Nicht gerettet - Sloterdijk, Peter

28,80
versandkostenfrei*
Preis in Euro, inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln

  • Gebundenes Buch

Jetzt bewerten

Von Peter Sloterdijk kann man zu Recht sagen, daß jeder seiner Aufsätze, jeder seiner Vorträge auch ein ungeschriebenes Buch ist. Deshalb sind die hier vorgelegten Texte, die eine philosophische Physiognomie Martin Heideggers skizzieren, auch als gesammelter Verzicht auf Ausführlichkeit zu bezeichnen. Um Heideggers Denken in der Ideen- und Problemgeschichte zu verorten, nähert sich Peter Sloterdijk dessen Werk durch Fragen: Wenn die westliche Philosophie aus dem Geist der Polis entstand, wie steht es dann um die Philosophietauglichkeit eines Mannes, der aus seiner trotzigen Anhänglichkeit an…mehr

Produktbeschreibung
Von Peter Sloterdijk kann man zu Recht sagen, daß jeder seiner Aufsätze, jeder seiner Vorträge auch ein ungeschriebenes Buch ist. Deshalb sind die hier vorgelegten Texte, die eine philosophische Physiognomie Martin Heideggers skizzieren, auch als gesammelter Verzicht auf Ausführlichkeit zu bezeichnen.
Um Heideggers Denken in der Ideen- und Problemgeschichte zu verorten, nähert sich Peter Sloterdijk dessen Werk durch Fragen: Wenn die westliche Philosophie aus dem Geist der Polis entstand, wie steht es dann um die Philosophietauglichkeit eines Mannes, der aus seiner trotzigen Anhänglichkeit an die ländliche Welt nie ein Geheimnis gemacht hat? Gibt es eine Provinzwahrheit, von der die weltoffene Stadt nichts weiß? Gibt es eine Feldweg- und Hüttenwahrheit, die imstande wäre, die Universitäten mitsamt ihren Hochsprachen und weltmächtigen Diskursen zu unterhöhlen? Von wo her redet dieser seltsame Professor, wenn er von seinem Freiburger Lehrstuhl aus den Anspruch erhebt, über die Geschichte abendländischer Metaphysik hinauszufragen?
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • Seitenzahl: 403
  • Erscheinungstermin: Januar 2001
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm x 131mm x 29mm
  • Gewicht: 478g
  • ISBN-13: 9783518412794
  • ISBN-10: 3518412795
  • Artikelnr.: 09832002
Autorenporträt
Sloterdijk, Peter
Peter Sloterdijk wurde am 26. Juni 1947 als Sohn einer Deutschen und eines Niederländers geboren. Von 1968 bis 1974 studierte er in München und an der Universität Hamburg Philosophie, Geschichte und Germanistik. 1971 erstellte Sloterdijk seine Magisterarbeit mit dem Titel Strukturalismus als poetische Hermeneutik. In den Jahren 1972/73 folgten ein Essay über Michel Foucaults strukturale Theorie der Geschichte sowie eine Studie mit dem Titel Die Ökonomie der Sprachspiele. Zur Kritik der linguistischen Gegenstandskonstitution. Im Jahre 1976 wurde Peter Sloterdijk von Professor Klaus Briegleb zum Thema Literatur und Organisation von Lebenserfahrung. Gattungstheorie und Gattungsgeschichte der Autobiographie der Weimarer Republik 1918-1933 promoviert. Zwischen 1978 und 1980 hielt sich Sloterdijk im Ashram von Bhagwan Shree Rajneesh (später Osho) im indischen Pune auf. Seit den 1980er Jahren arbeitet Sloterdijk als freier Schriftsteller. Das 1983 im Suhrkamp Verlag publizierte Buch Kritik der zynischen Vernunft zählt zu den meistverkauften philosophischen Büchern des 20. Jahrhunderts. 1987 legte er seinen ersten Roman Der Zauberbaum vor. Seit 2001 ist Sloterdijk in Nachfolge von Heinrich Klotz Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe sowie dort Professor für Philosophie und Ästhetik.
Rezensionen
Besprechung von 10.10.2001
Das Sein geht nach
Stilles und Gezähmtes: Peter Sloterdijk unterhält mit Heidegger
Philosophieprofessoren, kann man bei Peter Sloterdijk lesen, sind „Epigonen abgetragener Übertreibungen”. Und weil das so schön ist, legt er gleich nach: „Das Sekundärdenken baut Übertreibungen ab und arbeitet daran, ihre Wiederkehr unmöglich zu machen.” Es ist nun nicht Ressentiment, das dem Autor die spitze Feder führt. Sloterdijk ist Philosophieprofessor in Karlsruhe. Aber das ist vielleicht nur ein glücklicher Zufall. In erster Hinsicht ist Sloterdijk ein brillanter philosophischer Schriftsteller.
