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Die moderne Wissenschaft hat tiefgreifend unser Verständnis der Natur geprägt. In den letzten drei Jahrhunderten bildete diese Idee der Natur den Hintergrund all unseres Tuns. Aufgrund der ökologischen Folgen des menschlichen Handelns tritt die Natur jedoch heute aus dem Hintergrund auf die Bühne, wie Bruno Latour in seinem faszinierenden Buch zeigt. Die Luft, die Meere, die Gletscher, das Klima, die Böden, alles interagiert mit uns. Wir haben die Epoche der Geohistorie betreten, das Zeitalter des Anthropozäns - mit dem Risiko eines Krieges aller gegen alle.
Die alte Natur verschwindet und
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Produktbeschreibung
Die moderne Wissenschaft hat tiefgreifend unser Verständnis der Natur geprägt. In den letzten drei Jahrhunderten bildete diese Idee der Natur den Hintergrund all unseres Tuns. Aufgrund der ökologischen Folgen des menschlichen Handelns tritt die Natur jedoch heute aus dem Hintergrund auf die Bühne, wie Bruno Latour in seinem faszinierenden Buch zeigt. Die Luft, die Meere, die Gletscher, das Klima, die Böden, alles interagiert mit uns. Wir haben die Epoche der Geohistorie betreten, das Zeitalter des Anthropozäns - mit dem Risiko eines Krieges aller gegen alle.

