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Herman Melville, einer der berühmtesten Autoren der Weltliteratur, war zu Lebzeiten ein Außenseiter, gescheitert als Schriftsteller und Mensch. Sein Leben auf Handelsschiffen und Walfängern inspirierte ihn zu seinen ersten erfolgreichen Romanen. Doch sein größtes Werk, "Moby Dick", blieb erfolglos. "Ein Leben" zeigt in Briefen, Tagebüchern und Aufzeichnungen den Menschen Melville. Durch lebensgeschichtliche Erläuterungen ergänzt, entsteht die Chronik eines aufregenden und bis heute weitgehend unbekannten Schriftstellerlebens.…mehr

Produktbeschreibung
Herman Melville, einer der berühmtesten Autoren der Weltliteratur, war zu Lebzeiten ein Außenseiter, gescheitert als Schriftsteller und Mensch. Sein Leben auf Handelsschiffen und Walfängern inspirierte ihn zu seinen ersten erfolgreichen Romanen. Doch sein größtes Werk, "Moby Dick", blieb erfolglos. "Ein Leben" zeigt in Briefen, Tagebüchern und Aufzeichnungen den Menschen Melville. Durch lebensgeschichtliche Erläuterungen ergänzt, entsteht die Chronik eines aufregenden und bis heute weitgehend unbekannten Schriftstellerlebens.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser, Carl / Hanser, Carl GmbH + Co.
  • Artikelnr. des Verlages: 505/20554
  • Seitenzahl: 888
  • Erscheinungstermin: 10. September 2004
  • Deutsch
  • Abmessung: 194mm x 124mm x 34mm
  • Gewicht: 545g
  • ISBN-13: 9783446205543
  • ISBN-10: 3446205543
  • Artikelnr.: 12726254
Autorenporträt
Herman Melville wurde 1819 in New York geboren und starb dort 1891. Bei Hanser erscheinen Neuübersetzungen Moby-Dick  (2001) und Pierre oder die Doppeldeutigkeiten (2002). Zuletzt erschien Ein Leben (Briefe und Tagebücher, 2004).
Rezensionen
Besprechung von 04.12.2004
Eine Vision der Schöpfung von verzweifelter Erhabenheit
Weißer Wal und graues Auge: Der große Melville ist in Reisetagebüchern, Briefen und Friedhelm Rathjens gewagter Übersetzung des "Moby-Dick" neu zu entdecken

Vielleicht beginnt die literarische Moderne nicht nur, wie wir gelernt haben, mit Baudelaire und Flaubert, sondern auch, zeitgleich, mit Emily Dickinson und Herman Melville. Die beiden Neuengländer mußten freilich weit länger auf ihre Stunde warten als die Franzosen. Wieviel Zukunft ihre gewaltsame Abweichung vom damals Üblichen hatte, wie kühn sie den horror vacui einer entgöttlichten Welt aushielten und ausdrückten, hat die lesende Menschheit erst spät zur Kenntnis genommen.

So sehen wir heute Melvilles Meisterwerk "Moby-Dick" mit ganz anderen Augen als die ursprüngliche Leserschaft von 1851, die sich in ihrer Erwartung exotischer Südsee-Abenteuer vom Autor herb enttäuscht sah. Aber was ist das auch für ein Roman, dessen Seemannsgarn so bald schon ins Philosophische und Enzyklopädische zerfasert; dessen Ich-Erzähler als Handelnder rasch in den Hintergrund rückt und dafür zum Kompilator einer abgründig ausufernden Cetologie oder Walkunde mutiert? Ein Achthundert-Seiten-Wälzer, ohne ordentliche Intrige, frauenlos, mit einer Mannschaft aller Hautfarben der Welt, die sich der ozeanischen Wildnis und ihrem "Leviathan" aussetzt - und ohne rechten Bösewicht? Denn der einbeinige Käpt'n Ahab wird trotz seines schlimmen alttestamentlichen Namens und seines dämonischen Auges der Rolle des Schurken nicht gerecht. Zunehmend erweist er sich als ein von Erkenntnisdrang und Lebensqual getriebener Faustus, Lear und Hiob der Wasserwüste, der am Ende die Seinen mit sich in den Sog des Abgrunds reißt. Einzig Ismael, der Erzähler, durch seinen gleichfalls biblischen Namen als Ausgesonderter gezeichnet, entkommt dem apokalyptischen Strudel, ein Sarg seine Rettungsboje.

