Für ein kommentiertes Wörterbuch - Raimondi, Sergio
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Es ist der Hafen der argentinischen Stadt Bahia Blanca, der in den Gedichten von Sergio Raimondi einer groß angelegten lyrischen Erkundung der Welt den Rahmen und die Motive leiht. In diesen Versen, einem mit den Mitteln des Dichters kommentierten und angereicherten Wörterbuch beseelter Technik und bedrohter Natur, werden Kräne, Lastwagen, Ratten, Meerestiere, das Ödland am Rande der Hafenbecken, Containerschiffe und der Pegelstand zum Ausgangspunkt einer weit fliegenden, in der literarischen Form streng gehandhabten Betrachtung. Zoologie, Zollkontrolle, Freihafen, Seehecht, Südatlantik,…mehr

Produktbeschreibung
Es ist der Hafen der argentinischen Stadt Bahia Blanca, der in den Gedichten von Sergio Raimondi einer groß angelegten lyrischen Erkundung der Welt den Rahmen und die Motive leiht. In diesen Versen, einem mit den Mitteln des Dichters kommentierten und angereicherten Wörterbuch beseelter Technik und bedrohter Natur, werden Kräne, Lastwagen, Ratten, Meerestiere, das Ödland am Rande der Hafenbecken, Containerschiffe und der Pegelstand zum Ausgangspunkt einer weit fliegenden, in der literarischen Form streng gehandhabten Betrachtung. Zoologie, Zollkontrolle, Freihafen, Seehecht, Südatlantik, Tiefkühlware - all dies mündet in lyrisch gefasste Gedanken, wie und warum der Mensch in diesen Zeiten lebt oder leben könnte.
  • Produktdetails
  • Verlag: Berenberg
  • Seitenzahl: 95
  • Erscheinungstermin: September 2012
  • Deutsch, Spanisch
  • Abmessung: 231mm x 153mm x 10mm
  • Gewicht: 215g
  • ISBN-13: 9783937834580
  • ISBN-10: 3937834583
  • Artikelnr.: 35647072
Autorenporträt
Sergio Raimondi, geboren 1968 in Bahia Blanca, ist Schriftsteller und Professor für Zeitgenössische Literatur an der Universidad del Sur von Bahia Blanca, wo er seit 2011 auch Kulturdezernent ist.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 09.10.2012