Die alte Natur verschwindet und weicht einem Wesen, das schwierig zu bestimmen ist. Es ist alles andere als stabil und besteht aus einer Reihe von Feedbackschleifen in ständiger Bewegung. Gaia ist sein Name. Latour argumentiert, dass die komplexe und mehrdeutige Gaia-Hypothese, wie sie von James Lovelock entwickelt wurde, ein idealer Weg ist, um die ethischen, politischen, theologischen und wissenschaftlichen Aspekte des nunmehr veralteten Begriffs der Natur zu entwirren. Er legt den Grundstein für eine zukünftige Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern, Theologen, Aktivisten und Künstlern, während wir beginnen, mit dem neuen Klimaregime zu leben.
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • Seitenzahl: 522
  • Erscheinungstermin: 13. Juni 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 203mm x 123mm x 38mm
  • Gewicht: 590g
  • ISBN-13: 9783518587010
  • ISBN-10: 3518587013
  • Artikelnr.: 46774735
Autorenporträt
Latour, Bruno
Bruno Latour, geboren 1947 in Beaune, Burgund, Sohn einer Winzerfamilie. Studium der Philosophie und Anthropologie, von 1982 bis 2006 Professor am Centre de l'Innovation an der Ecole nationale supérieure de mine in Paris. Gastprofessor an der University of California San Diego, der London School of Economics und am historischen Seminar der Harvard University. Seit Juni 2007 ist Bruno Latour Professor am Sciences Politiques Paris und dem Centre de Sociologie des Organisations (CSO). Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u. a. 2013 den Holberg- Preis.
Rezensionen
Besprechung von 27.11.2017
Die Vollendung der Heilsgeschichte auf Erden
Bruno Latour rechnet mit dem Naturbild der Moderne ab
Nur einen einzigen kritischen Kommentar schrieben die zahlreichen Besucher Sebastião Salgado ins Gästebuch. Manche seiner Fotografien von Ureinwohnern Amazoniens offenbarten eine ästhetische Nähe zu den Nuba-Porträts Leni Riefenstahls, befand ein Betrachter der Ausstellung „Genesis“ im Kunstfoyer der Versicherungskammer Bayern. Alle anderen überboten sich im Lobpreis der großformatigen Landschaftsaufnahmen: „ursprünglich“, „überwältigend“, „erhaben“ seien Salgados Schwarz-Weiß-Bilder. Sie würden, so versicherte bereits der Einführungstext, das Bewusstsein schärfen für die Gefährdung des Lebens auf Erden – paradoxerweise, indem „46 Prozent der Landmasse“ als vom Menschen noch „unberührt“ dargestellt werden.
Wäre der Wissenschaftssoziologe Bruno Latour in der Ausstellung gewesen, er hätte nicht mit Kritik gespart und dabei auf Gedanken zurückgreifen können, die er 2013 in den Gifford Lectures in Edinburgh erstmals formuliert hatte. Diese sind nun, überarbeitet und erweitert, auf Deutsch erschienen. Salgado würde er vorwerfen, dass er unseren Planeten als beherrschbaren Globus und nicht als bewohnbare Erde inszeniert hat – als etwas, was vom Fotografen als Objekt auf Distanz gehalten wird. Die Trennung zwischen erkennendem Subjekt und zu erkennendem Objekt ist aber für Latour die große Lüge der Moderne. Der damit verbundene neuzeitliche Begriff der Natur unterliege seit dem 17. Jahrhundert einer fatalen Paradoxie: Einerseits beerbt die Natur (als Naturgesetz) die Vorstellung eines absoluten Gottes, andererseits wird sie (als Ressource) externalisiert und damit instrumentalisierbar.
Die Beziehung zwischen menschlichem Geist und Materie verläuft allerdings nicht entlang scharfer Trennlinien, wie dies die hard sciences für sich reklamieren. Sie ist vielmehr gekennzeichnet von vielfältigen Rückkopplungsschleifen, wie uns die Kognitionswissenschaften und die Biochemie immer deutlicher vor Augen führen. Das gilt für das Gehirn eines Kleinkindes ebenso wie für jede Form des Stoffwechsels. Die zentrale Frage für Latour ist nun, was passiert, wenn man sich diesen Bereich der aus der menschlichen Sphäre ausgegliederten „Natur“ nicht mehr so einfach vom Leibe halten kann, weil er sich als verletzliches Subjekt erweist, das auf die systemischen Veränderungen durch den Menschen reagiert. Deswegen ist das Anthropozän für Latour so wichtig, also die Fachdiskussion darüber, ob die kollektive Wirkmacht des Homo sapiens geologischen Kräften gleichzusetzen sei und deswegen eine erdgeschichtliche Epochenzäsur rechtfertige. Das Anthropozän bedeutet für ihn nicht nur die Bereitschaft, das volle Ausmaß der technischen Zivilisation und ihrer Wechselwirkung mit den Erdsystemen zu erkennen, sondern auch den Mut, aus dieser Erkenntnis politische Handlungsfähigkeit zu gewinnen. Denn, so schreibt er ebenso lapidar wie treffend: „Die Zugehörigkeit zur Welt ist nicht heilbar.“
Der herkömmliche Naturbegriff, so Latour, biete ein Refugium für alle, die aus der Beschreibung der wissenschaftlichen Tatsachen keine politischen Konsequenzen ziehen wollen: Sie blicken lieber weiterhin auf die Naturpanoramen ihrer Bildschirmschoner und träumen von der Unversehrtheit einer unendlich regenerierfähigen Natur. Diese vermeintliche Naturkulisse, vor der sich die Kulturgeschichte abspielen soll, ist allerdings längst als ein vom Menschen überformtes „evolvierendes System“ erkennbar. Wie James Lovelock, ein wichtiger Ideengeber für die Anthropozändebatte, betont, besteht dieses System „aus allem Lebendigen und seiner Oberflächenumwelt, (…) wobei diese beiden Komponenten fest verkoppelt und nicht voneinander zu trennen sind“. Die Erdgöttin Gaia steht als Bezeichnung für dieses Gegenmodell zum neuzeitlichen Naturbegriff Pate.
Einer Gesellschaft, die das alte Klimaregime durch Abwrackprämien stützt, das neue aber in halbherzigen Kompromissen verschleppt, kann Latour nur einen regelrechten „Leugnungswahn“ attestieren. Mit Sarkasmus charakterisiert er die derzeitigen Bemühungen, auf die Herausforderungen des Anthropozäns durch technokratische Nachbesserungen zu reagieren, als ein ideologisches Festklammern am fossilen Klimaregime. Trump ist da nur eine extreme Ausprägung unter vielen. Auch wenn er Verbindungen zur zeitgenössischen Politik geistreich einfließen lässt, geht es Latour vorrangig darum, zu zeigen, wie sehr die Naturwissenschaften selbst an diesem antiwissenschaftlichen Zeitgeist mitgewirkt haben, indem sie das System Erde nicht in seiner Leben erzeugenden und Leben erhaltenden „Materialität“ begriffen, sondern auf leblose „Materie“ reduzierten. Gleichzeitig verhalte sich der Prometheus-Mensch „post-apokalyptisch“. Damit bezeichnet Latour, mit Bezug auf Eric Voegelin, wie die politische Imagination des Westens seit dem Spätmittelalter nachhaltig von der Idee einer Vollendung der Heilsgeschichte auf Erden geprägt sei. Während der Entstehung des wissenschaftlichen Weltbildes im 17. Jahrhundert werde aufgrund dieser Vorgeschichte paradoxerweise das Irdische unter den Generalverdacht gestellt, von transzendenten Endzeitvorstellungen kontaminiert zu sein. Folglich erscheint die westliche Moderne in einer politischen Theologie verwurzelt, der zufolge die Apokalypse bereits hinter uns liegt. Vor diesem Hintergrund kann man nun auch die tieferen Gründe für das irrationale Unverständnis begreifen, auf das die Forderungen nach einer Änderung des westlichen Lebensstils stoßen. Für viele Zeitgenossen hat die „Apokalypse ja bereits stattgefunden“: Sie leugnen die Dringlichkeit der politischen Ökologie, denn „die ‚totale und radikale Veränderung des Lebens‘ haben sie doch schon längst dadurch vollzogen, dass sie entschlossen Moderne geworden sind!“ Die brave und unablässige Selbstoptimierung und -erfindung erscheint ihnen als Modus Vivendi der Endzeit.
Man darf sich über Latours bildungshungrige Redseligkeit und rhetorische Eitelkeit ärgern, man darf sich davon aber nicht von der Brisanz und dem Scharfsinn seines Arguments ablenken lassen. Niemand hat bislang die anthropologischen Herausforderungen durch die schwindelerregende ökologische Umgestaltung unseres Planeten so konsequent durchdacht; niemand hat so humorvoll und bissig den Zeitgeist des lauen Ökologismus der Mittäterschaft am alten Klimaregime überführt; niemand hat so kunstfertig das philosophische Fragen zu einer Sache des Überlebens gemacht.
Und Salgado? Auch für den hätte Latour einen Vorschlag: Er könne sich doch bei Caspar David Friedrich etwas abschauen. Dessen Bild „Das große Gehege bei Dresden“ habe nämlich in seiner Verunsicherung der Zentralperspektive schon vor über 200 Jahren unser heutiges Dilemma erfasst: dass wir uns als außerirdische Betrachter des Globus wähnen, wo wir doch Teil der Erde sind.
BERNHARD MALKMUS
Die Beziehung zwischen Geist
und Materie verläuft nicht
entlang scharfer Trennlinien
Die Naturwissenschaften haben
an einem antiwissenschaftlichen
Zeitgeist mitgewirkt
Bruno Latour: Kampf um Gaia. Acht Vorträge über das neue Klimaregime. Aus dem Französischen von Achim Russer und Bernd Schwibs. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2017. 523 Seiten, 32 Euro. E-Book Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Besprechung von 16.06.2017
Die Welt ist halt kein Blätterteig
Nach der Natur ist vor der Politik: Bruno Latour entwirft ein Klimaregime für das Anthropozän