Auch diese „Versuche nach Heidegger”, bei denen Adorno und Luhmann in die Versuchsanordnung mit einbezogen sind, werden Vergnügungssüchtige nicht enttäuschen. Dieser Philosoph beherrscht die Kunst, Geschichten zu erzählen, um Geschichte zu entdecken. Und daran lässt er sein Publikum teilnehmen. Die Geschichte dieses Buches handelt von der Bedeutung Martin Heideggers, nachdem es dafür keine Gegenwart mehr gibt und auch nicht mehr geben kann. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass das Denken im Sinne Heideggers zum einen „eine Übung der Extase im existentiellen Sinn oder eine Besinnung auf das ’Sein’” war, dass Heidegger andererseits aber ein gelehrter Philosophieprofessor war, der in seinen Veranstaltungen Geraune nicht duldete.
Dann beginnt Sloterdijk - wir lesen das dritte Stück seiner Versuche: „Domestikation des Seins -Die Verdeutlichung der Lichtung” - , seine Geschichte zu entfalten: „Es geht jetzt darum, einzusehen, dass auch die scheinbar irreduzible Grundsituation des Menschen, die das In-der-Welt-Sein heißt und als Existenz oder Hinausstehen in die Lichtung des Seins charakterisiert wird, das Ergebnis einer Produktion im ursprünglichen Sinne des Wortes darstellt.” Schon ist die Spannung des Publikums erheblich gesteigert.
Sloterdijk unterbricht seinen Weg am Geländer Martin Heideggers und wendet sich der geschichtlichen Zeit des Übergangs vom Affen zum homo sapiens zu, näherhin von der Philosophie zur Paläoanthropologie. Denn: „Die hier versuchte Annäherung an die menschliche Situation” lässt sich leiten „von dem Motiv, dass die Lichtung selbst ein Resultat der Geschichte, ja vielleicht das Ereignis schlechthin darstellt.” Damit niemand zu früh abwinke, nennt Sloterdijk solche Annäherung selbst „streng und phantastisch”.
Klönen im Treppenhaus
Wie hat sich der Mensch vom Tier entfernt? Indem er einst zum ersten Mal den Stein als Wurfgeschoss gebrauchte und sodann analysierte, was da von Kopf, Hand, durch die Luft und beim Ziel geschah. Er wird „durch Schläge und Würfe zum Autor einer Distanztechnik”. Diese Erfahrung wirkt alsbald auf ihn selbst zurück. „Die Menschwerdung geschieht unter der Protektion der Lithotechnik.” Konsequenz: „Technik verwandelt Stress in Souveränität.” Lernerfolg: „Der Blick, der einem geworfenen Stein nachschaut, ist die erste Form von Theorie.” Philosophischer Ertrag für das Studium Heideggers: „Die Lichtung ist ein Werk der Steine.”
Beim Rückgang in die Frühgeschichte deutet Sloterdijk berühmte Begriffe Heideggers neu. Nachdem frische Kenntnisse darüber belehren, dass in der Urhorde nicht der Tüchtigste überlebt, sondern der Glücklichste, der sich im Schutz der Kämpfer neuen Entwicklungschancen zuwenden darf, kann der Autor umformulieren: „Was Heidegger die Sorge nennt, ist die Selbstabsicherung des Verwöhnungszusammenhangs.” Mancher Leser mag Adornos „Verblendungszusammenhang” assoziieren – vielleicht ein blindes Motiv in der Erzählung des Schriftstellers Sloterdijk, vielleicht aber auch nicht. Und dann die feine Schlussfolgerung: „Nur weil der Mensch zur Luxusvorsorge verdammt ist, kann Sein als Zeit verstanden werden.”
Was begann, als wollte Sloterdijk Schrödingers Katze unter Zuhilfenahme der neuesten Katzenbücher erklären, mündet ein in eine wie befreiend wirkende Heidegger-Lektüre. Und so gibt der Autor denen, die oft den Namen Heidegger gehört haben und immer schon wissen wollten, was es mit dem „Sein” auf sich habe, ein hübsches Merkblättchen zu lesen: „Was er als Sein bezeichnet, ist der Überschuss dessen, was noch kommen, noch enthüllt werden, noch gesagt werden kann über das bisher Gekommene, Enthüllte, Gesagte hinaus. Diesem Enthüllten und seinem unenthüllten Überschuss entsprechen: das heißt auf seinsgemäße Weise denken. In solchem Denken wird das, was schon offen lag, verdeutlicht. Denken in diesem Sinn ist immer nur die Verdeutlichung der Lichtung.” Das erfüllt, was Sloterdijk zu Beginn seiner Lektion versprach: Heidegger bleibt „der logische Alliierte derer, die sich im Denken gegen die Trivialisierung des Ungeheuren auflehnen.” Und deshalb leicht als Agenten des banal Ungeheuren missverstanden werden. Wie es Sloterdijk mit dem Vortrag über die „Regeln für den Menschenpark” geschah.
