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Produktdetails
  • Verlag: Eichborn Verlag
  • ISBN-13: 9783821857510
  • ISBN-10: 382185751X
  • Artikelnr.: 51524039
Rezensionen
David Albahari hat sich in die "erste Garde der Gegenwartsliteratur" geschrieben, stellt Andreas Breitenstein den heute in Kanada lebenden Schriftsteller serbischer Herkunft vor. Bislang hatte Albahari Romane vorgelegt, die ihn für Breitenstein auf eine Ebene mit Nabokov, Updike, Shephard heben, um nur einige Namen zu nennen, die der Rezensent in seiner Begeisterung aufzählt. Nun hat der Eichborn-Verlag (leider undatierte) Erzählungen Albaharis herausgebracht, die es stilistisch mit seinen Romanen aufnehmen können, nimmt Breitenstein befriedigt zur Kenntnis. Albahari mache es einem Leser aber nicht einfach, warnt der Rezensent, der Autor pflege eine "Poetik der Verstörung, und dies weit über die Schmerzgrenze hinaus". Es ginge Albahari darum, Gewissheiten zu hintertreiben, in der Wahrnehmung, in der Kommunikation, in der Ethik und in der Ästhetik. Seine Protagonisten würden von radikalen Selbstzweifeln heimgesucht, erlitten teilweise starke Ich-Verluste, wie sie Albahari selbst nach seiner Emigration erfahren haben muss und wie er sie in der autobiografischen Erzählung "Unter dem hellen Mond" einfängt. Wer es lieber "behaglich mag", warnt Breitenstein, der lasse seine Finger von der Lektüre der "Fünf Wörter".

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 30.07.2005
Mit vier bis fünf Wörtern kann man ein Leben lang auskommen
Feine Prosakunst, inszeniert als Spiel zwischen Fiktion und Wirklichkeit: David Albaharis melancholische Geschichten handeln von Heimatverlust, Einsamkeit und Stille

Des öfteren wird David Albahari als Nachfolger des großen serbischen Erzählers Aleksandar Tisma gehandelt, der vor zwei Jahren starb. Auch Albahari ist serbisch-jüdischer Herkunft; beide Autoren haben über den Holocaust geschrieben, es geht in ihren Büchern immer wieder um entwurzelte Existenzen und den Menschen in seiner dunklen, triebgesteuerten, antizivilisatorischen Nachtseite. Das sind Gemeinsamkeiten. Trotzdem sind Stil und Poetik der beiden Schriftsteller sehr verschieden. Mit dem harten und kompakten psychologischen Realismus Tismas, der sich mit größter Intensität in die Seelen von Tätern und Opfern bohrt, hat die filigrane Prosa Albaharis nur wenig zu tun.

"Im Flugzeug kann ich nämlich keine Postmodernisten lesen: ihre fragmentarische Struktur macht mich nervös, und ihre verdrehten Erzählstrategien verstärken meine Flugangst." Auch Albaharis Bücher wären dieser von ihm selbst geschaffenen und im Erzählband "Fünf Wörter" auftretenden Figur nicht als Reiselektüre zu empfehlen. Denn dieser Autor, der Pynchon, Coover und Nabokov ins Serbische übersetzt hat, mißtraut dem linearen Erzählen, er liebt den Hintersinn und den erzähltechnischen Kniff. David Albaharis Postmodernismus begnügt sich allerdings nicht mit oberflächlicher Virtuosität, sondern ist in die Substanz eingewandert und gewissermaßen existentiell geworden. Dann entgleitet der Boden, und das Gefühl dafür geht verloren, ob man sich "nun in der Metapher, in der Wirklichkeit oder in einer geschickt komponierten Erzählprosa befindet".

