80,00
versandkostenfrei*

Preis in Euro, inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
Bequeme Ratenzahlung möglich!
ab 3,90 monatlich
0 °P sammeln

    Broschiertes Buch

Gegenstand des vorliegenden Werkes ist das Schicksal der Kriegsgefangenen der Mittelmächte in Russland im Ersten Weltkrieg. Zur Erforschung dieses Themas wurden in erster Linie Erlebnisberichte ehemaliger Gefangener und erst seit kurzem zugängliche russische Archivdokumente herangezogen.Die kriegsgefangenen Mannschaften machten nach den schrecklichen Flecktyphus-Epidemien der Winter 1914/15 und 1915/16 sehr unterschiedliche Erfahrungen an ihren Arbeitsplätzen. Die einen litten große Entbehrungen, die anderen kamen im Land ihrer Internierung zu Wohlstand und heirateten einheimische Frauen.…mehr

Produktbeschreibung
Gegenstand des vorliegenden Werkes ist das Schicksal der Kriegsgefangenen der Mittelmächte in Russland im Ersten Weltkrieg. Zur Erforschung dieses Themas wurden in erster Linie Erlebnisberichte ehemaliger Gefangener und erst seit kurzem zugängliche russische Archivdokumente herangezogen.Die kriegsgefangenen Mannschaften machten nach den schrecklichen Flecktyphus-Epidemien der Winter 1914/15 und 1915/16 sehr unterschiedliche Erfahrungen an ihren Arbeitsplätzen. Die einen litten große Entbehrungen, die anderen kamen im Land ihrer Internierung zu Wohlstand und heirateten einheimische Frauen. Auffallend ist, dass die deutlichsten Klagen über Leiden von gefangenen Offizieren stammen, die eine privilegierte Stellung innehatten und von der Arbeitspflicht befreit waren. Der Vergleich der Erlebnisberichte mit dem Bild, das sich aus den russischen, aber auch deutschsprachigen Archivalien ergibt, zeigt, dass die Heimkehrermemoiren die Schrecken der Gefangenschaft oft übertreiben.
  • Produktdetails
  • Verlag: V&R unipress
  • Seitenzahl: 626
  • Erscheinungstermin: April 2006
  • Deutsch
  • Abmessung: 242mm x 167mm x 40mm
  • Gewicht: 1155g
  • ISBN-13: 9783899712414
  • ISBN-10: 3899712412
  • Artikelnr.: 20747760
Autorenporträt
Dr. Georg Wurzer studierte Osteuropäische Geschichte, Politikwissenschaft und Soziologie an der Universität Tübingen, wo er im Jahr 2000 promovierte.
Rezensionen
Besprechung von 10.06.2006
Viele Opfer
Die zwei Millionen Kriegsgefangenen Deutschlands, Österreich-Ungarns, Bulgariens und der Türkei in Rußland

An die Rückkehr der letzten deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion vor sechzig Jahren wurde 2005 ausführlich erinnert. Oft wird darüber aber vergessen, daß schon im Ersten Weltkrieg fast 2,2 Millionen Soldaten der Mittelmächte (Deutschland, Österreich-Ungarn, Bulgarien und die Türkei) in russische Gefangenschaft gerieten und annähernd vierzig Prozent nicht überlebten beziehungsweise für immer verschollen blieben. Dabei hatten Zeitgenossen - allen voran der "Engel von Sibirien", die schwedische Rotkreuzschwester Elsa Brändström - bereits auf die teilweise erschreckende Lage der Kriegsgefangenen hingewiesen und öffentlich Hilfe gefordert. Auf der Grundlage teilweise unveröffentlichter österreichischer Arbeiten und der überlieferten Akten in deutschen, österreichischen und russischen Archiven sowie vieler Erlebnisberichte von Heimkehrern versucht der Autor, das Schicksal der Soldaten in russischer Gefangenschaft nachzuzeichnen.

Das Ergebnis dieser Mühen kann sich in jeder Hinsicht sehen lassen. In insgesamt zwölf Abschnitten behandelt der Autor nahezu alle Aspekte der Kriegsgefangenschaft: Gefangennahme und Transport in die großenteils in Sibirien oder entfernten Grenzregionen des Zarenreiches sich befindenden Lager, hygienische Verhältnisse und Versorgung, Arbeit, psychische Verarbeitung der Gefangenschaft und Flucht, innere Organisation der Gefangenen in den Lagern, die Tätigkeit von Hilfsorganisationen sowie die sich bis in die frühen zwanziger Jahre hinziehende Heimkehr.

