Jan Lievens - Schnackenburg, Bernhard
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Jan Lievens (1607-1674), Rembrandts Jugendfreund, der bereits früher als dieser den Künstlerberuf ergriff, wird heute wieder ähnlich hoch geschätzt wie zu seinen Lebzeiten. Zahlreiche Publikationen und mehrere Einzelausstellungen wurden seiner Kunst in jüngerer Zeit gewidmet. Die vorliegende Monographie erfasst in ihrem Text und kritischen Katalog zum ersten Mal das umfangreiche und vielseitige Leidener Frühwerk von Jan Lievens, seine Gemälde, Zeichnungen und Radierungen aus den Jahren 1623 bis 1632. Neben der Vollständigkeit und der Einordnung in den Kontext der niederländischen Zeitgenossen…mehr

Produktbeschreibung
Jan Lievens (1607-1674), Rembrandts Jugendfreund, der bereits früher als dieser den Künstlerberuf ergriff, wird heute wieder ähnlich hoch geschätzt wie zu seinen Lebzeiten. Zahlreiche Publikationen und mehrere Einzelausstellungen wurden seiner Kunst in jüngerer Zeit gewidmet. Die vorliegende Monographie erfasst in ihrem Text und kritischen Katalog zum ersten Mal das umfangreiche und vielseitige Leidener Frühwerk von Jan Lievens, seine Gemälde, Zeichnungen und Radierungen aus den Jahren 1623 bis 1632. Neben der Vollständigkeit und der Einordnung in den Kontext der niederländischen Zeitgenossen vor allem aus Haarlem, Utrecht und Antwerpen wurde besonderer Wert auf die Chronologie gelegt. Erst auf dieser Grundlage erschien es möglich, das vieldiskutierte Verhältnis des Künstlers zu Rembrandt genauer zu bestimmen als bisher. Zum Vorschein kam eine höchst lebendige Wechselbeziehung von Geben und Nehmen zwischen zwei intensiv nach neuen Wegen suchenden jungen Künstlern, deren weitere Entwicklung nach ihrem Wegzug von Leiden sehr unterschiedlich verlief. Auch Rembrandts Leidener Frühwerk erscheint nun in einem neuen Licht.
  • Produktdetails
  • Studien zur internationalen Architektur- und Kunstgeschichte .135
  • Verlag: Imhof, Petersberg
  • Seitenzahl: 488
  • Erscheinungstermin: 6. Oktober 2016
  • Deutsch
  • Abmessung: 317mm x 253mm x 40mm
  • Gewicht: 3162g
  • ISBN-13: 9783731900818
  • ISBN-10: 3731900815
  • Artikelnr.: 44328282
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 01.02.2017

Im Wettbewerb mit Rembrandt

So sieht kunsthistorische Feinarbeit bester Art aus: Bernhard Schnackenburg präsentiert das von ihm in langen Jahren etablierte Frühwerk des Malers Jan Lievens.

Ein stattliches Buch allein zum Frühwerk von Jan Lievens erscheint auf den ersten Blick merkwürdig. Hatte man doch bisher den Eindruck, das Frühwerk dieses Malers sei disparat und nicht recht greifbar, sein Urheber stehe einseitig unter dem Einfluss des so gut wie gleichaltrigen frühen Rembrandt und erst durch seinen Weggang nach England 1632 und seinen Eintritt in das dortige Atelier von Anthonis van Dyck sei er ein eigenständiger Maler geworden.

