The Sleepwalkers - Clark, Christopher
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Christopher Clark is Professor of Modern History at the University of Cambridge and a Fellow of St Catharine's College. He is the author of The Politics of Conversion, Kaiser Wilhelm II and Iron Kingdom. Widely praised around the world, Iron Kingdom became a major bestseller. He has been awarded the Officer's Cross of the Order of Merit of the Federal Republic of Germany. The Sleepwalkers was shortlisted for the PEN Hessell-Tiltman Prize for History and finalist for the Mark Lynton History Prize, and is the winner of the Los Angeles Times Book Prize for History, French Prix Aujourd¿hui,…mehr

Produktbeschreibung
Christopher Clark is Professor of Modern History at the University of Cambridge and a Fellow of St Catharine's College. He is the author of The Politics of Conversion, Kaiser Wilhelm II and Iron Kingdom. Widely praised around the world, Iron Kingdom became a major bestseller. He has been awarded the Officer's Cross of the Order of Merit of the Federal Republic of Germany. The Sleepwalkers was shortlisted for the PEN Hessell-Tiltman Prize for History and finalist for the Mark Lynton History Prize, and is the winner of the Los Angeles Times Book Prize for History, French Prix Aujourd¿hui, Cundill Recognition of Excellence Prize, Bruno Kreisky Prize for Political Literature and the Braunschweiger Geschichtspreis.
  • Produktdetails
  • Verlag: Penguin Books Ltd (UK
  • Seitenzahl: 736
  • Erscheinungstermin: 4. Juli 2013
  • Englisch
  • Abmessung: 198mm x 126mm x 45mm
  • Gewicht: 532g
  • ISBN-13: 9780141027821
  • ISBN-10: 0141027827
  • Artikelnr.: 37591999
Autorenporträt
Christopher Clark is Professor of Modern History at the University of Cambridge and a Fellow of St Catharine's College. He is the author of The Politics of Conversion, Kaiser Wilhelm II and Iron Kingdom. Widely praised around the world, Iron Kingdom became a major bestseller. He has been awarded the Officer's Cross of the Order of Merit of the Federal Republic of Germany. The Sleepwalkers was shortlisted for the PEN Hessell-Tiltman Prize for History and finalist for the Mark Lynton History Prize, and is the winner of the Los Angeles Times Book Prize for History, French Prix Aujourd¹hui, Cundill Recognition of Excellence Prize, Bruno Kreisky Prize for Political Literature and the Braunschweiger Geschichtspreis.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 14.10.2013

Defensiver Patriotismus
Christopher Clark schildert meisterhaft die komplexe Vorgeschichte und Geschichte der Juli-Krise 1914

Der 28. Juni 1914 - ein Sonntag mit herrlichem Wetter in Sarajevo. Dennoch war für den Besuch des österreichisch-ungarischen Thronfolgers und seiner Gemahlin ein "unglückliches Datum" gewählt worden. Am "Veitstag" hatten im Jahr 1389 osmanische Verbände ein serbisches Heer auf dem Amselfeld geschlagen und die Ära eines serbischen Reiches auf dem Balkan beendet. Daran erinnert auch der in Cambridge lehrende Historiker Christopher Clark ausdrücklich. Daher war für serbische Ultranationalisten - "sowohl in Serbien selbst als auch im ganzen irredentistischen Netzwerk in Bosnien" - die Ankunft des Erzherzogs Franz Ferdinand und der Herzogin Sophie von Hohenberg an diesem Tag "ein symbolischer Affront, der nicht unbeantwortet bleiben durfte".