Schlafwandler zwischen dunklen Wänden
Surf’ eine Welle: Der Berenberg-Verlag eröffnet seine Lyrikreihe mit Jeffrey Yang und Sergio Raimondi
Für den australischen Dichter Les Murray ist das Schreiben ein Zustand der Trance. Eine andere Art der Wahrnehmung, ganzheitlicher, euphorischer, vergleichbar dem Traum. So geht es dem Dichter wie jener Qualle, die Murray einmal besingt. In der gleitenden Welt des Wassers ist sie in ihrem Element, durchsichtig, frei und stets in Bewegung. „Globe globe globe“ macht sie im Englischen und bringt so nicht nur ihre Ähnlichkeit mit einem Globus in Erinnerung, sondern lässt auch gleich das Gluckergeräusch von Wasser anklingen. Aber sobald sie an Land gespült wird, scheint ihre Zeit vorbei zu sein. Sie verliert an Beweglichkeit und sieht irgendwann aus wie „umgekehrte weiche Glasschalen / über ulkigen Euter- und Zitzenportionen“.
  Bei dem Amerikaner Jeffrey Yang indes gleicht die Qualle einem pulsierenden Schirm. Er „treibt und treibt / im Rhythmus gegnerischer Kräfte“. Doch obwohl Yang in seinen Versen unverkennbar mit Wissen spielt, ja sogar auf Erkenntnis abzielt, ist auch ihm der Geist des Gedichts etwas Traumartiges, jener strömenden Bewegung ähnlich, die Paul Valéry einmal als „Schlafwandler zwischen den dunklen imaginären Wänden und unterseeischen Theatern des Aquariums“ beschrieben hat. Zu einem solchen Aquarium hat Jeffrey Yang die Gedichte seines ersten Bandes formiert. Ein Sammelsurium von Wasserwesen, das nicht nur die Qualle, den Delfin oder den Tintenfisch kennt, sondern auch unbekannte Tiere in die Sprache holt, den Glassalmler etwa oder den Hawaiianischen Drückerfisch.
  Doch was heißt schon „in die Sprache holen“? Yang setzt die Bewohner seines Aquariums in Bewegung, ja, er erweckt sie mit Bildern und Lautverwandlungen beinahe zum Leben. Oft hebt er mit einer kurzen Beschreibung der äußeren Erscheinung an, um schnell einzutauchen in eine Drift von Vergleichen aus unterschiedlichen Wissensspeichern, die Beatrice Faßbender in ein gut lesbares Deutsch verwandelt hat. Über die Seepocke heißt es da etwa, sie „siedelt auf ewig / kopfüber in ihrem kleinen Vulkan“. Anemonen sind für Yang Krieger, weil sie „truppenweise“ Felsen und Riffe kolonisieren. Aus ihrer Perspektive wird die Conditio humana ironisch gespiegelt: „Die Geschichte / der Welt wird erzählt aus der Sicht / des Siedlers, der seinen Finger zum Vergnügen / in den Mund einer Anemone / steckt, bis sie verhungert.“ Es ist ein alter Kunstgriff, den der 1974 geborene Dichter mit sichtlichem Vergnügen von antiken Autoren übernommen hat. Nicht von ungefähr zitiert er immer wieder Herodot oder Aristoteles.
  Das Vergnügen ist nicht nur auf Seiten des Dichters. Jeffrey Yangs „Aquarium“ ist einer von zwei Bänden, mit denen der kleine Berliner Berenberg-Verlag eine neue Lyrikreihe eröffnet. Wer in Yangs Bändchen und in dem „Kommentierten Wörterbuch“ des Argentiniers Sergio Raimondi blättert, der mag sich an den Unfall der „MSC Napoli“ erinnert fühlen. Der Superfrachter havarierte Anfang 2007 vor der Küste Südenglands. Dutzende von Containern wurden damals an den umliegenden Stränden angeschwemmt. Die Sand- und Kiesbänke glichen einer Schaumeile von Strandgut: Schuhe, Kameras, Kosmetikartikel, ja sogar Motorräder lagen im Sand. Endlich einmal wurde sichtbar, was in den standardisierten Kisten transportiert wird. Und endlich einmal waren Container und Frachtschiff nicht mehr Sinnbilder für den weltweiten Handel – als hätte sie ein Dämon ihrer Funktion enthoben und in einem neuen Licht ausgestellt.
  Es könnte aber auch ein Dichter gewesen sein. „Ein kleiner Remora / kann ein Schiff aufhalten“ schreibt Jeffrey Yang einmal. Während ihm das Gedicht gleichermaßen zu Forschung und Traum dient, lässt sich Sergio Raimondi auf die Dinge und ihre Sprache ein. Neben einer Vorliebe für das Handwerkliche bedeutet das vor allem eine Absage an alle Vorstellungen, die im Gedicht nichts anderes sehen wollen als ein Spiel der Zeichen. Dieser „misstrauischen Distanz zur Wirklichkeit“ hält Raimondi ein Faible für die Phänomene und ihre „Herstellungsspuren“ entgegen: „Ganz gleich wie viele / Literaten es in der Kommune geben mag, die sich dem / Polieren, Putzen usw. der Sprache verschrieben haben, / werden die, die eine echte Mauer hochziehen können, sie sich früher oder später wieder zu eigen machen“.
  Das Bekenntnis zu den „Herstellungsspuren“ ist durchaus wörtlich zu nehmen. Auch Sergio Raimondi, geboren 1968, benutzt in seinen Gedichten gerne das Muster des Nachschlagewerks. Wie Jeffrey Yang ordnet er seine lyrischen Glossen alphabetisch und spielt mit Wissensspeichern und Fachsprachen. Doch hängt er weniger der reflexiven Zuspitzung an. Vielmehr skizziert er begeistert Szenerien und Produktionsabläufe, die mit ihrer Tendenz zur Standardisierung die marktwirtschaftliche Systeme und weltweiten Handelsrouten der Gegenwart bestimmen. So holt er nicht nur moderne Silo- und Betonanlagen oder Stauseen ins Gedicht, sondern auch „Massengutfrachter“ und ein ganzes Containerterminal.
  In langen, oft blockartigen Texten tritt Raimondi den Stoffmassen entgegen, die ihm die Gegenwart bietet. Neben Maschinen kommen die Menschen am Fließband ins Bild, die „Motorteile bohren, schleifen, lochen, schrauben, fräsen“. Dabei sieht er sich immer auch an, mit welchen rhetorischen Figuren über die Erscheinungen gesprochen wird. Und er hebelt die Fachsprache als „zuverlässiges Kommunikationssystem“ aus, indem er ihre Widersprüche zeigt und zugleich ihre lautlichen Möglichkeiten hervortreibt. Timo Berger hat hierfür in seinen Übersetzungen immer wieder schöne Lösungen gefunden.
  Nicht ohne Ironie widmet Jeffrey Yang einen seiner Einträge auch Google: „Surf' eine Welle: Wissen läutert“. Auch wenn den Autoren manche Gedichte ein wenig zu pointenhaft geraten sind, was ihnen gelingt, ist gewiss dies: die „Fragmentierung“ des Alltags, wie Raimondi es nennt, zu reflektieren - und ihr etwas entgegen zu halten. Eine Art lyrische Antwort auf das ungefilterte „Bewusstseinsmeer“ von Google. Die schnellen, quallenartigen Denkbewegungen von Yang auf der einen, Sergio Raimondis Stoffgewitter auf der anderen Seite: Man darf neugierig sein, ob Berenbergs schöne, neue Lyrikreihe diese Richtung hält.
NICO BLEUTGE
  
Sergio Raimondi: Für ein kommentiertes Wörterbuch. Gedichte. Aus dem Spanischen von Timo Berger. Berenberg Verlag, Berlin 2012. 96 Seiten, 19 Euro.
Jeffrey Yang: Ein Aquarium. Gedichte. Aus dem Englischen von Beatrice Faßbender. Berenberg Verlag, Berlin 2012. 96 Seiten, 19 Euro.
Ein Sammelsurium von
Wasserwesen und ein Spiel
mit Wissensspeichern
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Zur Freude des Rezensenten Nico Bleutge hat der Berenberg Verlag eine Lyrikreihe eröffnet, deren erste Bände von Sergio Raimondi und Jeffrey Yang schon mal seinen Beifall finden. Sergio Raimondi zeigt in seinen Gedichten, die zumeist lange Textblöcke sind, großes Interesse am Stofflichen, Handwerklichen und ihren Phänomenen, stellt der Rezensent fest. Mit Vorliebe zeichne er die standardisierten Produktionsabläufe nach. So finden auch moderne Silo- oder Betonanlagen ihren Weg in seine Gedichte, wobei es den argentinischen Dichter auch interessiert, wie über sie gesprochen wird, erklärt Bleutge. Die Übersetzung ins Deutsche durch Timo Berger lobt er als gelungen und nur manchmal findet er, dass die Gedichte zu sehr auf eine Pointe zielen. Alles in allem aber gibt ihm der Band Hoffnung auf weitere schöne Publikationen der neuen Lyrikreihe.

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