Bewußtes Leben - Henrich, Dieter

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In diesem Band geht es um eine neue Theorie des Selbstbewußtseins. Henrichs Ausgangspunkte der Untersuchungen sind der tiefe Riss zwischen Wissenschaft und den bedrängenden Lebensproblemen der Gegenwart sowie der Notwendigkeit einer Orientierung sittlichen Handelns. Durch genaue Analyse von "Grund und Gang des spekulativen Denkens", die eine Analyse unseres Lebensalltags einschließt, soll der Metaphysik ihre Legitimität zurückgegeben werden.…mehr

Produktbeschreibung
In diesem Band geht es um eine neue Theorie des Selbstbewußtseins. Henrichs Ausgangspunkte der Untersuchungen sind der tiefe Riss zwischen Wissenschaft und den bedrängenden Lebensproblemen der Gegenwart sowie der Notwendigkeit einer Orientierung sittlichen Handelns. Durch genaue Analyse von "Grund und Gang des spekulativen Denkens", die eine Analyse unseres Lebensalltags einschließt, soll der Metaphysik ihre Legitimität zurückgegeben werden.
  • Produktdetails
  • Reclam Universal-Bibliothek Nr.18010
  • Verlag: Reclam, Ditzingen
  • 1999.
  • Seitenzahl: 223
  • Erscheinungstermin: Oktober 1999
  • Deutsch
  • Abmessung: 150mm x 96mm x 15mm
  • Gewicht: 113g
  • ISBN-13: 9783150180105
  • ISBN-10: 3150180104
  • Artikelnr.: 08287956
Autorenporträt
Dieter Henrich, geboren 1927 in Marburg, ist Professor für Philosophie. Er studierte in Marburg, Frankfurt/Main und Heidelberg. 1950 erwarb er in Heidelberg den philosophischen Doktorgrad und wurde dort 1956 Privatdozent. Er promovierte zum Thema "Die Einheit der Wissenschaftslehre Max Webers". In seiner Habilitation befasste er sich mit "Selbstbewusstsein und Sittlichkeit". 1960 folgte er - erst 33-jährig - einem Ruf als ordentlicher Professor an die Freie Universität Berlin. Er lehnte Rufe an die Universitäten Bochum, Würzburg und Göttingen ab und entschied sich 1965 für die Universität Heidelberg. Seit 1981 lehrt er an der Ludwig-Maximilians-Universität München, wo er heute noch die Forschungsstelle Klassische Deutsche Philosophie leitet. Dieter Henrich ist Mitglied der Bayerischen und der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, der Akademia Europea, Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Sciences und seit 1999 Mitglied der Genfer Academie Internationale de Philosophie de l'Art. 1995 erhielt er den Hölderlin-Preis der Stadt Tübingen und bekam 1999 die Ehrendoktorwürde der Universität Münster verliehen. 2002 Dr. theol.h.c. (Marburg) 2003 Hegel-Preis der Stadt Stuttgart.
Inhaltsangabe
I Bewußtes Leben

Subjektivität als Prinzip

II Warum Metaphysik?

Grund und Gang spekulativen Denkens

Versuch über Fiktion und Wahrheit

III Gedanken zur Dankbarkeit

Bewußtes Leben und Metaphysik
Rezensionen
Besprechung von 12.10.1999
Er hat Vergnügen am Wühlen
Brav, alter Maulwurf: Dieter Henrich schickt das Ich in den Untergrund / Von Wolfgang Kersting

Ohne philosophische Anthropologie keine praktische Philosophie. Sowohl Moralphilosophie als auch politische Philosophie sind von der Annahme abhängig, dass das Selbstverständnis des Common sense in die philosophische Grundbegrifflichkeit Eingang findet und unsere intuitive Überzeugung, dass der Mensch ein wertendes und selbsttätig handelndes Wesen ist, von den Konzepten der Philosophie präzisiert, aber nicht dementiert wird. Moral- und politische Philosophie würden den Tod des Subjekts nicht überleben.

Unter den Philosophen, die der von der Postmoderne betriebenen und von der Diskurstheorie in Kauf genommenen Abschaffung des Subjekts mit ethischer Entrüstung und denkerischer Verachtung begegnen, ist Dieter Henrich seit langer Zeit einer der entschiedensten. Von den möglichen Strategien der Ehrenrettung des Subjekts wählt er die anspruchsvollste. Er begnügt sich nicht damit, sich auf die Seite des Common sense zu schlagen und dessen Selbstverständnis in einer lebensweltlichen Hermeneutik der Selbstverhältnisse zu verteidigen. Er schürft tiefer, ist auf eine "Tiefenanalyse" bewussten Lebens aus, die die grundlegende, aller alltäglichen Lebensführung vorausliegende Selbstbezüglichkeit ans Licht bringen, das in der Latenz immer anwesende Sichwissen des bewussten Lebens erfassen soll.