Mehrere potentielle Attentäter standen bereit - mit Bomben und Revolvern ausgerüstet. "Die offiziellen Sicherheitsvorkehrungen glänzten durch Abwesenheit. Trotz der Warnungen, dass ein Terroranschlag wahrscheinlich sei, fuhren der Erzherzog und seine Frau im offenen Wagen an einer Menschenmenge vorbei, noch dazu auf einer Route, die alles andere als eine Überraschung war." Eine erste Bombe verfehlte ihr Ziel. "Ob der Erzherzog selbst die Bombe sah und es ihm gelang, sie mit der Hand wegzuschlagen, oder ob sie einfach an dem zusammengefalteten Dach hinter dem Fahrgastraum abprallte, ist nicht ganz klar." Die Bombe explodierte unter dem folgenden Fahrzeug und verletzte einige Offiziere.

Der Erzherzog reagierte kaltblütig: "Ein Splitter hatte Sophies Wange gestreift, aber sonst blieb das Paar unverletzt." Statt die Gefahrenzone sofort zu verlassen, kümmerte sich Franz Ferdinand zunächst um die Verwundeten und ordnete danach an, dass die Kolonne zum Rathaus weiterfahren solle. Dort wurde das offizielle Programm abgespult und ein Termin geändert, um einen Besuch der eben verwundeten Offiziere zu ermöglichen. "Ursprünglich hätte sich das Paar jetzt trennen sollen: der Erzherzog ins Museum und seine Frau zum Gouverneurspalast." Doch Sophie wollte Franz Ferdinand ins Hospital begleiten.

Jetzt fuhr der Wagen auf den verblüfften Gavrilo Princip zu: "Da es ihm nicht gelang, rechtzeitig die an seine Hüfte gebundene Bombe loszumachen, zog er stattdessen den Revolver und schoss zwei Mal aus kurzer Entfernung. [. . .] Zunächst sah es so aus, als hätte der Schütze sein Ziel verfehlt, weil Franz Ferdinand und seine Frau reglos und aufrecht auf ihrem Platz verharrten. In Wirklichkeit lagen beide bereits im Sterben. Die erste Kugel hatte die Tür des Autos durchschlagen, war in den Unterleib der Herzogin eingedrungen und hatte die Bauchschlagader durchtrennt; die zweite hatte den Erzherzog am Hals getroffen und die Halsvene zerrissen." Die Herzogin lebte nicht mehr, als das Auto den Gouverneurspalast erreichte und das Paar hineingebracht wurde. Der Kammerdiener stellte noch eine Frage, "aber es kam keine Antwort mehr; die Lippen des Erzherzogs erstarrten bereits. Binnen weniger Minuten realisierten die anwesenden Personen, dass der Thronerbe tot war. Es war kurz nach 11 Uhr. Als sich die Nachricht vom Palast aus verbreitete, begannen in ganz Sarajevo die Glocken zu läuten."

Clark ist ein meisterhafter Erzähler. In drei Buch-Teilen - "Wege nach Sarajevo", "Ein geteilter Kontinent" und "Krise" - entfaltet er ein fesselndes diplomatie- und mentalitätsgeschichtliches Panorama des Vorkriegseuropas. Dessen Protagonisten nennt er Schlafwandler: "wachsam, aber blind, von Alpträumen geplagt, aber unfähig, die Realität der Greuel zu erkennen, die sie in Kürze in die Welt setzen sollten". Für ihn ist der Kriegsbeginn "eine Tragödie, kein Verbrechen". Er macht kriegstreibende "Falken" und friedensbemühte "Tauben" in den Außenministerien und Herrscherhäusern aller hauptbeteiligten Staaten aus.

Seine Darstellung setzt mit den Morden vom 11. Juni 1903 am Herrscherpaar in Belgrad ein. Bei dieser Verschwörung, die Peter I. auf den Thron brachte, spielte schon ein junger Leutnant der serbischen Armee eine Schlüsselrolle: "Dragutin Dimitrijevic, der später wegen seiner massigen Gestalt ,Apis' genannt wurde, weil seine Anhänger ihn mit dem Stiergott des alten Ägyptens verglichen, war unmittelbar nach seinem Examen an der serbischen Militärakademie auf einen Posten im Generalstab befördert worden, ein untrügliches Zeichen für die hohe Meinung, die seine Vorgesetzten von ihm hatten." Er wurde 1903 zum Volkshelden und Nikola Pasic zum dominierenden Politiker, der bis 1918 mehrfach Regierungschef war.