Die Klimaskeptiker haben mit Donald Trump ihr großes Los gezogen. Doch ihre wichtigste Schlacht gewannen sie schon sehr viel früher: als es ihnen gelang, sich keineswegs als Leugner der aufgehäuften Belege für die vom Menschen verursachten Folgen für das Klima zu präsentieren, sondern als Skeptiker. Als sie den Namen einer ehrenwerten philosophischen Tradition kaperten, mit der sie tatsächlich gar nichts am Hut haben, als ob ihre Leugnung Resultat gediegenen Abwägens von Gründen und Begründungen sei.

Verschwörungstheorie kommt da bei einem harten Kern dieser selbsternannten Skeptiker bekanntlich hinzu: Wissenschaftler, die über das Thema Klima an Reputation und Gelder kommen wollen, sorgten für falsche apokalyptische Warnungen und Schuldzuweisungen. Aber die Breitenwirkung ihrer Kampagnen verdankte sich eher noch einem bestimmten Bild von Wissenschaft, an das sie ihre vermeintliche Skepsis knüpfen. Denn zeige der Blick auf die präsentierten Modelle, Daten und Prognosen nicht, dass Modelle manchmal miteinander konkurrierten, Daten mit Unsicherheiten behaftet seien, ja die Wissenschaftler eben selbst untereinander manchmal uneins seien über die angemessene Kombination der vielen Puzzleteile, die aus verschiedenen Forschungsfeldern bezogen werden?

Wo bleibe da die Eindeutigkeit, mit der die Natur spricht, wenn sie von richtiger Wissenschaft traktiert wird, die ihre unverrückbaren Gesetze aufdeckt? Zeige das nicht, dass menschliche Interessen im Spiel sind, sich Politisches einmengt, wo reine Objektivität herrschen müsste, die sich um uns nicht im Geringsten kümmert? Da bleibe nur die "skeptische" Distanz - die zufällig ganz gut zu klaren wirtschaftlichen Interessen und allgemeiner zur Neigung passt, sich nicht Wirtschaftswachstum auf gebahnten Wegen und eingefahrene Lebensstile madig machen zu lassen.

