fein und mit Geschmack produzierten Ausgabe ist eine schöne Rede auf Papier beigegeben, die Herzog 1982 hielt, als Lotte Eisner der Helmut-Käutner-Preis verliehen wurde und in welcher er knapp umreißt, warum die Eisnerin für den jungen deutschen Film den Stuhl einer Päpstin innehatte.
Der Sprecher trägt seinen vor über dreißig Jahren geschriebenen Text nicht wie eine Erinnerung vor. Seine weiche dunkle Stimme klingt jung und trägt die schön anmutende Naivität des Textes. Er spricht das Hochdeutsch der Menschen aus dem Süden. Mit einer Grammatik, die den Menschen nördlich von Bayern schon falsch erscheint. Aber wie freundlich ist doch das Lokalkolorit, wie befreit es das Deutschsein von der niederdrückenden Vorstellung einer einheitlichen Masse und stellt Anschluss her zu den Pilgern alter Zeiten, die nicht zuletzt wanderten, um Nachrichten aus der Welt anzuhören, die damals schon am Ortsausgang begann.
Anfangs sind die Einträge ins Notizbuch noch ausführlich und beschaulich. Der Wanderer Herzog sitzt in ländlichen Gaststätten und schaut Stammtischen beim Witzeln zu. Nach ein paar Tagen wird die Regie an den Instinkt abgegeben, an die Disziplin, an die Autosuggestion, die ihn voran treiben, denn er ist einem argen Wetter ausgesetzt. Heute werden Fußreisen als Abenteuer, als Experiment, als Grundlage für Protokoll-Literatur eher im Frühjahr begonnen und in den Sommer hineingeführt, aber eine echte Pilgerreise aus innerem Drang, die eben jetzt und nicht später stattfinden musste, beginnend Ende November in Bayern? Und offenbar gab es damals noch keine chemisch erzeugten Textilfasern, die einen Pilger warm und trocken weil atmungsaktiv durch Schneegestöber bringen: Bei Sonnenschein ging Herzog los, nach wenigen Tagen ist er dauerhaft durchnässt. Als ein dampfender, schmerzerfüllter, grübelnder Koloss schiebt er sich bald durch die neblige, kalte, nasse Landschaft, vorbei an Müllbergen, die ihn durcheinander bringen, durch feindlich wirkende Dörfer, wo sich kein Menschengesicht ihm zeigt, über Land, wo sich verunsicherte Schafe an ihn drängen und wo er Mäuse entdeckt: „Wir haben alle keine Ahnung mehr davon, wie viele Mäuse es auf der Welt gibt. Es ist unvorstellbar. Nur wer geht, sieht die Mäuse.” Ein Schaf sieht er still und pathetisch sterben. Das Schaf ist das dominierende Tier der Wandernotizen.
Um zu übernachten, sucht der Pilger Scheunen auf oder erbricht Bungalows und Bauwagen. Herzog scheut die Siedlungen, und wenn er eine betritt, merkt er an den Blicken, wie mitgenommen er nun aussieht und wie das befremdet, wie isoliert die Menschen leben. Nur hin und wieder nimmt er ein Gasthaus in Anspruch, um sein Hemd zu waschen, und manchmal wird ihm die Herberge verwehrt.
Gegen Schluss fällt er in Einsamkeit und phantasiert, der Regen könnte ihn erblinden lassen. Er fällt nur noch nach vorn, schreibt traumwandlerische Sätze ins Notizbuch, er sieht Vögel aus der Erde steigen. Herzog bestätigt, dass das Ich nicht altert. Sein Bericht aus der Zeit als er 32 Jahre alt war, klingt so unvermittelt, als sei er heute nicht doppelt so alt.
MARTIN Z. SCHRÖDER
Werner Herzog
Vom Gehen im Eis
München-Paris. Lesung. Winter & Winter, München 2007. 3 CD, 185 Minuten, 37,90 Euro.
„. . .weil sie wusste, dass ich einer zu Fuß war . . ., verstand sie mich”: Werner Herzog Foto: Bunk/Ullstein
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

"Nah und dringlich" wie nie beim Selberlesen vor 33 Jahren klingt Werner Herzogs, von ihm nun selbst eingelesenes Buch in den Ohren von Rezensent Konrad Heidkamp. Der Unterschied ist für den Rezensenten so frappierend, dass er Herzogs Lesung glaubwürdiger als das Buch selber findet - was auch mit der hypnotischen Wirkung zusammenhängt, die Herzogs mühsames Hochdeutsch auf den Rezensenten hat. Es geht um einen zweiundzwanzigtägigen Fußmarsch des damals zweiunddreißigjährigen Regisseurs von München zur todkranken deutsch-jüdischen Filmhistorikerin Lotte Eisner nach Paris. Die Beschreibungen der Landschaft klingen für Heidkamp wie der Entwurf einer inneren Landschaft, das Vertrautwerden mit dem Fremden, als das Herzog das eigene Land damals wohl erscheint. Als Versuch, ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der Naziherrschaft Deutschland durchs Gehen wiederzufinden, Anknüpfung an eine vertriebene Filmkunst zu suchen. Das macht den Text für Heidkamp dann auch zu einem Manifest des Neuen Deutschen Films.

© Perlentaucher Medien GmbH