Die Zielvorstellung einer "Vereinigung aller Serben" - von ihnen lebten fünf Millionen außerhalb der Staatsgrenze, überwiegend im Habsburger und im Osmanischen Reich - hatte von nun an "Hochkonjunktur", verbunden mit jener Loslösung von Österreich-Ungarn, die Frankreich seit 1906 durch umfangreiche Kredite erleichterte. Auf die Annexion von Bosnien-Hercegovina (seit 1878 besetzt) durch Österreich-Ungarn 1908 reagierte Serbien mit Forderungen, auf die es Ende März 1909 verzichten musste. Dies führte zur Gründung der Gruppe "Vereinigung oder Tod!". Sie wurde unter dem Namen "Schwarze Hand" bekannt und unterhielt ein "Ausbildungslager für Terroristen". Der Umfang der Verschwörung vom Juni 1914 lasse sich kaum rekonstruieren, auch nicht die Motive von Apis in seiner Doppelrolle als Chef der "Schwarzen Hand" und als Leiter des serbischen Militärgeheimdienstes. Wahrscheinlich wählte er den Erzherzog als Opfer aus, weil eine Reform der Doppelmonarchie anstand. Die Vorbereitungen zum Anschlag fanden in Belgrad statt; zudem war Pasic "so gut wie sicher" bis "zu einem gewissen Grad über den Plan informiert".

Was die Doppelmonarchie selbst betrifft, so widerspricht Clark der gängigen These vom unausweichlichen Untergang. Vielmehr habe Russland - beispielsweise durch heimliche Förderung der serbisch-bulgarischen Zollunion - Österreich in Bedrängnis gebracht. Überhaupt lasse sich in jener Phase eine erhöhte Kriegsbereitschaft in ganz Europa nachweisen, vor allem bei den Eliten. Dabei habe es sich um einen "defensiven Patriotismus" gehandelt, "der die Möglichkeit eines Krieges umfasste, ohne ihn unbedingt zu begrüßen". Die Vorrangstellung der zivilen Führungen vor den militärischen Stäben blieb laut Clark bis zum Frühjahr 1914 weitgehend intakt; es gab zudem "zögerliche Fingerzeige auf eine Verbesserung der Beziehungen zwischen Wien und Belgrad" (Austausch von politischen Häftlingen, Regelung der "östlichen Eisenbahn").

Weil das militärische Potential der Entente-Mächte Frankreich, Großbritannien und Russland anstieg, hätten Generale in Wien und Berlin viel vom Präventivschlag geredet, der allerdings "nie Bestandteil einer politischen Linie" wurde. Das undurchsichtige System musste laut Clark von außerhalb gezündet werden - was am 28. Juni 1914 geschah. Bei den in extenso beschriebenen Aktionen der Juli-Krise - Hoyos-Mission, Poincaré-Staatsbesuch in Sankt Petersburg, Wiens Ultimatum an Belgrad, Debatten in London - ist von besonderem Interesse, wie Clark den "Blankoscheck" vom 5./6. Juli, also die Zusage Berlins, sich vorbehaltlos hinter den Bündnispartner Wien zu stellen, interpretiert. Demzufolge sah Deutschland das Risiko einer russischen Intervention als "minimal" an: Sollte Sankt Petersburg jedoch die Rechtmäßigkeit des Wiener Anliegens gegenüber Serbien bestreiten, dann käme der große Krieg "lieber gleich" als später; Reichskanzler von Bethmann Hollweg und Wilhelm II. wollten den "Grad der Entschlossenheit Russlands" testen.

