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Anfang der vierziger Jahre läßt die aus Deutschland geflüchtete Else Lasker-Schüler die prominentesten Nazis zur Hölle fahren: In dem im Jerusalemer Exil geschriebenen, zu Lebzeiten unveröffentlichten Stück IchundIch rechnet sie mit dem Hitlertum ab, rasant setzt sie ihr politisches Weltgericht in Szene. Goethes Faust-Personal gibt sich mit Personen der Zeitgeschichte ein Stelldichein. Marthe Schwerdtlein flirtet unverhohlen mit Goebbels, den Mephisto nebst Göring, Heß und von Schirach zu einem Geschäftsessen empfängt. Am Ende dieses "Höllenspiels" verliert Hitler "die geraubte Welt" und…mehr

Produktbeschreibung
Anfang der vierziger Jahre läßt die aus Deutschland geflüchtete Else Lasker-Schüler die prominentesten Nazis zur Hölle fahren: In dem im Jerusalemer Exil geschriebenen, zu Lebzeiten unveröffentlichten Stück IchundIch rechnet sie mit dem Hitlertum ab, rasant setzt sie ihr politisches Weltgericht in Szene. Goethes Faust-Personal gibt sich mit Personen der Zeitgeschichte ein Stelldichein. Marthe Schwerdtlein flirtet unverhohlen mit Goebbels, den Mephisto nebst Göring, Heß und von Schirach zu einem Geschäftsessen empfängt. Am Ende dieses "Höllenspiels" verliert Hitler "die geraubte Welt" und versinkt mit all seinen Schergen rettungslos im Höllenschlamm.
Die vorliegende Textausgabe basiert auf dem einzigen im Nachlaß überlieferten Typoskript von IchundIch, Anmerkungen und ein Nachwort erhellen die Entstehungsgeschichte und Bezüge des Stückes.
  • Produktdetails
  • Verlag: Jüdischer Verlag Im Suhrkamp Verlag
  • Artikelnr. des Verlages: 54241
  • Seitenzahl: 101
  • Erscheinungstermin: Oktober 2009
  • Deutsch
  • Abmessung: 206mm x 128mm x 15mm
  • Gewicht: 204g
  • ISBN-13: 9783633542413
  • ISBN-10: 3633542418
  • Artikelnr.: 26390749
Autorenporträt
Lasker-Schüler, Else
Else Lasker-Schüler wurde am 11. Februar 1869 in Elberfeld (heute ein Stadtteil von Wuppertal) als Tochter eines jüdischen Privatbankiers geboren. Nach der Heirat mit dem Arzt Berthold Lasker siedelte sie nach Berlin über, wo sie sich ihrer zeichnerischen Ausbildung widmete. 1899 wurde ihr Sohn Paul geboren. Im selben Jahr veröffentlichte sie auch erste Gedichte in der Zeitschrift Die Gesellschaft, 1902 folgte ihr erster, noch impressionistisch geprägter Gedichtband Styx, mit dem sie bekannt wurde. Nach ihrer Scheidung heiratete sie den Schriftsteller Herwarth Walden, den Herausgeber der expressionistischen Zeitschrift Der Sturm. 1906 erschien ihr erstes Prosawerk Das Peter-Hille-Buch, dem in den folgenden Jahren viele weitere folgten. Lasker-Schüler wandte sich schließlich dem Expressionismus zu und verfaßte neben Lyrik und Prosaliteratur auch Essays, Theater- und Literaturkritiken. Sie war eine exzentrische Frau, die durch ihr Auftreten und ihre (Ver)Kleidungen Konventionen herausforderte und Aufsehen und Anstoß erregte. Nach dem Tod ihres Sohnes 1927, zog sie sich zunehmend aus dem öffentlichen Leben zurück. 1932 wurde sie für ihr Gesamtwerk mit dem Kleist-Preis geehrt, mußte aber schon ein Jahr später aufgrund öffentlicher Angriffe ins Exil in die Schweiz gehen. Es folgten mehrere Palästina-Reisen. Am 22. Januar 1945 starb Lasker-Schüler in Jerusalem.

Vennemann, Kevin
Kevin Vennemann, geboren 1977 in Dorsten (Westfalen), lebt in New York. 2005 erschien im Suhrkamp Verlag sein erster Roman Nahe Jedenew. 2007 folgte der Roman Mara Kogoj.
Rezensionen
Besprechung von 04.03.2010
Das Drama von der Vogelscheuche

Endlich ist in einer neuen Ausgabe Else Lasker-Schülers Exilstück "IchundIch" zu entdecken. Die Finger lassen sollte man dagegen von Kerstin Deckers spekulativer Biographie über die Autorin.

