Brief über den Nihilismus - Jacobi, Friedrich Heinrich
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Als kleines Lehrbuch der Nichtphilosophie für Philosophen und Nichtphilosophen bildet die kleine Schrift 'Jacobi an Fichte' ein Ausnahmedokument für die Entstehung des europäischen Nihilismus. Knapp vor der Wende zum 19. Jahrhundert verfasst, in einem polemischen Zusammenhang mitten im sogenannten "Atheismusstreit", ist der Brief eine regelrechte Kampagne gegen die ganze westliche Philosophie, die beschuldigt wird, tendenziell nihilistisch grundorientiert zu sein und eine sinnentleerte und bezähmte Wirklichkeit geschaffen zu haben; er ist aber vor allem ein mitreißender Ruf, sich durch…mehr

Produktbeschreibung
Als kleines Lehrbuch der Nichtphilosophie für Philosophen und Nichtphilosophen bildet die kleine Schrift 'Jacobi an Fichte' ein Ausnahmedokument für die Entstehung des europäischen Nihilismus. Knapp vor der Wende zum 19. Jahrhundert verfasst, in einem polemischen Zusammenhang mitten im sogenannten "Atheismusstreit", ist der Brief eine regelrechte Kampagne gegen die ganze westliche Philosophie, die beschuldigt wird, tendenziell nihilistisch grundorientiert zu sein und eine sinnentleerte und bezähmte Wirklichkeit geschaffen zu haben; er ist aber vor allem ein mitreißender Ruf, sich durch Abstraktion und Reflexion nicht vom Leben abbringen zu lassen und wieder auf eine Welt zu hören, die sich über "Wunder, Geheimniße und Zeichen" an uns wendet.
  • Produktdetails
  • frommann-holzboog Studientexte (fhS) .fhS 9
  • Verlag: Frommann-Holzboog Verlag E.K.
  • Seitenzahl: 221
  • Erscheinungstermin: Oktober 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 175mm x 113mm x 20mm
  • Gewicht: 225g
  • ISBN-13: 9783772828423
  • ISBN-10: 3772828426
  • Artikelnr.: 49414492
Rezensionen
Besprechung von 08.03.2019
Werthers Ungeheuer
Eine Erinnerung an Friedrich Heinrich Jacobi

"Nach meinem Urteil", schreibt Friedrich Heinrich Jacobi 1783, "ist das größte Verdienst des Forschers: Dasein zu enthüllen." Gemeint ist die Erforschung der menschlichen Natur, die Jacobi zunächst im Medium des Romans betrieben hat, wobei ihm "Die Leiden des jungen Werthers" ein Vorbild lieferten. Goethe gehörte zu den Gästen in seinem Landhaus Pempelfort bei Düsseldorf, einem Zentrum des intellektuellen Gesprächs, wo Diderot und Wieland (mit dem er eine Zeitschrift herausgab), die Brüder Humboldt und Georg Forster verkehrten. Die von hier aus geführte Korrespondenz mit fast allen bedeutenden Autoren der Zeit bildet ein einzigartiges kulturhistorisches Dokument. Wer zeigen möchte, was der in der neueren Historiographie gebrauchte Begriff des "Netzwerks" leistet, findet in Jacobis Briefwechsel reiches Anschauungsmaterial.