Am 28. Juli ging Österreich-Ungarn militärisch gegen Serbien vor, am 30. Juli lief die russische Mobilmachung an - eine der schwerwiegendsten Entscheidungen in der Juli-Krise, weil Russland glaubte, dass "die Unnachgiebigkeit Österreichs in Wirklichkeit die Linie des Deutschen Reiches sei". Das britische Kabinett tendierte noch am 31. Juli zur Neutralität. Erst nach der deutschen Kriegserklärung an Russland habe sich die Londoner "Friedenspartei" aufgelöst. Die Intervention an der Seite der Entente bot Großbritannien ein Mittel, "um sowohl Russland zu besänftigen und zu zügeln als auch Deutschland entgegenzutreten und es einzudämmen", urteilt Clark. Die deutschen Forderungen an Belgien vom 2. August seien ein "katastrophaler Fehler" gewesen. Es wäre "vermutlich besser gewesen, einfach einzumarschieren und das belgische Territorium zu durchqueren. Unterdessen hätte man sich entschuldigen und im Nachhinein die Angelegenheit als fait accompli über eine Schadensersatzzahlung regeln können. Genau ein solches Vorgehen hatte die britische Regierung eigentlich von den Deutschen erwartet." Auf die deutsche Kriegserklärung an Frankreich und den Einmarsch ins neutrale Belgien reagierte London am 4. August mit der Kriegserklärung an Berlin.

In Europa gab es 1914 "keine Begeisterung für den Krieg an sich", aber einen "defensiven Patriotismus, denn die Zusammenhänge dieses Konflikts waren so komplex und seltsam, dass die Soldaten und Zivilisten in allen kriegführenden Staaten überzeugt sein durften, dass sie einen Verteidigungskrieg führten, dass ihre jeweiligen Länder von einem entschlossenen Gegner entweder angegriffen oder provoziert worden waren, ja, dass sich ihre Regierungen nach Kräften bemüht hatten, den Frieden zu bewahren." Mit diesem versöhnlichen Resümee bezieht Clark die Gegenposition zu den vor 50 Jahren diskutierten Thesen über einen deutschen "Griff nach der Weltmacht", die Fritz Fischer aufstellte. Ihm warfen Kontrahenten aus der Historikerzunft sogleich vor, den Artikel 231 des Versailler Vertrags rechtfertigen zu wollen, der "Deutschland und seine Verbündeten als Urheber" des Weltkrieges anprangerte, um sie "für alle Verluste und Schäden verantwortlich" machen zu können. Dieser "Anklage" hatten sich Historiker und Politiker der Zwischenkriegszeit entgegengestellt und sich dabei auf David Lloyd George berufen: Der frühere britische Schatzkanzler und Premierminister (1916 bis 1922) meinte 1933 in seinen Kriegsmemoiren, dass unter den Herrschern und Staatsmännern des Jahres 1914 "kein einziger den Krieg gewollt" habe und die Regierungen Europas "in den Weltkrieg hinein getaumelt" seien.

In den sechziger und siebziger Jahren meinten Fischers Kritiker treffend, 1914 sei keine Großmacht frei von Verantwortung gewesen, daher bedürfe es gründlicher Untersuchungen, um den Anteil der anderen Staaten zu bestimmen. Daran hat sich Clark glänzend gehalten. Aus seiner Sicht entschied sich Fischer für einen "anklägerischen Ansatz", der generell die Neigung verstärke, "die Aktionen der Entscheidungsträger als geplant und von einer kohärenten Absicht getrieben zu konstruieren". Die "kriegerische und imperialistische Paranoia der österreichischen und deutschen Politiker", die "zu Recht die Aufmerksamkeit Fritz Fischers und seiner historischen Schule auf sich zog", dürfe man nicht kleinreden: "Aber die Deutschen waren nicht die einzigen Imperialisten, geschweige denn die einzigen, die unter einer Art Paranoia litten. Die Krise, die im Jahr 1914 zum Krieg führte, war die Frucht einer gemeinsamen politischen Kultur."