Vom ersten Satz an stilisiert der Roman die Queste seiner Figuren ins Symbolische. Unwiderstehlich und Schritt für Schritt ziehen uns die Auftaktkapitel in eine "andere" Welt, deren Fremde und Geschlossenheit das Walfangschiff verkörpert. Doch kaum ist es recht in Fahrt gekommen, da wird der Erzählfluß immer aufs neue nach einem Verfahren gebrochen, das Lawrence Sterne, einer der Meister Melvilles, in seinem "Tristram Shandy" die progressive Digression nennt. Denn der Weiße Wal, das Ungetüm, der große Antagonist Ahabs, muß in der Wort- und Gedankenfülle des Buches seine Entsprechung finden: "So erhebend ist die Wunderkraft eines ausgedehnten Themas! Wir weiten uns zu seinem Umfang." Aber je mehr das Wortnetz des Erzählers den Wal zu fassen sucht, um so hartnäckiger entzieht er sich dem Zugriff. Als seine Fänger ihn im Crescendo des Schlußteils endlich gestellt haben, sind sie endgültig seiner Macht verfallen.

Wie die Odyssee Homers ist diese Schiffahrt der Mythos eines ganzen Zeitalters: eine Odyssee ohne Heimkehr. Und wie Joyces "Ulysses" ist es ein Text aus hundert Stimmen und Stilen, der als Echoraum der Weltliteratur alle Genres in sich vereint, in einer Huldigung an das unerschöpfliche Schöpfertum der Sprache selbst. Jede ernsthafte Übertragung dieses verbalen Ungetüms muß so zu einem riskanten Abenteuer werden und zum angestrengten Widerstand gegen die ständige Versuchung des Bearbeitens und Einebnens.

Friedhelm Rathjen, dessen "Moby-Dick" seinerzeit vom Hanser Verlag als unlesbar zurückgewiesen wurde, verkörpert diesen strengen Melville-Übersetzer nach außen hin am unerbittlichsten; nicht umsonst ist er bei Joyce, Beckett und Arno Schmidt in die Lehre gegangen. Seine Fassung liegt jetzt in einer schönen, von den holzschnittartigen Federzeichnungen Rockwell Kents prachtvoll illustrierten Ausgabe bei Zweitausendeins vor. Im Anhang wiederholt der Übersetzer die Grundsätze seiner Poetik, die er ursprünglich mit ersten Textproben im "Schreibheft" 57 vorgestellt hatte: absolutes Respektieren der Vorlage in ihrer ganzen Neuartigkeit und Befremdlichkeit ohne Rücksicht auf den Leser; keine Hierarchisierung ihrer Bedeutungsschichten; weitgehender Verzicht auf eigene Interpretation, ja auf eigenes Verstehenwollen.

Ohne Rücksicht auf den Leser?

Es ist der aufs äußerste gesteigerte Anspruch, dem fremden Meisterwerk unbedingt und selbstlos zu dienen. In ihm begegnen sich Schleiermachers Postulat verfremdender Übersetzung und die Lust der Moderne am Schwierigen, Nicht-Gängigen. Wolfgang Matz, Rathjens einstiger Widerpart bei Hanser, weist soeben in der "Neuen Rundschau" auf die hermeneutische Paradoxie dieses Anspruchs hin: Jedes Übertragen setzt ein Verstehen voraus, und die Utopie einer vollständigen Umsetzung macht nun einmal Prioritäten unvermeidbar. Solche Binsenwahrheiten sind unspektakulär, aber wer sie außer Kraft setzen will, läuft Gefahr, sich zu überheben. Nicht umsonst spricht Schleiermacher von den Risiken, denen ein Übersetzer sich ausliefert, "wenn er bei dem Bestreben, den Ton der Sprache fremd zu halten, nicht die feinste Linie beobachtet".

Die programmatische Fremdheit moderner Texte radikalisiert naturgemäß das Problem ihrer Übertragung. Für Rathjen bedeutet die Modernität des "Moby-Dick" seine grundsätzliche Unverständlichkeit, ganz so, als sei er ein zweiter "Finnegans Wake". Ein absolutes Unding nennt er ihn, eine Monstrosität, einen Bastard, die literarische Wirrnis schlechthin. Ganz abgesehen davon, ob diese reißerische Zuspitzung kritisch gerechtfertigt ist - was bedeutet unter solch ungünstigen Auspizien Rathjens Entschluß, "bei der Übersetzung dieses Brockens aufs Ganze zu gehen"? Denn hier gilt, was die Engländer so unübersetzbar pragmatisch formulieren: the proof of the pudding is in the eating.