Es hat tatsächlich lange gebraucht, auf dieses Frühwerk Licht zu werfen. Im Jahr 1979 fand in Braunschweig eine Ausstellung unter dem Titel "Jan Lievens, ein Maler im Schatten Rembrandts" statt. Aber auch sie konnte das genauere Verhältnis von Rembrandt und Lievens nicht klären. Dann trat das Rembrandt Research Project auf den Plan und widmete sich in den ersten Bänden dem Frühwerk Rembrandts. Eine Vielzahl von Zu- und vor allem Abschreibungen versetzte die Museums- und Kunsthandelswelt in Aufruhr. Die Gemäldegalerie Alte Meister in Kassel, in der sich eine Fülle vor allem sehr früh erworbener Rembrandt-Bilder befinden, war von den Abschreibungen besonders betroffen. Bernhard Schnackenburg, ihr langjähriger Leiter setzte sich dagegen zur Wehr, indem er mit Ernst van de Wetering, der das Rembrandt Research Project im Alleingang zu Ende führte, den Austausch suchte. Beide zusammen kuratierten 2001 eine in Kassel und Amsterdam gezeigte Ausstellung mit dem Titel "Der junge Rembrandt. Rätsel um seine Anfänge".

In Katalog zur Ausstellung entwarf van de Wetering ein modifiziertes Bild von Rembrandts Frühwerk, während Bernhard Schnackenburg sich mit der sogenannten rauhen Manier des jungen Rembrandts beschäftigte. Damit waren zwei Forschungsfelder der Kunstgeschichte eröffnet, die auch zur großangelegten Untersuchung des Frühwerks von Jan Lievens führten.

Zum einen wurde die rauhe Manier- der malerische Modus, bei dem die Pinselfaktur deutlich sichtbar bleibt, die Bilder geradezu ein Farbrelief bekommen- untersucht. Dabei wurde auch die Bedeutung dieser Manier für ganze Kunstzweige der Moderne deutlich. Rembrandt und Lievens konnten plötzlich unter dem Blickwinkel der venezianischen Tradition des "pittoresco" eines Tizian oder eines Tintoretto betrachtet werden. Zum anderen wurde der Bildtypus der "tronie", der Kopfstudie, in den Blick genommen. Einigkeit besteht darüber, dass es sich um eine Art Zwischengattung handelt, nicht eigentlich zur Porträt-, aber auch nicht in den weiteren Bereich der Historienmalerei gehörig. Zwar geht die "tronie" zumeist - auch gerade bei Rembrandt und Lievens - vom Modell aus, doch interessiert dieses nicht als Individuum, sondern als Typus mit ausgeprägten Zügen, wobei ein Textbezug nicht erforderlich ist. Die "tronie" hat zweifellos der Vorstellung von autonomer Kunst zugearbeitet. Die ästhetische Dimension des "handeling", des Machens, wurde erkannt.

Zu den "tronies" gehörte auch ein Kasseler Greisenkopf von Rembrandt, der im Corpus der Rembrandt-Bilder durch van de Wetering abgeschrieben worden war, und den Schnackenburg vehement verteidigte. Van de Wetering untersuchte erneut und ließ sich bekehren. Diese Rehabilitierung veränderte den Zugriff auf das Frühwerk durch das Research Project grundsätzlich und führte Schnackenburg zur systematischen Erörterung von Abgrenzungsproblemen. Klugerweise unternahm er sie nicht von Rembrandt, sondern von Lievens aus, indem er minutiös die Leidener Jahre von 1623 bis 1632 untersuchte und allen nur denkbaren, vor allem quellenmäßig zu erschließenden Einflussmöglichkeiten nachging. Das bot sich umso mehr an, als das Research Project viele Bilder aus dem OEuvre von Rembrandt ausgeschlossen und dabei häufig nur eher vage Vermutungen angestellt hatte, wem sie denn nun zuzuschreiben seien. Der gern genutzte Ausweg war: schwache Kopie des späten siebzehnten Jahrhunderts nach Rembrandt.

Aus diesem beiseitegesetzten Bestand zog Schnackenburg eine Perle nach der anderen und verleibte sie dem OEuvre von Lievens ein. Dieses wuchs beträchtlich, vervielfachte sich für die Frühphase, so dass wir heute über die erstaunliche Zahl von 135 Gemälden, 35 Zeichnungen und 73 Radierungen verfügen, sorgfältig kommentiert im Werkverzeichnis des vorliegenden Buchs. Sein Umfang übertrifft damit das Werk Rembrandts aus dieser Periode um das Dreifache.