Mit Bruno Latour gesprochen, dem Pariser Wissenschaftsforscher und Philosophen, sind die Klimaskeptiker exemplarische Moderne: Sie gehen von einer scharfen Grenze aus, die die menschlichen Angelegenheiten von den natürlichen Tatsachen trennt, welche die Wissenschaften aufzeichnen. Dass es aber genau diese scharfe Grenze nicht gibt, das ist der springende Punkt bei Bruno Latour seit seinen frühen Arbeiten zu Laborforschung. Ihr Kernsatz lautet: Wir sind nie modern gewesen, denn diese Grenze war - sieht man nur genauer hin, wie die Wissenschaften prozedieren - immer eine bloße Behauptung, ein Art Festreden-Image der Wissenschaft.

Weder ist "die Natur" bloß gegeben, noch erforschen wir sie wie Leute vom Sirius; und genauso voreilig ist es - der Leitgedanke von Latours "symmetrischer Anthropologie" -, eigensinnige Akteure bloß auf der menschlichen, also kulturellen Seite zu verorten, während auf der Seite der natürlichen Gegenstände und Artefakte nur Ursachen sich brav verketten, wenn auch manchmal mit für uns fatalen Folgen.

Diese Grundeinsichten prägen auch Latours nun auf Deutsch erschienene "Vorträge über das neue Klimaregime", hervorgegangen aus den traditionsreichen Gifford Lectures, zu denen er 2013 eingeladen worden war. Ihr zentrales Motiv lässt sich so formulieren: Wir sind nie modern gewesen, doch mittlerweile zeigt uns die Klimaforschung ganz konkret, wie die vermeintlich von uns klar abgetrennten Gegenstände der Forschung auf uns zurückwirken. Die moderne Grenzziehung zwischen ihnen und uns entpuppt sich damit endgültig als illusionär. Das alte Klimaregime hielt an ihr fest: die selbsternannten Skeptiker wie die optimistischen Ingenieure, aber auch jene, die den Menschen als Gärtner und Wächter des Planeten oder der Schöpfung ansehen.

Gaia ist nicht der Blaue Planet

Was es deshalb nach Latour braucht, ist ein neues Klimaregime. Ein Regime, das die alte Opposition Natur/Kultur definitiv hinter sich lässt, indem es sich an ein realistisches Bild von den (Klima-)Wissenschaften hält, an deren Verfahren, im Forschungsprozess immer neue relevante Agenten - "Wirkmächte" ist der von Latour gewählte Terminus -, Interaktionen und Rückkoppelungsschleifen zu entdecken. Woraus sich kein Ganzes ergibt, keine selbstregulierende kybernetische Maschine namens "Blauer Planet", kein unter Bewahrungs- oder Ingenieursaspekten ins Auge zu fassender Globus, sondern eine historisch offene, auf einander durchdringenden Funktionsebenen interagierende Vielfalt von Wirkmächten, menschlichen wie nicht-menschlichen.

Sie bekommt von Latour den Namen Gaia. Das ist vielleicht eine großzügige Interpretation von Lovelocks Konzept, aber jedenfalls eine interessante. Und wer angesichts mancher Gaia-Adoranten gleich ausholen möchte zum Vorwurf, damit sei einer naiven Ersatzreligion beigepflichtet, liegt bei einem Autor wie Latour ganz falsch. Religion kommt bei ihm durchaus ins Spiel, aber nur insofern, als das neue Klimaregime erst die definitive Säkularisierung unseres Weltverhältnisses bringen soll.

Denn Latour sieht dieses Verhältnis immer noch durchzogen von religiösen Erbschaften, auch und gerade dort, wo es nach dem Selbstverständnis der Akteure gut materialistisch und ganz säkular zugehen soll. Diese Erbschaften seien letztlich dafür verantwortlich, dass die Befunde und Prognosen der Klimaforschung so wenig Effekt zeigen. Um das einsichtig zu machen, veranstaltet Latour großes Ideentheater unter Verwendung von Eric Voegelins ideengeschichtlichen Thesen zur Gnosis und zu Utopien als in die historische Zeit geholten Jenseitshoffnungen.

Eine Stimme für den Ozean

Es läuft auf die These hinaus, dass wir Modernen von einem möglichen Ende der Welt nichts hören wollen, weil das apokalyptische Ende der Zeit schon längst in einen ruhigen, virtuell zeitlosen Geschichtslauf konvertiert wurde. Ob es diese Ableitung aus der Tiefe der Zeit braucht, um zu erklären, warum die Befunde der Klimaforschung keine Kehrtwenden hervorbringen, darüber kann man unterschiedlicher Ansicht sein. Aber Latour geht hier nun einmal aufs Ganze, will zeigen, dass wir Modernen noch immer in Idealisierungen stecken, Erbschaften alter Transzendenz, die uns daran hindern, jenseits der Unterscheidung religiös/säkular wirklich im Diesseits, bei der konkreten, endlichen Materialität der Welt und ihrer vielfältigen Akteure anzukommen. Eben bei Gaia, Gegengestalt von Utopie und Zeitlosigkeit, die sich nicht hübsch hierarchisch geschichtet gibt - "Die Welt ist kein Blätterteig" -, für eine "sehr weltliche Endlichkeit" steht und dafür, endlich die Gegenwart ernst zu nehmen.