Und siehe da, Rathjens Monstrosität erweist sich sehr wohl als genießbar. Der konzentrierte Leser (und nur solche verträgt das Buch, auch im Original) hört sich in das Melvillesche Fremddeutsch mit seinen absichtlichen Brüchen und Ungelenkheiten hinein. Nicht zuletzt Komik und Humor des großen Buches werden durch die schrägen Töne immer wieder schlaglichtartig erleuchtet. Vor allem aber dient die stilistische Befremdung, wie in der Vorlage auch, der Einsicht in die Unheimlichkeit der Existenz. Dies ist etwa bei der folgenden Schilderung von Ahabs Kainszeichen der Fall, einem gertenhaften, fahl-weißlichen Mal: "Es glich einer senkrechten Naht, wie sie bisweilen dem aufrechten, hochragenden Stamm eines großen Baumes eingeschrieben wird, wenn der Blitz von hochdroben zerfetzend daran niederjagt und, ohne einen einzigen Zweig abzureißen, die Borke von der Spitze bis in den Boden abschält und ausfurcht, ehe er in die Erde springt, den Baum immer noch bei grünem Leben, aber gezeichnet zurücklassend." Das hat lebendigen Rhythmus und dramatische Sinnlichkeit, wie sie für Rathjen at his best typisch sind.

Die verzweifelte Erhabenheit, die Melvilles Vision der Schöpfung auszeichnet, findet bei ihm eine starke Resonanz; so in dem Zentralkapitel über die Farbe Weiß, mit dem auch Ahabs Mal in unterirdischer Verbindung steht. Es ist ein Weiß, das "die Schatten und herzlosen Leeren und Unermeßlichkeiten des Universums vorauswirft . . . eine farblose, allfarbige Welt ohne Gott, vor der wir zurückschrecken. . . liegt das gelähmte Universum als Aussätziger vor uns gebreitet; und gleich halsstarrigen Reisenden in Lappland, welche sich weigern, getönte und tönende Brillen auf ihren Augen zu tragen, starrt der erbärmliche Ungläubige sich blind an dem monumentalen weißen Bahrtuch, welches die ganze Aussicht ringsumher einhüllt." Wir sind auf dem Weg von Jean Paul zu Nietzsche.

Freilich, das "gerüttelt Maß an Sturheit", das Rathjen sich als Übersetzer abverlangt, fordert auch mancherlei sprachliche Opfer, kuriose und schmerzhafte. Als ob es das 1. Buch Mose nicht seit längerem auf deutsch gäbe, muß der Erzähler partout Ishmael heißen; deutsche Ortsnamen erscheinen als Heidelburgh, Frankfort oder Blocksburg, wo Melvilles erratische Schreibweise nur deren amerikanische Aussprache wiedergibt. Noch toller wird es, wenn die Vorlage Ritzzeichnungen von Wilden mit den Stichen des "fine Dutch savage, Albert Durer" vergleicht und dieser prompt als "jener famose niederländische Wilde, Albert Dürer" erscheint. Haben wir nicht aus jugendlicher Karl-May-Lektüre gelernt, daß die liebevolle Anrede "bloody Dutchman" keineswegs nur Holländern gilt? Und warum macht die Wortwörtlichkeit vor dem Umlaut des Künstlers halt?

Mag ja sein, daß manche Leser des globalen Zeitalters bei direkter Figurenrede nach dem Muster "Was für eine Art von Kerl ist er denn - wird die Stunde immer so spät bei ihm?" kennerhaft erfreut die amerikanische Idiomatik nicht nur durchschimmern, sondern regelrecht durchschlagen sehen. Vielleicht sollte man dabei lieber nicht an den alten Pennälerscherz über die verbale Sklaverei der Lateinversionen denken: "Sage mir, Wächter der Nacht, in bezug auf das Feuer, wo brennt es?" Aber was ist mit Formulierungen wie "Tuest du dann nicht lauschende Horcher fürchten?" oder "Du seiest es wo von Sinnen ihn suchest"? Hier wird die altväterlich biblische Sprechweise Neuenglands (Dost thou, thou art) aparterweise durch deutsche Konjunktive wiedergegeben - natürliche Sprache durch Unnatur. Offenbar war Herausgeber Norbert Wehr nicht imstande, seinem Übersetzer solchen grammatischen Unfug auszureden, der eine insgesamt imponierende Sprachleistung immer wieder störend entstellt.