Die Literaturgeschichte berichtet von Texten, die erst mit einigem zeitlichen Abstand zu ihrer Entstehung angemessen bewertet werden. Hölderlins Spätwerk, für das zuerst Norbert von Hellingrath eintrat, ist nur ein Beispiel dafür. Als der Herausgeber Werner Kraft das zwischen 1940 und 1941 im Jerusalemer Exil entstandene Schauspiel "IchundIch" von Else Lasker-Schüler nur in Auszügen in die erste postume Gesamtausgabe aufnahm, rechtfertigte er die Entscheidung mit einem Zitat aus einem Brief des Lasker-Schüler-Freundes Ernst Ginsberg, der bat, "im Interesse des Angedenkens und des unzerstörten Bildes der Lasker von einer Veröffentlichung dieses Werkes abzusehen".

Mehrere Gründe mögen Ernst Ginsberg zu dieser Bitte bewogen haben: Die einundsechzig Seiten von "IchundIch" sind ein erster, nicht zur Veröffentlichung bestimmter Entwurf mit handschriftlichen Korrekturen der Autorin. Dramaturgie und Orthographie wirken brüchig; die Sprache wechselt zwischen Kalauern, Pathos und bisweilen klappernden Reimen; Filmprojektionen, eine disparate Besetzung, eigenwillige Schauplätze stellen jede Regie vor die Schwierigkeit einer Realisierung mit konventionellen theatralischen Mitteln.

"IchundIch" entstand unter widrigen Bedingungen. Nach dem Wahlsieg der Nationalsozialisten war Else Lasker-Schüler aus Berlin in die Schweiz geflohen, dreimal reiste sie von dort nach Palästina, die dritte Rückkehr in die Schweiz wurde ihr dann verweigert. Ihre Produktivität blieb trotz Irrfahrten, fortgeschrittenen Alters und gesundheitlicher Beeinträchtigungen dennoch ungebrochen, wie "Das Hebräerland", "Mein blaues Klavier", ihr vielleicht schönster Gedichtband, die Briefe aus der Exilzeit und "IchundIch" zeigen.

Mehr als sechzig Jahre nach der Entstehung des Dramas kommt der Mitherausgeber Kevin Vennemann in seinem informativen Nachwort zu der nun vorliegenden, auf dem einzigen überlieferten Typoskript basierenden Ausgabe von "IchundIch" zu einem anderen Urteil als Ginsberg. Vennemann bezeichnet das Drama als "schärfsten und bittersten, treffsichersten, hellsichtigsten, verzweifeltsten Versuch seiner Zeit", eine "engagierte literarische Geste gegen die antisemitische Kriegs- und Vernichtungsnation Deutschland" zu vollziehen. Auch Leser dürften heute staunen über die politische Hellsicht des Dramas, das die "odemlose, leblose gegenwärtige Zeit" anprangert. Seine verschachtelte Handlung ist nur grob destillierbar: Else Lasker-Schüler greift den Faust-Stoff und das Motiv der Ich-Spaltung auf. In einer Theatrum-mundi-Szenerie, in der die Dichterin sowie Schauspieler, der Regisseur Max Reinhardt, der Kritiker Gershon Swet, Zuschauer und die alttestamentarischen Könige versammelt sind, wird in einer Stück-im-Stück-Handlung auf dem Schauplatz der "Althölle" die Dualität von Faust und Mephisto verhandelt. Im weiteren Verlauf erscheint die Spitze der nationalsozialistischen Regierung, Nazitruppen marschieren heran, die nun auch diese Hölle erobern wollen. Die Truppen versinken in Lavamassen. Hitler tritt mit Ribbentrop, Rosenberg und Himmler auf. Auch sie werden unter Lava begraben. Nach einem Gespräch zwischen der Dichterin und einer Vogelscheuche steht am Ende des Dramas eine seltsam epiphanische Szene, in der die Dichterin hinter dem Vorhang Gott erscheinen sieht.

Zentral für die Wirkung des Dramas ist dagegen sein Verfahren. In "IchundIch" arbeitet die Autorin mit Versatzstücken aus dem bürgerlichen Literaturkanon und ihrem eigenen Werk, sie zerfetzt das unfreiwillig zurückgelassene, von dem barbarischen System mit Füßen getretene Kulturgut und setzt diese Fetzen neu zusammen. So findet die Verscheuchte zu einer im Drama von der Vogelscheuche verkörperten, neuen, utopischen Poetik und zu einer die Exilerfahrung und die historische Situation reflektierenden Sprache. Die Kritische Ausgabe der Werke Lasker-Schülers, die auch im Hinblick auf "IchundIch" für eine dezidiertere Auseinandersetzung unentbehrlich ist, sowie literaturwissenschaftliche Studien der vergangenen zwei Jahrzehnte haben entscheidend dazu beigetragen, die Ästhetik der Autorin als bahnbrechend zu begreifen. Umso ärgerlicher ist in diesem Zusammenhang eine Biographie aus der Feder der Berliner Journalistin Kerstin Decker.