So ergeht es jedenfalls den Figuren in "Versuch der Beschreibung des Todes von Ruben Rubenovic, dem ehemaligen Tuchhändler", einer der besten unter den zweiundzwanzig leider undatierten Kurz- und Kürzestgeschichten des Bandes. Die Familie des Erzählers hat sich am Bett des sterbenden Tuchhändlers versammelt. Der Vater schluchzt - aber plötzlich befreit er sich aus der tröstenden Umarmung der Mutter, durchquert das Zimmer, verläßt die Ebene der erzählten Wirklichkeit und begibt sich in die Wirklichkeit des Erzählers, der doppelt anwesend ist: als kleiner Junge und als souveräner Arrangeur der Geschichte. Der Vater macht letzterem Vorwürfe: "Warum sollen wir leiden und zugrunde gehen wegen deiner Einbildung . . . Ich bin dein Erzeuger, ich verlange, daß du sofort etwas unternimmst, daß du mit dieser schriftstellerischen Komödie aufhörst." Das Spiel der Ebenen und die metafiktionale Pointe können hier gerade durch den Kontrast mit den aufgewühlten Emotionen und dem Ernst der Situation überzeugen.

Nur selten bieten die Erzählungen dichte realistische Konkretion wie "Der Schatten". Wohl nicht zufällig steht diese Geschichte am Anfang des Bandes und wird im Klappentext zitiert. Ein Schriftsteller fährt zu einer Lesung nach P. Vor zwanzig Jahren war es ein Ort im Herzen des Landes, das Hotel bot Komfort. Jetzt, nach dem Bürgerkrieg und der Teilung Jugoslawiens, ist P. an den Rand gerückt, und das Hotelzimmer spiegelt den Verfall einer ganzen Region: "Die Lampe am Bett funktionierte nicht; die Steckdosen waren aus der Wand gerissen, so daß nackte Drähte aus ausgefransten Löchern ragten; von der Zimmerdecke hingen Spinnweben; die Wände waren zerkratzt und verschmiert und vom Zigarettenrauch vergilbt . . ."

David Albahari, 1948 in Belgrad geboren, lebt seit 1994 im freiwilligen kanadischen Exil. Heimatverlust, Isolation, Identitätszerfall, Einsamkeit sind zentrale Motive seiner Geschichten. Ihre Grundstimmung ist die Melancholie, eine abgrundtiefe, wenn auch nicht laute Traurigkeit, die sich gelegentlich zu Scherzen aufrafft, etwa in den Miniaturen über einen neunundneunzigjährigen Papst, der überzeugt ist, "in der schlechtesten aller Welten" zu leben, und ansonsten wie eine Mischung aus einer Beckett- und Loriotfigur wirkt. Das schönste Erlebnis seines Lebens liegt fast ein Jahrhundert zurück: "Er, noch ein kleiner Junge, sitzt an einem kleinen Marmortisch in einer Konditorei und bekommt eine große Portion Eis." Ist das rührend? Oder doch eher läppisch?

Gewalt spielt in den Werken Tismas und Albaharis eine wichtige Rolle, aber zumindest in diesem Buch doch mehr als Erzählpointe denn als erfahrene Realität. Ein Schriftsteller bekommt Besuch vom Sohn einer verlassenen Geliebten; unvermittelt entsichert der junge Mann eine Handgranate, und die Geschichte ist zu Ende. Ein Bäcker beschließt zur Überraschung seiner Schachfreunde wie auch des Lesers, seine Frau zu ermorden. Ein jugoslawischer Exilant in Kanada empfindet sein Leben nur noch als "Zerfall" und beginnt seine Englischlehrerin zu verfolgen, dringt schließlich in ihre Wohnung ein, versteckt sich im Schrank und wartet. Die Frau kommt nach Hause - als ihre "Schritte endlich vor der Schranktür haltmachten, war Zoran schon in der Hocke, bereit zum Sprung". So endet die Geschichte, auch dies ein nahezu klassisches offenes Kurzgeschichtenende. Vielleicht ein wenig zu klassisch und schulmäßig und offen.