Daß Rathjens Stilgefühl die masochistische Unterwerfung unter ein mißverstandenes Diktat der Vorlage nicht unbeschadet überlebt hat, zeigt sein massenhafter Gebrauch von Wortleichen wie "nichtsdestotrotz" und "in keinster Weise"; letzteres, wie wir von Hannah Arendt wissen, eine Lieblingsformel des bürokratischen Herrn Eichmann. Kraus und knorrig, verstiegen und versponnen, wie die selbstgefälligen Euphemismen des Nachworts lauten, ist an solchen Peinlichkeiten nichts mehr. Ermächtigt der selbstlose Dienst am Meisterwerk zu dessen stilistischer Demontage?

Im übrigen ist mit der Hanser-Übersetzung von Matthias Jendis (2001) der Beweis bereits erbracht, daß ein deutscher "Moby-Dick", der die Vertracktheit und Stilvielfalt des Originals streng respektiert, durchaus ohne schlimme grammatische und lexikalische Verrenkungen - und als keineswegs billige Lösung - zu haben ist. Auch sonst laden die beiden Ausgaben zum Vergleich ein. Während Rathjens Interpretationsverbot sich noch auf seinen - dokumentarischen - Anhang (mit Ausnahme einer Deutung von Moby-Dick als Allegorie des Großkapitals) auszuwirken scheint, findet der Leser bei Hanser ein vorzügliches Nachwort und ebensolche Anmerkungen des Herausgebers Daniel Göske. Ein Snob, wer dieses leserfreundliche und unpedantische Beiwerk verschmäht.

Einsamer Wanderer durch die Wüste der Zeit.

Im Rahmen der großen Hanserschen Melville-Ausgabe erscheint soeben als besonders wertvolle Zugabe "Ein Leben", die gelungene Übertragung aller Briefe und Reisetagebücher des Autors durch Werner Schmitz und Daniel Göske. Erstmals, und das gilt auch für den angelsächsischen Bereich, sind hier alle Dokumente chronologisch angeordnet und durch knappe, gehaltvolle Zwischentexte miteinander verbunden. So entsteht für diesen nicht gerade zur autobiographischen Konfession neigenden Schriftsteller ein Lebensbild in der ersten Person. Der Bogen spannt sich von seinen jugendlichen Abenteuerreisen und dem Triumph der ersten Romane über den Wendepunkt, den der Mißerfolg des "Moby-Dick" bedeutete, bis zur Desillusion der späteren Jahre, als der verkannte Autor in der Rolle eines New Yorker Zollinspektors eine neue Lebensaufgabe fand und entschlossen war, nur noch "gescheiterte" Bücher zu schreiben.

Selbst in der brieflichen Aussprache mit den engsten Angehörigen, die ihm in seinen zahlreichen Lebenskrisen unentbehrlichen materiellen und seelischen Halt boten, öffnet sich Melville nur selten rückhaltlos. Das tut er in einer (für seine Verhältnisse) wunderbaren Weise jedoch seinem Freund und zeitweiligen Nachbarn Hawthorne gegenüber, dem sein großer Roman gewidmet ist. Während amerikanische Rezensenten das Werk als Schund aus der schlimmsten Schule der Irrenhausliteratur brandmarkten, hatte Hawthorne dem Jüngeren verständnisvoll geschrieben. Dessen Antwort nennt Göske völlig treffend eine Art Liebesbrief: "Ihr Herz schlug in meiner Brust, und meins in Ihrer, und beide in der Brust Gottes . . . Hawthorne, woher kommen Sie? Mit welchem Recht trinken Sie aus meinem Krug des Lebens?" In der schwarzen Grundierung der Hawthorneschen Vision erkennt Melville einen wesensverwandten Zug; auch sein Weißer Wal, so vertraut er dem Freund an, habe im Höllenfeuer geschmort. Diese Dokumente, die auch im Anhang der Rathjen-Ausgabe abgedruckt sind, markieren eine Sternstunde der jungen amerikanischen Literatur. Später wird Hawthorne sich dem Liebeswerben Melvilles gegenüber spröder zeigen.

Auch die Reisetagebücher, so wenig intim sie sich geben, sind von hohem Interesse. Wir erleben im Rhythmus seiner atemlosen Neugier, wie sich der Autor auf der Höhe seines frühen Ruhmes dem alten Europa, seiner Landschaft und Kultur öffnet und selbstbewußt in London mit Verlegern und Literaten Umgang pflegt. Die zeitgenössische Leserschaft in England sollte sich als seine verständnisvollste erweisen. Ganz anders im Stil, stärker elaboriert, sind seine Eindrücke der späteren Fahrt ins Heilige Land. Mit ernüchtertem Blick betrachtet ein zutiefst skeptischer Sucher als Wanderer durch die Wüste der Zeit die Stätten einstiger Offenbarung: Judäa erscheint ihm als bloßer Schutthaufen, versteinerte Bühne der traurigen Possen, die die Vertreter erstorbener Glaubensrichtungen und ihre Religionstouristen dort aufführen. Jerusalem blickt ihn an "wie das kalte graue Auge eines kalten alten Mannes".