Dieses Programm setzt sich über alle Desillusionierungslektionen der letzten beiden Jahrhunderte hinweg und entfaltet noch einmal den alten metaphysischen Begründungszauber. Freilich unter modernen Bedingungen: Es knüpft an die Hochzeit der Subjektphilosophie an und macht die neuzeitliche Bewusstseinsstellung zur Achse metaphysischer Wirklichkeitsdeutung.

Früher hat Henrich dem von Fichteschen Reflexionsqualen erlösten, zu anonymer Vertrautheit herabgestuften Selbstbewusstsein das Selbstsein beigesellt. Es sollte die kognitiven und praktischen Kompetenzen umfassen, ohne die um sich wissende Subjekte nicht in der Welt sein können. Es scheint, dass mit dem Begriff des bewussten Lebens sich das Selbstbewusstsein noch weiter in die Welt traut und jetzt Bereiche erobert, die ihm unter der Ägide des orthodoxen, konstitutionsapriorischen Idealismus noch verschlossen waren. Denn Leben findet weder bei Kant noch im Idealismus statt. Es kann darum auch nicht verwundern, dass im Kielwasser des bewussten Lebens bei Henrich auf einmal heideggerianisches und nietzscheanisches Treibgut aufschwimmt. Da ist die Rede von der dynamischen Lebensspannung, auf Erfüllung aus zu sein und doch von seinem steten Schwinden in der Zeit zu wissen. Und auch davon ist die Rede, dass unsere Selbstdeutungen nicht durch Wahrheit aufgewogen, sondern an ihren lebenserhaltenden und lebenssteigernden Funktionen gemessen werden.

Die Erweiterung der kategorialen Basis von Selbstbewusstsein und Selbstsein durch das Konzept des bewussten Lebens eröffnet sicherlich interessante Möglichkeiten. Das existentialanalytische Programm von "Sein und Zeit" wäre aufzugreifen, nicht, um es gegen die neuzeitliche Subjektivitätsmetaphysik in Stellung zu bringen, sondern um diese zu erweitern. Auch kann Anschluss an lebensethische Überlegungen gesucht, eine aristotelische Grammatik des guten Lebens ins Auge gefasst werden, die sich vom modischen ethischen Pluralismus nicht beeindrucken ließe.

Aber diese Möglichkeiten werden bei Henrich nicht ergriffen. So bleibt der Begriff des bewussten Lebens vage, ebenso wie der Begriff der Selbstdeutung, von dem in dieser Essaysammlung häufiger Gebrauch gemacht wird. Selbstdeutung kann Unterschiedliches meinen, je nach Ebene der Selbstauslegung. Sie kann im Sinne deskriptiver Metaphysik die grundlegenden Überzeugungen meinen, die die Grammatik unserer Selbst-, Fremd- und Weltverhältnisse strukturieren. Sie kann die kulturellen Verständigungsmuster meinen, in die wir unsere Identitätsbildung einbetten. Sie kann schließlich den individuellen Lebensentwurf meinen, die Liste unserer privaten Wichtigkeiten.

Was Henrich nun vorschwebt, weiß man nicht so recht, da seine schwerfällige Diktion keine hermeneutischen Klarstellungen erreicht. Er betont die kategoriale Vorgängigkeit der Selbstverständigung vor der Lebensführung, darum wohl scheint bei ihm nur von Selbstdeutung im ersten, metaphysischen Sinne die Rede zu sein. "Die Verständigungsbewegung des bewussten Lebens vollzieht sich im Untergrund seiner alltäglichen Selbsterhaltung", und die Metaphysik ist ihr Führungsoffizier und holt ihre Berichte aus den toten Briefkästen handlungsentlasteter Reflexion. Andererseits ist aber auch davon die Rede, dass die Selbstdeutungen der Rätselhaftigkeit des Subjektivitätsursprungs entwachsen, maßstablose Selbstvergewisserung betreiben, daher notwendig mannigfaltig und widersprüchlich sind, was wiederum dazu zwingen soll, sie auf etwas "Umfassenderes" hin zu übersteigen, die "Verfassung des Lebensganzen" in den Blick zu nehmen, um "Bergung" zu erreichen und dem Wissen der "Bewandtnis" näher zu kommen.

Henrichs Unternehmen balancierte früher auf der Spitze der sich unaufhörlich um sich drehenden Selbstbewusstseinsspindel, jetzt wird es durch die Zentrifugalkräfte nach außen, in die Welt und ins Leben getragen, wo es sich zu verlieren droht. Henrichs Essays sind voller metaphysischer Gebärdensprache. Wir finden einen Flickenteppich aus Motiven, geraunten Andeutungen, unausgeführten Absichten und altbackenen Begriffen, die Hohlformen gleichen, in denen früher Religion und Metaphysik ihr Sinn- und Seinswissen gegossen haben, die jetzt aber leer sind. Die einzige Weise, sie zu füllen, wäre wohl, die ganze hochfliegende Rede von den unverzichtbaren Denkbewegungen und den unaufgebbaren Fragestellungen hinter sich zu lassen, und noch einmal in den alten Fluss der Spekulation zu steigen, zumindest Argumentationen zu entwickeln, die zeigen, wie sich von der bewusstseinstheoretischen Ausgangslage her ein synthetischer Zugriff auf das Lebensganze her organisieren lässt.