Wie erging es den Soldaten in russischer Gefangenschaft nun tatsächlich? Offiziere genossen entsprechend den Bestimmungen der Haager Landkriegsordnung und der Genfer Konvention erhebliche Privilegien. Sie mußten daher nicht nur nicht arbeiten, sondern wurden in Anlehnung an die herausgehobene gesellschaftliche Stellung russischer Offiziere insgesamt gut behandelt. Im Binnenverhältnis wichtig war auch, daß sie ihre Befehlsgewalt über gefangene Mannschaften behielten. Selbst ihren Burschen mußten sie nicht entbehren. An den Vorrechten von Rang, Stand und Klasse änderte auch die Revolution der Bolschewiki nichts. Im Vertrag von Brest-Litowsk hatten die Mittelmächte die Bewahrung der bisherigen Privilegien bis zum Zeitpunkt der Rückführung durchsetzen können. Diese Stellung ermöglichte es Offizieren in Einzelfällen sogar, erfolgreich gegen Lagerkommandanten vorzugehen, die tatsächlich oder vermeintlich ihre Rechte verletzt hatten. So vertrieben sich Offiziere ihre Zeit mit Lesen, Kartenspielen, Sport und Theateraufführungen. Monatliche Gehaltszahlungen trugen weiter dazu bei, das Leben erträglich zu gestalten.

Das Leben der Mannschaften war im Vergleich dazu erbärmlich. Viele waren während des Transports ausgeplündert worden; in den Lagern lagen sie teilweise mit 500 Mann in einer Baracke. Da die Versorgung mit Lebensmitteln wie auch die hygienischen Verhältnisse häufig katastrophal waren - gebadet wurde nur zweimal im Monat -, konnten sich Seuchen wie Typhus, Cholera und Tuberkulose schnell ausbreiten. Allein im Lager Omsk starben innerhalb von zehn Monaten 18 000 Gefangene an Typhus. Mannschaftsdienstgrade waren zudem zur Arbeit verpflichtet, wobei die Bedingungen allerdings höchst unterschiedlich waren: Während von den beim Bau der Murman-Bahn eingesetzten 80 000 Kriegsgefangenen fast ein Drittel an Unterernährung, Krankheiten und Kälte starb, scheint es den 350 000 Gefangenen, die in der russischen Montanindustrie eingesetzt wurden, materiell bessergegangen zu sein - ganz zu schweigen von denen, die in der Landwirtschaft eingesetzt wurden. Manchen, vor allem gesuchten Handwerkern, gelang es sogar, mit ihrer Arbeit ein gutes Einkommen zu erzielen.

Trotz der unleugbaren Schrecken, die die gefangenen Soldaten erlebten, ist der Autor bemüht, allen Beteiligten - auch den russischen Behörden - gerecht zu werden und viele dramatisierende Darstellungen aus der Zwischenkriegszeit zumindest in Teilen in das Reich der Legende zu verweisen. Im Hinblick auf das gänzlich andere Verhalten Hitlers und Stalins gegenüber den Gefangenen in ihrem Machtbereich im Zweiten Weltkrieg bezeichnet er die Politik der zaristischen Regierung sogar als "mustergültig" - ein Urteil, dem zuzustimmen dann doch etwas schwer fällt angesichts der vielen Opfer. Dennoch handelt es sich bei der insgesamt überzeugenden, wenn auch gelegentlich schwer lesbaren Studie des Autors um eine wichtige Arbeit, die nicht zuletzt aufgrund eines umfangreichen statistischen Anhangs eine wichtige Lücke in der Weltkriegsforschung zu füllen vermag.

MICHAEL EPKENHANS

Georg Wurzer: Die Kriegsgefangenen der Mittelmächte in Rußland im Ersten Weltkrieg. V&R unipress, Göttingen 2005. 626 S., 62,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Nicht immer leserfreundlich geschrieben ist sie, ansonsten hat Michael Epkenhans an Georg Wurzers erschöpfender Studie über die Kriegsgefangenen der Mittelmächte, die im Ersten Weltkrieg nach Russland deportiert wurden, nichts zu bemängeln. Alle Aspekte, von der Gefangennahme über die Lagerarbeit bis hin zu der sich teilweise bis in die zwanziger Jahre hinziehenden Rückkehr findet der Rezensent abgedeckt. So erfährt er, dass annähernd vierzig Prozent die Gefangenschaft nicht überlebten, die Zustände in manchen Lagern grauenhaft waren und die Offiziere ihre Privilegien auch nach der Russischen Revolution beibehielten. Wurzers Bemühen um Ausgewogenheit wird positiv vermerkt, auch wenn Epkenhans die Bemerkung des Autors, das zaristische Zarenreich hätte seine Gefangenen im Gegensatz zu Stalin und Hitler "mustergültig" behandelt, dann doch etwas zu weit geht.

© Perlentaucher Medien GmbH