Die Härte dieser Texte ist eine literarische Qualität. Melville sammelt Material für das abweisendste, unbekannteste seiner großen Werke. Es ist der Versroman in 150 Gesängen "Clarel", den der Autor 1876 auf eigene Kosten drucken und bald darauf einstampfen ließ, die Chronik seines Glaubensverlustes als Fiktion einer Pilgerfahrt. Rainer G. Schmidt bereitet, o Wunder der Beharrlichkeit, eine Gesamtübertragung vor, aus der er im neuen "Schreibheft" reizvolle Proben mitteilt. Aber wer wird die 18 000 Verse dieser Herausforderung an unsere schnellebige Zeit lesen? Wie dem auch sei, die Deutschen sind dabei, den großen Amerikaner neu zu entdecken. Sie tun es mit Enthusiasmus, Sachkenntnis, einem Schuß Übereifer und der ihnen einstmals nachgesagten Gründlichkeit.

Herman Melville: "Moby-Dick oder: Der Wal". Aus dem Amerikanischen übersetzt von Friedhelm Rathjen. Mit 269 Illustrationen von Rockwell Kent. Herausgegeben von Norbert Wehr. Verlag Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2004. 859 S., geb., 42,80 [Euro].

Herman Melville: "Ein Leben". Aus dem Amerikanischen übersetzt von Werner Schmitz und Daniel Göske. Herausgegeben von Daniel Göske. Hanser Verlag, München 2004. 888 S., geb., 34,90 [Euro].

"Schreibheft". Zeitschrift für Literatur, Heft 63. Rigodon-Verlag, Essen 2004. 196 S., br., 10,50 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Die Bewunderung der Schriftstellerin Brigitte Kronauer für Hermann Melville kennt kaum Grenzen. Nur dem selber Schreibenden, stellt sie fest, könne einleuchten, mit welchem weltfremden Willen zur Radikalität Melville das Unverständnis seiner Mitwelt herausforderte und sich so selbst ins literarische Abseits schrieb. "Geniewahn eines längst vergangenen Jahrhunderts?", fragt die Rezensentin rhetorisch und macht dann klar: Melville konnte einfach nicht anders. Nachvollziehen lässt sich das jetzt in diesem Band, der Briefe und Selbstzeugnisse des Autors zu einer beeindruckenden Lebensschau versammelt, der alles unangenehm Stilisierende geplanter Autobiografien, so Kronauer, sehr wohltuend fehlt. Höchst lesenswert die Korrespondenz mit Nathaniel Hawthorne, aber auch die großen Aufzeichnungen von den Reisen nach Europa und Palästina. Worum es Melville immer ging und immer gehen musste, darum wird es auch dem Leser dieser "Fundgrube" scheinbar biografisch zu nehmender Texte zu tun sein, betont Kronauer: "Nie die Biografie, immer sein Werk."