Das meint natürlich, die Gegenwart als den Ort von wirklichen Entscheidungen ernst zu nehmen, also auch von Kämpfen um diese Entscheidungen mit Blick auf eine offensichtlich für alle riskant gewordene Zukunft im Anthropozän (wobei es kaum eine Rolle spielt, ob und wann die geologische Epochenbezeichnung sich offiziell durchsetzen wird). Was dazu gefordert ist, fasst Latour unter die Direktive einer "Repolitisierung der Ökologie": Statt wie im alten Klimaregime die Politik hinter den Verweisen auf die Gegebenheiten "der Natur" und ihre Abbildungen in der Wissenschaft tendenziell verschwinden zu lassen, müsse sie nun explizit verfochten werden.

Denn die gern geübte Berufung auf Natur wie Wissenschaft als unanfechtbare, miteinander verknüpfte Schlichtungsinstanzen fällt nun aus. Sich wie manche Ökologen einzubilden, über die unverrückbare Wahrheit zu verfügen, der gegenüber die Opponenten bloß verschiedene Varianten rationaler Defizienz erkennen ließen, greift nicht mehr. Hält man an diesem alten Regime fest, verdecke man nur die Realität der Kämpfe, indem man sich mit vermeintlich ihnen enthobenen Einsichten tröstet; und man ist dann auch machtlos gegenüber ihren möglichen Radikalisierungen.

Besser also, so Latours Maxime, man bekennt sich zum Krieg, nicht um ihn zu führen, sondern um ihm durch eine neue Form von Unterhandlungen möglichst zuvorzukommen. Es ist diese Stelle, wo Latour ein Stück weit Überlegungen Carl Schmitts als Leitfaden nimmt. Das ist, wie manchmal bei Latour, etwas überinstrumentiert. Doch die riskante Verwendung eines "toxischen" Autors wie Schmitt soll braven Naturschützern und Wissenschaftlern, die auf ihre ultimative Objektivität pochen, offensichtlich einen kleinen Schock verpassen; wobei sie es im Vorbeigehen sogar mit Schmitts "Raumordnungskriegen" zu tun bekommen, um aus der Reserve gelockt zu werden.

Wie die Unterhandlungen im menschliche wie nichtmenschliche Akteure umfassenden neuen Klimaregime aussehen können, ließ Latour einmal in theatralem Rahmen von Studenten, die sich zu Vertretern einiger dieser Akteure machten, simulieren. Da sprach er wieder, der Ozean, wenn auch anders als weiland bei Victor Hugo.

Klar, wer das für einen Vorschlag hält, wodurch das Pariser Klimaabkommen von 2015 übermorgen zu ersetzen ist, wird es an Spott nicht fehlen lassen. Aber der täte einem Autor unrecht, der einen genauen Blick für das Prozedieren der Wissenschaften verknüpft mit Sinn für sehr grundsätzliche Erkundungen ehrwürdiger Begriffe, die er in neue Konstellationen bringt: etwas groß die Gesten, überbordend manchmal die Rhetorik, riskant die Zuspitzungen, aber überlegt und anregend jedenfalls.

HELMUT MAYER

Bruno Latour: "Der Kampf um Gaia". Acht Vorträge über das neue Klimaregime.

Aus dem Französischen von Achim Russer und Bernd Schwibs.

Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 523 S., geb., 32,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Es genügt, dieses Buch des momentan weltweit meistzitierten und meistübersetzten französischen Autors, Bruno Latour, zu öffnen, um zu erkennen, wie ein Denker der Extraklasse seine ganze begriffliche und theoretische Innovationskraft in den Dienst der Betrachtung der großen Fragen unserer Epoche stellen kann."
Le Monde 05.12.2016
»Dieses Buch liefert wichtige Denkanstöße eines empörten Wissenschaftlers, der sich nicht in die Ecke zynischer Kommentatoren abschieben lassen will, sondern seine Kolleginnen und Kollegen und alle, die seine Sicht teilen, dazu aufruft, in die Offensive zu gehen.«
Gerhard Klas, neues deutschland 15.11.2017