Wer zwei oder drei dieser Geschichten liest, wird die feine Prosakunst des Autors bewundern. Liest man jedoch zwanzig, stellen sich Vorbehalte ein. Ganz anders als bei Tisma, dessen Figuren von geradezu aufdringlicher Präsenz sein können, bleibt am Ende kaum eine der vielen blaß konturierten Gestalten im Gedächtnis. Albaharis Schreiben ist gefährdet von einer Tendenz zur Allegorisierung - wobei es natürlich jedem freisteht, gerade dies zu mögen. Seine vielgerühmten Romane sind dieser Gefahr auf unterschiedliche Weise begegnet. In "Mutterland" bietet der starke und tragische autobiographische Gehalt ausreichend Konkretion; in "Götz und Meyer", dem Roman über die Ermordung der Belgrader Juden, ist es zum einen ebenfalls die Schreckensgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, die mit den Massengräbern auch für erzählerische Bodenhaftung sorgt. Zum anderen gelingt es Albahari hier, die imaginierten SS-Männer Götz und Meyer - Fahrer eines Lastwagens, in dem Vergasungen vorgenommen werden - gerade mittels ihrer nichtssagenden Züge zu Personifikationen der Banalität der Bösen zu stilisieren.

Leitmotive von Albaharis Geschichten sind Schweigen, Verstummen, Stille. In einer Geschichte wird ein Mädchen von ihrem Freund verlassen, am Telefon, "in zwei Sätzen", wie sie klagt. "Er hätte es auch in einem tun können", entgegnet lakonisch die Mutter, die gerade an einer "Mütze für niemanden" strickt. Im Titelstück "Fünf Wörter", einer Kurzprosa von knapp sechs Zeilen, wird sogar die Behauptung aufgestellt, der Mensch könne mit höchstens vier oder fünf Wörtern auskommen: "ja", "nein", "vielleicht" und "keine Ahnung". Versuchen wir es. Ist Albahari ein wichtiger Autor? "Ja." Ist "Fünf Wörter" sein bisher bestes Buch? "Nein." Lassen sich die Geschichten trotzdem mit Gewinn lesen? "Vielleicht." Wer ist der Nachfolger Aleksandar Tismas? "Keine Ahnung."

David Albahari: "Fünf Wörter". Erzählungen. Aus dem Serbischen übersetzt von Mirjana und Klaus Wittmann. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2005. 178 S., geb., 18,90 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

David Albahari hat sich in die "erste Garde der Gegenwartsliteratur" geschrieben, stellt Andreas Breitenstein den heute in Kanada lebenden Schriftsteller serbischer Herkunft vor. Bislang hatte Albahari Romane vorgelegt, die ihn für Breitenstein auf eine Ebene mit Nabokov, Updike, Shephard heben, um nur einige Namen zu nennen, die der Rezensent in seiner Begeisterung aufzählt. Nun hat der Eichborn-Verlag (leider undatierte) Erzählungen Albaharis herausgebracht, die es stilistisch mit seinen Romanen aufnehmen können, nimmt Breitenstein befriedigt zur Kenntnis. Albahari mache es einem Leser aber nicht einfach, warnt der Rezensent, der Autor pflege eine "Poetik der Verstörung, und dies weit über die Schmerzgrenze hinaus". Es ginge Albahari darum, Gewissheiten zu hintertreiben, in der Wahrnehmung, in der Kommunikation, in der Ethik und in der Ästhetik. Seine Protagonisten würden von radikalen Selbstzweifeln heimgesucht, erlitten teilweise starke Ich-Verluste, wie sie Albahari selbst nach seiner Emigration erfahren haben muss und wie er sie in der autobiografischen Erzählung "Unter dem hellen Mond" einfängt. Wer es lieber "behaglich mag", warnt Breitenstein, der lasse seine Finger von der Lektüre der "Fünf Wörter".

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