Nimmt sich die Metaphysik des Lebens an, dann verwandelt sich das Leben selbst in einen metaphysischen Vorgang; lebenslang ist das Leben dabei, sich seiner unvordenklichen Voraussetzungen zu versichern, sich zurückzukrümmen in seinen subjektivitätstheoretischen Uterus. Wird der vernünftige Selbstbezug zur Basiskategorie metaphysischer Weltdeutung, gerät diese unweigerlich unter den Einfluss des wirklichkeitsunterbietenden Subjekt-Objekt-Schemas. Auch Henrichs Subjektivitätsmetaphysik ereilt die cartesianische Nemesis. Die von ihr erschlossene Wirklichkeit ist wenig mehr als Physikalismus plus Seele. Geschichte, Kultur und Gesellschaft fehlen in dieser Konzeption. Damit wird dem Leben genau der Ort genommen, wo es geführt wird.

Letztlich porträtiert sich im bewussten Leben, das sich selbst motiviert, sich auf ein Umfassenderes hinzudenken, und aus der Perspektive des so gewonnenen Einheitssinns seine Bewusstheit erhöht und sich durch Denken erweitert, der Philosoph selbst, der Großmeister des bewussten Lebens.

Dieter Henrich: "Bewußtes Leben". Untersuchungen zum Verhältnis von Subjektivität und Metaphysik. Reclam Verlag, Stuttgart 1999. 223 S., br., 10,- DM.

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Selbstbezüglich, im narzisstischen Sinne, wirkt diese Philosophie nicht, sondern lebensklug und geschichtserfahren. Henrich gelingt eine Neubestimmung von Subjektivität, die nicht die Fehler idealistischer Abstraktion begeht oder sich zur Hybris eines Gottesstandpunktes versteigt. Im Gegensatz zur Tradition ist ihm Subjektivität nicht Substanz, sondern Prozess - ein Prozess der Selbstkontinuierung. Berliner Zeitung

Henrich nimmt nicht mehr nur eine Spannung wahr zwischen Wissenschaft und Tiefenanalyse des Lebens, er sieht einen die Philosophie durchziehenden "Riss" - und durch ihn die gegenwärtige Situation beschrieben. (...) Dieter Henrich, der subtile Interpret und Erneuerer der "klassischen" deutschen Philosophie Kants, Fichtes, Schellings, Hölderlins und Hegels, ist der Denker nicht, der den Kopf verliert. Vielleicht will er einen Riss kitten, jene Spannung aber will er nicht beseitigen, er will sie bewahren oder, wo nötig, wiederherstellen. Von einer Balance, in die er die beiden philosophischen Waagschalen zu bringen suche, ließe sich sprechen. Neue Zürcher Zeitung
"Selbstbezüglich, im narzisstischen Sinne, wirkt diese Philosophie nicht, sondern lebensklug und geschichtserfahren. Henrich gelingt eine Neubestimmung von Subjektivität, die nicht die Fehler idealistischer Abstraktion begeht oder sich zur Hybris eines Gottesstandpunktes versteigt. Im Gegensatz zur Tradition ist ihm Subjektivität nicht Substanz, sondern Prozess - ein Prozess der Selbstkontinuierung." -- Berliner Zeitung "Henrich nimmt nicht mehr nur eine Spannung wahr zwischen Wissenschaft und Tiefenanalyse des Lebens, er sieht einen die Philosophie durchziehenden 'Riss' - und durch ihn die gegenwärtige Situation beschrieben. (...) Dieter Henrich, der subtile Interpret und Erneuerer der 'klassischen' deutschen Philosophie Kants, Fichtes, Schellings, Hölderlins und Hegels, ist der Denker nicht, der den Kopf verliert. Vielleicht will er einen Riss kitten, jene Spannung aber will er nicht beseitigen, er will sie bewahren oder, wo nötig, wiederherstellen. Von einer Balance, in die er die beiden philosophischen Waagschalen zu bringen suche, ließe sich sprechen." -- Neue Zürcher Zeitung

Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Ludger Heidbrink macht sich in einer Doppelrezension Gedanken über die unhinterfragbaren Wahrheiten in der Weltwahrnehmung. Er vergleicht Dieter Henrichs "Bewußtes Leben" mit Thomas Nagels "Das letzte Wort" und kommt zu dem Schluß, dass sie trotz der Verschiedenheit der Ansätze ein durchaus vergleichbares Frageinteresse demonstrieren.
1) Dieter Henrich: "