Hier versucht der Autor, vom Humanismus her die Linie zu Heidegger zu denken, die diesen zu seiner Kritik am Humanismus veranlasste, die Kritik aufzunehmen und aktuell neu zu formulieren. Ausgangspunkt: Die Lektüre klassischer Texte hat die Menschen nicht humaner gemacht. Heidegger verweist auf die Sprache als dem Haus des Seins, empfiehlt ein „abwartendes Lauschen auf das, was vom Sein selber her zu sagen aufgegeben wird.” Für ein „In-die- Nähe-Horchen” muss der Mensch „stiller und gezähmter werden” als der Humanist beim Studium der Meister. Vermittlungstechniken für solche Kommunikation hat Heidegger allerdings nicht gefunden.
Sloterdijk stellt fest, dass die „Domestikation des Menschen das große Ungedachte ist, vor dem der Humanismus von der Antike bis in die Gegenwart die Augen abwandte.” Dabei blendet er aus, dass die Humanisten von der Antike bis in die Gegenwart mit handfesteren Anschlägen auf den Menschen zu tun hatten, Anschlägen, für die das Wort Domestikation zu freundlich ist. Richtig ist, dass die Gefährdungslage eine andere geworden ist. Richtig ist Sloterdijks Hinweis auf „die aktuelle Ungleichheit der Menschen vor dem Wissen, das Macht verleiht.”
Die Humanisten haben nicht bloß gelesen und Lesen gelehrt. Sloterdijk verfehlt den Zugang zu ihnen – und den Zugang zu Platon –, weil er hier zu sehr den Ausführungen Heideggers folgt. Er versäumt das anzuwenden, was die besten Heidegger-Schüler aller Couleur von Heidegger gelernt haben: die Dekonstruktion eines Textes. Heidegger, der politisch nicht denken wollte (oder konnte), las Platon nicht politisch. Er las auch die Humanisten nicht politisch. Die theologische Lesart mochte bei Späteren zu Ergebnissen führen, mit denen etwas anzufangen war. Bei Platon ist eine Lektüre unter Absehen vom Politischen unmöglich.
So gilt für Heidegger wie für Sloterdijk: Wer nicht bereit ist, Politisches zu bedenken, kann auch nicht in Philosophie denken. Eben davon wollte Heidegger dann ja auch absehen; er suchte den Anknüpfungspunkt für seine Fragen bei Heraklit und Parmenides, also vor aller Philosophie. Wer das und die dazu gehörende Redeweise nicht mitmachen will, kann gute Gründe dafür beibringen. Aber eines kann er nicht. Er kann nicht auf Platon hin und von Platon her denken, ohne die Politik im Zentrum seiner Gedanken zu haben: die Politik als immer währender Ernstfall der Philosophie – die Philosophie als die Begründung jeder Politik vom einzelnen Menschen her. Oder um es in einem Satz zu sagen: Wer von Thukydides nicht reden kann, muss von Platon schweigen; wer seinen Tacitus nicht gelesen hat, weiß nichts von Humanisten.
JÜRGEN
BUSCHE
PETER SLOTERDIJK: Nicht gerettet. Versuche nach Heidegger. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001. 403 Seiten, 56 Mark.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Ludger Heidbrink bespricht zwei Bücher über Heidegger, die sich zumindest in zweierlei Hinsicht ähnlich seien: Beide kritisieren laut Heidbrink Heideggers antivitalistischen Standpunkt und beide heben die Bedeutung der Bedürfnisnatur hervor.
1) Günther Anders: "Über Heidegger"
Günther Anders kritisiert allerdings, wie Ludker Heidbrink darstellt, die Haltung Heideggers, der sich einer Stellungnahme zu den Problemen der Moderne verweigere. Heideggers Existenzialphilosophie spiegele die "radikale Vereinzelung des kleinbürgerlichen Individuums wider" und entziehe sich einer anthropologischen Fundierung des Individuums, fasst Heidbrink Anders Kritik Anders zusammen. So seien Anders gesammelte Aufsätze Ausdruck einer "tiefen Unzufriedenheit über die Tatenlosigkeit der Philosophie".
2) Peter Solterdijk: "Nicht gerettet. Versuche über Heidegger"
Dagegen übernehme Sloterdijk in gewisser Hinsicht den Ansatz Heideggers, meint Heidbrink, und führe diesen weiter, in dem er dessen Dekonstruktion des Menschen mit der Frage nach den Möglichkeiten der "Anthropotechniken" verbinde. So stelle Sloterdijk fest, dass der Mensch immer bereits "hybrid" gewesen sei, insofern er seine biologische Mangelhaftigkeit durch technologische Konstruktionen auszugleichen versuche. Ein Versuch demnach, sich dem Unausweichlichen zu überlassen, ohne die Kontrolle über die Entwicklungen zu verlieren, wie Heidbrink zusammenfasst.

© Perlentaucher Medien GmbH
…mehr