RAINER BLASIUS

Christopher Clark: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2013. 895 S., 39,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 08.10.2013

Federbüsche, im Dunkel tappend
Christopher Clark erzählt in seiner großartigen Studie „Die Schlafwandler“ die beklemmende Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs.
Und er macht die Assoziationen sichtbar, die es zu den Balkankriegen der Neunziger und der Euro-Krise heute gibt
VON GUSTAV SEIBT
Hundert Jahre nach der Juli-Krise geistern die Gespenster von 1914 wieder durch die Albträume der Welt. Ein von langer Hand vorbereitetes Selbstmordattentat gelingt wider alle Wahrscheinlichkeit, trifft die Spitze einer Großmacht, und eine Kettenreaktion von Ultimaten und Krisen setzt ein; Regierungen, durch diplomatische Kanäle und dynastische Verbindungen eng verbunden, haben ein schlimmstes Übel vor Augen, aber keine will nachgeben; die Krise hat einen Herd, er liegt am Südostrand Europas, die betroffenen Bündnissysteme jedoch überspannen den Erdball.
  Es ist gut, dass Christopher Clark, der diese Geschichte neu erzählt, die aktuellen Assoziationen bewusst macht, die seine Arbeit begleiteten: die Balkankriege der neunziger Jahre, den 11. September 2001 und die Euro-Krise seit 2010. Der 11. September zeigt wie das Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajewo am 28. Juni 1914 einen Terroranschlag, der eine internationale Krise auslöst; die letzten Balkankriege konnten lokalisiert werden, aber sie gehen zurück auf Probleme, die schon vor 1914 virulent waren; und die Euro-Krise zeigt Regierungen unter einem Zeitdruck, der 1914 von Rüstungsprogrammen und Aufmarschplänen ausging, den heute Verschuldungskurven und Börsenöffnungszeiten ausüben. Vorerst wird „Zeit gekauft“, aber auch jetzt steht wie 1914 ein schlimmstes Übel am Horizont: damals der Weltkrieg, heute der Zusammenbruch einer großen Währung, der Absturz der Weltwirtschaft.
  Gewiss wiederholt sich Geschichte nicht, doch die Anklänge, die es gibt, machen eine Vergangenheit wieder zugänglich, die man leicht als wilhelminisches oder edwardianisches Kostümdrama auf Distanz halten könnte: Christopher Clark, der australische Historiker, der in Cambridge lehrt und mit einer fulminant vorurteilsfreien Geschichte Preußens 2006 Furore machte, zeigt die Handelnden unter ihren Uniformen und Federbüschen, ihren Diplomatenfräcken und Stehkrägen als im Dunkeln tappende Zeitgenossen, als getriebene, von Ängsten geplagte Schlafwandler, die die Wirklichkeit, auf die sie zutaumeln, nicht zu erkennen vermögen.
  So wird eine Geschichte, die hinter großen Begriffen – Imperialismus, Nationalismus, Militarismus – oder hinter einem „instabilen Staatensystem“ verschwunden war, wieder auf die Ebene zurückgeholt, wo sie von Akteuren gemacht und entschieden wurde. Clark nennt die Juli-Krise und ihre Vorgeschichte das „komplexeste Ereignis der Weltgeschichte“. Jedenfalls dürfte es das am besten erforschte sein. Seit dem Kriegsschuldparagraphen des Versailler Vertrags von 1919, der bestimmte, „dass Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden“ des Weltkriegs „verantwortlich sind“, tobte um diese Rechtsgrundlage einer verkorksten Friedensordnung ein „Weltkrieg der Dokumente“, der nach dem Zweiten Weltkrieg ein deutsches Nachspiel hatte: die große Historikerdebatte der sechziger Jahre um Fritz Fischers Thesen vom deutschen „Griff nach der Weltmacht“. Der dabei produzierte Umfang an Quellen und Darstellungen umfasst Hunderttausende allein an gedruckten Dokumenten, die in Spezialuntersuchungen herangezogenen Archivmaterialien dürften in die Millionen gehen.
