Lexikon des Kritischen Rationalismus - Niemann, Hans-Joachim
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"Wer sich mit diesen auf die schrittweise (theoretische und praktische) Verbesserung der Realität zielenden Grundzügen des Kritischen Rationalismus vertraut machen möchte, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt, ebenso wie allen, die nach einer rationalen Philosophie suchen, die sich direkt und konkret vor allem im Alltag bewährt, nachvollziehbare Regeln und Begründungen an die Hand gibt, ohne sich im Abseits von Spekulationen zu verlieren."Helmut Walther in Aufklärung und Kritik 2 (2004), S. 260…mehr

Produktbeschreibung
"Wer sich mit diesen auf die schrittweise (theoretische und praktische) Verbesserung der Realität zielenden Grundzügen des Kritischen Rationalismus vertraut machen möchte, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt, ebenso wie allen, die nach einer rationalen Philosophie suchen, die sich direkt und konkret vor allem im Alltag bewährt, nachvollziehbare Regeln und Begründungen an die Hand gibt, ohne sich im Abseits von Spekulationen zu verlieren."Helmut Walther in Aufklärung und Kritik 2 (2004), S. 260
  • Produktdetails
  • Verlag: Mohr Siebeck
  • 2004; Unveränd. Studienausg.
  • Erscheinungstermin: 30. November 2006
  • Deutsch
  • Abmessung: 235mm x 154mm x 34mm
  • Gewicht: 663g
  • ISBN-13: 9783161491580
  • ISBN-10: 3161491580
  • Artikelnr.: 20924785
Autorenporträt
Hans-Joachim Niemann:
Geboren 1941; Studium der Chemie und Philosophie; 1972 Promotion zum Dr. rer. nat.; Referatsleiter im Siemens Forschungszentrum Erlangen; freiberuflicher Schriftsteller; Lehraufträge und Gastvorlesungen über Kritischen Rationalismus an den Universitäten Bamberg und Passau.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 13.12.2004

Weltordnung der Anfangsbuchstaben

Wörterbücher haben vielleicht auch in Deutschland bald wieder Konjunktur. Aus anderen Ländern wie Frankreich erreicht uns nebst diversen geisteswissenschaftlichen und philosophischen Nachschlagewerken gerade das umfangreiche "Vocabulaire européen des philosophies" (Seuil), das auf siebzehnhundert Seiten Begriffe aus der vielsprachigen europäischen Philosophietradition gegeneinander abwiegt. Theorie findet zu den Freuden der Worterklärung zurück. "Die Vernunft aus dem Alphabet" überschrieb schon Voltaire sein "Philosophisches Wörterbuch". Wo die Denksysteme verdächtig sind, hilft die alphabetische Wort- und Weltordnung weiter mit ihrer natürlichen Sprunghaftigkeit, die den Zufall im Mittelpunkt ihrer Gesetzmäßigkeit trägt: die Initiale des Buchstabens als der Weisheit letzter Schluß. Mehr noch als für die großen kollektiven Editionsunternehmen gilt dies für die Einzelabenteuer auf dem Gebiet des Lexikalischen. Voltaires "Wörterbuch" ist mit seinen Hinzufügungen, Auslassungen und Neukombinationen über die aufeinanderfolgenden Ausgaben hinweg von manchen wie ein kleines Parallelmodell zu Montaignes "Essays" gelesen worden.

Solche Ansprüche kann ein Wörterbuch zum Kritischen Rationalismus, wie Hans Joachim Niemann ("Lexikon des Kritischen Rationalismus". Mohr Siebeck Verlag, Tübingen 2004. 432 S., geb., 59,- [Euro]) es gerade vorlegte, natürlich nicht erheben. Durchaus angebracht ist dennoch die Verlagsankündigung, viele der tausend Artikel zu den Hauptbegriffen der Philosophie Karl Poppers und Hans Alberts läsen sich wie kleine Essays. Hier hat ein Autor das Genre der lexikalischen Gesamtdarstellung so auszuschöpfen gewußt, daß man vor- und zurückblätternd sich festliest im Systematischen, Historischen, Anekdotischen und, wie es sich bei diesem Buchgenre gehört, der Finger bald nicht mehr genug hat.

Zu den Hauptreizen bei der Lektüre solcher lexikalischen Werke gehört jeweils, im breiten Textkonvolut den wahren Zugang ausfindig zu machen, der im allfälligen Vorwort oder der Einleitung ja mehr versteckt als offengelegt wird. Hier steht die Einführung etwa in der alphabetischen Mitte des Buchs, unter dem Stichwort "Popperrezeption", und sie steht im Zeichen der (scheinbaren) Trivialität. Die Kernthesen von Poppers Philosophie wirken tatsächlich so trivial, daß ein Wörterbuch in diesem Fall mehr zum Komplexermachen als zur Vereinfachung not tut. Popper sei selbst im engen Kreis von Paul Feyerabend, Imre Lakatos, Thomas Kuhn oft mißverstanden worden und habe sich beklagt, nicht einmal seine Hauptthese aus "Die offene Gesellschaft" sei ernst genommen worden, schreibt Niemann. Sie besteht aus der Grundeinstellung, "die zugibt, daß ich mich irren kann, daß Du Recht haben kannst und daß wir zusammen vielleicht der Wahrheit auf die Spur kommen können". Was an philosophischer, politischer, existentieller Implikation an dieser brav wirkenden Maxime hängt und vorbei an Dogmatismus und Skeptizismus auf einem "dritten Weg" ins konstruktiv Offene führen soll, wird durch ein zwischen Wissensnotwendigem, Nebensächlichem und Kuriosem komponierte Begriffsbouquet der Einträge aufgefächert.