Was Jacobi literarisch darzustellen versuchte, war die Überlegenheit der unmittelbaren Empfindung gegenüber der reinen Vernunft, da sich nur so erreichen lässt, was auf dem Weg der rationalen Erklärung letztlich verborgen bleibt: "das Einfache, das Unauflösliche". Seinen zeitgenössischen Kritikern erschien das als Irrationalismus. Für Friedrich Schlegel stellte Jacobis Briefroman eine "Einladungsschrift zur Bekanntschaft mit Gott" dar, die "mit einem Salto mortale in den Abgrund der göttlichen Barmherzigkeit" ende. Das Urteil hat nachgewirkt, lange Zeit galt Jacobi als ein ambitionierter Schriftsteller mit einer unglücklichen Liebe zur Philosophie. Erst die neuere Forschung hat in seinen Denkfiguren eine Antwort auf die Forderung nach einem Kriterium rationaler Argumentation erkannt, das in der unmittelbaren Wahrnehmung des Gegebenen - und sei dies ein subjektives Empfindungsdatum - als einer unhintergehbaren Voraussetzung des Denkens zu bestehen hat und zugleich die Gewissheit der Erkenntnis garantieren soll. Eine frühe Begegnung mit der Philosophie der französischen Enzyklopädisten hat sich hier als prägend für Jacobis gesamtes Werk erwiesen.

Dieses Werk hat in der Zeit um 1800 eine bedeutende Wirkung entfaltet. Am Beginn steht ein Briefwechsel mit Moses Mendelssohn über die Frage, ob Lessing ein Spinozist gewesen sei ("Über die Lehre des Spinoza", 1785). Der dadurch ausgelöste Pantheismusstreit bildet einen markanten Einschnitt in der deutschen Literatur- und Philosophiegeschichte. Nach diesem erfolgreichen Debüt setzt sich Jacobi noch in einer Reihe weiterer Schriften mit der Gegenwartsphilosophie auseinander.

Über seine vielbeachtete Kritik an Kant kommt es zu einem Austausch mit dem Jenaer Professor Johann Gottlieb Fichte, einem begeisterten Leser der Romane Jacobis, der sich 1799 dem Vorwurf des Atheismus ausgesetzt sah und von der Regierung zur Verantwortung gezogen wurde. Da die Möglichkeit einer Berufung auf die Individualgrundrechte zu dieser Zeit nicht bestand, richtete Fichte zu seiner Verteidigung eine "Appellation an das Publicum", wobei er vor allem auf die Unterstützung Jacobis hoffte. Dieser hat mit einem Sendschreiben "Jacobi an Fichte" reagiert, in dem er zwar dessen neue "Entdeckungen" würdigt, durch die uns ein "Weg zu irren ganz abgeschnitten worden" sei, dann jedoch diesen "Standpunkt der Spekulation" als eine Vernunftwissenschaft kritisiert, deren Konstruktionen sich notwendig in Nichts auflösen oder zu nihilistischen Konsequenzen führen müssen; der Text ist gerade neu ediert worden ("Brief über den Nihilismus". Eingeleitet und mit Anmerkungen von Ives Radrizzani. Verlag Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 2018. 221 S., br., 38,- [Euro]).

Diesen Konsequenzen setzt Jacobi ein Wissen vom Unbedingten entgegen, aus dem sich - wie die Zeitgenossen erkannten - der Ansatz zu einer Theorie des Subjekts entwickeln lässt. Dieser Grundsatz ist ebenso in das Epochenbewusstsein eingegangen wie Jacobis Vorstellung einer in sich völlig determinierten Natur, das Schreckbild "jenes ewig verschlingenden, ewig wiederkäuenden Ungeheuers, welches Werthern erschien". Diese Nihilismus-Metaphern haben dazu beigetragen, dass er zu einem von vielen, gerade auch von Schriftstellern - etwa Jean Paul - bewunderten Gegner naturalistischer Konzepte wurde; gleichwohl ist er ein Einzelgänger geblieben. Als Jacobi 1804 die Einladung erhält, an der Umgestaltung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften mitzuwirken und zu ihrem ersten Präsidenten ernannt wird, entwickelt sich bereits kurz nach seiner Eröffnungsrede eine Kontroverse mit Schelling, die ihn zum Rückzug von seinem Amt zwingt. Seine letzten Lebensjahre verbringt Jacobi in München, wo er am 10. März vor zweihundert Jahren gestorben ist.

FRIEDRICH VOLLHARDT

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