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 31.12.2004
Die Lehre der Galapagos-Schildkröten
Logbücher eines literarischen Berserkers, der seine Zeitgenossen überforderte: Die Tagebücher und Briefe von Herman Melville
Wer je gelesen hat, und sei es nur als Kind in der Jugendbuchfassung, wie, im 133. Kapitel von „Moby Dick”, der weiße Wal zum ersten Mal aus den Fluten taucht, ein Gerücht, das endlich beliebt, Gestalt anzunehmen, dann überirdisch und spielerisch durch die Wogen gleitet, sich aber wenig später, einem hellen Wiesel ähnlich, in rasender Vergrößerung aus der Tiefe des Abgrunds unter dem Schiff zu seinem ersten Zerstörungsstreich nach oben katapultiert, der wird es in seinem Leben nie wieder ganz vergessen.
Er wird es noch weniger vergessen als die drei Wörter „Nennt mich Ismael”, mit dem das Riesenwerk atemholend die Erzählung beginnt. Die Übertragung von Alice und Hans Seiffert (Reclam), die aktuellen von Matthias Jendis (Hanser) und die von Friedhelm Rathjen (Zweitausendeins, Abweichung: Ishmael) lassen diesen Satz bei sehr unterschiedlichen Konzeptionen alle wohlweislich unangetastet. Personalisiert durch einen wie willkürlich gefundenen Namen, fängt hier die Stimme der Erzählung an, vom Mythos Moby Dick zu berichten, vom Inbegriff des Legendären schlechthin, also dem, was nie erfunden und immer schon da gewesen zu sein scheint.
Der weiße Wal, in seiner prangenden Monstrosität und ebenso nichtssagenden wie vieldeutigen Farbe, ist das dämonische Wappentier des Janusköpfigen, der Doppelwertigkeit, der Ambivalenz. Nur durch fanatische Projektion macht der Psychopath Ahab aus ihm die Verkörperung des Bösen. Und als das hat sich der Wal leider, aber wirkungsvoll, wohl nicht nur im traditionell auf Eindeutigkeit und gegenwärtig speziell aufs Böse erpichten Amerika, der Simplizität halber durchgesetzt.
Einen Schraubstock sprengen
Allerdings schrieb Herman Melville (1819-1891) außer seinem gewaltigen Walepos auch andere bedeutende Romane. Das wird manchen überraschen, ebenso, dass er zum Zeitpunkt von dessen Erscheinen erst zweiunddreißig Jahre alt war und mit diesem, seinem berühmtesten Roman seine Karriere als Schriftsteller, die mit zwei überaus erfolgreichen Südseeromanen begonnen hatte, schon beendete. Wenn auch nicht, zum Kummer seiner Familie, sein Schreiben. „Denn dieser explosive Stoff”, so Melville über das amerikanische Genie generell in einer Rezension zum bewunderten Nathaniel Hawthorne, dem er sein Meisterwerk „Moby Dick” widmete, „wird sich selbst dann ausbreiten, wenn man ihn in einen Schraubstock zwingt, und diesen zersprengen, selbst wenn er aus Dreifachstahl wäre.”
Von der Kraft des bizarren Genies Melville, seinen Eruptionen und der dreifachen Würgeschraube, die es fast erstickte, legt die von Werner Schmitz und Daniel Göske übersetzte und herausgegebene Brief- und Tagebuchsammlung „Ein Leben” Zeugnis ab. Sie tut es bewegend, instruktiv und mit der eigenartigen Wirkung von Leerstellen, die sich durch den Umstand ergeben, dass man nie die Antworten auf Melvilles Briefe liest und diese sich, wie die Tagebuchnotizen, neben brenzligem Witz durch hohe Diskretion auszeichnen.
Hegt man Widerwillen gegen die Illusion von Lebensbögen in fabulierenden Biografien und spürt erst recht Misstrauen gegen autobiografische Selbststilisierungen, dann weiß man die vorliegende Gattung zu schätzen. Nie wird fundiertes Bescheidwissen über den Autor vorgetäuscht. Dunkelheiten und Lücken sind, wenn möglich, durch einen umfangreichen Kommentar im Anhang geklärt und aufgefüllt, ansonsten respektvoll gegenüber den Geheimnissen der Person Melville zur freien Verfügbarkeit des Lesers stehen gelassen.
Ein solches Buch ist das Gegenstück zu Eduard Berends wunderbarer Sammlung „Jean Paul im Spiegel seiner Zeitgenossen”, in der alle zu Worte kommen, die damals Rang und Namen hatten, nur der Herausgeber nicht und nicht der Dichter selbst, mit dem Melville gar nicht wenig verband. Etwa das Erstellen verzweigter Metaphernbäume und auch, wie in „Ein Leben” zu konstatieren, eine Neigung zur rhetorischen Emphase, ja Raserei, die sich bereits in sehr jugendlichem Alter über jeden kleinsten Anlass hermachte.