  Der Konsens, der sich bis in die späten achtziger Jahre aus dieser kollektiven Anstrengung ergab, beruhigte sich bei einer Hauptverantwortlichkeit (wenn nicht „Schuld“) des Deutschen Reiches. Sie wurde auf mehreren Ebenen gefunden: Erstens in der fatalen Dimension einer nachgekommenen Großmacht in einem alten Staatensystem, zu groß für die Balance, zu schwach für die Hegemonie – man sprach mit Ludwig Dehio von „causa“ (Ursache), nicht „culpa“ (Schuld).
  Dazu kamen dann aber viel konkretere Strukturbedingungen und Fehlentscheidungen in der deutschen Politik: die Selbstauskreisung Deutschlands durch sein antienglisches Flottenrüstungsprogramm, seine „Politik der freien Hand“, seine Weltmachtambitionen unter Wilhelm II. Außerdem ein Ungleichgewicht zwischen Politik und Militär, also die überproportionale Rolle von Kriegsplanungen, vor allem im berüchtigten „Schlieffenplan“, der blitzartiges Losschlagen gegen Frankreich vorsah und so der Diplomatie wertvolle Zeit raubte. Schließlich habe die deutsche Politik spätestens seit 1912 mit Blick vor allem auf die russischen Rüstungsprogramme einen Krieg absichtsvoll angesteuert.
  Das sollen die ferneren und näheren Hintergründe für das konkrete Verhalten der Reichsregierung nach dem Anschlag von Sarajewo gewesen sein: So habe Deutschland mit dem „Blankoscheck“ am 5. Juli und dem Drängen auf ein rasches Losschlagen Österreichs gegen Serbien die Eskalation zum Weltkrieg bewusst in Kauf genommen. Der Überfall auf Belgien mit dem zwangsläufigen Kriegseintritt Englands wiederholte die balkanische Eskalation – Serbien angreifen hieß Russland provozieren – im Westen.
  Diese gut zementierte Erzählung erlebt in der Euro-Krise vor allem in den Öffentlichkeiten Frankreichs und Italiens ihre Wiederauferstehung: Deutschland drohe mit seiner Austeritätspolitik zum dritten Mal in einem Jahrhundert den Kontinent zu ruinieren, lautet ein Mantra von Leitartiklern wie Eugenio Scalfari und Barbara Spinelli. Auch darum ist es von Gewicht, dass Clark eine andere Geschichte erzählt. Das englisch-deutsche Flottenwettrüsten, von den Briten nie besonders ernst genommen, sei 1908 faktisch beendet gewesen, und zwar mit dem Sieg Englands. Auch hatten die Deutschen gute Gründe, sich von der Triple-Entente aus Frankreich, Russland und England „eingekreist“ zu fühlen, andererseits seien die Bündnissysteme im Frühjahr 1914 schon in voller Auflösung gewesen: Die Deutschen hatten den Österreichern in den Balkankriegen von 1912/13 entscheidende Unterstützung versagt, und England begann sich über Russland mehr Sorgen zu machen als über Deutschland; es dachte über einen Bündniswechsel nach. Diese mögliche Entspannung des „bipolaren Systems“ zwischen Entente und deutsch-österreichisch-italienischem Dreibund habe jedoch zu einer Verschärfung der Juli-Krise beigetragen: Denn jeder Akteur fürchtete, unversehens allein dazustehen, und setzte seine Partner entsprechend unter Druck. Vor allem Frankreich erscheint in Clarks Untersuchung, die hier erstaunliche neue Archivquellen zitieren kann, als Hauptkriegstreiber; denn auch Frankreich sah die Zeit davonrennen, wenn Russland in Konflikte mit England geriete.