Anstelle einer sachlichen Lebensbeschreibung, wie sie Sigrid Bauschinger mit "Else Lasker-Schüler" zuerst 1980 und im Jahr 2004 dann aktualisiert vorgelegt hat, versucht sich Kerstin Decker an einer identfikatorischen, undistanzierten Romanbiographie, die einer verwässerten philosophischen Terminologie Vorrang gegenüber der literaturwissenschaftlichen gibt. Im Versuch der Parteinahme für Lasker-Schüler rennt sie mit Verve gegen bereits ausgeräumte Missverständnisse und die einschlägige Forschung an, was irritierende Sätze nach sich zieht wie: "Die Germanisten sind schon immer sehr unzufrieden gewesen mit den autobiographischen Auskünften der Dichterin."

Dass Else Lasker-Schülers poetisch verfremdete Schilderungen der eigenen Kindheit in der frühen Rezeption einige Verwirrung stifteten, hängt mit dem Anspruch der Autorin zusammen, Leben und Werk nicht auf getrennte Sphären zu verpflichten, sondern in eins zu setzen. Dies konnte in der frühen Forschung nur zu zahlreichen Fehlschlüssen bezüglich der Biographie führen. Die daran anschließende Diskussion, die diesen Anspruch herausgearbeitet und Missverständnisse ausgeräumt hat, erwähnt Kerstin Decker nicht. Schwarzmalerisch wird stattdessen die starre Wortklauberei der Germanisten als Feind der lebendigen Dichtung Lasker-Schülers aufgebaut.

Zudem schreibt Kerstin Decker in einer Sprache, die beim Versuch, den Duktus der Biographierten aufzugreifen, mal gezwungen, mal peinlich wirkt. Wortschöpfungen wie "denkfühlen" oder generalisierende Behauptungen wie: "Dichter sind Menschen, die die Abwesenheit des Ursprungs bemerken, von dem ein Teil zu sein sie die nie ganz abweisbare Ahnung haben und die dabei doch nicht immer schon vorgebahnten, immer schon vorgegangenen Wege zurück nehmen können. Sie sind Eigenwegfinder" sind nicht kongenial, sondern verschwurbelt; oder unfreiwillig komisch: "Dichter sind nicht zuletzt Menschen, die ein besonders intimes Verhältnis zu Bäumen unterhalten. Sie haben viele Gründe: etwa den, dass ein Baum wie der Dichter selbst mit den Wurzeln bis ins Innerste der Erde reicht und wie dieser mit der Krone in die Wolken, das sagen aber nur die Nichtdichter."

Ein strenges Lektorat hätte manchen Lapsus ausbügeln können. Der anempfindelnde Ton, der Else Lasker-Schülers Eigenart eher verwischt als herausarbeitet, wäre dadurch aber nicht verschwunden. Um der kohärenten Erzählung willen wird zudem schillernd ausgemalt, was der Faktenlage nach Spekulation bleiben muss, etwa die quellenlose Phase nach Else Lasker-Schülers Trennung von ihrem ersten Ehemann. So ist diese Biographie vor allem eines: entbehrlich. Den an Else Lasker-Schülers Leben interessierten Lesern sei der erwähnte Band von Sigrid Bauschinger empfohlen, in dem Sachkenntnis und Nüchternheit eine der Autorin angemessene und gut zu lesende Verbindung eingehen.

BEATE TRÖGER

Else Lasker-Schüler: "IchundIch". Hrsg. von Karl Jürgen Skrodzki und Kevin Vennemann. Jüdischer Verlag, Frankfurt am Main 2009. 101 S., geb., 18,- [Euro].

Kerstin Decker: "Mein Herz - Niemandem". Das Leben der Else Lasker-Schüler. Propyläen Verlag, Berlin 2009. 480 S., geb., 22,90 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

In einer Doppelrezension zeigt sich Beate Tröger tief beeindruckt von Else Lasker-Schülers nun erstmals vollständig abgedrucktem Theaterstück "Ichundich" und sehr verärgert von einer neuen Biografie der Dichterin. In "Ichundich" treten unter anderem die Dichterin selbst, Regisseur Max Reinhardt, einige alttestamentarische Könige sowie Hitler, Ribbentrop und Himmler auf, zudem werden Motive des klassischen Literaturkanons mit Versatzstücken aus dem eigenen Werk collagiert, erklärt Tröger. Das Drama, das zwischen 1940 und 1941 im Exil in Palästina entstand, findet ganz neue Sprach- und Ausdrucksformen für die Exilerfahrung und die historische Situation, preist die Rezensentin. Sie staunt dabei nicht zuletzt über die "politische Hellsichtigkeit" des Stücks, die auch Mitherausgeber Kevin Vennemann in seinem erhellenden Nachwort hervorhebt, wie sie uns wissen lässt.

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