Diese überschäumende Freude an der Äußerung in Sprachfiguren und die Begeisterung an Menschen, Literatur, Nation sowie ihr allmähliches, quälendes Verlöschen unter den Schlägen des Schicksals macht wohl die Hauptdynamik des Buches aus und ist für anteilnehmende Gemüter gerade wegen der Sprödigkeit des Verfassers durchaus starker Tobak, gelegentlich herzzerreißend. Auf den ersten Blick scheint sie der erwähnten Geniesprengkraft also in gegenläufiger Entwicklung genau zu widersprechen. Seine Korrespondenz erledigte Melville bis zum Schluss diszipliniert, in den vier Wänden jedoch entlud sich die schreckliche Spannung, was keine Zeile ausplaudert, in nicht ungefährlichen Auftritten.
Zunächst aber lässt sich verfolgen, wie der junge Mann Melville nach sehr kurzer sorgloser Kindheit mit nicht kleinzukriegendem Elan die finanziell und familiär schwierigen Umstände seiner Existenz zu meistern sucht. Der ehemalige Walfänger schreibt artige Bittbriefe, sechsundzwanzigjährig regelt er verantwortlich die Angelegenheiten der großen Familie. Er verwaltet, noch keine dreißig Jahre alt, als erfolgreicher Unternehmer seiner selbst das Kapital der ersten beiden Romane, die international Furore machten.
Wenig später sieht er die kühnen Hoffnungen, die er auf „Mardi” setzte, enttäuscht, kämpft um lukrative Verträge vor allem in England, lebt mit Frau und Kindern als Farmer, pflegt seine literarischen Freundschaften geradezu inbrünstig: ein körperlich und geistig hart arbeitender Mann, der mit grotesker Selbstironie von Nichtstun und purem Genuss träumt, ein aufsässiger, von keinen bürgerlich-staatlichen Geistesschranken einzuengender Wahrheits- und Formsucher, der im puritanischen, auf tradierte Werte eingeschworenen Amerika mit seinen gedanklichen und stilistischen Ungeheuerlichkeiten zunehmend auf Frostigkeit und Ablehnung stößt. Als er den bereits unter großen Schwierigkeiten entstandenen „Moby Dick” in die Welt stemmt, wird sein Fall künstlerisch und finanziell durch eine konventionell-hilflose Literaturkritik besiegelt; beim nachfolgenden, zunächst verzweifelt kompromissbereiten, halb inzestuösen „Pierre” für den Rest seines Lebens.
Im Schutt des Alltags versinken
Mit der Unverwüstlichkeit Melvilles, dem man behaglich unterstellt, verrückt geworden zu sein, ist es danach vorbei. Der Ton der Briefe wird empfindlicher, verletzt, unwirsch. Die frühere Emphase wirkt, wo sie noch auftaucht, wie ein sarkastisches Zitat ihrer selbst. Melville, von der Kritik kaum mehr beachtet, zieht sich in sich selbst zurück. Von jetzt an ringt er ums Überleben unter dem Schutt der alltäglichen Banalitäten als Zollinspektor im trostlosen Außendienst, als gescheiterter Ehemann und Ernährer, mit kleinen Aufhellungen bis zu seinem viel späteren Tod im Jahre 1891.
Der Leser erfährt Details über die damalige amerikanische Literaturszene, deren Zwang zur Selbstvermarktung Melville sich fahrlässig verweigert, über Probleme von Autoren ohne den Schutz eines internationalen Copyrights. Kritische Streiflichter zum amerikanischen Bürgerkrieg sind konfrontiert mit zahllosen Trivialitäten des beruflichen und familiären Lebens. Dieser Zumutung sollte man sich durch pauschalisierendes Lesen etwas entziehen, jedoch immer auf der Hut, sich in der Häufung kleiner Vorkommnisse keine Perlen entgehen zu lassen. Etwa in den Briefen: „Ich sage Ihnen, in diesen Wäldern wachsen Sonnenaufgänge & Sonnenuntergänge Seit an Seite, & vergehen augenblicklich in den fallenden Blättern” (an Evert A. Duyckinck). Erst recht sind die Mitteilungen an Hawthorne Wort für Wort lesenswert: „Wozu etwas kunstvoll ausarbeiten, was nach seinem ganzen Wesen so kurzlebig ist wie ein modernes Buch?” (1851!)
Melville hat nur auf seinen drei großen Reisen Tagebuch geführt. Diese Reisetagebücher sind bereits 2001 gesondert bei der Achilla Presse in der Übertragung von Alexander Pechmann erschienen, wie auch „Mardi” (1997, übersetzt von Rainer G. Schmidt). In der vorliegenden Übersetzung werden sie chronologisch zwischen die Briefe geschoben. Die erste Europareise überfliegt im Staccatostil und Zeitraffer touristische Sehenswürdigkeiten der Alten Welt. Eine zweite Reise, die ins Heilige Land geht, bildet einen der Höhepunkte des Buches, auch deshalb, weil sie den Hintergrund für den Versroman „Clarel” enthält, ein gigantisches Spätwerk, das Schmidt zur Zeit erstübersetzt und von dem bereits Auszüge im letzten „Schreibheft” zu lesen waren. Fünf Jahre, heimlich, besessen und vergessen hat Melville an ihm gearbeitet.