  Warum konzentrierten sich die Krisen überhaupt auf den Balkan? Dafür macht Clark mehrere lokale und internationale Faktoren sichtbar: Russland war 1905 von Japan besiegt worden, also richtete es seinen Ehrgeiz auf die Westgrenze und wieder in Richtung Bosporus. 1911 hatte Italien mit der Eroberung Libyens den Startschuss für die Endaufteilung des Osmanischen Reiches gegeben, das sich daraufhin zum Ärger der Entente Militärberater aus Deutschland kommen ließ. Das Weltsystem wurde, wie Clark sagt, „balkanisiert“. Dazu kommt ein fast geschichtsphilosophischer Faktor: die allgemeine europäische Überzeugung, dass das Kaiserreich Österreich-Ungarn nicht überlebensfähig sei.
  Diese von Clark heftig bestrittene Grundannahme habe Serbien einen unberechtigten Legitimitätsvorsprung verschafft. Clark kann weder das österreichische Ultimatum vom 23. Juli exzessiv noch die serbische Antwort darauf zureichend finden. Der Vergleich der österreichischen Forderungen mit dem Nato-Ultimatum in Rambouillet 1999 gehört zu den Augenöffnern des Buches. Das serbische Regime, das 1903 aus einem Königsmord mit Dynastiewechsel hervorging, schildert Clark als Schurkenstaat, in dem Geheimorganisationen mit Namen wie „Tote Hand“ das Sagen hatten. Allerdings bleibt hier eine kritische Frage auch an Deutschland, die Clark unterlässt: Was hätten die konkreten Ziele einer kriegerischen Strafaktion Österreichs gegen Serbien sein sollen? Eine Frage, die sich heute auch gegen Syrien stellt.
  Clarks Geschichte spielt sich fast ausschließlich in einer Elite von Entscheidungsträgern ab, die nur ein paar hundert Köpfe zählte. Deren Gedanken, Obsessionen, Ambitionen und Ängste zeichnet sein Buch mit bisher unerreichter Plastizität nach. Bizarre Gestalten wie der eitle französische Botschafter in St. Petersburg, Maurice Paléologue, stehen neben Sonderlingen wie dem englischen Außenminister Grey oder dem hektischen Kaiser Wilhelm. Vor allem zeigt Clark die Zerstrittenheit der Apparate: Jedes Land hatte seine Tauben und Falken, und nirgendwo war die Öffentlichkeit über die Entscheidungsprozesse hinreichend informiert. Clark hätte hier erwähnen können, dass überall in Europa noch Ende Juli 1914 Hunderttausende gegen den Krieg demonstrierten, allein in Berlin im Treptower Park über zehntausend Menschen.
  Und so lösen sich die Schuldfragen nicht auf, aber sie werden kleinteilig und unverrechenbar. Dieses Drama hat keinen Hauptschurken, und wenn Clarks Funde und Argumente nur zur Hälfte stimmen, sollte man auch die These von der Hauptverantwortlichkeit des Deutschen Reichs wieder begraben. Dessen Lage war objektiv höchst prekär, unter anderem auch, weil es anders als seine Mitbewerber kaum Kolonialbesitz als ausgleichende weltpolitische Tauschmasse hatte – wieder so ein interessantes Strukturargument von Clark.
  Clarks Buch ist blendend erzählt, es glitzert oft in tragisch-grotesken Farben. Es ist spannend und auch quälend, denn der Leser möchte den blinden Akteuren dieser Tragödie auf jeder Seite zurufen, was sie nun richtig machen sollten, um die absehbare Katastrophe zu vermeiden. Daraus kommt die moralische Spannung dieser düsteren Erzählung: Es gab ohne Zweifel zahlreiche plausible Ursachen für den Weltkrieg, aber zwangsläufig war er nicht. Wer diese 700 Seiten durchlitten hat, wird die Lust verlieren, über Brüsseler Nachtsitzungen noch ein schlechtes Wort zu verlieren. Wenn man den heutigen gehetzten Politikern Europas freie Zeit für ein einziges Buch schenken könnte, dann müsste es dieses sein.
Christopher Clark: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2013. 895 S., 39,99 Euro. E-Book 32,99.
Clark nennt die Juli-Krise
das „komplexeste
Ereignis der Weltgeschichte“
Clarks Geschichte spielt sich
in einer Elite von ein paar hundert
Entscheidungsträgern ab
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