"Fallibilismus" heißt der naturgemäß auch in diesem Lexikon straff gezwirnte Erklärungsfaden, mit dem das Ganze zusammengehalten wird. Er beinhaltet, daß alles Wissen und alles Handeln prinzipiell fehlbar, also vorläufig und immer nur so lange gültig ist, wie ihm kein besseres Argument gegenübergestellt wird. Daß jedes ganzheitliche Weltauslegungsmodell damit suspekt, jeder feste Glaube fragwürdig, jeder kollektive Handlungsplan fragil wird, können wir im alphabetisch daherwirbelnden Konfettiregen der lexikalischen Einträge am Beispiel unterhaltsam nachlesen. "Holismus"? - wird in seiner philosophischen wie politischen, medizinischen, ökologischen Erscheinungsform von Popper natürlich zurückgewiesen. "Irrationalismus"? - führt auf direktem Weg über Haß, Furcht und Neid zur Gewalt und macht im Streit gegen den Rationalismus den "wichtigsten intellektuellen und vielleicht sogar moralischen Konflikt unserer Zeit" aus. "Revolution"? - glaubt irrtümlich, die Zukunft vorwegnehmen zu können, und vertut so eine Chance der Evolution. "Religion"? - verfolgt wie die mythischen Dichtungen mit den Mitteln ihrer Zeit rationale Ziele, überläßt aber allmählich der Wissenschaft mit deren effektiveren Mitteln das Feld. Denn "Wahrheit" und "Nützlichkeit" sind, so bekräftigt der Artikel "Pragmatismus", aus der Perspektive des Kritischen Rationalismus sehr eng miteinander verknüpft.

Der schönste Erweis eines gelungenen Nachschlagewerks ist es, wenn implizit das gesagt wird, was vom Genre her nicht gesagt werden kann und wohl auch gerade nicht gesagt werden soll. Wie in einem Präzisionshohlspiegel zeigt dieses Buch den blinden Fleck des Kritischen Rationalismus: dessen unerschütterliches Vertrauen ins fortschreitende Bessermachen aller Dinge auf der Welt, wo jeder Irrtum nur ein Auftakt zum richtigen Schluß, jeder Fehltritt ein Anlauf zum Besseren ist. Zwischen den Artikeln spricht da eine Art Pietismus der Vernunft, der selbst im Bereich der Kunst dem Rationalen nie das Irrationale, sondern immer bloß die harmlose, fügsame Phantasie gegenüberstellt. Selbst dort, wo der Autor Niemann, seinen Rollenspielraum des Lexikalischen klar übertretend, ausdrücklich für Popper Partei ergreift gegen alle Kritik einschließlich jener der Schüler, bleibt das Buch jedoch immer lesenswert. Poppers Rationalismus wird über die Verästelung der Stichworteintragungen in jene extreme Sphäre noch diesseits des postmodernen Risses gehalten, wo die Bruchlinien von Paul Feyerabends "Anything goes!" schon absehbar sind. Und ein Lexikon darf diese Ziselur zwischen den Artikeln ja auch offenlassen.

JOSEPH HANIMANN

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Überzeugend findet Rezensent Joseph Hanimann dieses "Lexikon des Kritischen Rationalismus" von Hans Joachim Niemann. Viele der tausend Artikel zu den Hauptbegriffen der Philosophie Karl Poppers und Hans Alberts lesen sich zur Freude Hanimanns wie kleine Essays, in denen man sich vor- und zurückblätternd schnell festlese. Als Erklärungsfaden, der das Lexikon zusammenhält, nennt er das Prinzip des "Fallibilismus", die Auffassung, dass alles Wissen und alles Handeln prinzipiell fehlbar, also vorläufig und immer nur so lange gültig ist, wie ihm kein besseres Argument gegenübergestellt wird. Deutlich werde aber auch der "blinde Fleck" des Kritischen Rationalismus: "dessen unerschütterliches Vertrauen ins fortschreitende Bessermachen aller Dinge auf der Welt, wo jeder Irrtum nur ein Auftakt zum richtigen Schluss, jeder Fehltritt ein Anlauf zum Besseren ist." Zwischen den Artikeln spreche eine Art Pietismus der Vernunft, der selbst im Bereich der Kunst dem Rationalen nie das Irrationale, sondern immer bloß die harmlose, fügsame Phantasie gegenüberstelle. Auch wenn der Autor den Spielraum des Lexikalischen bisweilen übertrete und ausdrücklich für Popper Partei ergreife, findet Hanimann das Lexikon "immer lesenswert".

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