Palästina und Jerusalem, auf die Melville offenbar die Hoffnung metaphysischer Erhellung gesetzt hatte, erweisen sich als der desillusionierendste Ort der Welt. Alle Utopien einer besseren Vergangenheit und Zukunft, alle skeptischen Visionen einer spirituelleren Seinsweise werden von der touristischen Realität der heiligen Stätten zerstört: „Das Heilige Grab - die Ruine der Kuppel - wirrer & halb eingestürzter Steinhaufen - Labyrinthe & Terrassen aus schimmeligen Grotten, Gräbern & Heiligtümern. Riecht wie ein Beinhaus, schummriges Licht - - Am Eingang, in einer Art Mauergrotte, ein Diwan für die türkischen Polizisten; dort sitzen sie, rauchend & mit überkreuzten Beinen, & mustern spöttisch die Scharen von Pilgern, wie sie unablässig hereinströmen & sich vor dem Stein der Salbung Christi zu Boden werfen; er erinnert mit seinen schimmelig-roten Streifen an eine Metzgerplatte.”
Von den zahlreichen Hinweisen auf Melvilles Werk in diesen Selbstzeugnissen ist nichts so aufschlussreich wie die auf phantastische Weise deprimierende Schilderung der heiligen Gedenkorte: Was wie eine nüchterne und ernüchterte Reportage auftritt, stellt sich wenigstens zur Hälfte als fixe Idee heraus, als Projektion des eigenen Scheiterns auf die mythische Region der Erlösung.
Den Dreifachstahl härten
Melvilles Lebensopfer, die Entscheidung für die Kunst gegen die Erwartungen einer im Herkömmlichen, hier: in moralisch-bigotten und nationalistischen Vorstellungen befangenen Öffentlichkeit, wird manchem, Autoren nicht ausgenommen, unverständlich sein. Sich soviel Leiden einzuhandeln, statt mit dem Zeitgeist, da man doch nur einmal lebt, anzubändeln? Geniewahn eines längst vergangenen Jahrhunderts? Melville hatte offenbar keine Wahl, wie es bei jenen ehernen Sonderlingen zu sein pflegt, die nicht einfach den Beruf wechseln können, wenn das Schreiben ihnen Unbequemlichkeiten bringt. Das wirkt auf Umstehende meist lästig bis lächerlich. Der erwähnte „explosive Stoff” hat den „Dreifachstahl” - Geldnot, Unverständnis der Kritik, Beschämungen im Sozialverkehr - immer wieder gesprengt. Dass es so kommen würde, ahnte er schon als Dreißigjähriger. In „Mardi” und den Briefen an Hawthorne ist es vielfach, fiktional und direkt, belegt.
Die Romane Melvilles wurden von diesem Prinzip tief geprägt. Immer wieder versucht der Dichter, bedrängt von finanzieller Not, geläufigen Leseerwartungen zu schmeicheln. Um so wütender brechen sich mittendrin Originalität und genuines Künstlertum Bahn und fetzen alle Schablonen beiseite. Etwa in „Pierre oder Die Doppeldeutigkeiten”, dem Roman nach „Moby Dick”, mit krassen Abstürzen und dem Auflodern einer atemverschlagenden dichterischen Allgewalt.
Melvilles berserkerhafte Arbeit kreist um das Aufsuchen widersprüchlicher Gleichzeitigkeiten, um das Polarisieren extremer Denksysteme, um das Ertragen von Ambivalenz. In den „Encantadas” erschafft er sich aus den Schildkröten von Galapagos ein zweites, dem Wal in dieser Hinsicht ebenbürtiges Wappentier: „Freut euch ihrer lichten Seite, lasst sie umgekehrt liegen, solange es euch möglich ist; seid aber auch ehrlich und leugnet nicht ihre schwarze Seite ab.”
Die Sammlung „Das Leben” ist Fundgrube und Beweis, wie treu Melville dieser Auffassung geblieben ist, auch in dem tröstlichen Sinn, dass er, anders als die Fama behauptet, durchaus nicht vollständig gebrochen sein Leben beschloss, sondern sich, neben der trotz jungen Zuspruchs aus England bitteren Vereinsamung, eine spöttisch abendliche Heiterkeit erkämpfte. Wer sich in Gluten und Frost der Dichtungen Melvilles vertiefen will, sollte die Lektüre durch die Tagebücher und Briefe ergänzen. Nicht, um ein gar nicht auszuleuchtendes Leben auf fesselnde Weise zu bespitzeln, sondern um besser zu verstehen, was das A und O eines Schriftstellers vom Kaliber Melvilles ist: Nie die Biographie, immer sein Werk.
BRIGITTE KRONAUER
HERMAN MELVILLE: Ein Leben. Tagebücher und Briefe. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz und Daniel Göske. Carl Hanser Verlag, München und Wien 2004. 888 Seiten, 34,90 Euro.
Die Düsternis der Welt fest im Blick: Herman Melville
Foto: Bettmann/CORBIS
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