Wieland Förster. Aus den Tagebüchern von 1958 bis 1974 - Förster, Wieland
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Auszüge aus den unveröffentlichten Tagebüchern beleuchten das künstlerische Selbstverständnis und die persönlichen Gedanken des jungen Wieland Förster von seiner Zeit als Meisterschüler bis zur Mitgliedschaft in der Akademie der Künste der DDR. Ein Dokument des aufrechten Ganges in schwierigen Zeiten. Ergänzt werden die Auszüge durch ein Gespräch mit dem Künstler, einen Essay von Hannes Schwenger und einen Beitrag von Michael Krejsa zum Wieland-Förster-Archiv.…mehr

Produktbeschreibung
Auszüge aus den unveröffentlichten Tagebüchern beleuchten das künstlerische Selbstverständnis und die persönlichen Gedanken des jungen Wieland Förster von seiner Zeit als Meisterschüler bis zur Mitgliedschaft in der Akademie der Künste der DDR. Ein Dokument des aufrechten Ganges in schwierigen Zeiten. Ergänzt werden die Auszüge durch ein Gespräch mit dem Künstler, einen Essay von Hannes Schwenger und einen Beitrag von Michael Krejsa zum Wieland-Förster-Archiv.
  • Produktdetails
  • Archiv-Blätter .24
  • Verlag: Akademie Der Künste
  • Artikelnr. des Verlages: 1181
  • Seitenzahl: 125
  • Erscheinungstermin: 13. Oktober 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 238mm x 164mm x 20mm
  • Gewicht: 328g
  • ISBN-13: 9783883312279
  • ISBN-10: 3883312274
  • Artikelnr.: 53525367
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 15.03.2019

Eine Vision auf Rügen wies den Weg
Gedankenschwer in der DDR: Die Tagebücher des Bildhauers Wieland Förster

Das OEuvre des Bildhauers Wieland Förster hebt sich ab von den formal und inhaltlich meist einfallsarmen, zu Betulichkeit neigenden Plastiken von anderen Bildhauern der DDR. Im Gegensatz zu ihnen, die in aller Regel Auftragswerke waren, entstanden Försters Arbeiten in gesellschaftlicher Isolation. Sein schriftlicher Vorlass wird vom Archiv der Berliner Akademie der Künste betreut. Erste editorische Aufarbeitung im Rahmen der "Archiv-Blätter" erfahren jetzt die in Auszügen publizierten Tagebücher aus dem Zeitraum 1958 bis 1976, der Spanne zwischen den beiden Hauptwerken "Kopf der Gelähmten" und der "Großen Neeberger Figur". Wortgewaltiger als der Leipziger Maler Werner Tübke, dessen Tagebücher annähernd gleichzeitig auf den Buchmarkt gelangten, vermitteln Försters versteckt gehaltene Diarien Einblicke in Schaffenskrisen und Schaffensräusche, vor allem aber Konkretes über die Schikanen, mit denen das diktatorische System der DDR einen "Formalisten" maßregelte, indem es ihn von der Teilnahme an Ausstellungen ausschloss und Verkäufe untersagte.

Gelitten hatte Wieland Förster bereits während einer vierjährigen Haft in einem sowjetischen "Sonderlager", wo man den Halbwüchsigen wegen "illegalen Waffenbesitzes" eingesperrt hatte. 1949, schwer lungenkrank und psychisch aus dem Gleis geworfen, musste sich Förster die Freilassung mit dem Gelöbnis des Schweigens über die Haftbedingungen in Bautzen erkaufen. Nach einem Interim als Technischer Zeichner erkämpfte er sich die Aufnahme an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste, später einen Studienplatz bei dem renommierten Berliner Bildhauer Fritz Cremer, dem er im Tagebuch "menschliche Unsicherheit" attestiert und stilistische Gefolgschaft verweigert, um sich fortan von den Kreationen eines Henry Moore, Marino Marini, Alberto Giacometti, Gustav Seitz und Bernhard Heiliger fesseln zu lassen.

Finanziell hält er sich mit Porträtbüsten einflussreicher Persönlichkeiten - unter ihnen der Intendant Walter Felsenstein, der Komponist Hanns Eisler und der Dirigent Otmar Suitner - über Wasser. Den einfühlsamsten Interpreten gewinnt er in dem Schriftsteller Franz Fühmann.

Den auf Sozialistischen Realismus eingeschworenen Kulturfunktionären missfielen Försters gedankenschwere Figurationen. 1967 wird sein "Großer Schreitender Mann" vom vorgesehenen Standort am Eingang zum Schweriner Friedhof entfernt und landet im Depot des Museums. In Greifswald muss eine Gruppenschau mit Arbeiten junger Künstler auf die Teilnahme des unerwünschten Berliners verzichten. Weitere Repressalien folgen. Verstört stellt sich Förster am 7. Juni 1969 die Frage: "Wie werde ich das überstehen, die Vernichtung meiner Zukunft, meines Anliegens?", und er beklagt die "anonyme Machtausübung als Zeichen der Verachtung gegenüber dem Menschen".

Zwei Jahre später tröstet den verzweifelten Bildhauer eine Erscheinung. Während eines Aufenthalts auf Rügen erblickt er eine "hochaufragende, zwischen Erde und Himmel gespannte Skulptur, die in Kopfhöhe einen horizontalen Gewandakzent besaß, der einem faserigen Wolkenzug glich". Fortan, drei Jahre lang, beschäftigt den Künstler die Umsetzung der Vision in die "Große Neeberger Figur". Zum ersten Mal öffentlich ausgestellt wird das rätselvolle Bildwerk im Mai 1974 im Rahmen einer repräsentativ bestückten Potsdamer Ausstellung. Bei Ankäufen von Museen ging Altenburg voran, 1980 verblieb ein Guss nach einer eindruckvollen Retrospektive zum fünfzigsten Geburtstag des Künstlers in der Sammlung der Ost-Berliner Nationalgalerie.

Das Dissidentendasein, das der neben Werner Stötzer bedeutendste ostdeutsche Bildhauer führte, hatte da bereits geendet, nämlich mit einem Atelierbesuch des Akademiepräsidenten Konrad Wolf, der sich im Dezember 1972 von Försters Arbeiten angetan und "ehrlich betroffen" zeigte. Es folgten offizielle Aufträge für eine Neruda-Büste und ein Kleist-Denkmal - und 1987 die Einladung zur Teilnahme an einer in drei bundesdeutschen Museen gastierenden "Leistungsschau" zur Bildhauerkunst in der DDR.

Für den Nachruhm seines politischen Widerständen abgerungenen Werkes sorgt eine bereits 2001 gegründete Stiftung des hochbetagt im Brandenburger Land lebenden Künstlers. Ihr Bestand von knapp sechzig Plastiken aus allen Schaffensperioden hütet die Galerie Neue Meister im Dresdner Albertinum, vor der Wieland Försters "Großer Trauernder Mann" die Erinnerung an den infernalischen Bombenhagel vom 13. Februar 1945 wachhält.

CAMILLA BLECHEN

Wieland Förster: "Aus den Tagebüchern von 1958 bis 1974". Hrsg. von Eva Förster.

Akademie der Künste, Berlin 2018. 128 S., 16 Abb., 12,- [Euro].

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