Lievens ist von Beginn an, wie Schnackenburg im Detail zeigt, ungemein versatil; wie ein Schwamm saugt er neu Erfahrenes auf. Rembrandt wird nach seiner Leidener Zeit Amsterdamer, und damit hat es sich. Lievens aber orientiert sich zuerst nach Haarlem, sieht Frans Hals, dann nach Utrecht, studiert die Utrechter Caravaggisten, gelangt nach Antwerpen und gewinnt Zutritt zu den Ateliers von Rubens und Jordaens, bei denen er Frühwerke van Dycks in extrem rauher Manier studiert. Aber er sieht auch Rubens' Kopfstudien, die noch Vorstufen zur Verwendung in großen Historien sind. Vor allem sind sie keine Handelsobjekte, sie haben ihre Rolle im Werkprozess, dienen den Schülern als Anregung und Vorlage.

Für Rembrandt haben die frühen "tronies" eher experimentellen Charakter. Bei Lievens dagegen werden sie früh zu eigenständigen Kunstwerken, die für den Verkauf gedacht sind. Als Rembrandt den Typus 1628 aufgreift, bringt er Lievens im Gegenzug dazu, etwas in der Art von Rembrandts kleinen Historienbildern zu versuchen. Der Einfluss war wechselseitig. Auch die ältere Forschung hat viel auf den Wettstreit der beiden Künstler gegeben, ging zudem von einer engen Ateliergemeinschaft aus, die Schnackenburg allerdings anzweifelt. Bei allem Austausch, jeder wird für sich gearbeitet haben.

Phasenweise scheinen Rembrandt und Lievens verabredet zu haben, die gleichen Themen zu behandeln, um Lösungsmöglichkeiten auszuloten. Gelegentlich scheinen sie gar Malmaterial gemeinsam erworben zu haben. Holztafeln vom selben Baum lassen sich nachweisen, auch von beiden verwendete gleich große Kupfertafeln, und auch Malverfahren scheinen sie sich wechselseitig abgeschaut zu haben. Man muss deshalb schon sehr genau hinsehen, um ihre Hände zu scheiden, und kann dies nur aufgrund der überzeugenden, sehr kleinteiligen Chronologie, die Schnackenburg für Lievens und in Grenzen auch für Rembrandt erschließt.

Vielleicht hätte man sich gewünscht, die Unterscheidungskriterien an irgendeiner Stelle des Textes gebündelt zu sehen, vielleicht auch noch ein wenig stärker zugespitzt. An einem Beispiel: Lievens zeigt ungewöhnlicherweise viele Köpfe fast im vollständigen Profil, deutet das abgewandte Auge oder auch den Brauenbogen nur an. Das erscheint vielfach durchaus unglücklich. Das liegt daran, dass Lievens nicht räumlich, sondern von der Fläche her denkt. Bei Rembrandt findet sich das nicht, weil er ein ungemeines Vorstellungsvermögen für räumliche Erfahrung hat, ohne dabei räumlich-perspektivisch konstruieren zu müssen. Mehr wäre zu nennen, wie etwa das unterschiedliche Verfahren im Einsatz von Ritzungen mit dem Pinselstiel in die noch feuchte Farbe.

Ganz leicht macht es einem die Lektüre von Schnackenburgs Buch zwar nicht, zumal man, will man die Argumente wirklich im Detail verfolgen, andauernd zwischen Katalog- und Textabbildungen hin und her blättern muss. Wer sich aber darauf einlässt, wird vielfach belohnt. Das Buch ist augenöffnend, es zeigt kunstgeschichtliche Feinarbeit. Interessierten Laien ist es ebenso wie Studenten der Kunstgeschichte als Exerzitium zu empfehlen.

WERNER BUSCH

Bernhard Schnackenburg: "Jan Lievens". Freund und Rivale des jungen Rembrandt. Mit einem kritischen Katalog des Leidener Frühwerks 1623-1632.

Michael Imhof Verlag, Petersberg 2016. 488 S., Abb., geb., 128,- [Euro].

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